Johann-Heinrich-Voß-Preis

Der Johann-Heinrich-Voß-Preis wird seit 1958 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung »für hervorragende Leistungen auf dem Gebiet der Übersetzung«, verliehen. Vor allem werden Übersetzungen literarischer Werke in die deutsche Sprache ausgezeichnet. Der Preis wird jährlich während der Frühjahrstagung der Deutschen Akademie vergeben. Seit 2002 beträgt die Dotation 15.000 Euro.

Preisträger

Michael Walter

Michael Walter

Übersetzer
Geboren 4.1.1951
Mitglied seit 1988

Johann-Heinrich-Voß-Preis 1989
Laudatio von Hans Wollschläger
Dankrede von Michael Walter
Urkundentext

... ein Meister in der reichen Tradition der Literaturübersetzung...

Jurymitglieder
Kommission: Hanno Helbling, Friedhelm Kemp, Lea Ritter-Santini, Hans Wollschläger

Mitglieder des Erweiterten Präsidiums

Last und Lust des Übersetzerberufs

Herr Präsident, meine Damen und Herren, liebe Freunde −
Mir ist ein wenig bang.
Als Angehöriger jenes selten öffentlich in Erscheinung tretenden Berufsstandes, dessen Vertreterinnen und Vertreter in der Regel nicht übermäßig viel Anerkennung erfahren, dafür aber maßlose Mißachtung, und die doch wie eine Miss geachtet werden möchten, bietet sich mir heute und hier in diesem feierlich-festlichen Rahmen, wo die Klage über mangelndes öffentliches Interesse nun wahrhaftig unangebracht ist, aufs schönste Gelegenheit, ohne Zag und Zaudern eine ebenso engagierte wie enragierte Rede über und für die Übersetzerzunft zu halten.
Halb Hymne, halb Hiobiade, hätte sie zu handeln von: der Unerträglichkeit der wirtschaftlichen Situation, dem ewigen Termindruck, der Sieben-Tage-Arbeitswoche, der Unzumutbarkeit mancher Verträge, Verlegerwillkür, dem Fehlen einer echten Übersetzungskritik, deren Vokabular sich im Belobigungsfall nicht erschöpft in den Adjektiven schlank, glatt, geschmeidig, flüssig, von der Last mit manchen Lektoren, aber ebenso auch von der Lust an der Literatur, kurz, Glanz und Gloria, das ganze Ach und Weh dieses Berufes stünden zur Erledigung an.
Da nun aber, wie uns Gustave Flaubert in seinem Roman Salammbô glaubhaft berichtet, das Berufskennzeichen der Übersetzer und Dolmetscher ein auf der Brust eintätowierter Papagei ist − über den, mit Blick auf das dem Vogel eigene Triebtalent zur Nachahmung, der so unnachahmliche Brehm befindet: »Die Papageien sind befiederte Affen« −, so werden Sie, meine Damen und Herren, den Grund meiner Bangheit verstehen. Als nur Übersetzer (im Sinne von »ausschließlich« oder auch, wenn man so will, »Exklusiv«-Übersetzer, als nicht selber Schreibender eben) bin ich es gewöhnt, immer nach einer Vorlage zu arbeiten, mit einem Geländer quasi, an dem ich mich entlangtasten und nötigenfalls festhalten kann. Und nun soll ich hier oben auf einmal so ganz ohne Netz, doppelten Boden und meinen 3-bändigen Webster bestehen. Da muß ich Ihnen sagen, ich bin nicht schwindelfrei.
»Übersetzer ist der zweitanständigste Beruf«, hat Arno Schmidt einmal gesprächsweise gesagt (und man wird getrost vermuten dürfen, daß in diesem Schmidtschen Sinn dann mein Vorredner dem anständigsten Broterwerb nachgeht).
Nun hat allerdings Arno Schmidt nicht eben wenig damit zu tun, daß ich heute hier stehen und den Johann-Heinrich-Voss-Preis in Empfang nehmen darf; aber das ist eine andere Sache, denn als ich den oben zitierten Satz von ihm vernahm, da hatte ich diesen ehrsamen Beruf bereits ergriffen. Oder vielmehr er mich. Dieser Tatbestand spiegelt sich durchaus auch im Titel meines »Erstlings« wieder. Es war ein Roman von Robert Louis Stevenson, und er hieß: »Kidnapped«. Das Bildnis des Übersetzers als Entführter also? Damit dies jetzt nicht zu ominös klingt, gebe ich die Geschichte hier zum besten. Sie ist ohnehin rasch genug erzählt.
Nach Abschluß meines Anglistik- und Philosophiestudiums, und nach ebenso zahlreichen wie fruchtlosen Bewerbungen um eine Lektorenstelle bei allerhand Verlagen, schlug ich mich ein halbes Jahr mit solchen Gelegenheitsarbeiten wie dem Austragen von Werbeprospekten eines Supermarktes durch. Ich hatte nichts weniger im Sinn, als literarischer Übersetzer zu werden. Durch die freundliche Vermittlung eines früheren Professors, den meine damalige Daseinsgestaltung wohl recht gedauert haben muß und der zudem über die erforderlichen Konnexionen verfügt, kam dann ohne mein Wissen und Zutun dieser erste Auftrag zustande, der mich ganz unversehens zum Übersetzer machte. Dieser denkwürdige Tag jährte sich gestern übrigens zum elften Mal.
Das ist überhaupt eines der typischen Kennzeichen dieses Berufs, daß er in den seltensten Fällen ein von Anfang an angestrebter ist. Und so findet sich denn auch unter den von mir geschätzten Kolleginnen und Kollegen kaum jemand, der etwa in der Schule schon als Berufsziel Übersetzer angegeben hätte. Sie alle sind es mehr oder weniger zufällig geworden.
Und warum sollte man auch geplant einen Beruf erstreben, über dessen wirtschaftliche Bedingungen die Aktiven in dieser Disziplin seit jeher geklagt haben und dies wahrscheinlich auch fürderhin werden tun müssen? Denn Übersetzen ist ein Verlustgeschäft. Ein doppeltes, wie ich finde.
Einmal natürlich finanziell, und jetzt muß ich dieses leidige Thema doch einmal kurz anreißen − man kann es ja auch gar nicht oft genug anprangern: Die Bezahlung spottet immer noch jeder Beschreibung und spricht den guten Sitten Hohn. Mein Stundenlohn beträgt, wenn es Verlag und Autor gut mit mir meinen, etwa 12,- DM. Brutto, versteht sich. In anderen Spezialistenberufen, und ich halte das Übersetzen für einen, erzielt man mit Leichtigkeit das 5fache. Mein Installateur zum Beispiel verlangt pro Stunde 60,- DM. Dazu dann die Kosten für Material und Anfahrt, und neuerdings findet sich auch der Posten: »Bereitstellung des Werkzeugs«. Das wäre arg schön, wenn ich meine Nachschlagewerke und Speziallexika den Verlagen als bereitgestelltes Handwerkszeug berechnen könnte. So zum Beispiel die für eine Tristram-Shandy-Übersetzung schier unentbehrlichen Kompendien »Architektura Martialis« aus dem Jahre 1629 von Joseph Furrtenbach, sowie die »Neue, curieuse und vollkommene Artillerie« aus dem Jahre 1713 von Christoph Friedrich von Geißler oder jenes zoologische Werk über nachtaktive Säugetiere, ohne dessen Anschaffung und Studium mir und somit dem Leser etliche Stellen in einem Roman des zeitgenössischen amerikanischen Autors John Irving wohl bis heute schleierhaft geblieben wären. Ja, es ist leider noch immer so, daß in den meisten Verlagen − ein paar wenige rühmliche Ausnahmen wüßte ich allenfalls zu nennen − die Devise herrscht: »Nur ein halbverhungerter Übersetzer ist ein guter Übersetzer.« Nichts könnte irriger sein. Denn ein ständig von Existenzsorgen geplagter Übersetzer, der hat eben, wenn ich das jetzt einmal so unzulässig vereinfacht und verkürzt ins Unreine sprechen darf, den Kopf nicht frei für das Eigentliche. Der Übersetzer soll für die Verlage gut übersetzen, und dafür sollen ihn die Verlage gut bezahlen. So einfach ist das.
Die anderen Verluste, die untrennbar mit dem Übersetzen einhergehen, sind nicht materiell, sondern substantiell, und deshalb oft um so schmerzlicher. Die Rede ist von den Minderungen, die ein Wortkunstwerk erleidet, wenn es in eine andere Sprache transponiert wird. Denn es gelingt nie, das Original in allen seinen semantischen, rhythmisch-klanglichen und sprachspielerischen Feinheiten zu erhalten, das oft hochkomplexe Geflecht von Anspielungen auch noch bis in die letzte Verästelung nachzuknüpfen und in der eigenen Sprache äquivalente literarische Echoräume zu erschließen.
Neben diesen Einbußen steht jedoch ein Gewinn, den ich für mich persönlich gar nicht hoch genug veranschlagen kann. Das Glück nämlich, mich werkeltags mit Literatur beschäftigen zu können und feiertags gar selbdritt mit Walter Shandy und Onkel Toby am Kamin so ersprießliche Fragen ventilieren zu dürfen wie beispielsweise die nach dem richtigen Ende einer Frau und dem falschen.
Höchstes Glück für den Übersetzer bedeutet es, wenn ihm ein Werk aus dem Kanon der Weltliteratur zur Übertragung anvertraut wird. Je hochkarätiger der Autor ist, um so mehr kreative und somit lustvolle Energien wird er im Übersetzer entbinden. Die Qualität einer Übersetzung verdankt sich also immer wesentlich der Güte des Autors.
Wenn mir die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung in diesem Jahr den Johann-Heinrich-Voss-Preis für Übersetzung zuerkennt, so nehme ich ihn mit tiefempfundenem Dank und stellvertretend auch für jenen großen Autor entgegen, der − Alas, poor Laurence! − zu Lebzeiten nie einen bekommen hat.