Johann-Heinrich-Voß-Preis

Der Johann-Heinrich-Voß-Preis wird seit 1958 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung »für hervorragende Leistungen auf dem Gebiet der Übersetzung«, verliehen. Vor allem werden Übersetzungen literarischer Werke in die deutsche Sprache ausgezeichnet. Der Preis wird jährlich während der Frühjahrstagung der Deutschen Akademie vergeben. Seit 2002 beträgt die Dotation 15.000 Euro.

Preisträger

Willa Muir

Willa Muir

Schriftstellerin und Übersetzerin
Geboren 13.3.1890
Gestorben 22.5.1970

Johann-Heinrich-Voß-Preis 1959
Laudatio von Hans Hennecke
Dankrede von Willa Muir
Urkundentext

Edwin und Willa Muir, deren Übertragungen deutscher Prosa in das Englische kongeniale Einfühlungskraft und Sprachsensibilität verraten...

Jurymitglieder
Die Mitglieder der Kommission und des Erweiterten Präsidiums

 

Lassen Sie mich Ihnen zunächst von ganzem Herzen Dank sagen für die große Ehre, die Sie den Muirs erwiesen haben. Wir haben, mein Mann und ich, im Lauf der Zeit so allerlei übersetzt, und ich bin froh, daß einiges davon immer noch gelten soll. Eine Freude ist es auch für mich, daß Sie in die Ehrung das literarische Schaffen Edwin Muirs einbeziehen und die Lyrik, die er, mein lieber Mann, geschrieben hat. Er war ein großer Dichter, glaube ich, und wird wohl vor allem um dieser seiner Dichtungen willen in Erinnerung bleiben, obwohl er auch ein guter Literaturkritiker und Buchbesprecher war. Wenn Sie mich recht verstehen wollen: er war ein Mann der Hingebung: hingegeben der Sache der Literatur, die für ihn der Atem des Lebens war; und er ist der Ehre würdig, die Sie ihm erweisen.
Ich muß nun wohl vom Übersetzen sprechen; aber ich möchte keine Theorien darüber aufstellen, ich habe immer gefunden, daß Übersetzen mehr eine Sache der lebendigen Erfahrung ist als ein Gegenstand der Analyse. Meiner Ansicht nach ist es verfehlt, spezielle Regeln des Übersetzens festzulegen: Kein Buch ist dem anderen gleich, und eine Übersetzung muß sich von der ändern unterscheiden. Natürlich gibt es viele spezielle Probleme beim Übersetzen. Die nahe Verwandtschaft zwischen der deutschen und der englischen Sprache z. B. ist höchst irreführend. Der deutsche Satzbau ist ganz verschieden vom englischen; und das gleiche gilt von der Struktur der Absätze. Auch die Tonlage ist verschieden. Die Atmosphäre ist eine andere. Ebenso der allgemeine Hintergrund. Sogar die Gedanken nehmen jeweils andere Form an. Das sind Probleme, denen sich jeder Übersetzer aus einer Sprache in eine andere gegenübersieht. Aber ich möchte sie keiner Analyse unterziehen, und ich will Ihnen auch sagen warum. Jetzt nur das Eine, daß man gut nur in die eigene Muttersprache übersetzen kann - in die Sprache, die man sich in der Kindheit unbewußt zu eigen gemacht hat. Ich denke dabei nur an Werke der Literatur. Eine wissenschaftliche Abhandlung kann man sicher auch durch eine Maschine in eine andere Sprache übertragen, wie es zur Zeit versucht wird; die Maschine wird für jede einzelne Aussage eine Entsprechung liefern, nur wird das Ergebnis nicht das sein, was ich eine Übersetzung nenne.
Ich habe vorhin gesagt, daß ich Übersetzen als eine Sache der lebendigen Erfahrung erkannt habe, und da möchte ich Ihnen nun etwas über diese lebendige Erfahrung sagen, wie mein Mann und ich sie gemacht haben.
Wir sind förmlich durch Zufall dazu gekommen, aus dem Deutschen zu übersetzen. Wir waren zum ersten Mal auf dem Kontinent, hatten Großbritannien zum ersten Mal in unserem Leben verlassen, weil wir Europa und seine Menschen kennenlernen wollten, und weil mein Mann von einem New Yorker Wochenblatt den Auftrag erhalten hatte, jeden Monat ein paar Aufsätze zu liefern, von denen wir hofften, leben zu können. Wir wollten nicht gewöhnliche Reisende sein, sondern möglichst viele Länder möglichst gründlich kennenlernen; darum blieben wir niemals kürzer als ein halbes Jahr in einem Lande, und bisweilen ‒ wie etwa in Deutschland ‒ auch länger. Erwähnt sei, daß wir ein klein bißchen Französisch, aber gar kein Deutsch konnten.
Wir lebten anderthalb Jahre in der Gartenstadt Hellerau bei Dresden und lernten dort Deutsch im Umgang mit der Dorfbevölkerung, in der Waldschenke und von den Dalcroze-Schülerinnen; wir lasen auch deutsche Bücher, darunter Kleist und Hölderlin, die mein Mann besonders liebte. So eigneten wir uns ein ganz leidliches und vor allem lebendiges Deutsch an, aber an Übersetzen dachten wir beileibe nicht. Einige Zeit darauf, wir waren nach Österreich übergesiedelt, stellte das New Yorker Wochenblatt sein Erscheinen ein, und wir saßen ohne Geld da. Aus blauem Himmel kam ein Telegramm von einem New Yorker Verleger, er bot uns gute Dollars an, wenn wir ihm etliche Dramen von Gerhart Hauptmann in englischen Blankvers übertrügen. Wir gaben die einzige Antwort, die wir uns leisten konnten: wir sagten »ja« und gingen an die Arbeit. Damals hatte mein Mann überhaupt keine Erfahrung im Übersetzen, er hatte es nie getan; und meine Erfahrung beschränkte sich auf das Übersetzen lateinischer und griechischer Klassiker, wie man es auf der Schule und der Universität betreibt. Wir waren also völlige Dilettanten: zwei unschuldsvolle Laien, die sich in unbekanntes Gelände wagten. Der einzige Grundsatz, auf den wir uns verließen, war der: den Sinn so genau wiederzugeben, wie wir es vermochten, und darauf zu sehen, daß das, was herauskam, auf Englisch natürlich klang. Ich habe mir diese Hauptmann-Übertragungen nie wieder angesehen, und ich glaube, ich müßte erröten, wenn ich es jetzt täte.
Nach diesem waghalsigen Beginn übersetzten wir auch andere Werke, immer im Auftrag und weil wir das Geld brauchten. Wir waren mittlerweile wieder in England, nachdem wir uns in Prag, Dresden, Hellerau, Salzburg, Wien und Norditalien aufgehalten hatten. Die Übertragungen ins Englische, die wir herausbrachten, lasen sich wie gutes Englisch, aber hinsichtlich ihrer Treue den Urtexten gegenüber bin ich mir nicht so sicher. Da diese Bücher keinen literarischen Rang besaßen, erlaubten wir uns Freiheiten mit unseren Autoren, immer mit Rücksicht auf den englischen Leser. Wo ein Satz uns überladen schien, ließen wir ganz einfach aus, was uns überflüssig vorkam: das heißt, wir ließen es uns angelegen sein, die Urtexte zu verbessern, sie den Engländern schmackhafter zu machen ‒ eine schlimme Sünde für einen Übersetzer! Aber nach dieser unverantwortlichen Lehrzeit gewannen wir allmählich einige Übung im Übersetzen; und wenn wir ein literarisch wertvolles Buch vor uns hatten, gaben wir uns Mühe, nicht nur den Sinn, sondern auch den Stil des Originals wiederzugeben, uns mit seinem inneren Wesen vertraut zu machen und uns für das empfänglich zu machen, was ich als die Atmosphäre bezeichnen möchte. Das kostete viel mehr Zeit, aber es lohnte auch die Mühe. Wir kamen dahinter, daß wir Bücher herausbringen mußten, die man als Literatur und nicht bloß als »Übersetzung« erkennen konnte, sowie wir nämlich überzeugt waren, daß der Urtext es lohnte. Lassen Sie mich Ihnen sagen, daß es für einen Übersetzer entmutigend ist, Kraft zu verschwenden auf die Wiedergabe eines Werkes, das in sich nichts taugt; daß aber nichts so beglückt, wie ein gutes Original wirklich zu übersetzen. Es war für uns die reine Freude.
Nach und nach begannen die Verleger uns um Rat zu fragen, welche Bücher man übersetzen sollte; und mitunter empfahlen auch wir Bücher, von denen die Verleger noch gar nichts wußten. Der nächste Schritt für uns war, einem Verleger gut, ja manchmal auch gewaltsam zuzureden, daß er dieses und jenes Buch annehmen sollte, das der englischen Welt zu vermitteln wir für seine Pflicht hielten. Auf diese Weise brachten wir es nach vielen Jahren so weit, einem Verleger beizubringen, er solle, ja er müsse Franz Kafkas Werke veröffentlichen. So fingen wir an, mit Kafka zu leben.
Was hat uns so besonders zu Kafka hingezogen? Hier muß ich wohl ein persönliches Wort über uns beide sagen. Mein Mann kam von den entlegenen Orkneys, und meine Familie von den noch entlegeneren Shetland-Inseln. Auf diesen Inseln lebt man noch buchstäblich in der Welt der Märchen und Legenden, einer Welt abergläubischer Vorstellungen, des Mythos und der Fabel.
Es gibt dort keine scharfe und feste Grenzlinie zwischen dem Gefühl und dem bewußten Denken, nichts von der Schizophrenie, die unsere städtische Zivilisation heimsucht. Die Worte sind noch mit Empfindung gesättigt, wie bei den Kindern, wenn sie sprechen lernen. Die Inselbewohner sind einfache Menschen, sehr intelligent, aber nicht hyperintellektuell; und ich glaube, mein Mann und ich haben ‒ ja, wie soll ich sagen? ‒ eine nervliche Anlage geerbt, die sich mit dem hyperintellektuellen Betrieb des modernen Lebens schlecht vertrug. Unser Gefühlsleben war stark und tief und färbte auf unser gesamtes Denken ab. Diese fundamentale Einfalt bei uns beiden war wohl der Grund, warum so viele Menschen meinem Mann nach seinem Tode das nachgerühmt haben, was sie seine Unantastbarkeit, seine Integrität nannten. Er war tatsächlich aus einem Stück; er war keine gespaltene Natur; er war ein Mann von den Inseln.
Ein Ergebnis dieser ererbten Anlage war unser Interesse an der Traum- und Bilderwelt.
Wir nahmen unsere Träume sehr ernst und beobachteten sie ‒ die Träume, die ‒ unerschöpflich, dachten wir ‒ greifbare Verkörperungen bestimmter Gefühlszustände in uns schufen. Wußte man zum Beispiel nicht, wie man sich in einer kritischen Lage verhalten sollte, so zeigte einem der Traum, wie man in einer Wirrnis von Irrwegen verloren stand ‒ Wegen, die alle voll von Details waren ‒ alle untereinander verschieden wie Wege am hellen Tag, alle von überzeugender Wirklichkeit. Empfand man Furcht oder Angst, so erschuf die Traumwelt zahllose Verkörperungen dafür ‒ für Furcht oder Angst. Und so fort! Die Traumwelt kleidete jeden Gefühlszustand, in dem man sich etwa befand, in die überzeugendste und mit höchster Klarheit gesehene Einzelvorstellung. Wir träumten beide viel, mein Mann fand öfters einmal die Anfangszeile eines Gedichtes im Traum. Deshalb hat Kafka unmittelbar zu uns gesprochen, weil er den Mechanismus der Traumwelt so exakt wiedergegeben hat. Seine Schriften waren konkrete Verkörperungen von Gefühlszuständen ‒ mit der endlosen Erfindungskraft, dem schnellen, fließenden Ablauf der Träume, auch ihrem koboldhaften Humor und ihren unerwarteten Wendungen. Und so begannen wir Franz Kafka zu übersetzen: immer mit einem Gefühl der Teilhabe.
Aber es war nicht leicht, in der Kafka-Welt zu leben. Nach und nach begannen Albträume uns heimzusuchen, die nur zu sehr an Kafka gemahnten. Kafka trat unmittelbar in unser Inneres ein. Ich glaube, dies geschieht immer, wenn man ein Werk der Literatur mit enthusiastischer Teilnahme übersetzt: man muß das Werk in sich aufnehmen, um ganz natürlich und ungezwungen die Worte zu finden, die es wiedergeben. Wir übersetzten also Kafka mit einer ähnlichen Schnelligkeit und einem ähnlichen Getragensein, wie es seine Arbeit auszeichnet. Ich will damit nicht sagen, daß unsere Übersetzungen vollkommen waren: das waren sie sicherlich nicht; aber sie vermittelten etwas von Kafkas Wesen.
Man hat uns oft die Frage gestellt, wie wir es mit unserer Zusammenarbeit hielten. Alles in allem, glaube ich, nahm man an, ich hätte eine Rohübersetzung hergestellt, und mein Mann hätte sie ausgefeilt; oder vielleicht auch, er hätte die Übersetzung gemacht, und ich hätte bloß die Korrektur gelesen. Natürlich kann man das: eine Rohübersetzung anfertigen und sie dann später ausfeilen; aber so entsteht keine gute Übersetzung. Die Worte, die Sätze müssen in dir selbst entstehen, und zwar jeweils als ein Ganzes, bereits geformt ‒ oder die Übersetzung ist ein lebloses Stück Gehirnarbeit. Wir machten es so: wir lasen jeder für sich das Buch gründlich durch und sprachen darüber; dann rissen wir es in zwei Hälften, und mein Mann übersetzte die eine Hälfte und ich die andere. Dann nahm ich mir seine Übersetzung vor und ging sie sorgfältig durch, fügte Änderungen ein, wenn es mir ratsam schien; und er verfuhr ebenso mit meiner Übersetzung. Ich glaube, er hatte vor mir ein größeres Feingefühl in Fragen des Stils voraus, ich war dafür genauer als er. Jedenfalls konnte man, wenn beide Hälften zusammengefügt waren, keinen Unterschied mehr zwischen ihnen erkennen.
Ich hoffe, ich habe nun klargemacht, warum ich sage, daß Übersetzen mehr Sache lebendiger Erfahrung ist als Gegenstand der Analyse. Und wenn mich jemand fragt, wie man eine Übersetzung macht, nun, so würde ich die Antwort geben: »Übersetzen ist wie das Leben selber: solvitur ambulando. Zu deutsch etwa: Mach dich nur auf den Weg, so wird’s dir schon gelingen.«

(Deutsch von H. Hennecke.)