Johann-Heinrich-Voß-Preis

Der Johann-Heinrich-Voß-Preis wird seit 1958 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung »für hervorragende Leistungen auf dem Gebiet der Übersetzung«, verliehen. Vor allem werden Übersetzungen literarischer Werke in die deutsche Sprache ausgezeichnet. Der Preis wird jährlich während der Frühjahrstagung der Deutschen Akademie vergeben. Seit 2002 beträgt die Dotation 15.000 Euro.

Preisträger

Wolfgang Kasack

Wolfgang Kasack

Slawist und Übersetzer
Geboren 20.1.1927
Gestorben 10.1.2003

Johann-Heinrich-Voß-Preis 1981
Laudatio von Efim Etkind
Dankrede von Wolfgang Kasack
Urkundentext

... der als Mittler zwischen der russischen und der deutschen Sprachwelt Kunst und Wissenschaft in beispielhafter Weise vereint.

Jurymitglieder
Kommission: Jan Aler, Roger Bauer, Hermann Lenz, Horst Rüdiger, Elmar Tophoven

Mitglieder des Erweiterten Präsidiums

Vom Übersetzen in Rußland

Herr Präsident, liebe Mutter, meine sehr verehrten Damen und Herren,
gern beginne ich meine Worte der Tradition gemäß mit dem Dank. Ich danke Ihnen, daß Sie mir den Übersetzerpreis des Jahres 1981 verliehen haben, der den Namen des großen deutschen Übersetzers der klassischen Literatur Johann Heinrich Voß trägt. Voß war es, der zu Beginn des vorigen Jahrhunderts durch seine Übersetzungen viel zur Verbreitung der antiken Geisteswelt in Deutschland beitrug, und alle, die hier von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung ausgezeichnet wurden, haben in ihrer Weise ein Gleiches getan, haben Lebenserfahrung und geistige Vorstellungswelten, wie sie sich in Literatur manifestieren, durch ihre Übersetzungen dem deutschen Leser nahe gebracht. Was mich anbetrifft, sind es Werke der russischen Literatur, um deren deutschsprachige Gestaltung ich mich bemüht habe. Daher ist es für mich eine besondere Freude, daß ein Russe − Jefim Etkind − in Ihrem Namen die Laudatio hielt, es ist eine besondere Ehre, daß es dieser Russe ist, denn er ist als Leningrader − und heute zwangsweise Pariser − Hochschullehrer der wohl beste russische Spezialist für die Geschichte und Theorie der Übersetzungen ins Russische.
Mein Dank gilt aber nicht nur dem Präsidenten der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Herrn Peter de Mendelssohn, und der zuständigen Jury der Akademie, er gilt auch denen, die mir bei den Übersetzungen geholfen haben. Jede meiner Übersetzungen wurde von mindestens einem Menschen, meist von mehreren, behutsam kritisch durchgearbeitet − die älteren von meiner ersten Frau bis zu ihrem Tod vor bald fünf Jahren, die neueren von meiner zweiten, der eigene literarische Tätigkeit und russische Sprachkenntnisse hierbei zustattenkommen. Die von Jefim Etkind genannten Bücher sind für diese Mitarbeit besonders symptomatisch: bei der ersten Fassung einiger Paustowski-Erzählungen hat meine erste Frau geholfen, sie hat auch die Auswahl für das Buch mitgetroffen, die zweite, nun veröffentlichte, wurde von meiner zweiten Frau verbessert. Die Entscheidung, den schwierigen Sokolow zu übersetzen, traf mit mir meine erste Frau, an der Endfassung redigierte mit poetischem Stilgefühl meine zweite. Weitere Helfer-Universitätsmitarbeiter, Freunde, Verlagslektoren − wechselten, aber sie sind für das Gelingen ähnlich wichtig. Auch ihnen spreche ich heute meinen Dank aus. Schließlich freue ich mich, daß mein Vater, Hermann Kasack, vom Präsidenten und von Jefim Etkind in ihre Worte einbezogen wurde. Auch er steht mit diesem Übersetzerpreis in Verbindung. In der Mitte der zehn Jahre, die er dieser Akademie in ihrer Aufbauzeit als Präsident vorgestanden hat, wurde der Übersetzerpreis gestiftet. So möchte auch ich seiner heute hier dankbar gedenken − die erste Übersetzung ist übrigens noch gemeinsam mit ihm entstanden. Ich bin glücklich in dem Erleben, wie viele von Ihnen jetzt mit meiner Mutter und mir ihre Gedanken zu dem Autor der »Stadt hinter dem Strom« richten.
Aus meinem Dank an meine Helfer ging vielleicht hervor, daß ich mir bei den Übersetzungen Zeit für das Bearbeiten, das Überprüfen und das stilistische Feilen lassen konnte. Durch meinen Beruf als Hochschullehrer bin ich frei in der Entscheidung, wieviel Zeit ich einer Übersetzung widme. Das ist ein seltenes, der Sache sehr dienliches Geschenk. Für mich verbindet sich das Übersetzen mit dem Hauptberuf − der Beschäftigung mit der russischen Literatur. Da kann es für mich auch nicht jene künstliche Grenze geben, die sowjetischerseits auf gestellt wird: hier anerkannte »Sowjetliteratur«, dort a priori minderwertige Emigrations- oder verbotene Literatur. Es gibt nur eine russische Literatur, und zu deren Verständnis und Verbreitung will ich beitragen.
Aus den Reden meiner Vorgänger sind Ihnen viele Probleme des Übersetzens und der Übersetzer vertraut, so daß ich mich hüten möchte, oft Gehörtes zu wiederholen. Doch nicht jedem mag bekannt sein, wie anders es in mancher Hinsicht um das Übersetzen in Rußland steht. Dazu ein paar Worte.
Die russische Nationalliteratur entstand erst zu Beginn des vorigen Jahrhunderts. An ihrer Wiege steht die Übersetzungsliteratur. In Wassili Shukowski hat die russische Literatur einen genialen Übersetzer, der sowohl die Literatur der Antike als auch die der westeuropäischen Klassik und Romantik für den russischen gebildeten Leser nachdichtete. Bürgers »Lenore« ist ein klassisches Beispiel der Literaturgeschichte geworden − nicht nur für die Einführung der Ballade in die russische Literatur, auch für die Haltung dieses Übersetzers. Es gibt drei Fassungen der Bürgerschen Ballade: eine erste, die − typisch für Shukowski − auch die geringste sexuelle Anspielung, wie sie hier im Wort »Brautbett« liegt, umging und das Original gelegentlich eigenen Vorstellungen unterordnete, eine zweite, freie Nachdichtung, die aus Lenore eine russische Swetlana macht, und eine dritte, die unserem heutigen Ideal der dichterischen Übertragung, die sich dem Geist des Originals ganz unterordnet, am nächsten kommt.
Auf Shukowski baute Rußlands größtes Dichtergerffe der Romantik, Alexander Puschkin, auf. Auch Puschkin hat viel übersetzt, aber in ihm ist der eigene Gestaltungsdrang so groß, daß demgegenüber Dichtungen im Geiste anderer Literaturen überwiegen. Dostojewski hat in seiner berühmten Rede, die er vor 100 Jahren (8.6.1880) gehalten hat, erklärt: »Nur Puschkin besitzt vor allen Dichtern der Welt die Fähigkeit, sich vollständig in den Geist einer fremden Nation zu versetzen.« Shakespeares Italiener seien Engländer geblieben, Puschkins Spanier aber seien Spanier geworden, seine Nachdichtungen aus dem Koran sprächen aus dem Geist des Korans selbst. Puschkin hat in seinem Schaffen jene Integration fremden Geistesguts vollzogen, die der Übersetzer sonst als Katalysator erstrebt.
Eine zweite solche Welle der Übersetzung und Rezeption außerrussischer Literaturen hat es um 1900, in der Zeit des russischen Symbolismus gegeben. Ich denke an Brjussow und Balmont oder − Puschkin näher und der Übersetzung ferner − an Alexander Blok.
Die zweite Besonderheit des Übersetzens in Rußland sehe ich darin, daß die heutige Sowjetunion wie seinerzeit das zaristische Rußland ein Vielvölkerstaat ist. Viele Völker mit eigener Sprache und oft erheblich älterer Kultur als die der herrschenden russischen Macht sind in diesem Staat zusammengefaßt. So hat sich etwas entwickelt, was wir sonst in der Welt nicht kennen: eine inländische Übersetzerkultur. Armenische, georgische, kasachische, ukrainische, estnische, lettische, litauische Literatur − um nur einige Beispiele zu nennen − muß ins Russische übersetzt werden, um die Mehrzahl der Bevölkerung im eigenen Land zu erreichen. Und nicht nur im eigenen Land. Der Weg in die Weltliteratur führt für diese Literaturen heute praktisch über das Russische. Die heutige Schriftstellergeneration dieser nichtrussischen Völker ist daher oft schon zweisprachig schöpferisch tätig. Ich denke z. B. an Tschingis Ajtmatow, Wassili Bykow oder Gennadi Ajgi − um Autoren zu nennen, die auch bei uns durch Übersetzungen bekannt sind. Als kirgisischer, weißrussischer oder tschuwaschischer Schriftsteller haben sie ihren Zugang zur Weltliteratur nur über das Russische gefunden.
Die dritte Besonderheit ist eher politisch begründet. Das Sowjetsystem erhebt den Anspruch, geistiges Leben politisch zu lenken. Literatur − das ist die erste Maxime des sogenannten sozialistischen Realismus − ist der Politik untergeordnet, sie wird nach dem Prinzip der sogenannten Parteilichkeit (partijnost) gelenkt. Was gut und was schlecht ist, was veröffentlicht oder was verschwiegen wird, wo gekürzt und wo belassen wird − das entscheidet ein Zensor. Dieser totalitäre Lenkungsanspruch führte und führt ständig weiter zum Unterdrücken einzelner Autoren. Unterdrücken heißt: nicht veröffentlichen, also der Leserschaft, des jedem Schriftsteller notwendigen Echos und der Einnahmen berauben. Eine der größten russischen Lyrikerinnen, Anna Achmatowa, konnte von 1922 bis 1940 und von 1946 bis 1958 keinen Band mit eigenen Gedichten veröffentlichen. Nach 1946 wurde sie zur Übersetzerin. Ähnlich ging es Boris Pasternak, der sich ab 1936 von eigenem Schaffen auf Übersetzungen zurückzog.
Über Anna Achmatowa hat Lidija Tschukowskaja jetzt ihre Tagebücher veröffentlicht. Sie geben auch einen Einblick in Fluch und Segen dieser Übersetzungstätigkeit, die zum Ersatz für eigenes − von der allmächtigen Regierung unterdrücktes − Schaffen wird. Achmatowa mußte zur Übersetzung annehmen, was ihr ein Lektor zudiktierte. Selbst bei größeren Arbeiten übersetzte sie ohne Vertrag, erfuhr erst nachträglich die Höhe des Honorars. Einmal, am 1. August 1952, fragte Lidija Tschukowskaja: »Erinnern Sie sich, es ist lange her, in Leningrad, da sagten Sie mir einmal, daß Sie nie übersetzen würden«. »Ja«, hatte Anna Achmatowa geantwortet und mit langsamer Stimme fortgesetzt: »Jetzt ist mir das schon ganz gleich. Aber in einer schöpferischen Phase darf ein Lyriker natürlich nicht übersetzen. Das ist dasselbe, als ob er sein eigenes Gehirn verzehrt.«
Aus Tschukowskajas Tagebuch erkennen wir, wie das Denken Anna Achmatowas in dieser Zeit ganz um die Übersetzungen kreiste, wie sie tatsächlich eigenes Schaffen immer mehr verdrängte. Von einem bedeutenden russischen Lyriker unserer Tage hörte ich Ähnliches. Er muß, um zu existieren, übersetzen, denn Eigenes wird zur Veröffentlichung nicht freigegeben. Inzwischen spürt er, wie sein Talent als Lyriker verdorrt. Mag der Grund mehr in der Echolosigkeit als im erzwungenen Übersetzen liegen: Tatsache ist, daß diese Lyriker das Übersetzen nicht als bereicherndes Element − wie ich selbst −, sondern als zerstörendes ansahen.
Der Pasternakschen Übersetzungstätigkeit − ebenfalls einer Folge seiner zeitweiligen Unterdrückung als Dichter − verdankt der russische Leser unter anderem Shakespeares Sonette, Goethes »Faust« und georgische Lyrik. Vielleicht verdankt andererseits er selbst seinem Übersetzen dieser Lyrik aus der Sprache Stalins sein Überleben. Zweifellos verdankte Pasternak selbst dem Übersetzen die finanzielle Grundlage seiner Existenz.
Selbst für die Sowjetunion relativ kleine Auflagen sind nach unseren Vorstellungen enorm groß. Angesichts der hohen Bevölkerungszahl können Übersetzer in diesem Land von ihren Honoraren durchaus leben, zum Teil recht gut. Es gibt manche Autoren, die angesichts des Zwangs, bei allem Eigenen auf den Zensor zu schauen, jahrzehntelang nur übersetzt haben. Arseni Tarkowski, berühmt durch Übersetzungen orientalischer Klassiker, brachte 1962 mit 55 Jahren seinen ersten eigenen Band heraus. Semjon Lipkin, berühmt als Übersetzer mittelasiatischer Epen, war 56 Jahre alt, als er 1967 zum ersten Mal einen eigenen Band veröffentlichen konnte. Heute ist er infolge der Metropolaffäre nicht mehr Mitglied des Schriftstellerverbandes der UdSSR und somit der Einnahmemöglichkeit auch als Übersetzer beraubt. Der bedeutende russische Übersetzer von Dantes »Göttlicher Komödie«, Michail Losinski, war zunächst akmeistischer Lyriker wie Mandelstam, Gumiljow und Achmatowa gewesen.
Die russische Literatur ist ungewöhnlich reich an übersetzenden Dichtern, ist ungewöhnlich reich an hervorragenden Übersetzungen der Weltliteratur. Vergessen wir nicht den hohen Preis, den viele dieser Übersetzer haben zahlen müssen.
Als vierte und letzte Besonderheit von Übersetzungen in Rußland weise ich auf ein Schicksal hin, das zunächst normal scheint: Ein Mann, der von Kind auf deutsch las und sprach, der deutsche Literatur liebte, übersetzte einige von ihm besonders geschätzte Autoren, in seinem Fall Rilke und Erich Kästner, übersetzte viel und sehr gut. Es handelt sich hier um Konstantin Bogatyrjow. Aber das Besondere liegt im Detail.
Bogatyrjow wurde unter ungewöhnlichen Umständen zum Übersetzer. 1951 unter der wahnwitzigen Beschuldigung zum Tode verurteilt, er habe den Kreml sprengen wollen, dann zu 25 Jahren Lagerhaft begnadigt, erinnerte er sich im Lager an Kästner-Gedichte, hörte von Lagerinsassen Rilke-Lyrik und übersetzte beides mit der Spitzhacke in der Hand: geistiges Erleben und geistige Tätigkeit als Kraft zum Überleben, so wie sie der Ursprung unseres Seins überhaupt ist. 1956 infolge der Chruschtschow-Politik entlassen, wählte er zur Lebensaufgabe, was ihm das Leben rettete: das Übersetzen. Die Rilke-Verehrung brachte ihm Pasternak nahe, der Einsatz für unsere deutsche Literatur führte ihn in Kontakt mit Max Frisch, Heinrich Böll, Hans-Werner Richter, Erich Kästner. Nie konnte er eine Einladung nach Deutschland annehmen, hier ging es ihm genauso schlecht wie den beiden russischen Gelehrten − und Übersetzern −, die heute unter uns sind: Lew Kopelew und Jefim Etkind. Was haben diese drei für die Verbreitung unserer Literatur in der Sowjetunion getan! Doch den persönlichen Kontakt mit unserem Land haben diese als Ausgewiesene, jener nie.
Da ist noch ein Detail, das diese drei (und Tausende andere sowjetische Autoren) miteinander verbindet und von unseren Schriftstellern und Übersetzern abhebt: Sie können ihre eigenen Bücher nicht kaufen. Bogatyrjow schrieb einmal an einen deutschen Freund, er besäße noch kein Exemplar seiner Übersetzung (es handelte sich um den Rilke-Band von 1976), in der Provinz sei das Buch verkauft, in Moskau noch nicht ausgeliefert, er bekäme fünf Autorenexemplare, und im Buchhandel würde es nie zu bekommen sein: vergriffen vor Erscheinen, Mißverhältnis von Auflage und Nachfrage.
Und das Letzte von Bogatyrjow, dem Übersetzer: er lebt nicht mehr. Vor fünf Jahren − es war um diese Jahreszeit, genau am 26. April − wurde er vor seiner Wohnung totgeschlagen. Fachleute sagen, es war das Werk von Berufsmördern. Alle Freunde und Kenner seiner Person sind sich einig, daß so geheime staatliche Polizeien handeln. Persönliche Feinde hatte er nicht. Beraubt wurde er nicht. Der Leser in der Sowjetunion ist seitdem um einen seiner bedeutendsten Übersetzer ärmer. Auch wir Deutschen haben verloren: Wir haben einen bedeutenden Vermittler unserer Literatur in der Sowjetunion weniger.
Er sollte heute hier an meiner Stelle stehen, dann ginge der Preis in diesem Jahr an einen ausländischen Übersetzer unserer Literatur. Er hätte Ihren Johann-Heinrich-Voß-Preis verdient.
So danke ich für die Verleihung und verneige mich auch vor Kostja Bogatyrjow, dem Ermordeten, der nicht mehr übersetzen kann. So bin ich meinem Schicksal dankbar, daß ich unter so viel besseren Bedingungen übersetzen darf. Darin sehe ich auch eine Verpflichtung. Bogatyrjow und ich, wir dienten demselben Ziel: der Brücke zwischen der deutschen und der russischen Kultur.