Friedrich-Gundolf-Preis

The »Friedrich-Gundolf-Preis« has been awarded by the German Academy for Language and Literature since 1964.
As a »Prize for German Scholarship Abroad«, for 25 years it was exclusively awarded to linguists and literary scholars at foreign universities.
However, the prize has also been awarded to persons outside of academia who are committed to imparting German culture and cultural dialog since the prize was renamed the »Friedrich-Gundolf-Preis für die Vermittlung deutscher Kultur im Ausland« (Prize for the Imparting of German Culture Abroad) in 1990.
The »Gundolf-Preis« is awarded annually at the spring conference of the German Academy. It has been endowed with €15,000 since 2013.

Awardees

Jean Fourquet

Jean Fourquet

Germanist
Born 23/6/1899
Deceased 18/9/2001

Friedrich-Gundolf-Preis 1983
Laudatory Address by Claude David
Acceptance Speech by Jean Fourquet
Diploma

Jean Fourquet, der in Frankreich mit unermüdlichem Eifer und großem Erfolg der germanischen Sprachwissenschaft neue Wege eröffnet hat.

Jury members
Kommission: Beda Allemann, Claude David, Eduard Goldstücker, Herman Meyer

Mitglieder des Erweiterten Präsidiums

Sprachwissenschaft und Literaturbetrachtung

LAUDATOR
Claude David
Born 8/7/1913
Deceased 26/11/1999
Germanist

Lieber Herr Fourquet, ich bin heute hier, um Sie vorzustellen und um Sie zu loben. Diese Aufgabe erfüllt mich mit Freude. Wir haben jahrelang nebeneinander gesessen, an derselben Arbeit teilgenommen, dieselben Ereignisse zusammen erlebt. Und doch − ich muß es gestehen − bin ich nicht ganz ohne Verlegenheit. Ich frage mich, ob ich Sie wirklich kenne. Denn Sie sind ein schweigsamer Mann; ich erinnere mich kaum, ein längeres Gespräch jemals mit Ihnen geführt zu haben. Während der langweiligen, endlosen Sitzungen des Senats − als es noch in Paris eine einzige philosophische Fakultät gab − saß ich öfters an Ihrer Seite. Nur selten ergriffen Sie das Wort in der Diskussion. Sie waren an der Arbeit. Sie hielten einen kleinen Zettel in der Hand, und als ich ihn zu entziffern versuchte, las ich etwa: b d g − p t k. Der Laie, der ich war, der Laie, der ich bin, wunderte sich damals und fragte sich, ob in der ersten Lautverschiebung noch etwas zu entdecken blieb. Die Lektüre Ihrer Aufsätze hat mich seitdem eines besseren belehn. Sie aber ließen sich nicht zerstreuen und konnten sich keinen Augenblick der Muße erlauben. Ihr Leben ist mit Ihrer Arbeit immer identisch gewesen. Sie sind für mich und für alle, die Ihnen einmal begegnet sind, das Vorbild des Gelehrten. Ich möchte beinahe sagen: eine Figur von gestern − denn ich kann mir schwer vorstellen, wie in der jetzt im Entstehen begriffenen Universität eine Gestalt wie Sie eine gewesen sind, sich noch behaupten könnte. Sie haben gleichzeitig mit der Mediaevistik, einer These über Wolfram und den Conte del graal, und mit der Sprachwissenschaft, einer Studie über die Ordnung der Satzelemente im Altgermanischen, angefangen und sich dann zeit Ihres Lebens in den beiden Gebieten gleichmäßig betätigt. Zu der Zeit aber, wo Ihre Arbeit begann, in den dreißiger Jahren, blieb ein sehr weites Feld verwahrlost und vergessen. Saussure war seit zwei Jahrzehnten gestorben − wer kümmerte sich damals um sein Erbe? Nur kleine verstreute Gruppen, in Dänemark zum Beispiel um Ihren Altersgenossen Louis Hjelmslev. Eine neue Wissenschaft war im Werden und suchte noch ihren Weg. Von uns allen sind Sie derjenige, der das größte Wagnis auf sich genommen hat. Sie haben sich ins Ungebahnte, ins Unbekannte geworfen. Sie sind in der modernen Linguistik einer der Bahnbrecher gewesen. Und gleichzeitig verteidigten Sie diese kühnen Thesen über das Schicksal der ritterlichen Dichtung, über ihren Weg zwischen Frankreich und Deutschland, die mehr als einmal auf Unverständnis stoßen und Ihnen viel unnötigen Streit bringen sollten.
Von alledem wußte ich wenig; ich arbeitete, wie Sie wissen, in einer anderen Richtung. Aber Ihrer Person bin ich immer mit der größten Verehrung begegnet. Ich will damit nicht sagen, daß ich mich mit Ihnen immer einig gefühlt habe. Ich habe Ihre Meinungen nicht immer geteilt. Immer aber habe ich bei Ihnen hinter einer etwas bäuerlichen Rauheit und Unzugänglichkeit Sensibilität und Güte erraten; ich habe an Ihrer Loyalität nie gezweifelt und diese mehr als einmal an mir erprobt; ich liebe bei Ihnen dieses kurze, trockene Lachen, mit dem Sie meist Ihre Ausführungen begleiten − nicht um sie zu ironisieren oder zu relativieren − oh nein!, sondern um sie im Gegenteil Ihrem Gegenüber gleichsam schmackhafter zu machen, um Ihren Gesprächspartner irgendwie in Ihr Spiel besser hineinzulocken. Denn es gibt bei Ihnen eine Heiterkeit des Wissens, eine bei aller Hartnäckigkeit und Unnachgiebigkeit immer wache Freude am Lernen wie auch am Lehren.
Denn Sie sind ein Lehrer gewesen, wie es wenige gibt. Ich sehe Sie noch mit Ihren Schülern stundenlang − ja manchmal jahrelang! − diskutieren. Es ist Ihnen gelungen − was so selten geschieht − eine ganze Schar von Schülern um Ihre Person zu versammeln. Sie haben für Ihre Wissenschaft einen Nachwuchs herangebildet, um den Sie viele beneiden. Und diese Schüler haben für Ihren 80. Geburtstag alle Aufsätze − mehr als 200 an der Zahl −, die Sie geschrieben haben, gesammelt und herausgegeben. Ein seltenes Zeichen der Anhänglichkeit und der Treue.
Ich habe mich nun während der letzten Wochen in diese beiden dicken Bände vertieft, nur in die Aufsätze allerdings, die sich von dem Nichteingeweihten betreten ließen. Und Sie werden mir erlauben, einige der Reflexionen, die diese Lektüre in mir hervorgerufen hat, hier in der Öffentlichkeit zu wiederholen.
Ich habe mit einem Aufsatz begonnen, auf den Sie mich selber hingewiesen hatten, einen Aufsatz, den Sie vor genau 30 Jahren geschrieben haben, mit dem Titel »Philologie und Philologie«. Dieser Text war tatsächlich für den Nichteingeweihten eine gute Einführung und der Literarhistoriker durfte mit dieser ersten Fühlungnahme zufrieden sein. »Die Kunst«, schrieben Sie, die den Zugang in einen Text erlaubt, »setzt eine Reihe von grundverschiedenen Kenntnissen − von der Textkritik bis zur Mythologie, von der Metrik bis zur Archäologie − voraus, die alle dasselbe Ziel haben, nämlich das Erleben eines literarischen Werkes als Element einer Kultur. Der Endzweck ist nicht die durch Gesetze erreichte Erkenntnis, sondern die Kommunion. Der Name dieser Disziplin ist Philologie: aus Liebe zu den großen Werken der Sprache verschmäht sie keine der Arbeiten, seien sie noch so gering oder so genau, die den wahren Zugang erlauben. In diesem Sinn setzt sie Pietät, Anhänglichkeit, φιλία voraus«. Soweit Ihr Text. Da man sich aber heute mit keiner ungenauen, rein empirischen Kenntnis der Sprache begnügen kann, muß es eine »Hilfswissenschaft« geben, die man Linguistik nennt. Oder es sind zwei Hilfswissenschaften vonnöten, auf der einen Seite die linguistische, auf der anderen Seite eine andere, die Sie damals Soziologie oder Kulturwissenschaft nannten. Im Mittelpunkt stand also die Philologie, die als Kenntnis des Einzigartigen, Einmaligen, nur als Kunst bezeichnet werden konnte. In einem anderen, viele Jahre später entstandenen Aufsatz mit dem Titel »Linguistik und Philologie« verteidigen Sie wieder ähnliche Thesen: die Philologie (im vollen Sinne des Wortes) war wieder von zwei Hilfswissenschaften flankiert. Und Sie fügten hinzu: »Daß dem Literarhistoriker in einer ›Fakultät der Künste‹ die Rolle eines Koordinators zukommt, gehört irgendwie in die Logik der von mir verteidigten These«. »Die Philosophie«, hieß es weiter, »kann wie eine Zwiebel geschält werden, nachdem sich verschiedene Wissenschaften von ihr trennen: sie lebt weiter und ihr Lebensrecht bleibt anerkannt. Das gleiche gilt für die Philologie«.
Wer könnte mehr verlangen? Aber... Aber, so muß ich fragen, haben Sie Wort gehalten? Ist es Ihnen überhaupt möglich gewesen, Wort zu halten? Denn die Linguistik ist ihre Wege gegangen, sie hat sich verselbständigt, sie betrachtet sich nicht mehr als Mittel, sondern als Zweck. Vor kurzem sagte mir jemand − er war übrigens einer Ihrer Schüler −, daß für den Sprachwissenschaftler der literarische Text nur noch einen Ausnahmefall, eine Randerscheinung darstellt. Und was sagen Sie selbst? Im Jahre 1973 haben Sie − dieses Mal unter dem Titel »Was ist Linguistik« − dasselbe Thema wieder aufgegriffen. Aber die Antwort ist nicht mehr dieselbe. »Die Linguistik«, heißt es nun, »deckt das ganze Feld der Redekunst«. Der Philologe, von dem der Alt-Philologe das beste Beispiel bleibt, war ein Linguist im breiteren Sinn des Wortes. Aber es ist nicht mehr möglich, daß derselbe Mensch das ganze Feld beherrscht. Es muß eine Arbeitsteilung stattfinden. Das von Ihnen vorgeschlagene Schema ist scheinbar dasselbe geblieben. In Wirklichkeit aber hat sich alles verwandelt. Im Mittelpunkt steht nicht mehr die Philologie − das Wort ist verschwunden −, sondern die Linguistik. Und die zwei Hilfswissenschaften heißen nun Psycholinguistik und Soziolinguistik − zwei Wissenschaften, von denen nur der Name besteht, und die es wahrscheinlich niemals geben wird. Es hatte sich im Laufe der 20 Jahre alles umgedreht.
Sie hatten Ihre Laufbahn mit einer Übersetzung von Goetheschen Gedichten begonnen. Nachher hatten Sie sich, außer von den mittelalterlichen Texten, von der Betrachtung der einzelnen Werke entfernt. Es findet sich aber, daß Sie in diesem selben Jahr 1973, in einer unserer Germanistentagungen, einen modernen Text behandeln, und zwar Gas II von Georg Kaiser. Sie wollen die für diesen Autor charakteristische elliptische Form der Sprache analysieren − wie etwa Weiße Katze explodiert oder Tag ebbt glatt. Sie versuchen es mit dem Telegraphenstil, mit dem militärischen Stil, usw. Keine dieser Bezeichnungen will freilich gelingen und Sie müssen am Ende diese Form als »abweichend« (déviante), als »ungrammatikalisch« oder »übergrammatikalisch« bezeichnen. Die Form kleiner Vogel klingt ist für sie »unerklärlich«. »Ich sehe«, schreiben Sie, »nur eine Erklärung, nämlich die, daß der Autor willentlich eine Schockwirkung gesucht hat«. Jemand fragt Sie in der darauffolgenden Diskussion, ob Sie auf jegliche stilistische Erklärung verzichten wollen. Sie antworten: »Bin ich ein Linguist, so muß ich darauf verzichten, den Bereich des Stils, der stilistischen Färbung zu betreten. Es handelt sich da um Verschiedenheiten im Verhalten des Menschen, der sich der Sprache bedient. Dies gehört nicht mehr zur Semantik, sondern zur Semasiologie.« Das Wort kann die Tatsache nicht verhüllen, daß zwischen der Sprachwissenschaft und dem, was Sie früher Philologie nannten, eine Kluft entstanden ist. In der Betrachtung des einzelnen Werks läßt uns, nach Ihrer eigenen Aussage, der Linguist im Stich.
Sie haben damit die paradoxe Situation sehr richtig beschrieben, in der wir uns heute befinden. Trotz der Entwicklung der Sprachwissenschaft wird im literarischen Text das Sprachliche viel weniger als etwa vor einem Menschenalter berücksichtigt. Die Linguistik ist an dieser Situation freilich nicht allein schuld. Sie haben einmal die Methoden der Geisteswissenschaft verantwortlich gemacht. Sicher nicht zu Unrecht. Was nachher kam, war aber nicht besser: was man auch unter dem Begriff Struktur versteht: die Struktur befindet sich irgendwo unterhalb des Ausdrucks. Dann wurde der Text noch mehr unterhöhlt: man suchte nach verborgenen Schätzen − nach echten oder vermeintlichen Schätzen: Ungesagtes, Ungedachtes, Verdrängtes, Verbotenes. Man war so sehr mit der Tiefe beschäftigt, daß dabei die Oberfläche, dort, wo der Ausdruck war, in Vergessenheit geriet. Wir haben der Literatur gegenüber die Unbefangenheit verlernt. Wir wissen nicht mehr, was ein Text ist und ob es überhaupt etwas gibt, das diesen Namen verdient. Sprachwissenschaft und Literaturbetrachtung haben sich gleichzeitig voneinander entfernt. Erst an dem Tag, an welchem unsere Wege sich wieder kreuzen, am Tag wo die Stilistik wieder als ein Gebiet der Sprachwissenschaft, vielleicht als ihr Hauptgebiet erscheint, wird man die Krise, in der wir leben, als gelöst betrachten können.
Ich muß aufhören. Denn aus der Laudatio ist allmählich etwas wie eine Disputatio geworden. Wie kann man Sie aber besser loben, als indem man die von Ihnen leidenschaftlich verfolgten Probleme wieder aufnimmt und weiter diskutiert?
Lieber Herr Fourquet, der Friedrich-Gundolf-Preis für Germanistik im Ausland ist schon 19mal verliehen worden. Er wird aber dieses Jahr zum ersten Mal einem Sprachwissenschaftler erteilt. Es war wirklich an der Zeit, auch diesen Teil unserer Disziplin gebührlich zu ehren, und als Vertreter dieser Wissenschaft konnte sicher kein besserer Name genannt werden, als der Ihre.