Johann-Heinrich-Voß-Preis

Der Johann-Heinrich-Voß-Preis wird seit 1958 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung »für hervorragende Leistungen auf dem Gebiet der Übersetzung«, verliehen. Vor allem werden Übersetzungen literarischer Werke in die deutsche Sprache ausgezeichnet. Der Preis wird jährlich während der Frühjahrstagung der Deutschen Akademie vergeben. Seit 2002 beträgt die Dotation 15.000 Euro.

Preisträger

Wolfgang Kubin

Wolfgang Kubin

Schriftsteller, Sinologe und Übersetzer
Geboren 17.12.1945

Johann-Heinrich-Voß-Preis 2013
Laudatio von Ilma Rakusa
Dankrede von Wolfgang Kubin
Urkundentext

Wolfgang Kubin, dessen kunstvolle, klangreiche Übersetzungen aus dem Chinesischen dem Verständnis der deutschen Leser einen neuen Horizont eröffnen...

Jurymitglieder
Kommission: Ralph Dutli, Elisabeth Edl, Joachim Kalka, Per Øhrgaard, Ilma Rakusa und Hennig Ritter

Mitglieder des Erweiterten Präsidiums

 
LAUDATORIN
Ilma Rakusa
Geboren 2.1.1946
Literaturwissenschaftlerin, Schriftstellerin und Übersetzerin

Meine Damen und Herren, lieber Wolfgang Kubin,

dass ich hier stehe, um Wolfgang Kubin zu ehren, ist eine kleine Anmaßung. Ich bin des Chinesischen nicht mächtig, kann mein Interesse für die chinesische Literatur nur aufgrund von Übersetzungen befriedigen, wie sie unser Preisträger so großzügig liefert, doch ohne die Möglichkeit zu vergleichen, da mir der Rückgriff auf die Originale verwehrt ist. Vor über dreißig Jahren habe ich zwar einen Versuch unternommen, mich mit dem Klassischen Chinesisch zu beschäftigen, musste ihn nach drei Semestern aber abbrechen. Zu schwierig das Unterfangen, zu zeitaufwendig. Das zweibändige Lehrbuch von Erich Haenisch steht noch in meinem Bücherregal, selbst einige Pinsel haben die Zeit überdauert. Und wenn ich mir Mühe gebe, bringe ich es fertig, einige Schriftzeichen zu notieren. Das ist alles. Nie nachgelassen aber hat meine Neugier für chinesische Philosophie und Literatur und innerhalb der Literatur für die chinesische Poesie. Und so bin ich regelmäßig auf Wolfgang Kubins Namen gestoßen. Er hat mir den Zugang zu den Dichtern Bei Dao, Yang Lian und Wang Jiaxin eröffnet, in seiner Anthologie der modernen chinesischen Lyrik 1919–1984 – sie erschien 1985 im Suhrkamp Verlag – lernte ich poetische Stimmen kennen, die mir Neuland erschlossen. Und ging es darum, mir ein Bild von der älteren chinesischen Dichtung zu machen, konnte ich zu Kubins großer Studie Die chinesische Dichtkunst. Von den Anfängen bis zum Ende der Kaiserzeit (2002) greifen, dem ersten Band einer mehrbändigen Geschichte der chinesischen Literatur, die Kubin als Herausgeber betreut. Nun ja, Wolfgang Kubin ist einer der führenden Sinologen unserer Zeit, er hat lange Jahre an der Universität Bonn gelehrt, ist Seniorprofessor der Beijing Foreign Studies University. Aus seiner Feder stammen zahlreiche Bücher, Abhandlungen, Aufsätze, Nachworte. Er war und ist auch herausgeberisch tätig: Neben der erwähnten chinesischen Literaturgeschichte möchte ich auf den Band Mein Bild in deinem Auge. Exotismus und Moderne: Deutschland – China im 20. Jahrhundert hinweisen (1995), aber auch auf die Zeitschrift minima sinica. Keine Frage: Diese profunde Auseinandersetzung mit der chinesischen Geistesgeschichte und Literatur bildet das Fundament, auf dem Kubins übersetzerische Tätigkeit beruht. Hinzu kommt ein Sprachgefühl, das Kubin auch beim Schreiben eigener Gedichte und Prosa leitet.
Aus dem Chinesischen zu übersetzen ist – wie wir uns denken können – ein besonders schwieriges Unterfangen. Und Wolfgang Kubin macht es sich bei der Auswahl der Texte nicht leicht. Lu Xun, den Begründer der modernen chinesischen Prosa, hat er in einer sechsbändigen Ausgabe vorgestellt; vor allem aber widmet er sich der Übertragung anspruchsvoller zeitgenössischer chinesischer Poesie, was ihm 2007 den Pamir International Poetry Price, den höchstdotierten Literaturpreis im chinesischen Sprachraum, eingetragen hat. Über die Freuden und Leiden seines Metiers hat Kubin ein überaus lesenswertes Buch geschrieben: Die Stimme des Schattens. Kunst und Handwerk des Übersetzens (2001). Darin betont er ein übers andere Mal, wie wichtig für das Übersetzen aus dem Chinesischen Hintergrundkenntnisse sind, da die chinesische Sprache dazu tendiert, sehr vieles offenzulassen. Selbst das simple Zeichen yi, eins, sei so vielseitig und von einer solchen Bedeutungsvarianz, dass für seine Erschließung im Großwörterbuch des modernen Chinesisch chinesische Gelehrte vier Jahre gebraucht hätten. In einem Kapitel führt Kubin minutiös aus, was das sogenannte »Fade« in der chinesischen Kultur für eine Rolle spiele, wobei der deutsche Ausdruck »fad« insofern unpassend ist, als er Negatives konnotiert, während das chinesische Wort dàn etwas meint, das alle Möglichkeiten in sich birgt. Weltanschauung und Essenskultur, so Kubin, gehörten in China seit je eng zusammen. Aber was macht man, wenn das Deutsche für dàn schlicht kein Äquivalent aufweist, auch wenn man in einsprachigen deutschen Lexika nach Synonymen sucht? Kubin plädiert da für gewisse Freiheiten, weil er der Meinung ist, als Übersetzer müsse man »ein Original kreieren«. Der Weg dahin ist allerdings dornenreich, auch davon weiß Kubin ein Lied zu singen. Denn die »schöpferische und glückliche Untreue« – wie Borges die Übersetzung charakterisiert hat – will begründet und überlegt sein. Wenn Kubin von der »Beliebigkeit« vieler klassischer chinesischer Texte spricht und von der Notwendigkeit, bei der Übersetzung eine »Engführung« zu betreiben, um Wesentliches zu Tage zu fördern, besinnt er sich auf ein Kerngeschäft des Übersetzers: zu interpretieren. Jede Interpretation ist dabei nur eine von vielen möglichen, doch je fundierter das Hintergrundwissen des Übersetzers, desto besser. Beim Übersetzen zeitgenössischer Texte nutzt Kubin zudem den Austausch mit den Autoren, auch wenn diese – wie er meint – nicht immer die besten Deuter ihrer Werke seien.
In diesem Zusammenhang möchte ich eine mir unvergessliche Episode erwähnen. Vor einigen Jahren fand in Dubai ein Internationales Poesiefestival statt, zu dem deutsche, slowenische, chinesische und viele andere Lyriker eingeladen waren. Auch ich hatte die Ehre, und Wolfgang Kubin war anwesend, um Yang Lian und weitere chinesische Lyriker zu betreuen. Oft saß ich beim Essen am China-Tisch, hörte dem Singsang der chinesischen Sprache und dem herzhaften Lachen Yang Lians zu. Kubin war eher ernst und verließ die Tischgesellschaft meist vorzeitig, denn er arbeitete auch während des Festivals intensiv an einer Übersetzung. Selten ist mir so bewusst geworden, was für ein verantwortungsvolles Geschäft das Übersetzen ist. Als passten Zwetajewas auf das Dichten bezogene Worte ebenso zum Nachdichten: »Das, was für euch ›Spiel‹ ist, ist für uns der einzige Ernst. Ernsthafter werden wir auch beim Sterben nicht sein.«
In Dubai übrigens erklärte mir Yang Lian, chinesische Sätze beschrieben keine Handlungen, sondern Zustände, die Verben kommen ohne Pronomen, Zeit- und Pluralformen aus. »Schreiben heißt für mich die Zeit auslöschen«, sagte Yang Lian. Erschwerend ist zudem, dass das »synchronische« Chinesisch auch eine völlig andere Syntax hat. Das Nebeneinander der (affixlosen) Zeichen (Wörter) lässt völlig offen, in welcher Beziehung diese zueinander stehen, welches Subjekt, welches Objekt ist, ob sie kausal oder final miteinander verbunden sind. Der Interpretation steht somit Tür und Tor offen. Yang Lian nutzt das skizzenhafte Chinesisch für eine dunkle, hermetische Lyrik, deren Bilder befremdlich-großartig leuchten. In Wolfgang Kubins Nachdichtung liest sich das zum Beispiel so:

»Die Straße vor meinem Fenster kennt keinen Regen.
Sie ist gelassen wie ein Kamm
zur Erwartung einer stimmlosen Frau
auf der Fensterbank abgelegt.
Die Frau ist wie eine Möwe, ermüdet auf dem Flug von der Küste,
oder wie ein Stein, mit beiden Händen sich fest umfangend.
Auf ihrem Rücken in grauer Tasche mit umgestülptem Futter
wechselt eine Zitrone heimlich ihre Gestalt.

Die Straße vor meinem Fenster kennt weißen Schnee.
Winters gibt es dort nur
sieben Wildkatzen und einen Schläfer in einer Karre
oder acht identische Augenpaare
wie gedroschenes Korn, ganz ohne Bitternis.
Ihre Nähe macht mich glauben,
sie hätten einander zur Sättigung ihren Leichnam versprochen,
und wie zum Beweis sind sie die Zärtlichkeit in Person.«

Bei Yang Lian finden sich unglaubliche Formulierungen, die freilich, so wie wir sie kennen, durch Wolfgang Kubins inneren Prozessor gegangen sind: »Die stählernen Flügel von Schmetterlingen streichen wie Hobel vorbei«, »Wer an grauem Star leidet, sieht die Welt als vage Übersetzung«, »Grün war schon immer vor dir wach«, »Auf asphaltiertem Meer ist ein Vogel in den Lüften so weiß wie eine arme Seele«, »Stürme: Pflichtlektüre im Fach Tod«, »Das Schöne hat keine Richtung«. Oder in den unlängst erschienenen Konzentrischen Kreisen: »Niemand kann einem schattigen Gedicht entkommen.«
Von Yang Lian stammt übrigens auch der interessante, 1996 in der Süddeutschen Zeitung geäußerte Gedanke: »Wer ein chinesisches Gedicht in seiner deutschen Übersetzung liest, der sollte ihm einen Platz in der deutschen Literatur geben und dann entscheiden, ob es gut oder schlecht ist.«
Wäre es also Aufgabe des Übersetzers, ein chinesisches Gedicht quasi im Deutschen einzugemeinden, ohne seine Fremdheit – und kulturelle Andersartigkeit – ein Stück weit zu wahren? Und wäre es Aufgabe des Lesers/Rezipienten, statt vor der Exotismus-Barriere zu kapitulieren, lieber eigene, gewohnte Maßstäbe an chinesische Dichtung anzulegen? Ganz unproblematisch sind solche Postulate nicht, aber auch nicht ganz falsch. Denn Respekt vor dem Unverständlichen macht höchstens hilflos, nicht glücklich.
Glücklich aber machen, immer wieder, Wolfgang Kubins Übersetzungen. Etwa dieses Sonetts von Feng Zhi (1905–1993), der nicht nur Dichter war, sondern zu den bedeutendsten chinesischen Germanisten und Übersetzern von Goethe, Heine, Nietzsche und Rilke gehörte, was ihm 1983 die Goethe-Medaille und 1988 den Friedrich-Gundolf-Preis einbrachte:

»Die tiefe Nacht und der tiefe Berg
Vernehmen die Dichte des Regens.
Auf zehn Meilen ein Dorf,
Auf zwanzig Meilen der Lärm einer Stadt.

Ist ihnen ihre Existenz noch gegeben?
Die Landschaft vor zehn Jahren,
Die Illusionen vor zwanzig Jahren
Sind alle im Regen verstummt.

Die Welt ist schmal geworden,
Jeder Weg eine Rückkehr in den Mutterleib;
Gott, ich bete zu dir in tiefer Nacht

Wie ein Mensch in der Vorzeit:
›Gib meinem schmalen Herzen
Ein großes Universum!‹«

Dass zeitgleich mit Feng Zhi auch Mao Zedong Gedichte schrieb und Wolfgang Kubin auch dessen Gedichte in seine Suhrkamp-Anthologie aufgenommen hat, zeigt die Bandbreite der modernen chinesischen Lyrik und Kubins breites Vermittlungsprofil. Politische Realitäten sind in der chinesischen Lyrik nicht ausgespart; wo sich poetischer Klartext gegen das Regime und die herrschende Ideologie wandte, bezahlten chinesische Lyriker mit Gefängnisstrafen oder sahen sich zur Emigration gezwungen. Bei Dao, eine der wichtigsten Stimmen der zeitgenössischen chinesischen Poesie und einer der von Kubin am häufigsten übersetzten Autoren, lebt nach langen Jahren des Exils heute in Hongkong. Die Metaphorik seiner Gedichte deutet unmissverständlich auf Bedrohung und traumatische Erfahrungen hin:

»Der große Feldzug
wird aufgehalten
von einem feinen Zahnrad

Wer dem Traum Schießpulver entnimmt
entnimmt auch Salz den Wunden
und die Stimme der Götter
Was bleibt, ist nur der Abschied
Ein Abschied auf immer, der Schnee
der am Nachthimmel aufscheint«

Lieber Wolfgang Kubin, seien Sie bedankt für Ihre unermüdliche, fruchtbare Übersetzungsarbeit, die uns allzu arroganten Abendländern neue poetische Welten aus dem Chinesischen nahebringt, so nahe, dass es manchmal schmerzt.

Xiexie! Und bitte weiter so!