Johann-Heinrich-Voß-Preis

Der Johann-Heinrich-Voß-Preis wird seit 1958 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung »für hervorragende Leistungen auf dem Gebiet der Übersetzung«, verliehen. Vor allem werden Übersetzungen literarischer Werke in die deutsche Sprache ausgezeichnet. Der Preis wird jährlich während der Frühjahrstagung der Deutschen Akademie vergeben. Seit 2002 beträgt die Dotation 15.000 Euro.

Preisträger

Philippe Jaccottet

Philippe Jaccottet

Schriftsteller und Übersetzer
Geboren 30.6.1925
Mitglied seit 1986

Johann-Heinrich-Voß-Preis 1966
Dankrede von Philippe Jaccottet
Urkundentext

... insbesondere als Anerkennung seiner Übertragung des großen Romanwerkes von Robert Musil in die französische Sprache.

Jurymitglieder
Kommission: Rudolf Hagelstange, Hans Hennecke, Karl Krolow, Horst Rüdiger, Walter Franz Schirmer, W. E. Süskind

Mitglieder des Erweiterten Präsidiums

Für die Unsichtbarkeit des Übersetzers

Meine Damen und Herren, erlauben Sie mir, meinen kurzen Ausführungen ein Wort der Entschuldigung vorauszuschicken; es ist ein wenig unbehaglich, den Ruf eines passablen Übersetzers zu genießen und, was noch ärger ist, gar einen Preis dafür zu erhalten, und dabei zu allem Unglück die Sprache, aus der man übersetzt hat, so ungelenk zu sprechen. Ich bitte Sie deshalb um Nachsicht mit meinen Schwierigkeiten und denen, die ich Ihnen vielleicht bereite. Wollen Sie mir diese Nachsicht gewähren, so kann ich nun erleichterten Herzens der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung wie auch der Stadt Köln, die mir diesen Preis verliehen haben, meinen aufrichtigen Dank entrichten. Bisher war Köln nicht mehr als ein Name für mich, der mir vor allem aus einem Gedicht von Heine, das Schumann vertont hat, vertraut war:

»Im Rhein, im schönen Strome,
Da spiegelt sich in den Welln,
Mit seinem großen Dome,
Das große, heilige Köln.«

Ab heute aber wird diese Stadt mit sehr lebendigen und liebenswürdigen Bildern mir im Gedächtnis haften.

*

Meine eingangs angedeutete Verlegenheit stammt jedoch noch aus einem anderen, ernsteren Grunde. Vor Jahren schon, als man mich eingeladen hatte, in München über meine Erfahrungen als Übersetzer zu sprechen, habe ich mich dieser Aufforderung entzogen: mir schien damals, wie auch heute noch, daß ich solche Erfahrungen kaum besäße, jedenfalls nur wenig Interessantes mitzuteilen hätte über eine Tätigkeit, die ich doch so lange schon ausübte. Heute erklärt sich mir diese Scheu daraus, daß ich beschämt gestehen muß, auf diesem Felde viel zu leichtsinnig und ohne Vorbedacht gearbeitet zu haben... Nun aber soll ich, wohl oder übel, mich bereit finden, meine Schwächen und Fehler zu bekennen, ohne sie vor Ihnen beschönigen zu wollen.

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Versuchen wir’s denn, so gut als möglich.
Wenn ich einmal, vor nun schon zwanzig Jahren, zu übersetzen begonnen und dann bis heute weiterübersetzt habe, so geschah dies, wie immer, nicht aus einem einzigen, einfachen Grund, sondern aus mehreren zusammenhängenden Gründen, von denen folgende erwähnt seien:
Da war zuerst der mehr oder minder bewußte Wunsch, gewisse fremdsprachige Bücher aufmerksamer zu lesen, tiefer in sie einzudringen und mir ihren Reichtum gewissermaßen anzueignen. Zweitens: die dem Schriftsteller angeborene Lust, mit der Sprache zu spielen und dieses Spiel nun zwischen einem fremden, bereits vorhandenen und einem halb eigenen, noch unfixierten, gleichsam schattenhaft schwebenden Text zu treiben; ein um so verlockenderes Spiel, als die eigene schöpferische Kraft (wie ich bald einsehen mußte) keine übermächtig und freischaltend auf ihre Verwirklichung drängende war. Gewiß, das Wichtigste, damals wie heute, war mir immer mein eigenes dichterisches Schaffen (wie fragwürdig sein Rang und Wert auch sein mochten), aber ich erkannte schon damals, daß ich es niemals als eine Tag um Tag fortzusetzende Arbeit würde betreiben können und dürfen; daß es wohl immer nur die kurze, ungewisse, halb unwillkürlich hervorgebrachte Frucht der allzu seltenen inneren Sammlung und Ruhe sein würde; übrigens eher ein Zustand als eigentlich eine Arbeit.
Hinzu kam eine Anzahl eher banaler, materieller Motive. Man pflegt diese weniger edlen Motive meist mit Stillschweigen zu übergehen; ich fand jedoch, daß in den Briefen mancher großer Dichter hauptsächlich von Geldfragen die Rede ist, nicht nur bei Baudelaire, sondern schon bei Gongora; und ich glaube deshalb, wer in Briefen gerne etwas von Lyrik und Seele hören möchte, der sollte sich an die Korrespondenzen von Bank- und Geschäftsleuten halten (eine Überzeugung übrigens, zu der mir unter anderem der Umgang mit Musil verholfen hat...). Ich war also als junger Mensch der Meinung, es würde mir leichter fallen, vor zwanzig Büchern und Wörterbüchern als vor zwanzig bis vierzig Lausbuben »mein Leben zu verdienen« (wie es auf Französisch ironischerweise heißt). Ohne diese Meinung hätte ich wohl einerseits weniger, andererseits vermutlich besser und gewissenhafter übersetzt. Aber lassen wir das ‒ »passons!« wie Gide gerne sagte.
Überdies war ich in der welsdien Schweiz geboren und hatte an der Universität Lausanne studiert. Ich war also, was man einen »Suisse français« nennt; wie die beiden Wörter bereits andeuten: ein Mittelding, ein Zwischenwesen in einer nicht immer behaglichen Lage, über die meine eidgenössischen Kollegen auch häufig genug Klage führen. Man kann aber auch versuchen, aus dieser Not eine Tugend zu machen; ohne mich dessen rühmen zu wollen, glaube ich, daß ich das getan habe, fast unbewußt, mehr aus einem Trieb als aus Überlegung heraus... Nun liest ein Knabe in Lausanne ungefähr die gleichen Bücher wie sein französischer Altersgenosse: die Märchen von Perrault, die Erzählungen Alphonse Daudets, die Romane von Jules Verne und Alexandre Dumas; auf der Schule begegnet er denselben Meistern: von Molière bis Claudel... Mit dem einen entscheidenden Unterschied allerdings, daß er sehr früh schon dazu angehalten wird, die deutsche Sprache zu erlernen, mag dies auch nicht ohne Mühe und Murren abgehen; und hat er, was ja vorkommt, das Glück, an einen guten Lehrer zu geraten, so kann er auf Entdeckungsfahrten in eine andere Welt ausziehen, die ihn zu immer weiteren Eroberungen lockt. Freilich wird diese Welt ihm stets eine mehr oder minder fremde bleiben; dennoch steht sie ihm näher als einem jungen Franzosen (der traurigen geschichtlichen Zwischenfälle nicht zu gedenken!). Unbekannte Reiche, fremdartige Reichtümer werden ihm angeboten; wir vernehmen ganz neue Stimmen; und siehe! etwas in uns gibt ihnen Antwort. Kein Wunder: wir sind oft schüchtern, verlegen, linkisch auch und von einem schrecklichen Ernst; eher schweigsam als redselig, fast niemals glänzend im Gespräch und in Gesellschaft; vor allem, zu sehr nach innen gewandt; jedenfalls weniger rasch, präzise und intellektuell begabt als die Franzosen. Mittelwesen also, oft genug zwischen diesen beiden Welten unentschieden verkümmernd, noch öfters aber wie von Natur aus befähigt, zwischen beiden Bereichen der Sprache und des Geistes die Rolle des förderlichen Vermittlers zu spielen. (Zu erwähnen wären hier etwa die Hölderlin- und Novalis-Übersetzungen von Gustave Roud, oder das sehr schöne Buch über die deutsche Romantik von Albert Béguin). Als ich in Paris lebte, waren mir die deutschen Dichter oft eine Hilfe gegen die allzu trockene, allzu scharfe und brillante Art, mit der meine französischen Freunde sich äußerten; manchmal allerdings lieferte auch gerade diese Art mir ein nötiges Korrektiv...

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Heute lassen diese Motive sich deutlicher unterscheiden; damals geschah alles aus der freien Lust des Versuchens. Unter den Büchern bevorzugte ich, mit Recht oder Unrecht, die ernsteren, diejenigen, die alsbald eine ungeahnte Weite und Tiefe vor mir auf taten; die mich hinrissen und die zu dem ganzen Menschen, zu Herz, Sinnen und Verstand zugleich, sprachen. Manches französische Werk kam mir damals zu einseitig vor (was oft wohl einer Täuschung, einem jugendlichen Irrtum zuzuschreiben war); und die geringere Vertrautheit mit der deutschen Sprache, die doch immer einen Reiz des Fremden behielt, mag wohl mitgewirkt haben, wenn mir die deutschen Werke eine Dimension mehr zu haben schienen. Bei Rilke, bei Novalis, später vor allem bei Hölderlin vernahm ich so etwas wie einen Ruf, oder eine Mahnung, die mich lange, ja oft bis zu diesem Tage nicht losgelassen hat. Dies mag manchem heute als eine verdächtige, gefährliche Haltung der Dichtung gegenüber erscheinen; warum aber sollte ich eine andere, eine festere und entschiedenere vortäuschen? Selten habe ich ein Buch als reiner Kritiker lesen können; jedes bot mir eine Art Hilfe, jedes konnte mich fördern, mich steigern oder mir Beistand leisten gegen die Gefahren der Entmutigung und Erniedrigung, die in unserm Alltag lauern. (Wie ja auch Musils Mann ohne Eigenschaften in den Aussprüchen gewisser Mystiker so etwas wie ein Versprechen zu finden glaubt.) Wenn ich sage, daß gewisse Werke mir zur Vertiefung und Läuterung dienten, und zwar unabhängig von ihrem rein gedanklichen oder gar lehrhaften Gehalt ‒ so werden Sie dem schon entnommen haben, daß ich nicht geneigt bin, das Schöne gänzlich von der Moral zu trennen... Die Schönheit einer Dichtung kann für mich nie bloßes Spiel, niemals nur Täuschung und schöner Schein sein; sie gilt mir vielmehr als das, was sinnlich-faßbar auf die wirklichste Wirklichkeit deutet. Sie zeigt, sie offenbart einen sonst verborgenen wesentlichen Sinn.

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Nach alledem wird man es vielleicht begreiflicher finden (und entschuldbarer), daß ich die Aufgabe des Übersetzens nie vom theoretischen Standpunkt betrachtet habe; ich bestreite nicht, daß dies vielleicht sehr nützlich wäre, daß ich mich dem nicht länger entziehen sollte... Dennoch: ich war außerstande, irgendein Werk zu übersetzen, aus dem nicht jener geheimnisvolle Sinn mich angesprochen hätte. Und da ich heute vor allem als der Übersetzer Robert Musils vor Ihnen stehe, möchte ich einige Stellen aus einem älteren Text zitieren, in dem ich meine erste Begegnung mit dem großen Schriftsteller erzählt habe:
»Ich kann mich noch genau erinnern, wann und wo ich den Namen Robert Musil zum erstenmal hörte. Es war im Jahre 1946, auf einem Korridor der philosophischen Fakultät der Universität Lausanne. Ein Freund und vorzüglicher Kenner der deutschen Literatur drückte mir an jenem Tage den Dritten Band des Romans ›Der Mann ohne Eigenschaften‹ in die Hand, der 1943, kurz nach dem Tode Robert Musils, ausgerechnet in Lausanne erschienen war; ‒ die Witwe des Autors hatte die Ausgabe betreut. Mein Freund sprach mit Begeisterung davon. Kurz zuvor hatte die Genfer Zeitschrift ›Lettres‹ der damaligen österreichischen Literatur und insbesondere Musil eine Nummer gewidmet. Dort fand ich auch sein strenges, edles Gesicht, einige bisher unveröffentlichte Fragmente und wertvolle Hinweise auf sein Werk. Von 1947 an bemühte ich mich, alles aufzutreiben, was es von Musil zu lesen gab. Das waren zunächst, da diese Bücher ebenfalls in der Schweiz neu erschienen waren, der Novellenband ›Drei Frauen‹ und der ›Nachlaß zu Lebzeiten‹; gewiß nicht der Kern des Werkes, und dennoch... Ich begann ein paar Seiten daraus zu übersetzen, ich machte einige Freunde, Verleger, Zeitschriften auf Musil aufmerksam. Und so erschienen denn manche der Prosastücke aus dem ›Nachlaß‹ in Paris oder Lausanne und fanden auch ein Echo. Im gleichen Jahr noch, also 1947, hatte ich das Glück, Frau Musil in Zürich, zwei Jahre vor ihrem Tod, kennenzulernen. Es entspann sich ein Briefwechsel, der leider fast nur die rein praktischen Probleme der französischen Ausgabe betraf ‒ Probleme, die erst sehr viel später gelöst wurden, als es mir nach so langer Vorbereitung endlich vergönnt war, von 1955 bis 1959 den großen Roman in seiner Gesamtheit zu übersetzen...« In jenen Aufzeichnungen damals versuchte ich ferner zu verdeutlichen, was an diesem Riesenwerk mich so stark angezogen hatte. Ich erwähnte jene sehr schöne, einfache Erzählung aus dem »Nachlaß zu Lebzeiten«, welche »Die Amsel« betitelt ist, und in der Musil etwas Wesentliches über seine eigene Erfahrung mitteilt, indem er einen Freund auf gewisse Winke und Zeichen aufmerksam macht, die uns manchmal, wie zufällig, zuteil werden. Diese Zeichen deuten auf einen anderen, reineren, erfüllteren Zustand hin, oder genauer: auf eine Umkehrung unseres Verhältnisses zur Welt und zu den Menschen. Es erübrigt sich, auf die Bedeutung solcher Erlebnisse ‒ Verzückungen fast, jedenfalls Erhellungen und Steigerungen ‒ in Musils Werk nachdrücklicher hinzuweisen; es war jedoch gewiß kein Zufall, daß das erste Kapitel des Romans, das ich übersetzt habe und das bald darauf in der »Nouvelle Revue Française« erschienen ist, die Überschrift trug: »Beginn einer Reihe wundersamer Erlebnisse«. Wie wäre es danach möglich gewesen, ein Werk, das in einer so beschwingten und doch so genauen, einer so brennend-kühlen Welt zu Hause ist, anders vermitteln zu wollen, als indem man ihm das Beste der eigenen Fähigkeiten mit einer Art von leidenschaftlicher Geduld zuwandte?

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Sie werden nun mit vollem Recht einwenden, das erkläre noch nichts; die von mir geschilderte fruchtbare Begegnung zeige noch nicht, wie ich, als armer, unbehutsamer Affe des Genies, mich meiner Arbeit entledigt hätte. Das blinde Vertrauen der Liebe genüge doch nicht zu einem solchen Geschäft...
Dazu möchte ich folgendes zu sagen versuchen.
Es herrschen heute unter den Übersetzern, wie mir scheint, zwei Haupttendenzen: die eine geht in Richtung auf die Übertragung, die andere will die Nachdichtung geben, um mich hier der Terminologie meines Freundes Friedhelm Kemp zu bedienen. Die erste erzeugt, was man die » laide fidèle« (die häßliche Getreue) genannt hat, im Gegensatz zu den »belles infidèles« (den schönen Ungetreuen), als welche die mehr oder minder gelungenen Nachdichtungen sich präsentieren. Zwei Beispiele aus jüngster Zeit sollen mir behilflich sein, meine Einstellung zu den beiden entgegengesetzten Richtungen anschaulich zu machen: Paul Valérys Übersetzung von Vergils Bucolica und diejenige der Aeneis von Pierre Klossowski.
Schon nach den ersten Versen von Valérys Nachdichtung war mir der Abstand der Übersetzung vom Original unangenehm aufgefallen. Hieß es bei Vergil, am Schluß der ersten Ekloge:
Maioresque cadunt altis de montibus umbrae,

so las ich bei dem französischen Dichter:

Et les ombres des monts descendent jusqu’à nous.

Ich sah wohl ein, daß Valéry, wie zu erwarten, auf dem Wege der Übersetzung zu durchaus wohlgeratenen französischen Gedichten gelangt war. Dennoch blieben sie hinter seinen eigenen weit zurück. Und dann dieser ärgerliche Abstand... Als wäre die Tiefe des durch die Trennung von Substantiv und Eigenschaftswort geschaffenen Raumes der lateinischen Verse auf eine anmutig verzierte Fläche reduziert worden. War es wirklich unmöglich, dem französischen Leser im Echo die Schönheit Vergils vernehmbar zu machen? Und sollten wir demnach das Wort Übersetzung nicht jenen Werken Vorbehalten, die danach trachteten, der Sprache, in die übersetzt wurde, die Formen des Originals gleichsam aufzuzwingen, statt sie, wie sonst üblich, gefälligeren Lösungen zuliebe aufzuopfern? Und hatte nicht Hölderlin in seinen Sophokles- und Pindarübertragungen in dieser Richtung Musterhaftes geleistet?
So dachte wahrscheinlich Pierre Klossowski, als er seine 1964 erschienene Übersetzung der Aeneis in Angriff nahm, die ebenso übermäßig gelobt wie getadelt worden ist. Klossowski, der vor allem bestrebt war, einen »Virgile non travesti« zu bieten, hat sich so eng wie möglich an die Wortstellung des lateinischen Verses gehalten und ihr zuliebe manches Ungewohnte und Gewaltsame, häufige Inversionen oder sonstige Verstöße gegen die französische Syntax in Kauf genommen. Gleich die berühmten Eingangsworte des Gedichtes: Arma virumque cano... lauten bei ihm: Les armes je celèbre et l’homme. Im Deutschen klingt das nicht weiter seltsam: »Die Waffentaten feire ich und den Mann«; im Französischen aber...? Valéry hatte den Mantuaner mit französischer Eleganz vermummt, Klossowski bietet einen bizarr zerklüfteten Abdruck, voll großer Schönheiten, die uns etwas von der Größe Vergils ahnen lassen. (Rudolf Borchardts »Dante Deutsch« ließe sich in mancher Hinsicht hier zum Vergleich heranziehen.) Aufs Ganze gesehen aber erfordert diese Methode allzuviele Gewaltsamkeiten, um nicht erkünstelt zu wirken. Und auch hier geht etwas verloren... eine Art Unschuld und hohe Selbstverständlichkeit.

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Muß man sich aber wirklich entschließen, zwischen diesen beiden Extremen zu wählen? Liegt nicht, wie ich immer noch glaube, die befriedigendste, die treueste Lösung ‒ von den großen Ausnahmen schicksalhafter Begegnungen abgesehen ‒ in der Mitte? genauer: auf seiten einer bescheideneren, immer elastischen Übertragung, die nichts vergewaltigt oder überanstrengt. Die Sprache des Übersetzers wird gewiß bereichert, wenn er sie fremden Wendungen anschmiegt, neue Erfindungen und Ausdruckshaltungen übernimmt, unter der Voraussetzung jedoch, daß er all jene Verrenkungen vermeidet, die den Leser glauben machen, bei dem Original müsse es sich eher um ein hochvertracktes Elaborat als um eine reife, ausgewogene Dichtung handeln.
Als ich den »Mann ohne Eigenschaften« übersetzte, durfte ich mich in dem Verlag der Editions du Seuil der Hilfe eines Mitarbeiters, des Schriftstellers Luc Estang, erfreuen, der meinen Text im Hinblick auf den französischen Stil durchsah. Außer den unvermeidlichen terminologischen Auseinandersetzungen gab es zwischen uns eine einzige Meinungsverschiedenheit: sie betraf den Satzbau. Als echter französischer Klassiker hätte Luc Estang die Mehrzahl der komplexen Sätze bei Musil am liebsten verkürzt oder zerlegt; darin bin ich ihm nur ausnahmsweise gefolgt. Kann man sich einen Proust in kurzen Sätzen vorstellen?
Es versteht sich doch wohl von selbst, daß solche Eigentümlichkeiten der Struktur und Sprachbewegung beibehalten werden müssen. (Übrigens erreichen Musils Sätze nur selten jenen Grad mäandrischer Verschlungenheit, der für Proust oft so typisch ist.) Zugleich aber schien es mir immer angezeigt, ein gewisses Maß zu bewahren, damit die Diktion so ungezwungen wie möglich bliebe; dies um so mehr, als es sich nicht um Lyrik oder kurze Texte handelte, sondern um einen sehr langatmigen, weit ausholenden Roman...

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Schließlich ist mir eines immer als das Allerwichtigste erschienen, etwas nicht so leicht Faßbares und schwer zu Bestimmendes. Jede große Dichtung, als ein komplexes Ineinanderwirken von Inhalt und Form unter den verschiedensten Aspekten: Wortwahl, Syntax, Bilder, Rhythmus, Klang usw. ‒ jede Dichtung hat ihren eigenen Ton, den unvergleichbaren, unersetzbaren Akzent einer Stimme; und der Ton dieser Stimme ist es, der uns vor allem anzieht und bisweilen für immer in Bann schlägt. Über jede Theorie, jedes Vorurteil, jedes »parti-pris« hinaus war ich immer bemüht, den französischen Leser diesen Ton, diese Stimme hören zu lassen. Wenn wir die Stimme, oder wenigstens ihr Echo, erraten, erraten wir zugleich den tiefen Ruf, der in dem Werk verborgen und geborgen ist, und der etwas mehr als ein Buch daraus macht; in ihm erscheint, was ich in den Büchern von jeher gesucht hatte: die Richtung auf eine ungreifbare, ungewisse, flüchtige Wahrheit, ein Spalt, eine Öffnung gleichsam, oder besser noch: eine Lichtung. Und wer das Licht erscheinen lassen will, der sollte in der Sprache des eigenen Schaffens, wie in der Sprache der bescheidenen Übertragung, so durchsichtig wie möglich bleiben. So wird auch der Übersetzer, wenn er rechte Arbeit geleistet hat, am Ende kaum sichtbar sein, am besten selber in die Unsichtbarkeit zurücktreten. Womit ich denn meines Amtes walte, ohne ein weiteres Wort hinzuzufügen, außer einem wiederholten »danke!«.