Johann-Heinrich-Voß-Preis

Der Johann-Heinrich-Voß-Preis wird seit 1958 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung »für hervorragende Leistungen auf dem Gebiet der Übersetzung«, verliehen. Vor allem werden Übersetzungen literarischer Werke in die deutsche Sprache ausgezeichnet. Der Preis wird jährlich während der Frühjahrstagung der Deutschen Akademie vergeben. Seit 2002 beträgt die Dotation 15.000 Euro.

Preisträger

Burkhart Kroeber

Burkhart Kroeber

Übersetzer und Schriftsteller
Geboren 3.7.1940

Johann-Heinrich-Voß-Preis 2001
Laudatio von Werner von Koppenfels
Dankrede von Burkhart Kroeber
Urkundentext

... der durch sein Werk wie durch öffentliches Eintreten für den eigenen Berufsstand dem Übersetzer als Mittler zwischen den Kulturen zu neuem Ansehen verholfen hat.

Jurymitglieder
Kommission: Heinrich Detering, Joachim Kalka, Friedhelm Kemp, Werner von Koppenfels, Ilma Rakusa, Lea Ritter-Santini, Michael Walter

Mitglieder des Erweiterten Präsidiums

Sprachlust und Sprachlist

LAUDATOR
Werner von Koppenfels
Geboren 25.11.1938
Anglist und Übersetzer

Wenn einer einen Preis zuerkannt bekommt, und ihn auch noch annimmt, muß er damit rechnen – so lautet die Regel – öffentlich gelobt zu werden. Um es gleich zu sagen: es ist mir eine Freude, und keine Pflichtübung den diesjährigen Voß-Preisträger zu preisen – und er wird es mannhaft zu ertragen wissen.
Ich nähere mich meinem Thema von der Peripherie her, mit einer Vignette aus dem Alltag eines Benutzers wissenschaftlicher Bibliotheken. Wenn man im größten Bücherhort des deutschen Südens, der Bayerischen Staatsbibliothek, mit dem Stichwort kroeber, burkhart am OPAC-Computer auf Titelsuche geht, gibt einem, nach längerer Denkpause, das Gerät im schönsten Computerdeutsch den Bescheid: »Die Treffermenge [118] übersteigt die Sortiergrenze. Soll trotzdem sortiert werden?« Natürlich soll sortiert werden, aber schon die schiere Fülle des Vorhandenen ist überwältigend, auch wenn sich naturgemäß die Kroeberschen Bestseller wie Der Name der Rose oder Wenn ein Reisender in einer Winternacht in vielerlei Ausgaben aufgelistet finden.
Wie schafft man das in einem Menschenleben, oder genauer, in den bloß drei Jahrzehnten, die seit dem Studienabschluß des heute zu Feiernden verflossen sind? Der allgegenwärtige Erwerbssinn, der unser globales Wirtschaften so dynamisch in Schwung hält, kann soviel Verbalenergie kaum freigesetzt haben, denn auch der rare Übersetzer, der die vom Urheberrecht vorgesehene Erfolgsbeteiligung bei seinem Verlag durchsetzt, ist damit noch lange nicht auf dem berühmten grünen Zweig gelandet. Wie manche Verlage mit unbotmäßigen Übersetzern umspringen, die auf diesem Recht bestehen, führt derzeit ein Münchner Lehrstück dem staunenden Publikum in mehreren Gerichtsinstanzen vor. Doch so garstige Verleger hat Kroeber gottlob nie gehabt. Immerhin: Wenn er sich öffentlich bei seiner Frau dafür bedankt, daß sie einen vernünftigen Brotberuf ausübt, der ihm erlaubt, sich ohne das branchenübliche Gehechel auf seine zwei oder drei Bücher pro Jahr zu konzentrieren, beschreibt er ganz realitätsnah, wie die Privilegierteren in der Zunft leben. Was ihn an- und umtreibt, ist nicht der große Gott Mammon, sondern jene altmodische Macht, die bei Dante Sonne und Sterne am Laufen hält. Labour of love, so muß wohl die Diagnose lauten; wörtlich übersetzt: Schwerarbeit aus Liebe.
Wie wird man ein exemplarischer Übersetzer? Wie gradlinig muß der Weg sein, der zu diesem paradoxen Beruf der produktiven Rezeption und analytischen Synthese führt? Als langjähriger Vorsitzender des Berufsverbands literarischer Übersetzer hat Burkhart Kroeber immer eine weitreichende Professionalisierung seines Standes gefordert: beste philologische Ausbildung, Kenntnis modernster Hilfsmittel, lebenslange Fortbildung. Sein eigener Werdegang ist nicht ganz so gradlinig verlaufen, wie dieses Programm vermuten lassen könnte. Sein Studium galt dem alten Ägypten und wurde von einer Promotion mit den Nebenfächern Politologie und Romanische Sprachwissenschaft gekrönt.
Von Hieroglyphen war nicht mehr die Rede, als der frischgebacke Ägyptologe in den Siebziger Jahren mit dem Eindeutschen progressiver, das heißt, linksliberaler Sachbücher, wie sie damals Konjunktur hatten, begann. Es folgten fünf Jahre als Sachbuchlektor bei Hanser, wo über dem Redigieren rasch wechselnder Manuskripte und dem Nachkorrigieren schludriger Übersetzungen geheime Wünsche geweckt wurden, die sich schlecht mit der Solidität eines Lektorensessels vertrugen.
Der Ausbruch, der ein Durchbruch war, kam, als dem Sachbuchlektor irgendwann um 1980 ein Manuskript auf den Schreibtisch flatterte, für das er gar nicht zuständig war: ein Wälzer mit dem Titel Il nome della rosa, verfaßt von einem in Fachkreisen nicht ganz unbekannten Bologneser Professor für Semiotik. Kroeber witterte in der eigentümlichen Verbindung von Erzählspannung und ironischer Kulturreflexion ein Meisterwerk neuer Art, beschwor den Verlag, die deutschen Rechte zu erwerben, und bot sich mit inspirierter Chuzpe und – wie er freimütig bekennt – keineswegs profunden Italienischkenntnissen als Übersetzer an. Der Rest war learning by doing, die beste Methode, das Metier des literarischen Übersetzens zu lernen und das einzig stichhaltige Argument gegen die plausible Theorie von Unübersetzbarkeit der Sprachen und Literaturen. Kroeber hatte seinen Autor, Eco seinen Übersetzer gefunden. Und mit dem Trumpf der Rose im Ärmel wagte dieser (um meine Metaphern ein wenig zu mischen) den Sprung zurück ins kalte Wasser des freien Übersetzertums, das ihm nach der Zimmertemperatur seines Lektorats höchst anregend für den geistigen Kreislauf vorkam.
Es folgten weitere Autoren, die Kroeber zu den seinen machte, besonders Italo Calvino und das geistreiche Krimi-Duo Fruttero und Lucentini. Wie schon bei Eco war es ihm auch hier eine besondere Lust, die dem Deutschen so heilige Demarkationslinie von E- und U-Literatur mutwillig in beiden Richtungen zu überschreiten. Die freundliche Fügung, die ihn zum ersten deutschen Leser von Ecos Rosenroman bestimmt hatte, erinnert von ferne an die Art, wie anderthalb Jahrhunderte zuvor der klassische Roman des neuen Italien als erstem Deutschen einem Leser von ebenfalls beachtlichem literarischen Spürsinn in die Hände fiel, und was daraus wurde. Allessandro Manzoni hatte seine Promessi Sposi unmittelbar nach Erscheinen dem verehrten Herrn von Goethe in Weimar mit einer artigen Widmung zugesandt, der sogleich ihrem Zauber verfiel und das umfängliche Werk in wenigen Tagen zuende las. Mit seiner Begeisterung regte er die erste deutsche Übertragung an, der noch viele folgen sollten, bis Burkart Kroeber im einprägsamen Jahr 2000 die »Brautleute« von den Schlacken deutscher Steifheit und Behäbigkeit reinigte, um ihrer Syntax den ureigenen Rhythmus und ihren Dialogen die natürliche Sprechbarkeit zurückzugeben.
Manzoni, der sich nur als Bearbeiter eines alten Manuskripts unbekannter Verfasserschaft ausgibt, verabschiedet sich am Ende der langen gemeinsamen Reise von seinen Lesern mit den Worten »La quale [storia] se vʼha dato qualche diletto, vogliatene bene all‘anonimo e anche un poʼ al suo racconciatore.« Der Übersetzer schmuggelt sich nun, unter den Augen stirnrunzelnder Kritiker, an dieser Stelle parenthetisch selbst in den Text ein: »Wenn diese [Geschichte] euch nun nicht gänzlich mißfallen hat, so bleibt dem gewogen, der sie geschrieben, und ein bißchen auch dem, der sie neu eingerichtet hat (und ein kleines bißchen auch dem, der sie neu übersetzt hat).«

Das Selbstbewußtsein, das sich in diesem symbolischen Autogramm äußert, legt Burkhart Kroeber auch dann an den Tag, wenn er für seinen Berufsstand spricht, dessen Rolle als Kulturmittler auch heute noch in erstaunlichem Gegensatz zu seiner gesellschaftlichen Unsichtbarkeit und materiellen Marginalisierung steht. Burkhart Kroeber ist weder zu übersehen noch zu überhören, wenn er das Wort ergreift, und das nicht nur dank seiner Körpergröße und seinem Stimmvolumen. Er spricht mit der gebotenen Deutlichkeit aus der Autorität seiner Berufserfahrung nach beiden Seiten: zu den Verlagen, die den Übersetzer in Zeiten harter Konkurrenz gern als am ehesten reduzierbaren Kostenfaktor betrachten, und zu den Berufskollegen, wenn es um die Standards der Zunft und ihr Bild in der Öffentlichkeit geht.
Beim sogenannten Münchner Übersetzerstreit etwa galt sein nachdrücklicher Einspruch nicht so sehr dem strittigen Text, einem durchaus qualitätvollen, aber miserabel übersetzten englischen Roman, als vielmehr zwei, wie ihm schien, skandalösen Begleitumständen. Der erste bezog sich auf das völlige Versagen des Rezensionsbetriebs, der im Sog einer üppigen Werbekampagne das Buch landauf landab in den Himmel hob, ohne sich im geringsten am ungeschlachten Stil der deutschen Fassung zu stoßen; eine frappante Bestätigung dessen, was manche von uns längst argwöhnen, daß nämlich Rezensenten die Bücher nicht unbedingt lesen, die sie besprechen. Der zweite Skandal bestand in der Argumentation, die von betroffener Seite vorgebracht wurde, nachdem das Gejaule über die angebliche Unkollegialität solcher Kollegenschelte den Protest nicht abwürgen konnte: die handfeste Verballhornung des Originals sei in Wirklichkeit ein Akt schöpferischer Sprachverfremdung in der großen Tradition von Humboldt und Schleiermacher. Diesem arg postmodernen Relativismus gegenüber hielt Kroeber an der kritischen Unterscheidbarkeit von defizienter und kreativer Sprachfremdheit fest, ohne die in der Tat alle Übersetzungskritik völlig illusorisch wäre.
Die »Farbe der Fremdheit«, auf die es beim literarischen Übersetzen so entscheidend ankommt, hat er mit Lust und List stets zu bewahren verstanden. Dabei gab es immer wieder vertrackte Probleme zu lösen, etwa bei dem barock stilisierten dritten Roman Ecos, Die Insel des vorigen Tages. Eine der Figuren, der überaus gelehrte Jesuitenpater Caspar, spricht beispielsweise ein tedesco maccaronico, ein Italienisch mit markant deutscher Wortstellung. In den Handreichungen an seine Übersetzer, die eine Spezialität des Autors Eco darstellen, merkt dieser an, solche syntaktische Fremdheit lasse sich in jeder Sprache mühelos herstellen – nur der deutsche Übersetzer habe da möglicherweise ein Problem. (»per il traduttore tedesco, cavoli suoi«; eigentlich: ›seine Kohlköpfe‹). Kroeber entschloß sich, wie er in seinen Notaten zur Übersetzung sagt, den Pater historisch zu regionalisieren, indem er ihm ein parodistisches Barockdeutsch mit sorgsam dosierten Gestelztheiten und Latinismen verpaßte.
An einer Stelle freilich tat sich der Übersetzer ausnahmsweise ganz leicht, weil sein Autor einen Auszug aus Harsdörffers Frauenzimmer-Gesprächsspielen ins Italienische übertragen hatte. Es geht dabei um das berühmte Lob der teutschen Sprach, von der es heißt, sie »sauset mit den Winden, brauset mit den Wellen, brüllet wie der Löw, plerret wie der Ochs, brummet wie der Bär... gruntzet wie das Schwein...« und vieles andere mehr. Kurioserweise fühlte sich ein Rezensent just an dieser Stelle bemüßigt, die übersetzerische Korrektheit der Passage anzuzweifeln. Der literarhistorische Horizont, den sein Metier einem guten Übersetzer abverlangt, stünde auch der Kritikerzunft nicht übel an.
Sprache, das verraten uns alte Bezeichnungen wie glossa und lingua, ist letztlich Zunge. Ein Übersetzer muß die Originalsprache schmecken, um mehr als nur einen fernen Nachgeschmack davon zu verbreiten. Burkhart Kroeber ist ein sinnlicher Übersetzer, ein kundiger Abschmecker und Wahrer der Würze, und seine Autoren haben dem sprachlichen Gaumen einiges zu bieten. Zum Beweis noch schnell einen kleinen Auszug aus Calvinos letzten Erzählungen, lauter Ausflügen in das Reich der Sinne. Die Geschichte Unter der Jaguar-Sonne feiert den Geschmackssinn mit einer Entdeckungsreise, die ein verliebtes Paar mit geheimer kannibalischer Lust in die verborgenen Regionen mexikanischer Koch- und Eßkultur unternimmt:

»Olivias Lippen hielten mitten im Kauen inne, bis sie beinahe zum Stillstand kamen, ohne jedoch die Kaubewegung völlig zu unterbrechen, vielmehr sehr langsam weiterkauend, als horchte sie einem inneren Echo nach... »Spürst du? hast du gespürt?« fragte sie mich mit einer Art banger Freude, als hätten genau in jenem Moment unsere Schneidezähne einen Bissen von identischer Komposition zerteilt, als hätten die Rezeptoren meiner und ihrer Zunge soeben dasselbe Aromatröpfchen empfangen. »Ob das der xilantro ist? Spürst du nicht den xilantro?« fragte sie weiter und meinte damit ein Würzkraut, das wir bisher anhand des lokalen Namens noch nicht sicher zu identifizieren vermocht hatten (vielleicht Dillfenchel?), von dem jedoch eine winzige Spur in dem gerade gekauten Bissen genügte, um der Nase ein angenehm stechendes Prickeln zu übertragen, etwas wie einen Anflug von Trunkenheit.«

Verbales Prickeln, einen Anflug von Logomanie und Logomagie – dieser Übersetzer versteht es, seine Lust am fremden Text auf der eigenen Zunge in die eigene Zunge hinüberzubringen. Übertragung erweist sich in solchem Glücksfall als dionysischer Akt und als – durchaus rauschhafte – Teilhabe am Wunder der Sprachen.