Johann-Heinrich-Voß-Preis

Der Johann-Heinrich-Voß-Preis wird seit 1958 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung »für hervorragende Leistungen auf dem Gebiet der Übersetzung«, verliehen. Vor allem werden Übersetzungen literarischer Werke in die deutsche Sprache ausgezeichnet. Der Preis wird jährlich während der Frühjahrstagung der Deutschen Akademie vergeben. Seit 2002 beträgt die Dotation 15.000 Euro.

Preisträger

Roswitha Matwin-Buschmann

Roswitha Matwin-Buschmann

Übersetzerin
Geboren 20.6.1939
Mitglied seit 1994

Johann-Heinrich-Voß-Preis 1993
Laudatio von Karl Dedecius
Dankrede von Roswitha Matwin-Buschmann
Urkundentext

Ihre Übersetzungen aus slawischen Sprachen, vor allem aus dem Polnischen, zeichnen Genauigkeit und Leidenschaft aus.

Jurymitglieder
Kommission: Hanno Helbling, Friedhelm Kemp, Lea Ritter-Santini, Michael Walter, Hans Wollschläger

Mitglieder des Erweiterten Präsidiums

Berlin − Warschau − Berlin

LAUDATOR
Karl Dedecius
Geboren 20.5.1921
Gestorben 26.2.2016
Übersetzer

Die Laudatio auf Roswitha Matwin-Buschmann, eine Übersetzerin-Kollegin, die Würdigung ihrer Leistung ist mir aus mehreren Gründen eine Freude.
Fast wäre es uns in der sogenannten alten, vielleicht etwas alt gewordenen, etwas ältlichen, vielleicht sogar veralteten Bundesrepublik aus dem Blickfeld geraten, daß es jenseits der inzwischen abgetragenen Mauer aus Beton und der noch nicht abgetragenen Mauer aus Bedenklichkeiten − unser Kollege Drosdowski erklärt das Wort in seiner neuesten Duden-Ausgabe mit »Verdächtigkeit, Fragwürdigkeit, Zweifelhaftigkeit« −, daß es also jenseits der widerspenstig vielfachen, konkreten wie imaginären Mauer auch Übersetzer gab und gibt, die Beachtliches, ja Vorzügliches leisten. (Ich maße mir ein Urteil an, weil ich die in der damaligen DDR edierten Übersetzungen aus den slawischen Sprachen jahrzehntelang interessiert verfolgt, verglichen, genutzt und auch gefördert habe.)
Was die literarischen Übersetzungen aus dem Polnischen betrifft, so gibt es, grob gesehen, zwei Gruppen, zwei Generationen, die dieses Handwerk, als Kunst oder als Geschäft, betreiben. Die erste Übersetzergeneration bilden die Evakuierten, Flüchtlinge, Vertriebenen, Umsiedler − Streugut des 2. Weltkriegs −, die seinerzeit zweisprachig aufwuchsen, lebten, die in zwei Kulturen heimisch waren; manche sogar in mehreren, wie Paul Celan zum Beispiel in der deutschen, jüdischen, rumänischen, russischen. Diese Generation, zur Mittlerschaft geradezu geboren, genuin verpflichtet, ist heute siebzig Jahre alt und stirbt aus.
Die zweite Übersetzergeneration, die um zwanzig oder noch mehr Jahre jüngere, hat eine andere, eine normale Biographie. Die Zweisprachigkeit und die Doppelkultur sind ihr nicht als Erbmasse, als Schicksal aufgebürdet, sondern als wissenschaftliches oder künstlerisches Interesse gegeben, eines aus freier Wahl, als Neu-Gier zugewachsen, nicht angeboren.
Eine Repräsentantin dieser zweiten Generation ist Frau Roswitha Matwin-Buschmann. In Trier als Tochter eines Musikers, knapp vor Ausbruch des 2. Weltkriegs, geboren, wurde sie mit ihrer Mutter 1943 nach Zittau in Ostsachsen evakuiert, wo sie im deutsch-polnisch-tschechischen Dreiländereck an der Oberschule Russisch und als zweite Fremdsprache Polnisch gelernt hat. Diese beiden Sprachen wurden dann auch ihr Studienfach an der Karl-Marx-Universität Leipzig.
Nach ihrem Examen als Diplom-Dolmetscherin arbeitete sie von 1961 bis 1964 für das Außenministerium der DDR, und zwar als Dolmetscherin am DDR-Konsulat in Breslau und kurz danach als Chefdolmetscherin an der DDR-Botschaft in Warschau. 1964 schied sie auf eigenen Wunsch aus dem Staatsdienst aus, um als Lektorin, Übersetzerin und Beraterin für die ostdeutschen Verlage zu arbeiten: für den Verlag Das Neue Berlin / Eulenspiegel und danach für den Aufbau-Verlag Berlin-Weimar. Hier erschienen auch ihre ersten literarischen Übersetzungen wie »Der Unbesiegbare« von Stanislaw Lem 1966.1970 löste sie auch dieses Angestelltenverhältnis; seitdem arbeitet sie als literarische Übersetzerin freiberuflich.
Roswitha Buschmanns Werkverzeichnis umfaßt inzwischen rund 40 Prosawerke − Romane, Erzählungen, Stücke − aus dem Polnischen und Russischen, daneben zahlreich das Kleingebäck der Dolmetscherei: Gutachten, Beiträge für Sammelwerke u.ä. Seit 1984 ist Frau Buschmann in zweiter Ehe mit dem polnischen Mathematiker, Mitglied der Akademie der Wissenschaften, Witadysław Matwin verheiratet, mit dem sie unter anderem die Vorliebe für ausgedehnte Wanderungen und für Bäume teilt. Das hat auch etwas mit ihrem Literaturverständnis und ihrem Wahlprinzip als Übersetzerin zu tun: Jeder Baum ist anders und jede Wanderung eine Erkundung, ein Abenteuer. So wandert sie zwischen ihren zwei Sprachen, zwei Wohnungen, zwei Welten, der einen in Berlin und der anderen in Warschau, wo ihre beiden Aussichtstürme stehen, hin und her. Seit 1991 hat Frau Buschmann in Warschau noch einen dritten Schreibtisch: Sie ist halbtags für das dortige Goethe-Institut tätig.
Überschaut man die von Frau Buschmann übersetzten Werke, so fällt ihr Mut bei der Wahl der sehr unterschiedlichen Autoren auf. Fast stets sind die Texte von hohem Schwierigkeitsgrad. Die Übersetzerin kapituliert nicht vor Angst einflößenden Risiken, sie scheint diese geradezu zu suchen. So hat sie sich auch in kurzer Zeit zum polonistischen Profi für das Schwierige profiliert. Ich nenne nur einige der Autoren ihrer Wahl: Bolesław Leśmian, den hintergründigen, sprachlich leicht verletzbaren Symbolisten, Stanisław Przybyszewski, den mit diabolischer Prosa um sich hauenden Zigeunerbaron der Krakauer Boheme um 1900, den subtilen Romantiker Juliusz Słowacki, einen der drei Dichter-Propheten der polnischen klassischen Literatur, aber dann gleich auch Stanislaw Ignacy Witkiewicz (Witkacy) mit seiner exzessiven Phantasie oder, ganz anders, Tadeusz Nowak, bei dessen Roman »Und wenn du König und wenn du Henker bist« ein Stoß Lexika zur polnischen Bauernsprache, Landkultur, Geschichte und Mythologie durchstöbert werden mußte; oder Janusz Andermans, des Chronisten der Solidarność und der Wende, Erzählungen »Randland der Welt« − Erzählungen, die, von Frau Buschmann (wie die Süddeutsche Zeitung am 30./31....93 schrieb) »kongenial übersetzt«, im Literarischen Colloquium 1992 erschienen sind. Auch andere ihrer Arbeiten haben westdeutsche Verlage übernommen, z. B. DVA, Luchterhand, Insel und Suhrkamp. Das Darmstädter Deutsche Polen-Institut hatte seinerzeit keinen Augenblick gezögert, Frau Buschmann die Übertragung sämtlicher Prosatexte für die Sammelwerke »Polnischer Barock« und »Polnische Renaissance« in ihrer bei Suhrkamp verlegten »Polnischen Bibliothek« anzuvertrauen.
Wir Polonisten im Westen hatten keine Berührungsängste − vor dreißig Jahren schon nicht, als diese Ängste, diese »Bedenklichkeiten«, auf unserem Breitengrad und in unserem politischen Klima allgemein üblich waren −, mit den Kollegen jenseits der Mauer, wie Prof. Wiktor Falkenhahn, dem Polonisten der Humboldt-Universität, oder seinen Nachfolgern Alois Hermann und Heinrich Olschowsky oder den Übersetzern Dietrich Scholze, Henryk Bereska und vielen anderen, Kontakte zu pflegen und zusammenzuarbeiten. Bücher kennen keine Grenzen, und die Polonisten in Ost und West haben auf ihrem Gebiet die Überwindung dieser Grenzen recht früh, schon in den fünfziger Jahren praktiziert.
Frau Buschmann ist eine couragierte Übersetzerin. Stanislaw Lems futurologische Stilakrobatik und seine Worterfindungen sind keine leichte Sache, aber vollends schwierig wird es, wenn man sich vornimmt, ein Buch wie Kazimierz Brandys’ »Variationen in Briefen« zu übertragen. Brandys’ reizvoller Einfall, Polens Geschichte aus ironischer Distanz in stilisierten Briefen der Väter an ihre Söhne und der Söhne an ihre Väter im Verlauf mehrerer Epochen, von den Jahren 1770 bis 1970, atmosphärisch treu einzufangen, ist ein Bravourstück. Diese Briefe zu übertragen war ebenso eine Herausforderung wie die Chance zu einer Kür. Die sprunghaft wechselnde Lexik, Semantik, Etymologie und Stilistik der Briefe waren für die Übersetzerin eine harte Nuß, aber auch eine Lust. »Ich mag es, harte Nüsse zu knacken«, hat Roswitha Buschmann irgendwann in einem ihrer Interviews gesagt. Um diesem Brandys beizukommen, mußte sie sieben Monate lang in Bibliotheken in alten und neuen Büchern und Nachschlagewerken stöbern, von Grimmelshausen über Christian Reuters Schelmuffskys Warhafftige Curiöse und sehr gefährliche Reisebeschreibung Zu Wasser und Lande a.D. 1696 − bis zur Lingua Tertii Imperii.

»Im Namen unseres Herrn Jesus Christus, A.D. 1770, im Monate Septembris, den 23ten, hertzallerliebster Sohn Kuba! ... dass der böse Geist in dich gefahren und du in Jampol bei den heiligen Bernhardiner=Patres insana mente in der Celle sitzest. Du mein Söhngen, armer Kerl und Kümmerniss meines Alters...
Des Nachts renne ich im Unterzeuge in der Stube herum, gehe mit meinen Gedancken ueber dein Ungemach zu Rathe und marthere mir mein aelterlich Hertz in wehmüthiger Turbulentio entzwey, wie das seyn kan, dass du die Süsse Unseres Heiligen Glaubens soltest vergessen haben und die christliche Tugendt gegen ein teufflisch Gestammel vertauschet...«

So ein Satz läßt sich nicht einfach daher- oder hineinübersetzen, das ist Schwerstarbeit und hohe Schule.
Ob eine Übersetzung gelungen ist oder nicht, erkennt man nicht vordergründig an den Wörtern oder an deren sinnvoller Folge, sondern an den vielen hintergründigen Details, an den Staccati, Legati, Flageoletti − wo der Finger der Interpretation die empfindsame Saite des Wortes mit dem Bogen des Satzes kaum berührt, scheinbar nur mit einem Härchen Annäherung streift, um die gewünschten Schwingungen hervorzuzaubern. Und dann die Fermaten, die Crescendi oder Diminuendi, ja auch die Pausen, auch die müssen übersetzt werden − was für eine Aufgabe und welche Lust dazu, wenn die Effekte gelingen.
Nach ihrem Berufsverständnis befragt, antwortet Frau Buschmann mit einem Wort: Ehrlichkeit. Sie will ganz einfach dem Autor, sich selbst und dem Beruf gegenüber ehrlich sein, wenn sie übersetzt. Dieser Beruf − Leidenschaft und Kalamität zugleich − ist ihr der schönste, den sie sich denken kann, nur − ihrer Tochter würde sie ihn nicht empfehlen.
Professionalität und Passion, diese beiden zusammen fuhren Frau Buschmann durch ihre drei Leben: das eine in Berlin mit ihrer Tochter, das andere in Warschau mit ihrem Mann und das dritte überall und nirgendwo: mit ihren Lesern und Verlagen auf der Suche nach dem gemeinsamen Nenner für das Doppelte, das Vielfache und doch immer für das Eine.