Johann-Heinrich-Voß-Preis

Der Johann-Heinrich-Voß-Preis wird seit 1958 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung »für hervorragende Leistungen auf dem Gebiet der Übersetzung«, verliehen. Vor allem werden Übersetzungen literarischer Werke in die deutsche Sprache ausgezeichnet. Der Preis wird jährlich während der Frühjahrstagung der Deutschen Akademie vergeben. Seit 2002 beträgt die Dotation 15.000 Euro.

Preisträger

Annemarie Schimmel

Annemarie Schimmel

Islamwissenschaftlerin
Geboren 7.4.1922
Gestorben 26.1.2003

Johann-Heinrich-Voß-Preis 1980
Laudatio von Ernst Zinn
Dankrede von Annemarie Schimmel
Urkundentext

In der Nachfolge Friedrich Rückerts hat sie ihre umfassende Kenntnis orientalischer Sprachen in den Dienst eines fruchtbaren Austausches zwischen östlichem und westlichem Geistesleben gestellt...

Jurymitglieder
Kommission: Jan Aler, Roger Bauer, Hermann Lenz, Horst Rüdiger, Elmar Tophoven

Mitglieder des Erweiterten Präsidiums

 
LAUDATOR
Ernst Zinn
Geboren 26.1.1910
Gestorben 24.2.1990
Klassischer Philologe

So wenig es mir, als einem nicht Sachverständigen, zukommt, heute und hier als Lobredner Ihrer, verehrte Frau Professor Schimmel!, dichterischen Übertragungen aus zahlreichen orientalischen Sprachen das Wort zu nehmen, so lebhaft ist doch meine Freude, den Auftrag dieser Stunde zu erfüllen.
Goethes warnende Maxime: »Wen jemand lobt, dem stellt er sich gleich«, sie darf uns nicht schrecken. Den Sachverstand für Ihre Sache brächte in unseren Reihen ohnehin niemand auf. Ihn und die uns fehlende fachliche Zuständigkeit muß auch in unserem Kreise die Wißbegier ersetzen, eine Neugier, die zur Empfänglichkeit wird, eine Aufnahmebereitschaft, die sich alsbald, kaum daß sie sich Ihrem übersetzerischen Werk öffnete, belehrt, bereichert, gefördert findet und sich zu bleibender Dankbarkeit befestigt.
Wir, die Mitglieder dieser Akademie, möchten, als Leser Ihrer Verdeutschungen, Ihnen, der ebenso kenntnisreichen wie kunstsinnigen Dolmetscherin der religiösen Botschaft und der Poesie islamischer Kulturen aus Vergangenheit und Gegenwart, unseren Dank bekunden. Und wir möchten mit eben dieser Bekundung Ihren Schriften, Sammlungen und Ausgaben, in denen Sie das Geistesgut des Vorderen Orients unserem deutschen Sprachbereich vermitteln, immer neue Leser zu gewinnen suchen.
Lassen Sie mich den vorhin vernommenen Satz, mit dem die Akademie die Verleihung des Übersetzer-Preises in ihrer Urkunde begründete, mit einigen kurzen Worten entfalten, auslegen.
Der »Johann-Heinrich-Voss-Preis für Übersetzung« − bei der diesjährigen Verleihung müßte er ja eigentlich »Friedrich-Rückert-Preis« heißen! Denn wenn die Begründung hervorhebt, daß Ihre übersetzerische Leistung »in der Nachfolge Friedrich Rückerts« erwachsen sei, so glauben wir damit in mehrfachem Sinne Ihre Orientierung zu erfassen und zu würdigen. Rühmenswert in hohem Maße erscheint es uns, wie Sie Friedrich Rückerts übersetzerisches Dichtertum − oder dichterisches Übersetzertum − unter uns neu zu Ehren und Geltung gebracht haben: durch Neuausgaben seiner Makamen des Hariri und seiner Proben aus Saadis Diwan (beide in Reclams Universal-Bibliothek), durch die zweisprachige Ausgabe einer persischen Anthologie (bei Harrassowitz, Wiesbaden) und durch den noch weitergespannten Sammelband »Orientalische Dichtung in der Übersetzung Friedrich Rückerts« (Schünemann Verlag 1963), sowie durch Ihre orientalistische Mitarbeit an der Edition von Rückerts Briefen. Und Sie haben vor Jahren Ihr Bild von dem großen Erforscher und Dolmetsch der östlichen Literaturen zusammengefaßt auf jenen wenigen (bisher nur 1967 in der Verborgenheit der Schweinfurter Rückertgesellschaft abgedruckten) Seiten, die den Titel trugen: »Weltpoesie ist Weltversöhnung«. Dieser Titel ist ein Rückert-Zitat:

»Mög euch die schmeichelnde Gewöhnung
Befreunden auch mit fremder Tönung,
Daß ihr erkennt: Weltpoesie
Allein ist Weltversöhnung.«

Und dieser Zitat-Titel deutet schon darauf hin, daß dieses ganze Schriftchen, Ihr kleines Meisterwerk, fast nur aus Rückert-Zitaten − die allermeisten in Versen − und sonstigen Anführungen nach Goethe, Herder und anderen besteht, − also förmlich das ist, was man in der Spätantike einen »Cento« nennt, einen »Flickenteppich« aus Zitaten; aber diese Zitate sind aus dem riesigen und unüberschaubar verstreuten, dichterischen und übersetzerischen Gesamtwerk Rückerts mit solcher Belesenheit und Kennerschaft erlesen, so bedeutsam und vielsagend zusammengefügt, daß es für den Rückertfreund kein köstlicheres Vergnügen und zugleich keine überraschendere Belehrung und Erhellung geben kann, als den Fundstellen dieser Zitat-Zimelien nachzuspüren, deren Nachweise Sie dem Leser − vielleicht nicht ohne eine fürsorgliche Arglist − vorenthalten haben ‒ Sie gönnten ihm wohl das verschwiegene Vergnügen, sich mit und an Ihrer Rückert-Festigkeit zu messen!
Rückert: das Leitgestirn Ihres Übersetzertums − so dürfen wir es wohl sehen −, »der herrlichste, der Führerstern der Sterne«, der Bezugspunkt Ihrer Orientierung vom Okzident zum Orient. Damit ist hingedeutet auf die Weite, die Vielzahl und Vielfalt der Sprachen, der Kulturen, der Literaturen, mit denen Sie sich einließen (bezeichnend genug wird etwa in Ihrem Buch: »Al-Halladsch, Märtyrer der Gottesliebe / Leben und Legende«, 1968, ganz unauffällig vermerkt: »Übersetzt aus dem Arabischen, Persischen, Türkischen, Sindhi, Siraiki und Urdu«); hingedeutet aber zugleich auf den Geist Ihrer forschenden und nachschaffenden Produktivität.
Was von Rückert her in Ihrem Lebens werk fortzeugend weiterwirkt, sind jene Ideen Hamanns und Herders von der »Poesie als der Muttersprache des menschlichen Geschlechts«, −

»Die Poesie in allen ihren Zungen
Ist dem Geweihten eine Sprache nur –«

die Ideen von den »Stimmen der Völker«, die es gilt »ans europäische Herz zu sammeln«, um aus ihnen »Zeiten und Nationen gewiß tiefer kennen zu lernen als auf dem täuschenden, trostlosen Wege ihrer politischen und Kriegs-Geschichte« (Herder), und endlich die Idee von jener Bildsamkeit gerade der deutschen Sprache, der Rückert in seiner lateinisch abgefaßten Jenaer Dissertation von 1811 die Fähigkeit zuschrieb und die Aufgabe stellte, durch Zusammenziehung sämtlicher fremdsprachiger »Formen« in einen einzigen Punkt, »für sich eine universale Form der Sprache, ja wahrhaft die ideale Sprache, auszugestalten« (»Nam cum ceterae linguae in suam quaeque peculiarem formam coarctatae sint, cujus fines excedere eis non liceat; nostra, omnibus his formis in unum contractis, formam linguae universalem, linguam vere idealem, sibi effingere conatur.« p. 33, § 33). »Die Wege, auf denen das jeweils Partielle der fremden Sprachen in die Universalität der Deutschheit überführt werden kann, sind die Übersetzungen, die dann am höchsten zu schätzen sind, wenn sie das wirklich leisten, was ihr Name verspricht« (»Viae, per quas partialitates linguarum peregrinarum in Germanitatis universalitatem reducuntur, sunt versiones; quae, si nomine suo dignae, id quod profitentur, re vera praestant, quanti sint faciendae, vides!« p. 37, § 37). Der eben dreiundzwanzigjährige Rückert sandte diese seine Habilitationsschrift (»Dissertatio philologico-philosophica de Idea Philologiae«, Jena 1811) am 9. Mai 1811 an Goethe, der darin − sollte er sie durchblättert haben − einen Vorklang zu seiner eigenen, sich erst später ganz ausbildenden Vorstellung von einer künftigen »Weltliteratur« vernommen haben mag, die ja die Forderung in sich schloß, daß gerade deutsche Übersetzer und Nachdichter im Raume ihrer bieg- und schmiegsamen Sprache die fremden Zungen dem ganzen Okzident vernehmbar und verständlich machen sollten.
Vor nun annähernd dreißig Jahren traten Sie, Frau Schimmel, in diesem Geiste vor eine breitere Leserschaft, als Sie, zusammen mit dem Hamburger Indologen Walther Schubring und mit dem Japanologen und Sinologen Wilhelm Gundert, die große Anthologie »Lyrik des Ostens« vorlegten, die mehrere Auflagen erlebte und auch jetzt wieder in einer leicht erschwinglichen Ausgabe erhältlich ist (Carl Hanser Verlag, München, seit 1952). Sie besorgten darin die erste Abteilung, den Vorderen Orient umfassend, eine Auswahl aus ägyptischer, altorientalischer, hebräischer Dichtung und, vor allem, aus der Poesie der Araber, Perser und Türken. Die letztgenannte türkische Dichtung bestritten Sie ganz mit eigenen Übersetzungen − schon eine Vorstufe zu Ihrem späteren Buch »Aus dem goldenen Becher / Türkische Gedichte vom 13. Jahrhundert bis in unsere Zeit« (Istanbul 1973).
In der Folge haben Sie den Kreis der von Ihnen durchforschten und vermittelten Sprachen noch eindrucksvoll erweitert, vor allem um die Literatursprachen Pakistans und des muslimischen Indien; und es sind, wenn ich recht sehe, drei Schwerpunkte Ihrer wissenschaftlichen Arbeit, die auch Ihr übersetzerisches Werk mit bestimmt und geprägt haben: Die Mystik der Perser des zehnten bis dreizehnten Jahrhunderts, mit der zentralen Figur des Maulana Dschelaleddin Rumi, dem Sie 1978 Ihre Monographie widmeten (jetzt eben in zweiter Auflage bei Eugen Diederichs in Düsseldorf erschienen) und aus dessen Diwan Sie ausgewählte Stücke übertrugen und einleiteten (Reclam); sodann die Gestalt und das Lebenswerk des Sir Muhammad Iqbal (1877-1938), des prophetischen Dichters, den die Pakistaner als den Vater ihres politischen, religiösen, geistigen Lebens verehren, und aus dessen Schriften und Dichtungen Sie eine umfangreiche Auswahl übertrugen und erläuterten, neuerdings zusammengefaßt in dem Bande »Botschaft des Ostens« (Tübingen und Basel 1977); und drittens die gegenwärtige lyrische Dichtung der Araber, aus der Sie uns die schöne Anthologie »Zeitgenössische arabische Lyrik« (Tübingen und Basel 1975) beschert haben.
Es ist gerade dieser Band, dessen Erscheinen von einem Kenner wie Harald Vocke mit besonderem Nachdruck und unverhohlener Bewunderung begrüßt wurde: »Von diesen wandernden, revoltierenden, vereinsamten Poeten des arabischen Orients hat Annemarie Schimmel einige der stärksten Gedichte ins Deutsche übertragen, in eine nüchterne, unverzärtelte Sprache. [...] Was wußten wir, was besaßen wir bisher von arabischer Dichtung in lesbaren Übertragungen auf deutsch? Die alten Übersetzungen aus dem vergangenen Jahrhundert sind vermodert und tot, einen Zugang zur klassischen arabischen Poesie hat uns die orientalistische Wissenschaft bisher nicht vermittelt.
Die gesamte moderne Lyrik der Araber ist stark vom Westen beeinflußt. Sie müßte uns daher leichter zugänglich sein, als mittelalterliche arabische Verse es sind. Aber erst Annemarie Schimmel hat sie für den deutschen Sprachraum entdeckt, in einem großen einleitenden Essay erläutert und wichtige Proben davon übersetzt. Die Anthologie entstand aus der Arbeit für »Fikrun wa Fann«, jene im Orient berühmte deutsche Zeitschrift in arabischer Sprache, für die Annemarie Schimmel ein Jahrzehnt lang als Herausgeberin tätig war.« (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 8.12.1975, Nr. 284).

*

»Mag träum und ferne uns als speise stärken –
Luft die wir atmen bringt nur der Lebendige.«

Sie, verehrte Frau Schimmel, gehören zu diesen »Lebendigen«, vor denen sich der Dichter neigt:

»So dank ich freunde euch die dort noch singen...«

Sie gaben uns »Patriarchenluft zu kosten« − aber auch die Atemluft der Lebenden und Leidenden aus jenen Nähen und Fernen des Orients.
So lassen Sie mich diese Dankesworte abschließen mit dem Lesen eines Stückes aus Ihrer »Zeitgenössischen Arabischen Lyrik«, eines Gedichts von Ali Ahmad Sa’id, dem 1930 in Syrien geborenen Dichter, der sich Adonis nennt: mit der Totenklage für Halladsch, den »Märtyrer der Gottesliebe«, den frühislamischen Mystiker, verfolgt und gefangen zu Bagdad, gehenkt am Kreuz − oder am Galgen − am 26. März des Jahres 922, »mehr aus politisch-sozialen Gründen denn wegen seiner, auch den orthodoxen Mystikern suspekt erscheinenden Lehren«:

»Totenklage für Halladsch

Deine Feder, vergiftet und grünend,
Deine Feder, mit Adern, geschwellt von Flammen
Und von dem Gestirn, das von Bagdad steigend loht −
Unsre Geschichte und nahe Erweckung zusammen
in unserm Land, in unserm vielfachen Tod.

Auf deine Hände legt sich die Zeit,
In deinen Augen die Glut
Flackert zum Himmel auflodernd.
O Sternbild, das da von Bagdad aufbricht,
Beladen mit Geburt du und Gedicht,
O Feder vergiftet und grünend!

Nichts blieb mehr für die, so von ferne kommen
−Trotz Tod und trotz Eis und Echo beklommen −
Auf dieser Erde, auferstehungsträchtig...
Nichts blieb mehr: nur noch du, und die Präsenz.
O Sprache galiläisch-mächtgen Donners
Auf dieser Erde, rindenoberflächlich,
O Dichter der Mysterien und der Wurzeln!«