Sigmund-Freud-Preis

Der Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa wird seit 1964 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen. Ausgezeichnet werden Wissenschaftler, die in deutscher Sprache publizieren und durch einen herausragenden Sprachstil entscheidend zur Entwicklung des Sprachgebrauchs in ihrem Fachgebiet beitragen. Der Preis wird von der ENTEGA Stiftung gefördert und jährlich während der Herbsttagung der Deutschen Akademie in Darmstadt vergeben. Seit 2013 beträgt die Dotation 20.000 Euro.

Preisträger

Walther Killy

Walther Killy

Literaturwissenschaftler
Geboren 26.8.1917
Gestorben 28.12.1995

Sigmund-Freud-Preis 1990
Laudatio von Hartmut von Hentig
Dankrede von Walther Killy
Urkundentext

... den Leser anleitet zur Anstrengung des Begriffs, zur Freude des Verstehens und zur Aufklärung von Sprache durch Sprache.

Jurymitglieder
Juryvorsitz: Präsident Herbert Heckmann
Vizepräsidenten Walter Helmut Fritz, Hans-Martin Gauger, Hartmut von Hentig, Beisitzer Georg Hensel, Ivan Nagel, Lea Ritter-Santini, Guntram Vesper, Peter Wapnewski, Hans Wollschläger

»Nur ein Text, der widersteht, ist der Mühe wert«

LAUDATOR
Hartmut von Hentig
Geboren 23.9.1925
Pädagoge

»Laudari a viro laudato« – wem sag’ ich’s, verehrter, lieber Walther Killy! – ist ehrenvoll und angenehm; dieses Vergnügen hätte ich Ihnen heute von Herzen gewünscht. »Laudare virum laudatum« ist nicht weniger ehrenvoll, aber beinahe in jeder Hinsicht riskant; diese Not hätte ich mir gern erspart. Daß uns beiden nicht das Wünschenswerte zuteil wird, daran bin ich obendrein selber schuld:
In der Jury nämlich – und damit komme ich unvermutet schnell zur Sache – war man der Meinung, einen Germanisten für gutes Deutsch auszuzeichnen sei absurd, weil überflüssig. Das käme dem Vorhaben gleich, einen Schornsteinfeger dafür zu preisen, daß er so schön schwarz sei, einen Koch dafür, daß er zu schmecken verstehe, einen Pastor dafür, daß er sich in Gottes Wort auskenne. Daß es auch schlecht schreibende Germanisten gebe, ändere nichts an der Billigkeit der hier gestellten Erwartung.
Der Meinung war ich nicht; für mich, sagte ich, sei es nicht selbstverständlich, wenn ein Gundolf oder ein Staiger, ein Szondi oder ein Schöne ihre gelehrte Erkenntnis in guter, klarer, mitreißender oder disziplinierter und darum disziplinierender Sprache mitteilen – und also auch nicht, wenn Walther Killy dies tue. Als die Wahl dann auf diesen fiel, schob man mir die Aufgabe zu, ihn – virum iam valde laudatum – noch einmal zu loben: Ich wisse ja offenkundig, worum es dabei gehe.
Das muß ich nun beweisen – in strenger Beschränkung auf die besondere sprachliche Leistung, die der Germanist zu erbringen hat. Für das Lob des homme de lettres, des geistvollen akademischen Lehrers, des modernen Gelehrten (die Göttinger Studenten nannten ihn Walt Killy), des Kritikers unserer Bildungseinrichtungen, des Universitätsgründers, des vielseitig begabten, zugleich unbestechlichen und menschlichen Beobachters unserer Zeit (was ihn allein schon zu einem der raren Pädagogen unter seinen Kollegen macht) – für das Lob von all diesem ist in den mir gewährten fünfzehn Minuten ohnehin kein Raum.
Was gute wissenschaftliche Prosa ist, hängt nicht weniger von dem Begriff ab, den man von Wissenschaft hat, als von dem Begriff, den man von Sprache oder guter Sprache hat.
Die Aufgabe der heutigen Wissenschaft (ich benutze das holprige Wort »heutig« statt des geläufigen und geschmeidigen »modern«, weil, was das meint, ja auch wieder definiert werden müßte) ist: aus ungeprüfter Wahrnehmung geprüfte Erkenntnis zu machen. Und das bedeutet immer eine Verwandlung, eine Entfremdung, eine Distanzierung des Gegenstandes. Bildung geschieht durch bewußte Aneignung, Wissenschaft geschieht durch bewußte Verdinglichung. Nichts ist jedoch schwerer zu verwandeln als das, was wir unmittelbar und innerlich wahrnehmen; nichts ist schwerer mit Abstand zu betrachten als das, womit wir uns die Wahrnehmung aneignen – die Sprache; nichts ist schwerer bewußtzumachen als das, was schon bewußt zu sein behauptet. Wer das Geheimnis der Grammatik aufdecken will, der lehre Latein, nicht Deutsch!
Obwohl ich überzeugt bin, daß die Geisteswissenschaften es prinzipiell schwerer haben, ihren Gegenstand sprachlich so zu fassen, daß das Ergebnis als geprüfte und darum überprüfbare Erkenntnis gelten kann, will ich mich hier mit der Behauptung begnügen, daß sie es genauso schwer haben wie die anderen Wissenschaften, deren Vertretern wir den Preis für wissenschaftliche Prosa mit viel Bewunderung und wenig Skrupeln erteilen.
Der Sigmund-Freud-Preis gilt der Bewältigung einer für unsere Wissenschaften insgesamt kennzeichnenden Schwierigkeit. Sie verfahren arbeitsteilig und objektivierend mit den Folgen,
- daß die einzelnen Disziplinen den Zusammenhang, in dem ihr Gegenstand mit dem der anderen steht, aus dem Auge verlieren und dessen nicht-objektivierbare Momente gar nicht erst in Betracht ziehen;
- daß sich ihre Mitteilungen vornehmlich an die Wissenschaftler, obendrein solche der eigenen Zunft, wenden und nicht mehr wie einst an den allgemein gebildeten und universal interessierten Laien;
- daß die Öffentlichkeit, in der die Ergebnisse Zusammentreffen, sich mit der Unverständlichkeit der heutigen Wissenschaften abgefunden hat; sie nimmt die Ergebnisse hin wie die Sprüche eines Orakels; sie hat Spezialisten für die Vermittlung des Unverständlichen engagiert (Lehrer, Schulbuchautoren, Journalisten und Popularisierer im Fernsehen) und entläßt die Wissenschaftler selbst aus der Verpflichtung, ihre Erkenntnis gemeinverständlich zu machen.
Dies alles tut sie, weil sie die Unverständlichkeit auf die Spezialisierung selbst zurückführt und auf das unvermeidliche Mißverständnis zwischen der Fülle und Verzweigtheit des vorhandenen Wissens einerseits und der Begrenztheit dessen, was der einzelne aufnehmen kann, andererseits.
Dies ist doppelt ärgerlich, erstens, weil eine falsche Ursache angegeben wird, und zweitens, weil es die aufklärerische Funktion der Wissenschaft unterschlägt. Heutige Wissenschaft erfüllt sich nicht in ihren Resultaten, sondern in ihrem Verfahren. Nicht die Feststellung, daß das Gen eines Coli-Bakteriums so und so viel tausend Informationen enthält, nicht die Feststellung, daß 60 % des deutschen Waldes erkrankt sind, nicht die Feststellung, daß Kindheit eine Hervorbringung der Kultur ist oder im Begriff zu verschwinden, sondern die Darlegung davon, wie man zu der jeweiligen Aussage kommt (unter welchen Bedingungen und Kautelen) – das macht Wissenschaft aus.
Was gute Sprache ist, muß strittig bleiben. Keine Akademie wird uns diesen Streit abnehmen. Sie kann, wie die unsere einmal im Jahr, sagen: Hier habt Ihr ein Exempel; an ihm mögt Ihr die Eigenschaften ablesen. Dabei will ich helfen – durch einen Vergleich zwischen einem Naturwissenschaftler und einem, unserem Germanisten.
Sie haben es beide mit denselben drei Elementarschwierigkeiten zu tun:
(a) mit der verläßlichen und unmißverständlichen (äquivoken) Bezeichnung des Gemeinten, das in der Forschung ja meist etwas Neues sein wird;
(b) mit der folgerichtigen Einhaltung und Einschränkung der sich solchermaßen bildenden Fachsprache; und (c) der Beteiligung des Lesers oder Hörers an der Gewinnung und Formulierung der Erkenntnis: der muß den Objektivierungsvorgang in der subjektiven Einbildungskraft vollziehen.
Kürzlich bekam ich von einem Freund, einem vielgerühmten Kiefernchirurgen, einen Atlas der präprothetischen Operationen geschenkt, auf dessen Autorschaft er mit Recht stolz war. Das Buch beginnt so:

»Im kieferchirurgischen Sprachgebrauch versteht man unter präprothetischer Chirurgie im engeren Sinne die Operationen am zahnlosen prothesenunfähigen Kiefer, im weiten Sinne alle operativen Eingriffe zur Verbesserung des Prothesenlagers.
Von mehr als 200 lege artis versorgten Totalprothesen trägem waren 30% nicht mit dem Halt des Zahnersatzes zufrieden (Lenz und Mertens 1978). Einem Teil dieser Patienten kann mit der präprothetischen Chirurgie geholfen werden.
Mit den präprothetischen Operationen streben wir die Schaffung eines idealen Prothesenlagers an. Darunter versteht man im Ober- und Unterkiefer einen möglichst U-förmigen Alveolarfortsatz mit leicht divergierenden Schenkeln und einer dem Knochen unbeweglich anhaftenden Gingiva propria mit gleichmäßigem Übergang in eine zarte Umschlagfalte (Thoma 1963). Im Unterkiefer ist ein tiefes frontales Vestibulum zur Begegnung der sagittalen und ein tiefer seitlicher Lingualsulkus zur Begegnung der transversalen Schübe von Bedeutung.«(1)

Dem ersten Absatz entnehme ich, worum es geht: um Eingriffe zur Verbesserung des Prothesenlagers bei Kiefern, die zahnlos und sogar unfähig sind, Prothesen zu halten. Das eine dem Laien unklare Wort »präprothetisch« ist zwar unglücklich gebildet, erklärt sich aber in seiner Anwendung: das, was man vor der Anfertigung und Einsetzung einer Prothese chirurgisch zur Herstellung oder zur Verbesserung des Prothesenlagers tun kann. Es erspart uns die schwerfälligen Nominalbildungen meiner umschreibenden Wiedergabe.
Im zweiten Absatz wird mitgeteilt, daß 30% der Träger von Prothesen mit deren Halt unzufrieden sind, obwohl sie ihnen nach den Regeln der zahnärztlichen Kunst verpaßt worden sind; auch hier kann mit chirurgischer Vorbereitung geholfen werden. Die lateinischen Wörter lege artis bereiten dem Leser, an den sich der Text wendet, keine Schwierigkeiten; sie sind ohne Wirkungs- und Sinnverlust durch deutsche ersetzbar.
Der »Alveolarfortsatz« im dritten Abschnitt bezeichnet den gewölbten Kiefernkamm (alveus = das Gewölbe); einen solchen Ausdruck führt man ein, um eine genaue Unterscheidung treffen zu können.
»U-förmig« aber mit »leicht divergierenden auseinandergehenden Schenkeln«, das ist anschaulich, man erkennt das Gemeinte auf den Abbildungen – und hoffentlich auch in der Wirklichkeit! – sofort wieder. Gingiva propria, das eigene, ursprünglich gewachsene Zahnfleisch, kann sich vom Knochen gelöst haben und ist darum hier durch die Wörter »dem Knochen beweglich anhaftend« genauer bestimmt. Vestibulum bezeichnet den Raum zwischen Unter- und Oberlippe und dem Kiefernkamm. »Frontal« (nach vorn gekehrt) gehört wie »sagittal« (von vorn auf den Körper gerichtet wie ein Pfeil) und »transversal« (quer dazu) zu einem standardisierten Beschreibungssystem der Anatomie. Und so fort.
Was dem Laien fremd klingt, ist durch die benötigte Eindeutigkeit bedingt und sofort auflösbar, wenn man (a) die Teilbezeichnungen und (b) das vereinbarte Beschreibungssystem kennt. Die Beteiligung des Lesers (c) durchzieht in dieser medizinischen ars oder Kunstfertigkeit die gesamte weitere Darstellung in der Form: »Verfährst du so, kommt es zu dem und dem.« Das ist die hier von der Sache her gebotene Erkenntnisdramatik.
Da die naturwissenschaftlichen Texte erst die Eindeutigkeit der Beobachtungsstücke herstellen und dann wiedergeben, was sich mit ihnen beschreiben läßt, da außerdem ihre Gegenstände allen Menschen gleichermaßen »Objekt« sind, haben sie es offensichtlich leicht, klar zu sein. In ihrem Fall geht der Auftrag der Wissenschaft in der guten Darstellung auf – es sei denn, man verlangt von dieser mehr als Eindeutigkeit, Ökonomie und die Unterstützung der Aufnahmetätigkeit des Lesers.
Ziehen wir nun einen Text von Walther Killy zum Vergleich heran:

»Ein gutes Gedicht verbirgt, was es enthüllt. Es gibt Rätsel auf, die zur Auflösung verlocken, immer aufs neue. Es öffnet sich nicht ohne Widerstand; wo jeder Widerstand fehlt, fehlt auch die Verlockung zur Frage. Es widersteht dem Begreifen auf verschiedene Weisen, die zu betrachten lohnend sein könnte. Die Art des Widerstehens vermag Hinweise zu geben auf die Qualität des Textes, seine Beschaffenheit also, sein Vermögen und seinen Rang.« (Schreibweisen - Leseweisen, S. 22)

Wie im eben behandelten Text ist in den einleitenden Sätzen zunächst der Gegenstand der nun folgenden Untersuchung zur Poetik genannt – der zum Gedicht gehörende Widerstand des Textes. Er wird alsbald mit den Schwierigkeiten umstellt, die seine Behandlung bereiten wird: Verben wie verbergen, enthüllen, verlocken, sich öffnen, widerstehen, begreifen, betrachten und Nomina wie Rätsel, Auflösung, Frage, Qualität, Vermögen, Rang. Sinnt man den Wörtern auch nur einen Augenblick lang nach, könnte man verzweifeln über der Fülle zu klärender Bezeichnungen und Beziehungen.
Killy nimmt die Klärung am Beispiel vor. An Horazens »Musis amicus tristitiam et metus tradam...« und an Goethes »Um Mitternacht, ich schlief, im Busen wachte / Das liebevolle Herz...« zeigt er, wie das Gedicht der Erkenntnis seiner Einheit einen Widerstand entgegenstellt, »dessen Überwindung es überhaupt erst zum ganzen Gedicht macht« (S. 27). Wir spüren nicht ungefähr, wir erkennen deutlich die Verrätselung, die Verbergung, die Verlockung zu Frage und Auflösung; wir werden der vielfältigen Hemmung (»auf verschiedene Weisen«) des Begreifens bewußt; der Zusammenhang von Beschaffenheit, Vermögen und Rang wird bestimmbar und bestimmt.
Leicht ist das nicht! Den Formen des behaupteten Widerstands wird u. a. »die abweisende Glätte« zugerechnet oder »das scheinbar unvermittelt Einleuchtende«

»... das dazu verleiten kann, sich mit dem oberflächlichen Blick oder einer nur gemütlichen Apperzeption zu begnügen. Bei einem Gedicht etwa wie Über allen Gipfeln muß nicht nur wegen seiner emotionalen Direktheit die Fremdheit erst aufgesucht werden, die es in höherem Maße faßlich macht und das Ganze vor Selbstverständlichkeit bewahrt. Daß einer so reden kann, kann nicht selbstverständlich sein.« (S. 34)

Wir befinden uns in einem unübersichtlichen, ja unheimlichen Gelände. Ungleich schwerer als in der Mundhöhle sind die Erscheinungen auszumachen. Auch hier unternimmt es der Wissenschaftler, so genau er kann, die Phänomene zu bezeichnen: Glätte, aber nicht die gefällige und auch nicht die glänzende, sondern die abweisende; das Einleuchtende, aber kein wirklich unmittelbares, keines, das nahelegt, sich mit der Bemächtigung durch das Gemüt zu begnügen, sondern ein trügerisches, dessen »emotionaler Direktheit« es zu trotzen gilt.
Das ist trefflich bezeichnet (a), aber nur eine unter vielen Möglichkeiten, dies zu tun, und wissenschaftlich erst durch die Einbindung in ein Beschreibungssystem (b). Denn wer behauptet hat, zu einem großen Gedicht gehöre die Fremdheit, und nun von einem unzweifelhaft großen Gedicht, das solche Fremdheit nicht auslöst, unterstellt, es spiegele Vertrautheit nur vor, der muß das Kriterium der Größe, des künstlerischen Ranges zunächst woanders einholen. Die Zugehörigkeit zum Kanon könnte selbst das Kriterium sein, denn sie meint ja: da gibt es ein Einverständnis von Generationen, die die Beschäftigung mit dem Gedicht lohnend gefunden haben. Das bedeutet nicht Unterwerfung unter den Konsens der Kenner, sondern die Aufforderung, ihn zu prüfen: lohnt sich diese Beschäftigung noch immer oder wieder? Die Frage kann die Energie auslösen, die wir brauchen, um es mit der Individualität des Kunstwerks aufzunehmen, um sie nicht seiner Geschichtlichkeit zu opfern, um die eigenen Bedingungen und Vorurteile abzulegen.
Ich habe hier Killys Gedanken unter Beibehaltung seiner Termini abkürzend paraphrasiert, um des darin benutzten Beschreibungssystems willen: Text und Kunstwerk, Individualität und Geschichtlichkeit, Bedingungen und Vorurteile, Kanon und Kenner.(2) Wir bewegen uns inmitten erprobter Koordinaten; nichts bleibt im Ungefähren; für alles tragen wir die Verantwortung mit. Keine der eingegebenen Bewertungen und keines der gefolgerten Ergebnisse kommen durch sprachlichen Octroi zustande: »Einverständnis«, eben noch Bestärkung des Gedankens, wird alsbald Anlaß zum Zweifel: »Der fraglos gewordene, verfestigte Kanon ist keiner mehr... Was allen für verständlich gilt, ist das unverständlich Gewordene.« (S. 34f.) Der »Kenner« – im Verdacht, eine »elitäre« Kategorie zu sein – wird von Erwartungen eingegrenzt, die geeignet sind, ihn »von dem Odium zu befreien, mit dem (das Wort) belastet ist«. (S. 35) So wird die Beteiligung des Lesers (c) durch die Bewegung erzwungen, in der der Gedanke verläuft – durch eben jene Widerständigkeit, die Walther Killy für das bedeutende Sprachkunstwerk behauptet.
Man wird Killys Sprache nicht von seiner Interpretationskunst, seiner philologischen Methode, seinem didaktischen Geschick, seinen ästhetischen Absichten und Wirkungen trennen können. Und so müßte hier eine zweite Betrachtung über deren aller Verhältnis zur Sprache einsetzen. In der Vorbereitung auf diese Laudatio mußte ich meinen Blick eigens auf die Sprache richten und beschränken. Ich habe sie dabei noch einmal ganz anders wahrzunehmen gelernt. In Erinnerung hatte ich: rhetorischen Glanz, dialektisches Raffinement, eine »keineswegs glatte Eleganz« (womit Walther Killy die »Darlegungen« Walter Benjamins charakterisiert, S. 65), eine selbstbewußte Modernität, die sich altmodische Wendungen schad- und mühelos leisten kann (Relativsätze beginnen öfter mit »welcher« als mit »der«; jemand hat es »in Opitzens Gefolge« weit gebracht; »obwohl« wird gern zu »wiewohl«; Consensus heißt es hartnäckig, nicht Konsens; die Individualität wird dem Kunstwerk »vindiziert«). All diese Eigenschaften sind auch da. Aber heute herrscht für mich der Eindruck vor, hier bändige jemand die Beobachtungs- und Gedankenfülle mit einer Sprache, deren stärkstes Bestreben Verständigung über den Gegenstand ist. Darum, weil diese Sprache in erster Linie Aufklärung treibt, hat sie auch jene anderen Eigenschaften – Urbanität und Genauigkeit, Umstand und Bescheidenheit, »Verlockung zur Frage« und epigrammatische Raffung. Killy überführt die Fachsprache – nein, nicht in die Gemeinsprache, sondern – in die Sprache der Gebildeten. Die Klugheit hat das Aperçu verdrängt – so in der Einleitung zum Deutschen Kitsch; Dienstbarkeit herrscht vor – so in der zu Wilhelm von Kügelgens Briefen, wo Killy dem Autor, meinem Urgroßonkel, durchgehend den Vortritt läßt, wie ich hier endlich ihm – mit zwei Passagen aus dem Schluß dieses kleinen Meisterwerks. Die erste zitiere ich um einer den Greunden unschwer erkennbaren Beziehung zum Laudanden willen:

»Die Briefe sind überliefert in drei handschriftlichen, in rotes Leder gebundenen Bänden. Die Handschrift ist überaus sauber und lesbar und wird dem Bruder Gerhard zugesprochen, wenngleich sie die Züge einer Frauenhand aus der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts trägt.«

Die zweite Passage zitiere ich wegen des Zaubers der Einfachheit, die sich nur der Fürst unter den Gelehrten leisten kann und die in seiner Hand zur Humanität wird.

»... Die vorliegende Ausgabe enthält den Text der Briefe wortgetreu und vollständig, mit Ausnahme einiger weniger Stellen, die, von alter Hand unkenntlich gemacht, nicht ganz entziffert werden konnten; lediglich offensichtliche Verschreibungen, die zu Mißverständnissen führen könnten, wurden stillschweigend korrigiert...«

Der Text endet so:

»Der Leser möge beim Lesen dieses Buches soviel Belehrung, Genugtuung und Freude davontragen, wie sie dem Herausgeber bei der Beschäftigung mit diesen Briefen zuteil geworden sind.

Göttingen, im Oktober 1989 W. K.«

Könnt’ ich doch selber mit solchen Erwartungen für meine Hörer schließen!

Zitierte Literatur
Franz Härle: Atlas der präprothetischen Operationen. München / Wien: Carl Hanser 1990.
Walther Killy: Deutscher Kitsch. Ein Versuch mit Beispielen. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1961.
ders.: Elemente der Lyrik. 2. Auflage, München: C. H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung 1972.
ders.: Schreibweisen - Leseweisen. 2. Auflage, München: C. H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung 1984.
Wilhelm von Kügelgen: Bürgerleben. Die Briefe an den Bruder Gerhard 1840-1867, herausgegeben und mit einer Einleitung versehen von Walther Killy. München: C. H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung 1990.

(1) Franz Härle: Atlas der präprothetischen Operationen. München / Wien: Carl Hanser 1990, S. 9.
(2) Die Kapitelüberschriften in Killys Buch Elemente der Lyrik lesen sich wie ein solches Beschreibungssystem: Natur/Agition, Variation, Summation/Zeit/ Mythologie/Allegorie und Personifikation/Stimmung/Maske/Kürze. Diese Elemente kommen nicht einfach in Gedichten vor, sie aufzusuchen scheint dem Leser notwendig, nachdem er Killys Auslegung kennt; sie bedingen einander wie die Elemente des Euklid einander bedingen.