Johann-Heinrich-Voß-Preis

Der Johann-Heinrich-Voß-Preis wird seit 1958 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung »für hervorragende Leistungen auf dem Gebiet der Übersetzung«, verliehen. Vor allem werden Übersetzungen literarischer Werke in die deutsche Sprache ausgezeichnet. Der Preis wird jährlich während der Frühjahrstagung der Deutschen Akademie vergeben. Seit 2002 beträgt die Dotation 15.000 Euro.

Preisträger

Eva Hesse

Eva Hesse

Schriftstellerin, Übersetzerin und Publizistin
Geboren 2.3.1925
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Johann-Heinrich-Voß-Preis 1968
Dankrede von Eva Hesse
Urkundentext

... hat uns die Dichtung der neuen Amerikaner E. E. Cummings, Archibald MacLeish und Ezra Pound erschlossen.

Jurymitglieder
Kommission: Rudolf Hagelstange, Hans Hennecke, Karl Krolow, Horst Rüdiger, Walter Franz Schirmer, W. E. Süskind

Mitglieder des Erweiterten Präsidiums

»Das rechte Wort zu finden für den stimmlosen Laut des Herzens«

Meine Damen und Herren, ich danke Ihnen von ganzem Herzen für die Ehrung, die Sie mir zugedacht haben. Ich hatte es mir bislang zur Regel gemacht, als Übersetzerin hinter meinen Arbeiten möglichst unsichtbar zu bleiben, da der Leser selbstverständlich nicht den Übersetzer wahrzunehmen wünscht, wenn er ein Buch angloamerikanischer Lyrik aufschlägt. So hat sich denn auch mit der Zeit einiges in mir angesammelt, und Sie werden es mir hoffentlich nachsehen, wenn ich bei diesem Anlaß in eigener Person zu Ihnen spreche.
Ich nehme nun gleich ein Gewohnheitsrecht der Festredner für mich in Anspruch und fange bei anno Tobak an: ‒ Als ich in England zur Schule ging, da hatten wir ein Unterrichtsfach, »Current Events« (= Tagesereignisse) genannt, in dem wir Kinder verschiedene Zeitungen lesen und ihre Meldungen kritisch miteinander vergleichen mußten. Im Gegensatz zu meinen englischen Klassenkameradinnen steckte ich damals noch in einer Phase kindlicher Loyalität und, da ich wiederholt aufgerufen wurde, mich über das zu äußern, was die Zeitungen damals (in den späten dreißiger Jahren) über Deutschland brachten, lernte ich mich als Sprecherin meiner Nation zu verstehen, die ich verteidigte, so gut es mir Unerfahrenheit und eine geringe Belesenheit in der deutschen Presse erlaubten. Die Skepsis und kritische Hellhörigkeit, die sich meine englischen Altersgenossinnen gegenüber allen politischen und publizistischen Äußerungen aneigneten, lernte ich erst später ‒ als ich nämlich nach Deutschland zurückgekehrt war. Da erst ging mir auf, daß alle Anwürfe, gegen die ich mein Land vor der Klasse verteidigt hatte, von der deutschen Wirklichkeit weitaus in Schatten gestellt wurden. Ich war einer Sprachregelung aufgesessen! Und eine Zeitlang trug mich die Sprache, die mir nah und mundwarm gewesen war, nicht mehr. Mein einmal erwachter Argwohn gegen sie verschärfte sich, als ich auf Luthers »Sendbrief vom Dolmetschen« stieß. Sie alle kennen die berühmte Stelle, wo er davon spricht, daß man auf den Markt gehen müsse, um dem Volk aufs Maul zu sehen. Mich traf daran vor allem die abschließende Formulierung: »So verstehen sie es denn und merken, daß man deutsch mit ihnen redet.« DEUTSCH MIT JEMANDEM REDEN: das mußte demnach zu Luthers Zeiten bedeutet haben: jemandem kein X für ein U machen, die Dinge bei ihrem richtigen Namen nennen!
Ich begann zu sondieren, ob man denn heute nicht mehr in diesem Sinne deutsch mit den Menschen verkehren könne. Da ich mittlerweile in eine Phase großer Skepsis geraten war, erschien es mir unwissenschaftlich, eine Wortfolge für wahrhaftig zu halten, nur weil sie mir einleuchtete. Deswegen entwickelte ich für mich eine Art erster Kontrolle, wonach nur das, was beiden Sprachen, der englischen und der deutschen, standhielt, nur das was in Sinn und Form nahezu unbeschadet herüberkam, ernst genommen werden durfte. Sie mögen das für einen recht naiven Zugang zur Literatur halten, aber es war der meine, und er hatte zur Folge, daß die Übersetzung für mich von Anfang an eine Form der Kritik war ‒ auch im Sinne des griechischen Wortstammes »KRINEIN«, des Auswählens und Entscheidens, und ich glaube, daß dieser frühe Ansatz eine gewisse innere Zusammengehörigkeit der Dichter, die ich mir zu verdeutschen vornahm, erklärt.
Wenn ich zunächst interessiert war, zu sehen wie Sinn und Form eines Gedichtes, besser gesagt seine Sinnform, in anderen Wörtern und Lauten wieder erstanden, so sah ich mich bald gefangengenommen von den Möglichkeiten der Sprache selber, dem Spiel von Sprachgeist zu Sprachgeist, den Oszillationen des Sinns zwischen den Sprachen. Gerade die deutsche Sprache erwies sich mir unter der Hand als neu und unverbraucht und eigenschöpferisch. Man möchte vielleicht annehmen, daß eine ästhetische Faszination dieser Art meinen ursprünglichen Impuls abgelenkt oder abgelöst hätte, doch glaube ich für meinen Teil viel eher, daß sie ihn ergänzte.
Um Ihnen besser klar zu machen, wie ich das meine, möchte ich auf den Begriff der »Idioplastik« zurückgreifen, der in der modernen angloamerikanischen Dichtung, die mich vor allem beschäftigte, Geltung gewonnen hat. Das Wort stammt vom griechischen IDIO-PLASTOS her, das heißt »selbst-formend«. Die Idioplastik eines Gedichtes ist die Extension, die Verlängerung dessen, was das Gedicht sagt, im Bewußtsein des Lesers. Sie ist also eine Ergänzung des tatsächlichen Informationsgehaltes durch die provozierte geistige Mitwirkung des Lesers. Der Vorgang der Idioplastik hat drei Phasen: Er setzt an bei den Worten, die der Dichter geschrieben hat und gelangt von dort zu den bildhaften Vorstellungen, die diese Worte auf die innere Netzhaut des Lesers projizieren und mündet schließlich in den intellektuellen, emotionalen und sensuellen Assoziationen, die der Text als Ganzes im Leser auslöst. Also: Sprache ‒ Vorstellung ‒ Idioplastik. Wobei die letzte Phase, die der Idioplastik, den Sinn-Komplex in seiner Gesamtheit bezeichnet als eine Art Korona oder Chromosphäre der Gedichtworte.
Das Wesen des idioplastischen Vorgehens erfordert es, daß derlei Sinnschwingungen beweglich und spontan bleiben, daß sie je nach der Geistesart oder Gefühlslage des Individuums, das diesen selbstformenden Prozeß der Dichtung durchläuft, variieren können. Die angloamerikanischen Dichter, die sich dies ‒ ursprünglich ostasiatische ‒ Prinzip zu eigen machten, verzichten denn auch auf die Manipulation der Idioplastik, ihr Augenmerk gilt nicht so sehr den Sinnschwingungen, die auch für sie selber erst aus dem Geschriebenen erstehen, wie der Sprache bzw. den Wörtern, denn: »Das rechte Wort zu finden für den stimmlosen Laut des Herzens, heißt sich selbst nicht belügen« (Konfuzius). Die idioplastische Dichtung wird für den Dichter wie für den Leser somit zu mehr als einem Medium des Ausdrucks, sie wird zu einem Medium der Entdeckung ‒ es ist empirische Dichtung, eine wesensmäßig »offene Form«. Dichtung dieser Art versucht also aus dem Erleben heraus zu formulieren und den Leser in den Vorgang einzubeziehen, nicht aber dem Erlebten eine Anzahl von nachträglichen Ansichten oder Stimmungen aufzuherrschen. Es ist, wie man leicht einsieht, ein Verfahren, das dem Dichter nur wenig Gewißheiten bietet. »Anders als der Rhetoriker«, schreibt Yeats, »dessen Stimme eingedenk der Massen, die er gewonnen oder zu gewinnen hat, an Überzeugung zunimmt, singen wir inmitten unserer Ungewißheit.«
Tatsächlich ist die Umkehrung des idioplastischen Prozesses Rhetorik. Denn die Rhetorik geht nicht, wie man meinen möchte, von der Sprache über die Vorstellung zum spontanen Sinn-Komplex, sondern bedient sich eines im vorhinein fixierten und berechneten Sinn-Komplexes, wobei dieser nicht etwa wie eine Verlängerung des Gesagten behandelt wird, sondern so, als wäre er das Gesagte selbst. Solcher Sprachgebrauch ist seit jeher kennzeichnend für Kanzelredner, Politiker, Propagandisten und bestimmte Presseorgane gewesen, hat sich aber in unserem Zeitalter der Publizistik zu einer ganz eigentümlichen Phraseologie entwickelt, der ich nur zögernd die Bezeichnung »deutsch« oder »Sprache« zugestehe. Rhetorik ist nämlich ‒ nach Aristoteles ‒ Überredung, sie ist nicht Mitteilung, sie ist nicht Information, sie ist kaum Verständigung. Lassen Sie mich das veranschaulichen. Man hat uns in der jüngsten Zeitgeschichte mitgeteilt, daß ein »passiver Terror« stattgefunden habe. Wir haben hierin einen kalkulierten Sinn-Komplex, von dem eigentlich gar kein Weg mehr zu den ‒ vorausgesetzten ‒ früheren Phasen: Sprache und Vorstellung, zurückführt. Allenfalls wäre die zweite Stufe, die der bildhaften Vorstellung, noch mit Hilfe eines Fotos erreichbar, auf dem wir Studenten sähen, die passiv auf der Straße sitzen und Polizisten, die auf sie einknüppeln. Dann hätten wir wohl »Passivität« und »Terror«, die sich aber zu einem »passiven Terror« ‒ nach unserem Sprachgewissen ‒ auf keine Weise zusammenfügen wollen. Die Sinnschwingungen der Worte ‒ und darin beruht die große Versuchung zur rhetorischen Manipulation ‒ sind alogisch. Sie gestatten es dem Publizisten »als ob« zu reden, als ob nämlich die Phase der Sprache, die logische Phase, vorausgegangen sei. So macht die rhetorische Redeweise es auch möglich, die Darstellung einer Sache zu bringen, als ob sie diese Sache selber sei ‒ dies ganz im Zuge einer Zeit, die in der Veräußerung der Dinge, dem »image«, dem bloßen Schein, das Eigentliche der wirklichen Erscheinungen zu sehen beliebt. Wir bemerken auch, daß der manipulierte Sinn-Komplex, der gegen die Natur der Sprache entstanden ist ‒ nehmen wir zur Abwechslung einen so folgenschweren Begriff wie den der »Vorwärtsverteidigung« ‒ sich darauf versteht, genau das Gegenteil von dem zu vermitteln, was die Worte eigentlich besagen.
Offensichtlich gibt es zwei grundverschiedene Arten, Wörter zu gebrauchen, und es wird nachgerade lebensgefährlich für den einzelnen, nicht scharf aufzuhorchen, ob von Fall zu Fall »deutsch« oder »als ob« mit ihm geredet wird. Nicht immer decouvrieren sich ja die Wörter so leicht wie in den zitierten Beispielen ‒ und es gibt viele Begriffe, die auf zweierlei Weise verwendet werden könnten. So hören wir seit Jahren, daß die Vereinigten Staaten in Vietnam die Freiheit und Selbstbestimmung Südostasiens verteidigten. In welcher Sprache das Wort »Freiheit« hier verwendet ist, wird unmittelbar klar, wenn wir von einem amerikanischen Negerschriftsteller hören: »Kein Schwarzer, der in seinem eigenen Vaterlande in Ketten geht und jeden Tag so viele um sich herum verkommen sieht, glaubt auch nur eine einzige Minute daran, daß Amerika die Freiheit Asiens am Herzen liegt« (James Baldwin).
Meine Damen und Herren, ich bin nicht von meinem Thema abgekommen. Literatur und Politik sind keine getrennten Disziplinen. Es gibt da eine sprachliche Nahtstelle, die uns direkt angeht. Hören Sie auf Frage und Antwort eines »meiner« amerikanischen Autoren zu diesem Thema: Hat die Literatur eine Funktion im Staat, in der Gemeinschaft der Menschen, in der Republik, in der res publica, in dem, was von Rechts wegen das Gemeinwohl heißen müßte?: »Ja, das hat sie. Sie hat etwas mit der Klarheit und Kraft allen und jeden Denkens und Meinens zu schaffen. Sie hat zu schaffen mit der Reinlichkeit der Bestecke, der Gesundheit der eigentlichen Substanz der Denktätigkeit. Und die Gediegenheit und Gültigkeit der Wörter steht in der Obhut der verwünschten und verachteten Literaten. Wenn ihr Werk verrottet ‒ und das heißt nicht, wenn sie Unziemliches ausdrücken, sondern wenn ihr ureigenstes Element, die Quintessenz ihres Schaffens, die Anwendung des Wortes auf das Ding, verkommt ‒ also schwammig und ungenau oder übertrieben und aufgebläht wird ‒ dann geht das ganze Getriebe des sozialen und individuellen Denkens und der Ordnung vor die Hunde. Dies ist eine der Lehren der Geschichte. Und es ist eine unbeherzigte Lehre« (Ezra Pound).
Heute stehen wir vor einer Situation, in der der »credibility gap«, das Vertrauensintervall, das zwischen den Sprechern des Staates und dem denkenden Einzelnen klafft, bereits beängstigende Ausmaße angenommen hat.
Was können wir tun? Ich glaube, man müßte sich zunächst einmal bewußt werden, daß Sprache keineswegs gleich Sprache ist. Die Gegenkraft, die wir ins Feld führen könnten, beruht ja vor allem in unserem sprachlichen Unterscheidungsvermögen. Ich frage mich zudem, ob man bei der gegenwärtigen Entwicklung der öffentlichen Dinge nicht schon unserer aufgeweckten Schuljugend eine Waffe in die Hand geben sollte, und zwar, indem man sie im Lesen von Zeitungen unterrichtet. Dann könnte sie sehr bald selber ausmachen, wo die Sprache auf widernatürliche Weise verwendet wird, um Gedanken zu verschleiern, statt sie mitzuteilen, wo sie nur im voraus berechnete Suggestionen vermitteln soll, wo durch Sprachregelung oder Nachrichtenunterdrückung die Meinung manipuliert wird, wo sie den bei uns allgegenwärtigen Zuhältern der Macht dient. Ich denke, eine derartige Ergänzung des Deutschunterrichts würde in ihrer Auswirkung letzten Endes fast einem Pressegesetz gleichkommen; sie würde zudem einen neuen kritischen Ton in unsere noch sehr unterentwickelte Demokratie bringen und der Sprache womöglich neues Leben zuführen.
Wir beobachten zur Zeit bei unserer studentischen Jugend ein Wiederaufleben des Wahrheitswillens, eine Regeneration des empfindlichen jugendlichen Sensoriums für alles Verlogene und Unechte, wie man es sich nach den letzten Jahrzehnten kaum noch erhoffen durfte. Unsere neue Generation versteht die Verfassung auf einmal nicht mehr als etwas, das nur »als ob« geschrieben wurde, sie möchte sie beim Wort nehmen und in die Praxis übersetzen. Und sie begreift die demokratische Gesellschaft als eine empirische, offene Form ‒ als etwas, dessen Endresultat nicht im vorhinein festgelegt, sondern erst zu erarbeiten ist. Diese Jugend nun verlangt von der beamteten Autorität zunächst nur eins: das Gespräch. Staunend sehen wir, wie dies Ansinnen die Verwalter der Macht in unserem Staat mit
Schrecken erfüllt: Es ist, als hätten sie über der Sprache der kalkulierten Suggestion die Sprache der Mitteilung, unsere Sprache, meine Damen und Herren, verlernt. Sollte sich aber erweisen, daß dies wirklich zutrifft, so möchte ich Ihnen ein Wort ins Gedächtnis rufen, das vor 2500 Jahren von Konfuzius gesprochen wurde, in China, wo man die Autorität des Alters geehrt hat, wie nirgendwo sonst auf der Welt:

»Haltet hoch was im Kind angelegt ist
Von dem Augenblick da es Atem holt,
Aber ein Fünfziger, der nichts dazugelernt hat,
IST KEINER ACHTUNG WERT«*)

*) Konfuzius Lun Yii XI, 22. (In einem Artikel über die Tagung der Akademie für Sprache und Dichtung von German Werth im Berliner Tagesspiegel vom 9.5.1968 wird dieses Konfuzius-Zitat als »neuchinesische Weisheit« bezeichnet. Quod erat demonstrandum. E. H.)