Johann-Heinrich-Voß-Preis

Der Johann-Heinrich-Voß-Preis wird seit 1958 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung »für hervorragende Leistungen auf dem Gebiet der Übersetzung«, verliehen. Vor allem werden Übersetzungen literarischer Werke in die deutsche Sprache ausgezeichnet. Der Preis wird jährlich während der Frühjahrstagung der Deutschen Akademie vergeben. Seit 2002 beträgt die Dotation 15.000 Euro.

Preisträger

Gerda Scheffel

Übersetzerin
Geboren 14.8.1926

Johann-Heinrich-Voß-Preis 1979
Laudatio von Traugott König
Dankrede von Gerda Scheffel
Urkundentext

Gerda und Helmut Scheffel, die in zwanzigjähriger gemeinsamer Arbeit mit Spürsinn, Sachkenntnis und Einfühlung einen bedeutenden Teil der neueren französischen Literatur übersetzt ... haben.

Jurymitglieder
Kommission: Karl Dedecius, Hermann Lenz, Horst Rüdiger, Elmar Tophoven, Ernst Zinn

Mitglieder des Erweiterten Präsidiums

Mit geschärfter Sensibilität subtilste Gedankengänge nachvollziehen

Sehr geehrte Damen und Herren, obwohl ich in der glücklichen Lage wäre, dem etwas mißlichen Unterfangen, hier als im Reden gänzlich Ungeübte das Wort zu ergreifen, dank der Existenz eines Ko-Preisträgers entgehen zu können, möchte ich es dennoch tun. Und zwar einmal, um der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung sehr herzlich für die Verleihung des Übersetzerpreises zu danken, an der mich ganz besonders die Stätte der Feier freut ‒ ich betrachte es als ein gutes Omen, daß gerade diese Preisverleihung im Zeichen Lessings steht ‒ zum anderen, um Traugott König herzlich dafür zu danken, daß er sich bereit erklärt hat, die Laudatio zu halten, und zum dritten, um ein paar Gedanken zu äußern zu einem uns alle betreffenden Problem, nämlich dem Mißverhältnis, das darin besteht, daß den Verlegern immer wieder die Veröffentlichungen schlechter Übersetzungen vorgehalten werden, diese sich aber im allgemeinen damit entschuldigen, daß es ‒ so der allgemeine Tenor ‒ an guten Übersetzern fehle. Wobei ich hier präzisieren muß, daß ich mich bei meinen Ausführungen vor allem auf klassische, beziehungsweise sogenannte »anspruchsvolle« Literatur beziehe.
Ein Lektor, der uns vor einigen Tagen anrief und flehend um die Übersetzung eines schwierigen Textes bat, damit, Zitat: »nicht das ganze Lektorat beschäftigt ist, ihn in verständliches Deutsch zu bringen«, formulierte das Dilemma kurz so: »Merkwürdig, aber die Übersetzer, die wollen, können nicht, und die, die können, wollen nicht.« Lassen wir die, die wollen und nicht können, beiseite: so merkwürdig ist es gar nicht, daß die, die können, nicht wollen, oder oft auch nicht können. Und dazu möchte ich aus meiner Sicht ein paar Erklärungen geben.
Eine mittelmäßige Übersetzung herzustellen ist im allgemeinen nicht besonders schwierig und kostet eine für jede Arbeit normale Zeit und Kraft. Das Problem, von dem ich hier spreche, stellt sich jedoch, wenn die Übersetzung gut sein soll, das heißt, wenn man erwartet, daß die literarischen Intentionen des Autors in allen Details auch in der Zielsprache erkennbar sind, daß die Übersetzung einer Textanalyse standhalten kann. Dann muß der Übersetzer nämlich nicht nur mit einem unendlichen Zeit- und Arbeitsaufwand die kleinsten Dinge klären und ausfeilen, die, wenn er das nicht täte, beim flüchtigen Lesen nicht einmal immer als fehlerhaft auffielen, er muß sich vor allem mit einer äußerst geschärften Sensibilität in den Autor versetzen und noch dessen subtilste Gedankengänge nachvollziehen. Und was ist das Ergebnis einer solchen monatelangen ‒ ich möchte es nicht pathetisch ausdrücken, aber oft ist es wirklich eine Qual? Was ist also ihr Ergebnis? Ein Werk, mit dem er selbst kaum zufrieden sein kann, denn wenn er die nötige Sensibilität hat, um es gut zu machen, läßt ihn gerade diese Sensibilität nicht im Unklaren darüber, daß eine Übersetzung nur in ganz seltenen Glücksfällen so gut sein kann wie das Original. Und wie stellen sich der Verleger und die Öffentlichkeit dazu? Die nehmen zwar von dem Werk Notiz, doch kaum von dessen Hersteller. Denn der Übersetzer liefert seine Arbeit ab, bekommt sie, je nach Einstellung des Lektors, mit einigen Korrekturen wieder zurück oder erfährt durch die Überweisung des Honorars, daß das Manuskript im Verlag eingetroffen ist ‒ und ich will hier nicht über die schon so häufig erörterten ökonomischen Probleme des Übersetzens sprechen ‒, er bekommt irgendwann unangekündigt Umbruchbogen, oder, wenn er Glück hat, Fahnenabzüge, die der Verlag sofort zurückerwartet, und schließlich ein paar Freiexemplare, nachdem der Band an alle Interessierten oder Nichtinteressierten längst ausgeliefert ist. Gibt es zum Beispiel eine Lizenzausgabe, eine Taschenbuchausgabe, so erfährt es der Übersetzer, wenn er Glück hat, aus reinem Zufall. Später wird er dann, wenn es nicht vergessen wird, am Ende der Kritik in der Bibliographie genannt. Man hält ihn also kaum für würdig, in den Entwicklungsprozeß eines Werkes einbezogen zu werden, dessen Qualität doch allein von ihm abhängt. Man hat ihn vergessen, sobald er seine Aufgabe erledigt, das heißt, sein Manuskript abgeliefert hat, und erinnert sich seiner erst wieder freundlich, wenn man ihn braucht. So wie ein uns allen bekannter Lektor eines großen literarischen Verlages einmal sagte, als ich ihm vorschlug, nach einer besonders schwierigen Übersetzung meinem Mann etwas Freundliches zu sagen: »Wieso? Das Kompliment liegt im neuen Übersetzungsauftrag.« Ich kann aus meinen Erfahrungen als Übersetzerin jedenfalls nur sagen, daß die Ermutigungen, die ich von außen erhielt, sehr gering waren, und ich weiß nicht, ob ich ohne die ständige moralische Unterstützung meines Mannes mich immer wieder neu auf ein so wahnwitziges Unternehmen, das eine Übersetzung nun einmal ist, einlassen könnte. Und ich finde, man sollte in diesem Zusammenhang auch einmal darauf hinweisen, welch großer Teil guter Übersetzer in die Institutionen des Kulturbetriebes abgewandert ist und nur ganz selten noch übersetzt.
Das alles klingt ein wenig bitter, und es erscheint vielleicht nicht sehr überzeugend, wenn ich es gerade hier sage, wo doch durch eine Preisverleihung bewiesen wird, daß man durchaus den Übersetzer zu schätzen weiß. Doch leider genügt die Ermutigung, die dieser Preis bedeutet ‒ im übrigen nicht nur für die unmittelbar Betroffenen ‒ allein nicht, um den Mangel an guten Übersetzern zu beheben. Wenn wir anspruchsvolle ausländische Autoren in ihrer ganzen Komplexität lesen wollen und nicht in Texten, bei deren konfusen Ungereimtheiten man sich fragen muß, wieso dieser Schriftsteller überhaupt bekannt geworden ist oder so viele Jahrhunderte überdauert hat ‒ dann ist es unerläßlich, daß man sich darum bemüht, die Diskrepanz zu verringern, die, wie ich versucht habe zu zeigen, besteht zwischen dem, was ein guter Übersetzer einsetzen muß und dem, was er dafür gewinnt. Das kann jeder auf seine Weise tun ‒ den Nutzen davon hat jeder sprachempfindliche deutsche Leser ausländischer Literatur.