Friedrich-Gundolf-Preis

The »Friedrich-Gundolf-Preis« has been awarded by the German Academy for Language and Literature since 1964.
As a »Prize for German Scholarship Abroad«, for 25 years it was exclusively awarded to linguists and literary scholars at foreign universities.
However, the prize has also been awarded to persons outside of academia who are committed to imparting German culture and cultural dialog since the prize was renamed the »Friedrich-Gundolf-Preis für die Vermittlung deutscher Kultur im Ausland« (Prize for the Imparting of German Culture Abroad) in 1990.
The »Gundolf-Preis« is awarded annually at the spring conference of the German Academy. It has been endowed with €15,000 since 2013.

Awardees

Jurko Prochasko

Jurko Prochasko

Translator and Germanist
Born 28/4/1970

Friedrich-Gundolf-Preis 2008
Laudatory Address by Martin Pollack
Acceptance Speech by Jurko Prochasko
Diploma

... den herausragenden Kenner und Vermittler deutschsprachiger Kultur, dessen Interessen sich nicht von politischen oder kulturellen Grenzen beschneiden lassen.

Jury members
Kommission: Michael Krüger, Norbert Miller, Per Øhrgaard, Miguelm Saenz, Joachim Sartorius, Jean-Marie Valentin

Mitglieder des Erweiterten Präsidiums

Lust und Dankbarkeit

Es kam, wie es kommen musste. Es kommt so: Es kommt der Frühling, er ist noch sehr jung. Der wilde Wein auf dem großen langen Balkon beginnt erst die Knospen zu treiben. Es ist ein ganz zartes Grün, ein blasser Schimmer vielmehr. Eine Ahnung. Die Rebe braucht ihre Zeit. Sie kommt spät. Junge Blätter an den alten, faserigen Zweigen. Aber die Sonne ist schon stark genug, um die lange erwarteten Gerüche zum Leben zu erwecken: der warme körnige Verputz der Mauer, das alte Holz der Blumenkästen, die trockene, silbrige Erde in den Tontöpfen, der feine, spitze Staub auf der hölzernen Schwelle zwischen den beiden Türen, der winterliche Anflug an den Fensterscheiben, der wachteleifleckige Balkonboden, die abblätternde Farbe an den Türen, außen rostig-rot, innen gelblich-weiß. Der süßliche Geruch der sonnenheißen Messingtürklinken.
Dann geht es in das halbrunde Zimmer hinein. Der Sonnenschein erwärmt den alten schwarzen Flügel, die grobe Leinendecke darauf. Er steht hier wie eine schöne große schwarze Leiche, gänzlich bedeckt mit diesem weißen Stoff. Meine in Wien geborene und hier sehr früh verstorbene Tante, die ich nie kennengelernt habe, hatte ihn gespielt. Unlängst hat man einen bekannten alten Klavierstimmer kommen lassen, nach seinen Eingriffen riecht der Flügel jetzt auch nach Medizin, ältlich. Es ist mittlerweile so warm draußen, dass man die Balkontüre für mehrere Stunden am Tag offen lassen möchte. Man tut das. Jetzt erreichen die Strahlen auch den massiven dunkelbraunen Schreibtisch meines Großvaters. Er riecht ganz anders. Er riecht exakt und streng und präzise. Dunkelblaugold schimmernde herbe Pelikan-Tinte und bewegungslose Rechenschieber im Lederetui. Die Tante mit dem Klavier war seine erste Tochter. Sie war sehr schön und ist mit 17 gestorben. Schon hier, in dieser Wohnung in Stanislau.
Und dann kommt es, wie es kommen musste. Wie jeden Frühling. Die Sonnenstrahlen erreichen den Bücherschrank am weiten Ende des Zimmers. Und dann dauert es nicht mehr lange, bis der Geruch kommt. Der betörendste aller Frühlingsgerüche in diesem Zimmer: so konnte nur der warme Meyer riechen. Ganz oben stand es, Meyers Großes Konversations-Lexikon. Ein Nachschlagewerk des allgemeinen Wissens in 22 Bänden, Sechste, gänzlich neu bearbeitete und vermehrte Auflage. Leipzig und Wien. Bibliographisches Institut. 1902-1909. Das vertrocknete dicke Leder des Einbands mit in Gold geprägtem Jugendstilmuster roch anders als die leicht vergilbten, elfenbeinfarbenen Seiten innen. Und darum ging es, um diesen inneren Geruch. Die Seiten rochen unter dem Einfluss der Sonne wie warmer Strudelteig aus dem Backofen, wie frische Oblaten waren die hauchdünnen Zigarettenpapierblätter zwischen den Farbtafeln, und die Farbbilder selbst waren so schwer und dick aufgetragen und klebten süß und glitzernd wie Marzipan. Die Bände waren dick und schwer wie Pieschinger. Das Alter der Bücher roch nach Frische der Bäckerei, hatte das Gewürz des Frühlings, es war ein behaglich abgestandener und doch flüchtiger Geruch, den man nur aus der nächsten Nähe wahrnehmen konnte. Obst- und Menschenrassen, Tätowierungen und Vögel, Wappen und Blumen waren dort abgebildet und vieles mehr.
Sie war hier drinnen, in diesem Lexikon, komplett, diese alte Zivilisation von Grand-Hotels und Kurhäusern, paneuropäischem Eisenbahnnetz und erster Globalisierung, Kolonialwaren, die noch aus den Kolonien kamen und in den Kolonialläden verkauft wurden, perfekten englischen Tuchwaren und deutschen Universitäten, die ihren Ruf zu Recht genossen, europäischen Gegengewichten und Eindämmungen, europäischem Kraftausgleich, der einzigen allgemein anerkannten und von niemandem hinterfragten Hauptstadt des guten Geschmacks, Paris, Übereinkunft darüber, was ein Necessaire alles beinhalten soll, was ein Picknickkorb und was der Bildungskanon, die Zivilisation des übernationalen Hochadels und des transnationalen Hochhandels, des europäischen Judentums und eines noch so gut wie unbefleckten Sozialismus’, der deutschen Technik und Romantik, französischer Moden und raison d’etat, von skandinavischen Stücken, russischen Romanen und Romanows, italienischem Tourismus, schweizer Alpenstöcken, schlechten österreichischen Vorahnungen und wunderbar wuchernden Liebesneurosen, Bahnhöfen mit gusseisernen Einfahrtshallen und Messinggeländern, Ozeandampfern, erkennbaren Druckschriften, universalen Pässen, ersten Radiowellen und Aviationsversuchen, den Baedekers und der frühen Elektrizität.
Perfekt gezeichnete technische Geräte, Elektroturbinen, Dampfloks und Haubitzen. Exakte Stadtpläne. Tadellos ausgearbeitete Schraffur bei Bildnissen von Fürsten und Feldherrn, Dichtern und Denkern, Kaisern und Königen. Akademisch geschulte Kupferstiche von wichtigen Gebäuden, solide und doch raffinierte Frakturschrift. Wissensfülle, Geordnetheit, Verlässlichkeit. Hierarchien und Kategorien. Es war die ganze wohltemperierte Welt von damals hier drinnen.
Diese Folianten begannen also im Frühling immer entzückend zu riechen.
Diesen Geruch habe ich später oft in verschiedenen Bibliotheken Buchsammlungen Europas wiedergefunden, keiner konnte sich aber mit Original messen. Einen vergleichbaren hatten allenfalls die Bücher meiner Lemberger Tante. Den zweitbesten besaß der große Lesesaal der Universitätsbibliothek in Lemberg, in der Drahomanowa-Straße. Nach Lemberg ging ich mit 17 Germanistik studieren. Erst nachträglich habe ich die latente Bedeutung dieser Entscheidung begriffen. Wenn es darum ging, Kinder in eine Schule zu schicken, dann sollte das eine Schule mit Deutsch sein. Ging es darum, die Welt durch das Studium zu erschließen, war das für mich Germanistik – die Weltsprache, die Weltkultur, die Weltliteratur meiner Kindheit Das war mein offenes Fenster in die geschlossene Welt von damals. Und dieser Instinkt saß in unserer Familie sehr tief, trotz aller Erschütterungen, trotz allen Selbstzweifels dieser Kultur. Er war alt, dieser Instinkt, alt und stark. Die Erschütterungen des Glaubens ans Deutsche haben meine Großeltern sehr wohl mit- und durchgemacht. Seinen Selbstzweifel durch die mittlerweile fest verschlossene Grenze wohl nicht mehr. Es war nie ihr ausdrücklicher Wunsch gewesen, dass ihre Kinder oder Enkelkinder Deutsch lernen sollten. Auch nicht meiner Eltern. Wohl aber meiner.
Diese Universität ist – wie auch später meine Geburtsstadt – nach Iwan Franko benannt. Mein Urgroßvater, der nach Stanislau gekommen und hier Kirchenchorleiter an der griechisch-katholischen Kathedrale geworden ist, und dank dem wir überhaupt ein Stanislauer Geschlecht geworden sind, war derselbe Jahrgang wie die beiden großen mit Galizien so oder anders verbundenen Männer: Franko und Freud. Seine Tochter, meine Großmutter, hörte Freuds Vorlesungen in Wien. Dort hat sie Medizin studiert und praktiziert. Dort haben meine Großeltern geheiratet. Dort ist ihre erste Tochter auf die Welt gekommen. Als sie nach Stanislau zurückkamen, brachten sie mit: mein Großvater das Meyer-Lexikon, meine Großmutter die schwarze Anatomie, meine Tante den schwarzen Gustav-Rösler-Flügel.
Das haben sie alles aus Wien mitgebracht, als sie nach Großvaters Studienabschluss 1932 nach Stanislau zurückkehrten. Ganz oben im Schrank stand die Meyer-Reihe, ganz unten die 6 schwarzen Anatomie-Bände. Raubers Lehrbuch der Anatomie des Menschen, von Prof. Dr. Fr. Kopsch, Privatdozent und Oberassistent am Anatomischen Institut der Universität Berlin, neu bearbeitet und herausgegeben. 10., vermehrte und verbesserte Auflage. Verlag von Georg Thieme, Leipzig 1914. Es könnte, alles könnte vielleicht auch weiterhin vermehrt und verbessert werden, aber vorne, auf dem Schmutztitel, war schon das Jahr 1914 zu lesen. Dazwischen standen die übrigen Bücher. Meine Großeltern haben die ganze riesige, in Wien innerhalb von vielen Jahren gesammelte deutschsprachige Bibliothek mitgebracht, den gesamten bildungsbürgerlichen Kanon des späten XVIII., des ganzen XIX. und des frühen XX. Jahrhunderts. Sie haben diese Bücher in dieser Wohnung heimisch gemacht. Sie haben sich hier schön und modern und nach neuesten Standards einrichten wollen. Sie hofften, hier eine sinnvolle Existenz aufzubauen. Die zivilisatorischen Vorbilder aus Karlsruhe und Wien hierher mitzunehmen und hier umzusetzen. Sie ließen sich ein Haus bauen, nach dem neuesten Stand der damaligen Technik, sie haben dort diese Bibliothek eingerichtet. Sie haben sich verrechnet. Sie haben sich alle verrechnet, die das Jahr 1939 und die darauffolgenden Jahre, die auch in Wien nicht unbedingt besser waren, miterleben sollten. Aber 1940 wurde hier meine Mutter geboren. Sie haben sich also doch nicht verrechnet.
Im Sommer gingen wir immer in das Huzulenland. Im Städtchen Delatyn, wo wir, mein Bruder, der genau heute, am 16. Mai 2008, in dieser Wohnung in Iwano-Frankiws’k 40 wird, und ich, unsere Schulferien verbrachten, gab es damals einen ganz passablen Buchladen. Unerwartete Schätze konnte man dort antreffen. Aus dieser Buchhandlung stammten unter anderem die beiden Bücher, die ich mir als Ferienschüler gekauft und dann im Schatten unseres riesigen Nussbaums im Garten zelebriert habe: Hölderlins Lyrik, übersetzt von Mykola Bažan, in der schönen kleinformatigen Reihe mit exquisiten Holzschnitten oben auf dem Umschlag, »Perlen der Weltlyrik« hieß die Reihe. Das andere Buch waren die Lebens-Ansichten des Katers Murr von E. T. A. Hoffmann, ins Ukrainische übertragen von Jewhen Popowyč. Bei diesen Büchern ist mir zum ersten Mal überhaupt bewusst geworden, dass es übersetzte Bücher sind: nicht etwa weil sie schlecht, sondern weil sie so exzellent übersetzt waren, dass das sogar mir auffiel.
Jewhen Popowyč, dessen Ukrainisch mich sehr ansprach, weil es dem meiner Großeltern so ähnelte, lebte in Kiew und übersetzte viele hervorragende deutsche Bücher. Unter anderem auch den Tim Taler von James Krüss, der bei mir überhaupt erst die richtige Lust aufs Lesen erweckt hat. Jewhen Popowyč starb letzten Sommer in Kiew, ungefähr um die gleiche Zeit als Ingmar Bergman und Antonioni starben, und kaum einer hat es zur Kenntnis genommen. Seinem Alter nach könnte er der Generation meiner Großeltern zugerechnet werden. Noch vor ihm starb auch Anatolij Onyško aus Kalusch, der Nietzsche und E. A. Poe übersetzte, und auch dieser Tod blieb so gut wie unbemerkt. Von seinem Tod habe ich − sein Kollege und Verehrer − erst viele Monate später, und das nur durch den schwarzen Rahmen um seinen Namen in seiner Curtius-Übersetzung erfahren. Er war genau derselbe Jahrgang wie meine Eltern: 1940.
Ich erwähne diese beiden Männer aus diesen zwei Generationen stellvertretend für all diejenigen ukrainischen Übersetzer, die diesen Preis viel mehr verdient hätten als ich und die ihn nicht mehr bekommen werden, weder von Land der Ausgangssprache noch von dem der Zielsprache. Ihr Ziel war aber die Sprache selbst, und das haben sie selten verfehlt.
Ich wuchs in einem Teil Europas auf, der noch sehr ähnlich wie das Europa ausschaute, das im alten Meyer-Lexikon in der obersten Reihe des Bücherschranks festgehalten war. Die Lebensbedingungen waren mit denen des Jahres 1906 durchaus vergleichbar: Eisenbahnviadukte und Schmalspurbahnen, landwirtschaftliche Maschinen, der Holzofen in unserem Haus. So war dieses Ostgalizien mit seiner alten Architektur und den weitgehend unveränderten Landschaften. Die sahen aus wie viele europäische Landschaften, auch deutsche im Meyer-Lexikon, in welchen ich aufwuchs. Auch diejenigen, die ich nicht kannte, Meeresansichten, skandinavische Städte oder Bremen und Hamburg, die dort abgebildeten Schiffe waren mir aus den Familienerzählungen und unzähligen Postkarten in den Schubladen vertraut, aus den Memoiren meines anderen Urgroßvaters, der griechisch-katholischer Priester war und dann sich auf einem dieser Ozeandampfer, über Bremen und Bremerhaven, nach Übersee aufmachte. Die Kanonen und Gewehre, die Uniformen europäischer Armeen waren 1906 die gleichen wie die, die mein Großvater, der Sohn dieses amerikanisch gewordenen Priesters, der später in Wien studierte und das Lexikon 1932 nach Stanislau brachte, wenige Jahre später am eigenen Leibe im 1. Weltkrieg als k. u. k. Unteroffizier erfahren sollte. In Delatyn fand ich oft in Blumenbeeten und im Garten die Hülsen und mit etwas Glück auch Patronen aus diesem Krieg. Die Welt kam zu uns mit dem Krieg. Die Enzyklopädie meiner Kindheit, die Enzyklopädie der Lebenswelt meiner Großeltern. Die Stadtpläne von Wien, New York, Hamburg, Karlsruhe, Venedig und Triest waren dort dieselben, nach welchen sich meine Vorfahren in diesen Städten orientierten. Viele haben sich inzwischen sehr stark verändert, nicht aber ihre innerste Topographie verloren. Das Lexikon roch für mich im Frühling, das Huzulenland im Sommer. Alles hat gepasst.
Deshalb wuchs ich mit dem zärtlichen Gefühl der Übereinstimmung auf. Das Europa, das ich erlebte, war fast identisch mit dem, das auf den Seiten der Enzyklopädie dargestellt war. Das vermittelte Ruhe und Zuversicht. Die Überzeugung, dass die Welt genau so ist wie in den Büchern, und umgekehrt – was mir fast noch wichtiger war –,dass die Bücher die Welt so abbilden, wie sie wirklich ist. Von neueren Entwicklungen wusste ich noch nichts. Das war ein Zustand vollkommener Harmonie. Einer vollständigen, natürlichen, selbstverständlichen und offenbarten Zugehörigkeit. Und dieses später nie mehr erlebte Gefühl sprach zu mir damals auf deutsch. Das war das alte Europa meiner jungen Großeltern. Das Europa meiner Kindheit.
Ich bin sehr froh, diesen Preis als ein noch relativ junger Mann zu bekommen.
Ich freue mich, dass ich Lust und Kraft habe, mich darüber zu freuen, mich daran zu erfreuen, mich darauf zu freuen, was er mit sich bringen wird.
Ich bin sehr froh, dass diese Freude und diese Lust mit denjenigen verwandt sind, die ich spüre, wenn ich mich an eine neue Übersetzung heranmache. Leidenschaft für die Literatur und Lust auf das Leben.
Denn das ist dann nicht nur ein Zeichen der Anerkennung, sondern auch eine Sache, die einem Lebenslust macht. Es ist überhaupt ein wunderbares Paar: Lust und Dankbarkeit. Es ist großartig, beide gleichzeitig erleben zu dürfen. Das Eine macht Lust weiterzugehen, das Andere gibt Anlass sich umzuschauen, zurückzuschauen. Das Zweite ermöglicht das Erste. Das Erste berechtigt das Zweite. Heute stehe ich in der Mitte. Mitten im Leben, mitten in Europa. Ein Mittler. Ein Vermittler zwischen Lust und Dankbarkeit. Zwischen meinen Großeltern und Hölderlin, zwischen meinen Eltern und Freud, zwischen Franko und Hoffmann, zwischen den verstorbenen und den lebenden Kollegen, zwischen deutsch und europäisch. Zwischen Alteuropa und dem von heute. Zwischen der Lust auf das Schreiben und der Dankbarkeit für das Gelesene.