Johann-Heinrich-Voß-Preis

Der Johann-Heinrich-Voß-Preis wird seit 1958 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung »für hervorragende Leistungen auf dem Gebiet der Übersetzung«, verliehen. Vor allem werden Übersetzungen literarischer Werke in die deutsche Sprache ausgezeichnet. Der Preis wird jährlich während der Frühjahrstagung der Deutschen Akademie vergeben. Seit 2002 beträgt die Dotation 15.000 Euro.

Preisträger

Zsuzsanna Gahse

Zsuzsanna Gahse

Schriftstellerin und Übersetzerin
Geboren 27.6.1947
Mitglied seit 2011

Johann-Heinrich-Voß-Preis 2010
Laudatio von Irene Weber Henking
Dankrede von Zsuzsanna Gahse
Urkundentext

Zsuzsanna Gahse, die den bedeutendsten Sprachkünstlern unter den ungarischen Gegenwartsautoren zu einer deutschen Stimme verholfen hat...

Jurymitglieder
Kommission: Ralph Dutli, Joachim Kalka, Friedhelm Kemp, Werner von Koppenfels, Per Øhrgaard, Ilma Rakusa, Michael Walter

Mitglieder des Erweiterten Präsidiums

Liebe zur Vielfalt der deutschen Wörter

Sehr verehrte Frau Generalkonsulin Brita Wagener, sehr geehrter Herr Professor Reichert, verehrte Mitglieder der Akademie, meine Damen und Herren,

erlauben Sie mir.

Erlauben Sie mir ist eine Wendung aus einem alten Fertigteillager, und ich weiß ohnehin, dass Sie mir im Augenblick so manches erlauben würden, wofür ich herzlich danke. Das wollte ich, danken, in meinem eigenen Namen und indirekt auch im Namen der ungarischen Sprache, danken für die Zuerkennung des Johann-Heinrich-Voß-Preises, der ihr und mir den Rücken stärkt. Nun könnte man einwenden, Zuerkennung sei ebenfalls eine veraltete Ausdrucksweise, aber was mit dem Erkennen zu tun hat, kann grundsätzlich nicht alt sein.
Auch die ungarische Sprache, die hier mitgefeiert wird, verfügt über einen übergroßen Vorrat an Fertigteilen, und obwohl sie sich von den Nachbarsprachen unterscheidet, sind die Prêt-à-porter-Sätze ohne Weiteres ins Deutsche zu übertragen. Das ist keine Kunst. Eine Besonderheit der ungarischen Literatur ist allerdings eine hohe Aufmerksamkeit der eigenen Sprache gegenüber. Diese Aufmerksamkeit steht seit gut hundert Jahren im Mittelpunkt – und vielleicht war sie seit jeher ein Wirkstoff, da ein Dichter, der in einer so genannt kleinen Sprache schreibt, sich angesichts der so genannt großen Sprachen zwangsläufig in einer Sonderstellung sieht.
Vor etwa hundert Jahren setzte eine Aufbruchzeit in der ungarischen Literatur ein, die dann leider für mindestens drei Jahrzehnte ausgebremst wurde. Erst wurde die Sprache an der westlichen, an der rechten Flanke durch Wörter wie Rasse und Nation gelähmt, dann rückten links aus dem Osten Vokabeln wie Befreiung und Befreier ins Land. Vor lauter Falschwörtern, Falschaussagen wurde man taub oder stumm oder beides zugleich. Glücklicherweise haben einige Schriftsteller seit den 1970er Jahren den Wortschatz, die Sätze und die Inhalte durchgerüttelt und entrümpelt, und das ist der Hintergrund für die reiche, erstaunliche Gegenwartsliteratur in Ungarn.
Unter den kurzen Texten von Péter Esterházy gehört die Geschichte von den Schlachtenmalern zu meinen Favoriten. Diese Schlachtenmaler aus aller Welt, »von Uruguay bis Kanada, von Costa Rica bis Frankreich«, wie es bei Esterházy wörtlich heißt, treffen sich immer wieder zu ihren Schlachtenbildmaler-Konferenzen, um über Schlachtenbilder zu diskutieren, und einer von ihnen antwortet einmal auf die Frage, »was denn das Wichtigste bei der Schlachtenbildmalerei sei, grinsend und ohne zu überlegen [...], es gehe um die Farben, um die Farben, um das Malmaterial, sonst gäbe es nämlich nichts. Darüber brauche man nicht weiter zu diskutieren.« So ist es gut zusammengefasst, es geht um das Malmaterial, um die Sprache, und zwar gewiss nicht nur bei den konkreten Poeten oder den Dadaisten, sondern bei jedem Autor und bei jedem einzelnen Satz.
Jene Sprache, in der die ungarische Literatur geschrieben und gedacht wird, sei nicht analytisch, heißt es für gewöhnlich, und tatsächlich kann sie manches nicht auseinanderhalten. Bekanntlich kann sie nicht einmal er oder sie oder es unterscheiden, in Ungarn gibt es keine Geschlechter, zumindest grammatikalisch nicht (im Türkischen ist es ebenso, was ich hier in Istanbul gern hervorhebe), und auch die Tiefen der Vergangenheit vermag sie nicht auszuloten, sie kennt kein Perfekt und Plusquamperfekt, zeitliche Vorstellungen von früher und noch früher muss man in der Übersetzung erst einbauen, man muss die Zeiten erst finden, wenn die deutsche Version den deutschen Vorstellungen entsprechen sollte, was sie unbedingt sollte, wie ich meine. Überhaupt kann man im Ungarischen manche Sachverhalte nicht so deutlich klären, wie man es bei den europäischen Sprachen gewohnt ist.
Allerdings hat sie ihre eigenen Analysen und dabei eigene Fragestellungen. Im Raum kann sie sich ausgezeichnet orientieren, sie interessiert sich für die Weite, für die Enge; das Hier und Dort und Querhinüber beschreibt sie präzise und trotzdem schlank. Sie kann sich komprimiert ausdrücken, also begreift sie auch schnell. Zum genauen Blick in den Raum gehört, dass sie erstaunlich viele Wörter für die Bewegungen kennt, für das Gehen, Schreiten, Lümmeln und Liegen. Diese Vielfalt hat mich geradezu überwältigt, als ich von Miklós Mészöly Das verzauberte Feuerwehrorchester übersetzte. Einerseits sollte die deutsche Version so wortreich sein wie das Original, zugleich wollte ich im Ausdruck schlicht bleiben, wie es Mészöly im Ungarischen immer war, daher halfen mir weder Entlehnungen aus dem Mundartbereich noch etwa Fremdwörter. Ich gab mein Bestes – aber das Original ist um einiges bedeutender. Das verzauberte Feuerwehrorchester enthält einen Teil von Mészölys immenser Märchensammlung, die man mit den Liedersammlungen von Kodály und Bartók vergleichen muss.
Miklós Mészöly, der bei der Entrümpelung der Sprache als Erster zupackte, ist heute bei uns praktisch unbekannt, obwohl beinahe sein gesamtes Werk im Hanser Verlag rechtzeitig vorlag. Zu rechtzeitig, könnte man sagen. Damals in den 1970er Jahren, war man im deutschsprachigen Raum an der ungarischen Literatur noch nicht interessiert. Jetzt bemühe ich mich seit Jahren, die Aufmerksamkeit auf Mészöly zu lenken, auf den Sprachkünstler und Erzähler. Zudem hat Péter Nádas wiederholt hervorgehoben, dass Mészöly in gewisser Hinsicht sein Lehrer gewesen sei. Mészöly hat seine Erzählungen und Romane für die Augen der Leser geschrieben, und man kann Mészöly und Nádas gewiss nicht verwechseln, aber das Bildhafte ist in beiden Werken ganz offensichtlich.
In seinem Buch der Erinnerung erzählt Nádas mit überaus langen Sätzen, die in ihrer Bauart an die Satzkonstruktionen Thomas Manns erinnern. Dem deutschen Leser fällt bei diesen Sätzen nichts besonders auf (höchstens die Schönheit der Übersetzung von Hildegard Grosche); auf Deutsch sind solche Konstruktionen bekannt. Doch im Ungarischen hat es sie vorher nicht gegeben. Nádas musste die Logik, mit der einzelne Satzteile eine Beziehung zueinander aufnehmen, der Sprache erst abtrotzen; das war eine ungemeine Leistung, ein Denkprozess.
Meinerseits hatte ich von Nádas elastisch schlanke Sätze zu übertragen. In seinem Buch Etwas Licht beschreibt er jene ländliche Umgebung, wo er im Westen Ungarns lebt, als eine beinahe exotische Landschaft. »Als wir in diese Gegend gezogen waren, fand ich es erstaunlich, wie selbstverständlich die Menschen mit ihren Tieren sprechen. Ohne sich zu schämen und ohne innere Zweifel reden sie auch mit sich selbst.« Schon diese beiden Sätze sind eine ethnographische Erkundung.
Ich bin von Anfang an in der vornehmen Lage gewesen, nur das zu übersetzen, was mir gefiel. Hätte der Tag dreimal so viel Stunden und wollte ich nichts als übersetzen, könnte ich trotzdem wählerisch sein, beziehungsweise bleibt man bei noch so viel Arbeit der ungarischen Gegenwartsliteratur immer etwas schuldig, so reich ist sie. Und ich könnte eine zusätzliche Viertelstunde in Anspruch nehmen, um die Bücher und die Autoren aufzuzählen, die ich gerne übersetzt hätte oder übersetzen würde, weil sie übersetzt werden sollten.
In Elend und Glanz der Übersetzung sagt Ortega y Gasset : »Die persönliche Ausdrucksweise besteht beispielsweise darin, dass der Autor den herkömmlichen Sinn eines Wortes leicht abwandelt, dass er das Wort zwingt, einen Kreis von Gegenständen zu bezeichnen, der nicht genau mit dem übereinstimmt, den es in seiner üblichen Verwendung bezeichnet.«
Die ungarischen Autoren, von denen ich rede, haben nicht nur die Wörter zu neuen Bedeutungen gezwungen, sie gingen auch mit den Sätzen entsprechend um, mit Kapiteln sogar. Péter Esterházy hat in seiner Kleinen Ungarischen Pornographie ein ganzes Kapitel mit Fragesätzen in die Welt geschickt. In etwa so: »Sprechen wir einmal von Unterdrückung und Revolution? Revolution?? Wat is tieß? Ein Journalistendreh, ein Feuilleton-Trick?«
Im selben Buch gibt es ein Kapitel voller kaputter Sätze, sie sind im Original durch Germanismen, durch deutsche Satzweisen verzerrt, und in diesen gequälten Sätzen ist von der Diktatur die Rede. Mit Pornographie meint Esterházy nämlich die Praktiken der Diktatur. Schon die Frage, mit welchen Elementen ich meine Übersetzung verzerren könnte, war problematisch. Schließlich zertrümmerte ich die deutsche Syntax durch die ungarische Denkweise.
Am schwierigsten von allen übersetzerischen Arbeiten war aber jener lange Satz von Péter Esterházy, der in der deutschen Version zweihundert Seiten ergibt und von einem berauschenden inneren Monolog handelt, einem nächtlichen Gedankenmeer, in dem die unterschiedlichsten Sprachebenen und auch die unterschiedlichsten Launen ihren Platz haben. Diesem ungeheuren Satz war ich während der Übersetzung völlig ausgeliefert, und das konnte nur geschehen, weil die zweihundert Seiten in der Tat ein Satz sind. Eine Einheit, quasi eine neurologische Einheit. Der Satz zeigt, wie Gedanken verlaufen können. Esterházy meint offenbar, die Sprache müsse alles können, alles nur Denkbare. Und recht hat er. Wenn die Sprache mit Denken und Fühlen zusammenhängt, muss sie endlos viel können und unentwegt Neues auszudrücken lernen.
Ottó Tolnai – ihn habe ich zuletzt übersetzt – geht gewissermaßen den umgekehrten Weg. Er versucht, so zu reden und so zu denken, wie es die Sprache von sich aus ursprünglich anbietet. Er sucht die Klarheit der ungarischen Unschärfe, was paradox klingen mag; er sucht die Talente dieser Unschärfe. Ein Beispiel aus dem langen, langen Gedicht ›Der Rosshaarbesen‹:

»... da stieg die Laune
was längst nötig war
sehr nötig sogar
nämlich die steigende Laune die mit uns
wie eine Palatschinke hoch und höher flog
um am Firmament kleben zu bleiben
der liebe Gott hätte nicht sagen können
wie wir ausgerechnet dort hingelangt waren
erstaunt sahen wir den unter den
flaumig blauen Früchten torkelnden Zwetschgenbaum...«

Diese sogartige Erzählung bietet Tolnai ohne Komma und Punkt an, so dass die einzelnen Denkpartikel noch näher zueinanderrücken, und man muss die Zeilen schon einige Male lesen, um nicht nur zu erahnen, wovon die Rede ist. Aber es ist ja gut, wenn man mit einer Sprache auch etwas erahnen kann!
Weil hier der Hauptdarsteller die Sprache ist, sollte ich noch einmal hervorheben, dass ein ungarischer Satz anders gebaut ist als ein deutscher Satz oder als die Sätze der indoeuropäischen Sprachen, die ihre Verwandtschaft untereinander deutlich zeigen. Dadurch, dass es im Ungarischen Wörter slawischen Ursprungs gibt und etliche deutsche Lehnwörter, haben sich Syntax, Logik und die Grundart der Sprache nicht verändert. Auch die türkischen Lehnwörter mögen ihre ungarische Umgebung. Und all diese Wörter und die ungarischen Sätze kann man – wie auch immer – ins Deutsche übersetzen. Das bedeutet: Deutsch ist eine hoch talentierte Sprache, sie versteht sogar Ungarisch! Man muss ihr helfen, damit sie ihre diesbezüglichen Möglichkeiten erkennt, ich habe ihr oft helfen müssen, aber gerade dabei habe ich ihre Talente genauer beobachten können. Wenn nun aber Ungarn – oder eine Mehrheit in Ungarn – weiter nach rechts rückt, ist es besser, nicht mehr viel Ungarisch zu verstehen.
Im Übrigen hängen die Begriffe recht und rechts auch im Ungarischen zusammen; genauer genommen geht es dabei um gut und besser. Was das links Liegende betrifft, ist es im Ungarischen noch schlimmer bestellt als bei uns im Deutschen. Denn Unheil z.B. bedeutet im wörtlichen Sinn Linksschicksal. Dieses Links-Rechts-Wortsystem muss gründlich durchgeschüttelt werden. Immerhin sagt (die ungarische Philosophin) Agnes Heller, dass, wer denkt, zwangsläufig links denkt.
Falls mir einmal etwas unklar war, konnte ich meine Fragen immer an meine Autorinnen oder Autoren richten. Das ist ein unübersehbarer Unterschied zu Johann Heinrich Voß, der bei all seinen Erwägungen ohne den (tatsächlichen) Dialog mit seinen Dichtern bleiben musste.
Eine Verbindung zwischen ihm und mir gibt es aber, und das ist die Liebe zur Vielfalt der deutschen Wörter und Sätze.

Ich danke im Namen der deutschen Sprache.