Johann-Heinrich-Voß-Preis

Der Johann-Heinrich-Voß-Preis wird seit 1958 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung »für hervorragende Leistungen auf dem Gebiet der Übersetzung«, verliehen. Vor allem werden Übersetzungen literarischer Werke in die deutsche Sprache ausgezeichnet. Der Preis wird jährlich während der Frühjahrstagung der Deutschen Akademie vergeben. Seit 2002 beträgt die Dotation 15.000 Euro.

Preisträger

Anneliese Botond

Lektorin und Übersetzerin
Geboren 1922
Gestorben 3.12.2006

Johann-Heinrich-Voß-Preis 1984
Laudatio von Walter Boehlich
Dankrede von Anneliese Botond
Urkundentext

Anneliese Botond, der erfahrenen, vielseitigen, einfühlsamen Vermittlerin französischer und lateinamerikanischer Literatur

Jurymitglieder
Kommission: Jan Aler, Roger Bauer, Hermann Lenz, Horst Rüdiger, Elmar Tophoven

Mitglieder des Erweiterten Präsidiums

Literarisches Neuland

Ich möchte hier Dank abstatten. An erster Stelle der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung für die Verleihung des Johann-Heinrich-Voss-Preises. Die Auszeichnung ehrt mich, und sie freut mich, weil sie mir bei aller Skepsis gegenüber den eigenen Möglichkeiten das Gefühl gibt, in dem Versuch, Literatur zu übersetzen, nicht ganz gescheitert zu sein.
Danken möchte ich auch Walter Boehlich für die Laudatio. Vor einem so kritischen Kritiker halbwegs bestanden zu haben, ist mehr als zu erwarten war.
Und noch einen Dank möchte ich hier abstatten, obwohl er sich an Abwesende richtet. Er gilt allen den Menschen in Lateinamerika, und es sind viele, die mich während meines Aufenthalts dort aufgenommen und gefördert, die mir die Türen aufgeschlossen haben. Daß ich Lateinamerika lieben gelernt habe, verdanke ich vor allem ihnen.
Ich erinnere mich noch gut an die Anfänge meiner Bekanntschaft mit Lateinamerika. Eines Tages lag auf meinem Lektorenschreibtisch im Insel Verlag das Buch des Kubaners Alejo Carpentier El siglo de las luces. Es war, Anfang der sechziger Jahre, der erste große Roman mit lateinamerikanischem Thema, der mir unter die Augen kam, und ich war tief beeindruckt. Um so mehr, als in der romanischen Welt, die ich auf der Universität kennengelernt hatte, Lateinamerika nicht vorgekommen war. Zwar bezweifle ich heute, daß ich diesen Roman über die Erfahrungen Haitis mit der importierten Französischen Revolution in allen seinen Implikationen aus lateinamerikanischer Sicht verstanden habe. Aber er hat mir den Anstoß gegeben, meine Aufmerksamkeit einem Kontinent zuzuwenden, der für mich, abgesehen einmal von Borges, literarisches Neuland war.
Und ich erinnere mich an ein Kolloquium ibero-amerikanischer und deutscher Schriftsteller, das Albert Theile 1962 in Berlin organisiert hatte. Juan Rulfo, José Maria Arguedas, Sara Ibañez, Rosario Castellanos waren gekommen, auf deutscher Seite Hans Magnus Enzensberger, Walter Höllerer, Erwin Walter Palm und andere. Es war bescheiden im Vergleich zu dem Lateinamerika-Festival, das zwanzig Jahre später ebenfalls in Berlin stattfand, und es war vielleicht nicht allzu ergiebig. Aber es war die erste Gelegenheit überhaupt, lateinamerikanische Autoren in Deutschland zu sehen und zu hören. Das Gespräch entwickelte sich damals eher mühsam um Walter Benjamins Essay über die Aufgaben des Übersetzers und Dürrenmatts Physiker, zwei deutsche Texte, als Gesprächsgrundlage gedacht, die offensichtlich weit ablagen von den spezifischen Problemen der lateinamerikanischen Gäste. Dort, erinnere ich mich, hörte ich aus dem Munde Arguedas’ die ersten Worte Quechua, dort die erste, eher zurückhaltende Kontroverse über das soziale Engagement lateinamerikanischer Schriftsteller, und dort klagte schon damals Rafael Gutierrez Girardot über das unvollständige und falsche Lateinamerikabild der Deutschen.
Es war die Zeit, in der Curt Meyer-Clason werbend für neue Literatur aus Lateinamerika in die Verlage kam − oft erfolglos, weil lateinamerikanische Literatur damals nicht ›ging‹, während heute − man muß sich das vergegenwärtigen − deutsche Verlage mit einem Netz von Scouts und Agenturen arbeiten und es schon nicht mehr so leicht ist, einen vielleicht übersehenen älteren oder einen vielversprechenden jungen lateinamerikanischen Autor zu entdecken.
Es war aber, in diesen sechziger Jahren, auch die Zeit des wachsenden politischen Interesses an diesem halben Kontinent, der, so schien es auf einmal, von Kuba bis Uruguay im Aufbruch war, entschlossen, jegliches Joch, vom anachronistischen Feudalismus bis zum Neokolonialismus, abzuschütteln und in einem neuen Anlauf die Unabhängigkeit zu verwirklichen, die er 150 Jahre zuvor nicht hatte erlangen können.
In meinem Kopf bestand damals ein ungelöster Widerspruch. Da waren auf der einen Seite eine Berichterstattung und eine theoretische Literatur über Lateinamerika, die auf das Phänomen der Unterentwicklung abhoben und Zustände schilderten, die nach der kubanischen Revolution den Umsturz in den anderen Ländern Lateinamerikas als unausweichlich erscheinen ließen. Und andererseits kam gleichzeitig, Buch um Buch, eine Literatur aus Lateinamerika zu uns herüber, die so revolutionär nicht war oder mir nicht zu sein schien und die, auch wenn sie sich kritisch auf die gesellschaftlichen Verhältnisse bezog, angesichts ihrer hohen literarischen Qualität selbst noch andere Wurzeln haben mußte. Dieser Widerspruch war es, der zuerst den Wunsch in mir weckte, mir an Ort und Stelle ein Bild zu machen.
Eines Tages, im März 1970, entstieg ich in La Ceiba, Honduras, einem Bananendampfer der Hamburger Firma Bruns, um auf eigene Faust, ohne königlichen oder sonstigen Auftrag, diesen halben Kontinent, so gut es ging, für mich zu entdecken. Es war ein großer Moment.
Als ich vier Jahre später aus Lima nach Deutschland zurückkam, ohne Gold, aber, wie ich dachte, um einige Erfahrungen reicher, zeigte sich, daß die Zeit hier nicht stehengeblieben war. Inzwischen waren deutsche Verleger, Leser und Kritiker auf den Geschmack lateinamerikanischer Literatur gekommen, hatte der sogenannte ›Boom‹ der lateinamerikanischen Literatur auch auf Deutschland durchgeschlagen und war auf die Generation der wenigen Initiatoren zahlreicher eine jüngere Generation gefolgt, die systematischer auf den Umgang mit dieser Literatur vorbereitet war und über komfortablere Arbeitsbedingungen verfügte. Damals, nach meiner Rückkehr, hatte ich das Gefühl, über einem allerdings unvergleichlichen Traum die Zeit verschlafen zu haben. Immerhin, ohne diese vier Jahre, ohne die damals einsetzende Wechselwirkung zwischen eigener Anschauung Lateinamerikas und meinem Verständnis lateinamerikanischer Literatur hätte ich sicher, abgesehen selbst von dem Zuwachs an Sprachkenntnis, nie ein Werk aus dieser Literatur übersetzt.
Nun versteht es sich zwar von selbst, daß ein Übersetzer den Kulturkreis kennen muß, aus dem er übersetzt. Für die Länder Lateinamerikas gilt das besonders: ihre Kulturen sind uns weniger geläufig, sie sind weniger erforscht und dokumentiert als jede europäische. Ein Zustand, der sich negativ ja nicht nur für den Übersetzer auswirkt, sondern letztlich, es ist oft genug beklagt worden, auf die gesamte Rezeption lateinamerikanischer Literatur.
Über das Übersetzen selbst will ich mich hier nicht auslassen. Der Theorien sind viele, in der Praxis ist man zuletzt auf sich selbst gestellt. Immerhin, gesetzt, ich hätte eine Tochter und diese Tochter hätte Lust, ihrerseits zu übersetzen, würde ich ihr vielleicht folgende Ratschläge geben:
Ich würde sagen: Vergiß nie, daß du dem Autor gegenüber eine Verantwortung hast. Durch eine schlechte Übersetzung kannst du sein Buch ruinieren.
Ich würde sagen: Übersetze nach Möglichkeit nur, wenn du nicht gezwungen bist, von Übersetzungshonoraren zu leben. Du könntest sonst eines Tages vor der Alternative stehen, entweder eine unausgereifte Übersetzung abzuliefern oder zu hungern, zumal ja nicht sicher ist, ob dir einmal eine weise Jury einen gutdotierten Übersetzerpreis verleihen wird.
Und ich würde, mehr im Scherz, sagen: Wenn du aber je ein Buch, das du übersetzt hast, ausgedruckt und gebunden in Händen hältst, dann entferne, ehe du es aufschlägst, jeden als Waffe zu gebrauchenden Gegenstand, damit es dir, wenn der Zufall es will und dein erster Blick auf die Stelle fällt, an der du nicht lange genug auf das richtige Wort, den rettenden Einfall gewartet hast, nicht wie dem Koch der Madame de Sévigné ergeht, den sein Berufsgewissen eines unseligen Tages dazu trieb, sich in sein Küchenmeisterschwert zu stürzen.