Johann-Heinrich-Voß-Preis

Der Johann-Heinrich-Voß-Preis wird seit 1958 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung »für hervorragende Leistungen auf dem Gebiet der Übersetzung«, verliehen. Vor allem werden Übersetzungen literarischer Werke in die deutsche Sprache ausgezeichnet. Der Preis wird jährlich während der Frühjahrstagung der Deutschen Akademie vergeben. Seit 2002 beträgt die Dotation 15.000 Euro.

Preisträger

Gisela Perlet

Übersetzerin
Geboren 29.10.1942
Gestorben 24.12.2010

Johann-Heinrich-Voß-Preis 2002
Laudatio von Heinrich Detering
Dankrede von Gisela Perlet
Urkundentext

... der Übersetzerin, die maßgebliche Werke der skandinavischen Weltliteratur (von Kierkegaard bis Lagerlöf, von Bang bis Blixen) von ideologischen Übermalungen befreit und in vitaler Gegenwärtigkeit an deutsche Leser vermittelt...

Jurymitglieder
Kommission: Heinrich Detering, Joachim Kalka, Friedhelm Kemp, Werner von Koppenfels, Ilma Rakusa, Lea Ritter-Santini, Michael Walter

Mitglieder des Erweiterten Präsidiums

Begegnungen mit Johann Heinrich Voß

Ich bin dem Dichter, Übersetzer und Wortstreiter Voß in verschiedener Weise begegnet. Zuerst ohne Kenntnis des Namens und auf eine Art, daß er meine Homer-Vorstellung auf Dauer geprägt hat. »Sage, mir Muse, die Taten des vielgewanderten Mannes«, das kann nicht anders sein, wie die Bibel für mich nur von Luther und die Loreley nur von meiner Großmutter sein können.
Diese Lektüre war ziemlich früh und ganz bestimmt freiwillig. Dagegen war die des Junker Cord während des Studiums, in einem Seminar über »Sozialistische Landliteratur« bis hinab zu Otto Gotsche, reine Pflicht, und weil sie mit einem konsequent klassenkämpferischen Interpretationsauftrag verbunden war, hat sie meine Beziehung zum Dichter Voß zeitweise getrübt.
Daß er noch andere, immer noch lesens- und bewundernswerte Seiten hat, das ist mir erst Jahre später aufgegangen. Da war ich Lektorin im VEB Hinstorff Verlag, der in den späten sechziger und frühen siebziger Jahren geradezu zum Sammelbecken der wichtigsten ostdeutschen Autoren wurde, darunter Erich Arendt, Franz Fühmann, Klaus Schlesinger, Ulrich Plenzdorf, Bernd Jentzsch und andere. Das war vor allem dem persönlichen Einsatz des vielseitig begabten Cheflektors Kurt Batt zu danken, den ich in Sachen Literatur für meinen wichtigsten Lehrer halte und der auch jenes Kierkegaard-Projekt initiierte, an dem ich als Übersetzerin beteiligt war und das später durch Zensur-Eingriff verhindert wurde. Kurt Batt hatte kurz vor seinem frühen, der DDR-Kulturpolitik geschuldeten Tod im Jahre 1975 noch den Sammelband Mecklenburg. Ein Lesebuch konzipiert und mir zur Lektorierung anvertraut. Darin wurde Voß natürlich als Mecklenburger vereinnahmt und hoch- wie plattdeutsch vorgestellt, und gegen die Gesellschaft Fritz Reuters und John Brinckmans hätte er sicher nichts einzuwenden gehabt. Auch in überregionalen Anthologien des Hinstorff Verlags, die ich betreuen durfte, fand er Platz: seine Erinnerungen aus meinem Jugendleben in einem Band Autobiographien, sein Text über Hölty in einer Sammlung literarischer Porträts, in dem er selbst mit Heines schöner Charakteristik aus der Romantischen Schule präsentiert wurde. Die hat mich mehr als alle mir bis dahin bekannten literaturwissenschaftlichen Exegesen zum Voß-Lesen angeregt. Eine ähnliche Wirkung übte auch die Empfehlung von Arno Schmidt auf mich aus, der ihn als einen »Modellfall schreckensmännisch-deutscher Dichtung und Gelahrtheit« pries, zumal sie in der DDR nicht erschienen war − manches konnte man sich auf verschlungenen Pfaden ja doch besorgen und las es dann besonders intensiv.
Schließlich bin ich Johann Heinrich Voß als Übersetzerin begegnet, zusammen mit meinem Autor, dem dänisch und deutsch schreibenden Dichter Jens Baggesen. − Ja, ich nenne ihn »meinen« Autor, denn ohne einen solchen besitzergreifenden Anspruch, der natürlich größenwahnsinnig und reine Anmaßung ist, läßt sich nicht übersetzen. Auch hoffe ich, daß es mir meine Autorinnen und Autoren nicht verübeln, daß ich sie während der Arbeit irgendwann und unwillkürlich zu duzen anfing. Das hat unterschiedlich lange gedauert, am längsten bei Søren Kierkegaard. Manchmal konnte ich sie neben mir atmen, ächzen und stöhnen hören, und obwohl wir uns auch gestritten haben und ich sie immer wieder um Nachsicht anflehen mußte und muß, habe ich diese schwer erarbeitete, erlebte Nähe als eigentliches Übersetzerglück empfunden. Was nicht heißt, daß man sich dabei in einem permanenten Rausch befindet; spätestens wenn der Rhythmus hakt oder mal wieder mühseligste Recherchen notwendig werden, gibt es ein grausames Erwachen.
Voraussetzung dafür ist allemal, daß eine Affinität zum jeweiligen Autor besteht, auch über den Abstand von Jahrhunderten hinweg. Zwar ist Baggesen außerhalb Dänemarks kaum noch bekannt, doch auf mich hat dieser empfindsam-sperrige Spätaufklärer, der wie Hans Christian Andersen ein Arme-Leute-Kind und auf Gönner angewiesen war und zeitweise im Schuldgefängnis einsaß, dieser hochsensible Sprachkünstler und scharfzüngige Ironiker durchaus modern gewirkt. Er lehnte, auf Kierkegaard vorausweisend, die starren Systeme und stur-geraden Linien ab, bekriegte sich bis aufs Messer mit dem hochgepriesenen Romantiker Oehlenschläger und ließ sich, wegen seiner Schrift Über die Juden, als »Judenfreund« beschimpfen. Alles in allem war er, wie man zu DDR-Zeiten gesagt hätte, ein »kaputter Typ« mit äußerst »individualistischer Lebensanschauung«, der sich den Widersprüchen aussetzte, sich an ihnen aufrieb und Fragen offen ließ, auch die, ob man die Idee einer Revolution, für ihn die Französische, begeistert bejahen, ihre Verwirklichung jedoch entsetzt ablehnen kann.
Am 3. Juni 1789 macht er sich, wie er in seinem Prosawerk Das Labyrinth berichtet, zusammen mit Freund Cramer auf den Weg nach Eutin, um einen bisher nur aus der Ferne verehrten Dichter- und Übersetzerkollegen zu besuchen:

»Voß kam uns in einem langen Schlafrock mit einem kleinen weißen, runden Hut auf dem Kopf entgegen. Ich hatte mir keine besondere Vorstellung von seinem Äußeren gemacht. Man hatte mir erzählt, er habe in Gesicht und Wesen etwas Trockenes und Steifes; ich wußte, daß er Rektor war, und hatte vor kurzem erfahren, daß er gleichzeitig den Titel eines Hofrats führte; er gibt Virgilii Georgica cum annotationibus heraus, dachte ich − aus alledem setzte ich in Gedanken einen Mann zusammen, der mehr oder weniger einer Grammatik oder unserem gelehrten Professor S. glich, und stellte mir das Fleisch- und Beinhaus, in dem die Muse der ›Luise‹ und der Idyllen wohnte, gotisch, altmodisch und sogar ein bißchen verfallen vor. Nun stand er groß und schlank mit apollinischem Anstand, mit dem Lächeln des Frühlings auf seiner offenen Stirn vor mir − und als er meine Hand drückte und mich freundlich willkommen hieß, erschien er mir als einer der schönsten Männer, die ich auf dieser Welt gesehen habe − kaum waren sich unsere Augen begegnet, da war ich sein persönlicher Freund. Wenige Menschen haben auf den ersten Blick diesen bestimmten sympathetischen Eindruck auf mein Herz gemacht. [...] Wir führten ein langes Gespräch über Hexameter, jene Versart, in der Voß zweifellos denselben vorzüglichen Rang unter den deutschen Dichtern besitzt wie Vergil unter den römischen.«


Die Sympathie war gegenseitig. Baggesen hat Voß noch mehrmals besucht, man tauschte sich brieflich über Persönliches und Fachliches aus und bedichtete einander, in Oden auf deutsch. Unter dem Einfluß von Voß begann Baggesen, Teile von Ilias und Odyssee in dänische Hexameter umzusetzen, und bekannte auch: »Ueberhaupt ist der Aufmunterung dieses großen Sprachkünstlers zuzuschreiben, daß ich gewagt habe, mit meinen deutschen Versuchen öffentlich hervorzutreten.« Was ihn nicht daran hinderte, Voß’ Kartoffelernte mit einem Urgriechischen Kartoffel-Dithyrambus zu parodieren. Doch als sich Voß heftig mit einigen deutschen Romantikern anlegte, stand er ihm in seinem satirischen Karfunkel oder Klingklingel-Almanach getreu zu Seite.
Streitbar und aufmüpfig waren sie beide in reichlichem Maße (so viel Hexameter muß sein) und blieben von Beulen und Schrammen nicht frei. − Das kann einem, wie ich erfahren habe, beim Übersetzen auch passieren.
Übrigens verdankt die deutsche Sprache dem Dänen Baggesen die Prägung des Wortes »Umwelt«, und 1791 verhalf er Friedrich Schiller zu einer Rente von jährlich 1000 Talern.
Und nun freue ich mich über einen nach Johann Heinrich Voß benannten Preis, der mit so vielen neuen Talern verbunden ist, und bedanke mich dafür von ganzem Herzen.