Friedrich-Gundolf-Preis

The »Friedrich-Gundolf-Preis« has been awarded by the German Academy for Language and Literature since 1964.
As a »Prize for German Scholarship Abroad«, for 25 years it was exclusively awarded to linguists and literary scholars at foreign universities.
However, the prize has also been awarded to persons outside of academia who are committed to imparting German culture and cultural dialog since the prize was renamed the »Friedrich-Gundolf-Preis für die Vermittlung deutscher Kultur im Ausland« (Prize for the Imparting of German Culture Abroad) in 1990.
The »Gundolf-Preis« is awarded annually at the spring conference of the German Academy. It has been endowed with €15,000 since 2013.

Awardees

Gustav Korlén

Gustav Korlén

Germanist
Born 27/1/1915
Deceased 10/10/2014
Member since 1960

Friedrich-Gundolf-Preis 1973
Laudatory Address by Walter Jens
Acceptance Speech by Gustav Korlén
Diploma

... als Lehrer, Forscher und Vermittler der deutschen Sprache und Literatur in Schweden...

Jury members
Kommission: Fritz Martini, Peter de Mendelssohn

Mitglieder des Erweiterten Präsidiums

Germanistik in Schweden

Die deutsche Akademie für Sprache und Dichtung hat zum ersten Mal einen ausländischen Germanisten ausgezeichnet, der ‒ zum mindesten seiner geistigen Provenienz nach ‒ ein reiner Sprachwissenschaftler ist. Sprachwissenschaftler werden in Schweden mit einer etwas unpräzisen Terminologie gemeinhin Philologen genannt, und was es damit auf sich hat, kann man nachlesen bei einem Dichter, für den Walter Jens ein besonderes Organ hat. In einem reizvollen Essay mit dem Titel »Französische Redensarten« aus dem Jahr 1897 heißt es bei diesem Dichter:
»Man teilt die Sprachen bekanntlich in lebende und tote. Diejenigen, welche alle Sprachen so lehren, als ob sie tot wären, nennt man Philologen. Die anderen, welche die lebendigen Sprachen und die Sprache lebendig lehren, heißen nur Sprachlehrer. Sie werden von den Philologen verachtet, obwohl sich unter diesen die entsetzlichsten Menschen der Welt befinden, während unter den Sprachlehrern viele gut und gescheit sind. Dies kommt daher, daß sie fast alle früher etwas anderes waren, nämlich wirkliche Menschen, und nur im Laufe ihres Lebens zufällig Sprachlehrer geworden sind. Es sind solche unter ihnen, die vom Leben noch sehr viel erwarten, und solche, die schon zuviel erlebt haben; verjagte Prinzen, abgedankte Offiziere, verkannte Dichter, enttäuschte Schauspieler, junge Mädchen, die zu viele Geschwister haben, Studenten, Erfinder, Verbannte. Alle haben sie in ihren Sprachen gedacht, gewünscht und geträumt, Antworten gegeben und empfangen, den unendlichen Inhalt nichtiger Worte empfunden, die schneidende und berauschende Kraft der Rede gespürt, lange bevor das Schicksal sie dahin führte, zu fragen: ›Wo hast du das Taschenmesser deiner Großtante gelassen?‹ und darauf zu erwidern: ›Der gute Admiral sitzt im Garten und weint.‹«.
Der Dichter ist also ‒ Walter Jens hat es natürlich schon längst erkannt ‒ Hugo von Hofmannsthal. Und der Text scheint mir in der Tat hervorragend geeignet, nicht nur den nach dieser Laudatio doch wohl dringend notwendigen Verfremdungseffekt herbeizuführen, sondern auch um jenen sprachpädagogischen Aspekt zu unterstreichen, der die Auslandsgermanistik ganz anders als die deutsche prägen muß. Germanistische Philologen im Ausland sind u. a. dazu da, um Sprachlehrer auszubilden.
Und drittens eignet sich das Zitat als Ausgangspunkt für einen kurzen historischen Rückblick, der nun einmal unerläßlich ist, will man die heutige Problematik begreifen. Unter Germanistik verstand man in Schweden bis vor kurzem praktisch nur Altgermanistik. Dabei ist die Geschichte der schwedischen Germanistik nicht sehr alt. Denn noch zur Zeit der Hofmannsthalschen Philologen-Charakteristik gab es in Schweden lediglich zwei Lehrstühle für »Neueuropäische Linguistik« ‒ das heißt, man traute einem einzigen Wissenschaftler zu, die ganze Germania und Romania zu beherrschen. Kein Wunder, wenn da die lebenden Sprachen nicht sonderlich lebendig gelehrt wurden. Damals gab es in Schweden also nur zwei Universitäten, die in Uppsala v. J. 1477 und die in Lund, die rund zweihundert Jahre später gegründet wurde ‒ und zwar mit dem ausdrücklichen Ziel, aus der Bevölkerung der kurz vorher eroberten dänischen, heute südschwedischen Provinzen anständige Schweden zu machen. Dies ist denn auch ‒ wenn Sie mir diese kultursoziologische Abweichung erlauben ‒ in der Tat erstaunlich schnell gelungen, auch wenn der Lunder Student immer noch ein gerüttelt Maß an gesunder Skepsis gegenüber dem besitzt, was er als nördliche Geschäftigkeit und Arroganz empfindet. Man könnte das also auch so ausdrücken, daß die Südschweden die Bayern unseres Landes sind ‒ wobei ich allerdings bitten muß, diese Feststellung nicht politisch zu interpretieren.
Erst zu Anfang unseres Jahrhunderts erhielten nun diese zwei Universitäten germanistische Lehrstühle, beide wohlgemerkt mit der Bezeichnung Deutsche Sprache. Daß diese Lehrstühle, wie auch die gleichzeitig errichteten anglistischen und romanistischen, stark von der damals in Deutschland herrschenden sog. junggrammatischen Tradition der historischen Sprachwissenschaft geprägt waren, kann nicht verwundern. Erstaunlich, und geistesgeschichtlich höchst eigenartig und nicht ganz leicht zu erklären, ist allerdings die Zähigkeit, mit der man in Schweden an dieser Tradition festgehalten hat, auch lange nachdem sie in anderen Ländern neuen wissenschaftstheoretischen Richtungen gewichen war. Ja, man könnte mit einem der deutschen Dialektgeographie entnommenen Terminus behaupten, daß Schweden lange Zeit das europäische Reliktgebiet der Junggrammatik gewesen ist, wobei die historische Orientierung einerseits, und die fast totale Vernachlässigung der Literatur andererseits die entscheidenden Merkmale sind.
Im Bereich der historischen Sprachwissenschaft findet dabei die niederdeutsche Philologie von Anfang an das besondere und lange Zeit dominierende Interesse der schwedischen Germanisten. In der Tat müßte die noch ausstehende Geschichte der schwedischen Germanistik ‒ ein reizvolles und geistesgeschichtlich überaus interessantes Thema für eine Doktorarbeit ‒ weitgehend sub specie Germaniae inferioris geschrieben werden.
Wie kommt das? Nun, zunächst muß man sich darüber klar sein, daß die niederdeutsche Sprache des Mittelalters die schwedische Sprache durchgreifend beeinflußt hat ‒ in der Tat so nachhaltig, daß man, um eine Parallele zu finden, auf die umwälzende Veränderung der angelsächsischen Sprache durch die normannische Invasion verweisen muß. Die historische Orientierung der schwedischen Germanistik ist also mitbedingt durch das legitime Interesse, jene Sprache zu erforschen, die als nordeuropäische Verkehrssprache der Hanse so viele Schweden der damaligen Zeit zur Zweisprachigkeit zwang.
Es kommen aber rein persönliche und zufällige Gründe hinzu. Einige Germanisten der ersten und zweiten Generation waren während ihrer Doktorandenzeit Lektoren an der Universität Hamburg. Und Hamburg war damals, in den ersten Dezennien unseres Jahrhunderts unter zwei hervorragenden Philologen das Zentrum der niederdeutschen Studien in Deutschland ‒ unter Conrad Borchling, den man nicht zu Unrecht den Jacob Grimm des Niederdeutschen genannt hat, und Agathe Lasch, Verfasserin einer grundlegenden mittelniederdeutschen Grammatik, später Opfer der Judenverfolgung und, wie es in einem Nachruf euphemistisch heißt, auf dem Transport nach Polen verschollen.
Von Conrad Borchling und Agathe Lasch erhielt vor allem mein Lehrer Erik Rooth die entscheidenden Impulse, die wiederum auf die nächste, die heutige Generation weitergewirkt haben. Die Verbindung von menschlichem Charme und wissenschaftlicher Vitalität, die das Signum von Erik Rooth war und ist ‒ er ist mit 84 Jahren der unbestrittene Altmeister der schwedischen Germanistik ‒ führte nämlich in den dreißiger und vierziger Jahren an der Universität Lund zu einer ungewöhnlich fruchtbaren niederdeutschen Germanistenschule, aus der seitdem u. a. vier Professoren für deutsche Sprache hervorgegangen sind.
Dies ist in kurzen Zügen die schwedische Tradition. Sie führte also zu einer qualitativ hochstehenden, vorwiegend mittelalterlichen Philologie, die aber ‒ und dies ist die Kehrseite der Medaille ‒ aus einer europäischen und heutigen Perspektive von doch recht bedenklicher Einseitigkeit geprägt war. Es gab natürlich Ausnahmen. Erik Rooth selbst hat z. B. eine höchst interessante Studie zur klassischen schwedischen Faust-Übersetzung geschrieben. Vor allem aber muß an meinen Stockholmer Vorgänger Erik Wellander erinnert werden, dessen »Studien zum Bedeutungswandel« aus dem Jahre 1917 immer noch einen erstaunlich modernen Eindruck machen. Wenn Wellander sich nicht später hauptsächlich der schwedischen Sprachpflege zugewandt hätte ‒ er ist als Verfasser eines schwedischen, wissenschaftlich fundierten Wustmann in Schweden weltberühmt ‒ hätte er zweifellos viel früher eine Umorientierung der schwedischen Germanistik in Richtung auf Gegenwartsproblematik, semantische Theorie und moderne Linguistik herbeiführen können.
Erstaunlich nicht zuletzt ‒ das muß rückblickend doch wohl festgestellt werden ‒ die wissenschaftstheoretische Unschuld und kulturpolitische Ahnungslosigkeit, mit denen ‒ unbekümmert auch um die sprachpädagogischen Aspekte ‒ bei uns einige Generationen lang gelehrt und produziert wurde.
Das aus einer internationalen Perspektive Unbegreiflichste an der schwedischen Tradition ist nun aber der Umstand, daß unsere Universitäten überhaupt keine Lehrstühle für deutschsprachige Literatur aufweisen. Der schwedische Humanistische Forschungsrat hat gerade in diesen Tagen eine aufsehenerregende Denkschrift vorgelegt, die im doppelten Sinne des Wortes bedenkliche Perspektiven enthält. Mit einem erdrückenden internationalen Vergleichsmaterial wird hier nachgewiesen, in wie hohem Maße das positivistische, technokratisch hochentwickelte, bürokratisch perfektionistische schwedische Universitätswesen im Bereich der philosophischen Fakultäten zu einer unterentwickelten geistigen Provinz zu werden droht. Schon der Unterschied zu den übrigen nordischen Ländern ist frappant. Von den insgesamt neun germanistischen Lehrstühlen an drei dänischen Universitäten z. B. sind vier von Literaturwissenschaftlern besetzt, während die vier Professoren für Deutsch an unseren fünf Universitäten alle ihre wissenschaftliche Schulung als Sprachhistoriker erhalten haben ‒ die nördlichste Universität Umeå hat, obwohl schon vor über zehn Jahren gegründet, immer noch keine Professur, sondern lediglich die Stelle eines wissenschaftlichen Rats. Man sollte meinen, daß das, was in Norwegen an allen Universitäten möglich ist, wo z. B. sogar die im vorigen Jahr gegründete Universität Tromsö hoch oben am Polarkreis bereits zwei Lehrstühle für Deutsch, einen linguistischen und einen literaturwissenschaftlichen, aufweist, daß dies auch, jedenfalls an einer schwedischen Universität denkbar sein sollte. »Doch die Verhältnisse, sie sind nicht so.«
In dieser Situation, meine Damen und Herren, muß man versuchen, aus dem Unmöglichen das Mögliche zu machen. In der Tat ist denn auch an mehreren schwedischen Universitäten eine germanistische Neuorientierung im Gang. Der radikale Wandel der allgemeinen Sprachwissenschaft im Sinne von Ferdinand de Saussure und später Noam Chomsky, die beide Schweden mit fast noch größerer Verspätung als die Bundesrepublik erreichten, hat nun im Bereich der Germanistik ein Zentrum an der Universität Lund erhalten, wo unter der neuernannten jungen Lehrstuhlinhaberin Frau Inger Rosengren die moderne, datenverarbeitende Linguistik ihren Einzug gehalten hat ‒ wobei zu hoffen bleibt, daß dies nicht zu einer neuen Art von Einseitigkeit führen wird, wenn auch die sprachpädagogische sog. Relevanz dieser Linguistik durchaus nicht zu bestreiten ist. Ich könnte mir denken, daß sich Lund zu einem sprachdidaktischen Zentrum entwickeln wird.
In Uppsala hat mein Kollege Lars Hermodsson, Nachfolger eines Germanisten, der unter seinem Fach eigentlich nur Altfriesisch und nordfriesische Mundarten verstand ‒ auch dies ein Bestandteil der niederdeutschen Tradition ‒ nun erfreulicherweise die Thematik stark erweitert, und zwar auch in Richtung auf deutsche Literatur. Vor wenigen Wochen erschien z. B. eine sehr lesenswerte Dissertation über Wolfgang Koeppen. Angeregt war sie von Marcel Reich-Ranicki, seit einigen Jahren ständiger Gastprofessor an den Universitäten Uppsala und Stockholm. Und es hat für die Neuorientierung der Uppsalienser Germanistik schon symbolische Bedeutung, daß Marcel Reich-Ranicki im vorigen Jahr dort zum Ehrendoktor ernannt wurde ‒ Stockholm konnte schwerlich in Frage kommen, da das germanistische Ehrendoktorat dort schon seit einigen Jahren von Walter Jens besetzt war.
Am stärksten der niederdeutschen Tradition verpflichtet ist zweifellos Göteborg unter Torsten Dahlberg, aber auch hier erscheinen nun Arbeiten zur deutschen Gegenwartssprache. Nachfolgerin von Dahlberg, der in diesem Semester emeritiert wird, ist Frau Åsdahl-Holmberg, ebenfalls eine Schülerin von Erik Rooth und mit einem wissenschaftlichen Profil, das vermuten läßt, daß Göteborg auch weiterhin die schwedische Bastion des Niederdeutschen bleiben wird.
Und schließlich die Stockholmer Konzeption, von der Walter Jens schon einiges, wenn auch allzu Schmeichelhaftes gesagt hat. Aber soviel ist daran richtig, daß sie von zwei Postulaten ausgeht. Das eine ist die Erkenntnis, daß eine gegenwartsbezogene Germanistik um die Problematik der Teilung Deutschlands nicht herumkommt, um die auch wissenschaftlich schwerwiegende Tatsache also, daß in einem geographisch geschlossenen Sprachgebiet zwei Staaten mit so diametral verschiedenen politischen, sozialen und kulturellen Systemen sich entwickelt haben. Deutschlehrer, die mit dieser Problematik nicht vertraut sind, werden im Schulunterricht unweigerlich scheitern. Es liegt auf der Hand, daß der Germanistik eines neutralen Landes hier von Anfang an, zumal in der Ära des kalten Krieges, besondere Chancen, um nicht zu sagen Verpflichtungen zufielen. Und auch in der heutigen Situation ist es wahrscheinlich ein nicht zu unterschätzender Vorzug der Stockholmer Germanistik, daß wir auf die wohlwollende Unterstützung und Förderung durch zwei deutsche Kulturinstitute, das Goethe-Institut-West und das DDR-Kulturzentrum-Ost, rechnen können. Daß die Deutschstudierenden vorgestern die Nobelvorlesung von Heinrich Böll über die Vernunft der Poesie, ein engagiertes Plädoyer für nicht engagierte Literatur, erleben konnten und sich übermorgen eine Lesung von Christa Wolf anhören können, ist für die günstige Situation in Stockholm recht charakteristisch.
Das zweite Postulat: Eine Germanistik, die sich in den Jahren des Unheils so wenig um die intellektuellen Flüchtlinge aus dem Dritten Reich gekümmert hat, daß weder Käte Hamburger noch Walter Berendsohn von ihr auch nur zur Kenntnis genommen wurden ‒ Käthe Hamburger mußte als Verbannte im Hofmannsthalschen Sinne Sprachlehrerin an einer Abendschule werden, Berendsohn wandte sich der nordischen Literaturgeschichte zu ‒ eine solche Germanistik hat doch wohl so etwas wie eine Wiedergutmachungsverpflichtung in einem Land, wo die deutsche Emigration eine so zentrale Rolle gespielt hat ‒ ich brauche ja nur an Namen wie Willy Brandt, Bruno Kreisky, Herbert Wehner oder den ostdeutschen Gewerkschaftsvorsitzenden Herbert Warnke zu erinnern, an Nelly Sachs, Peter Weiss oder Bert Brecht.
Und auch hier erweist sich nun für die Forschung die Neutralität Schwedens vielleicht als ein Vorzug. Denn eine Koordinationsstelle zur Erforschung des deutschsprachigen Exils, wie sie seit 1969 in Stockholm vorhanden ist, mit der vorrangigen Aufgabe, die west- und ostdeutsche Forschung zusammenzuführen, wäre in einem anderen Lande kaum möglich gewesen, jedenfalls damals nicht. Sie wäre aber auch nicht möglich ‒ und ich möchte das sehr nachdrücklich unterstreichen ‒ ohne die Initiative von Walter Berendsohn, dem Altmeister der Exilforschung, dessen geistige Vitalität im Alter von 88 Jahren in diesem Bereich so etwas wie ein deutsches Wunder ist.
Die wichtigste der von Berendsohn angeregten Arbeiten ist eine umfangreiche Untersuchung von Helmut Müssener über die Geschichte und kulturelle Leistung der deutschsprachigen Emigration in Schweden. Es bestätigt sich hier in exemplarischer Weise die These eines amerikanischen Exilforschers: »Deutschlands Verlust ist des jeweiligen Gastlandes Gewinn«. Eine verspätete Ehrenrettung erhalten dabei vor allem die vielen Intellektuellen, die als Kulturvermittler und Übersetzer eine außerordentlich wichtige Rolle gespielt haben. Stellvertretend für viele mag hier der Name Erwin Leiser stehen, dem wir in erster Linie die fulminante Nachkriegsrezeption der Werke Brechts in Schweden zu verdanken haben.
Und schließlich wird sich dann von hier aus eine pragmatische gesellschaftsbezogene Germanistik auch mit der Frage nach der Rezeption der deutschsprachigen Literatur überhaupt, in Geschichte und Gegenwart, zu befassen haben, wobei ich hier nur einige wichtige Teilaspekte nenne: 1. die Frage nach der Qualität der Übersetzungen, 2. die Stellung der sog. Trivialliteratur und 3. die Rezeption der deutschsprachigen Literatur in unseren Schulbüchern. Hier bieten sich in der Tat überaus fruchtbare Themen für Doktorarbeiten an.
Damit bin ich am Ende meiner notwendigerweise höchst unvollständigen und lückenhaften Übersicht über eine Germanistik, deren Traditionen einem deutschen Betrachter doch wohl einigermaßen exotisch Vorkommen müssen, die aber zugleich auch eine Germanistik im Wandel ist. Sie werden verstehen, Herr Präsident, daß ich in der ehrenvollen Auszeichnung, die mir heute verliehen worden ist, und für die ich, auch im Namen des Stockholmer germanistischen Instituts, von ganzem Herzen danke, eine Aufforderung sehe, auf dem eingeschlagenen Wege weiterzuarbeiten. Ich tue dies in der Hoffnung, daß auch die schwedischen politischen Instanzen einmal einsehen werden, daß zur Germanistik die beiden Aspekte gehören, die im Namen dieser Akademie für Sprache und Dichtung symbolisch anklingen, in der Hoffnung also, daß schließlich auch das schwedische Kultusministerium sich der tiefen Wahrheit einiger Worte von Erich Kästner bewußt wird, einem Akademiemitglied, für das ich, wie so viele Schweden, neben Heinrich Böll, nun einmal eine besondere Vorliebe habe. Und bei Kästner heißt es bekanntlich: »es geht nicht mehr so weiter, wenn das so weiter geht«.