Sigmund-Freud-Preis

Der Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa wird seit 1964 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen. Ausgezeichnet werden Wissenschaftler, die in deutscher Sprache publizieren und durch einen herausragenden Sprachstil entscheidend zur Entwicklung des Sprachgebrauchs in ihrem Fachgebiet beitragen. Der Preis wird von der ENTEGA Stiftung gefördert und jährlich während der Herbsttagung der Deutschen Akademie in Darmstadt vergeben. Seit 2013 beträgt die Dotation 20.000 Euro.

Preisträger

Walther Killy

Walther Killy

Literaturwissenschaftler
Geboren 26.8.1917
Gestorben 28.12.1995

Sigmund-Freud-Preis 1990
Laudatio von Hartmut von Hentig
Dankrede von Walther Killy
Urkundentext

... den Leser anleitet zur Anstrengung des Begriffs, zur Freude des Verstehens und zur Aufklärung von Sprache durch Sprache.

Jurymitglieder
Juryvorsitz: Präsident Herbert Heckmann
Vizepräsidenten Walter Helmut Fritz, Hans-Martin Gauger, Hartmut von Hentig, Beisitzer Georg Hensel, Ivan Nagel, Lea Ritter-Santini, Guntram Vesper, Peter Wapnewski, Hans Wollschläger

»Der Stil erhält die Schönheit vom Gedanken«

In Sigmund Freuds Abhandlung Das Unbehagen in der Kultur befindet sich ein bemerkenswerter Satz zur Rechtfertigung seiner Lehren: »Ich meine...« so heißt es, »sie stellen jene Vereinfachung ohne Vernachlässigung oder Vergewaltigung der Tatsachen her, nach der wir in wissenschaftlicher Arbeit streben.« So schrieb der Vierundsiebzigjährige, der schon fast ein halbes Jahrhundert zuvor das Scheitern eines Kollegen mit dem Satz erklärt hatte: »... er wußte wenig, drang nie tief ein, und von den Grundbedingungen der Wissenschaftlichkeit: Kritik und Gründlichkeit, fehlte ihm alles.«
Auf den ersten Blick kann es scheinen, als ob in beiden Zitaten nur die Rede sei von den Verfahrensweisen wissenschaftlicher Arbeit, deren Vorbedingung, wenn anders jene ihren Namen verdienen soll, freilich in »Kritik und Gründlichkeit« besteht. Aber die allein tun’s nicht, so wenig wie das Wasser allein zur Taufe genügt. Am Anfang allen Forschens steht die produktive Frage; die Antwort findet sich im nüchtern-gründlichen Umgang mit dem Gegenstand, welcher immer er sei, mit seiner unabsehlichen, widerständigen, widersprüchlichen, erdrückenden Fülle und Überlegenheit. Und was als Antwort auf die Frage schließlich zutage gefördert wird, bliebe unrealisiert wenn es nicht greifbare, nachprüfbare und einleuchtende Darstellung fände. Das Medium derselben nennen wir wissenschaftliche Prosa.
»Vereinfachung ohne Vernachlässigung oder Vergewaltigung der Tatsachen.« Damit ist die Aufgabe benannt, die sich dem schreibenden Gelehrten (wählen wir ruhig den altfränkischen Namen) an seinem hoffentlich stillen Schreibtisch stellt. Aber es ist nicht die einzige, wenn sein Schriftwerk bestehen soll. Will es nicht vergebens sein, so muß es überzeugen, den Leser, den Liebhaber und den Fachgenossen. Über das Wie ist viel nachgedacht worden, seit den Alten. »Perspicuitas«, Durchsichtigkeit und Deutlichkeit hat der Römer Quintilian in seinem Lehrbuch als allererste Erfordernis guter Prosa genannt, und wie eine Spiegelung solcher überlieferten Weisheit klingt Schopenhauers Satz: »Alles Entbehrliche wirkt nachteilig. Das Gesetz der Einfachheit und Naivität, da diese sich auch mit dem Erhabensein verträgt, gilt für alle schönen Künste.«
Man nehme nicht Anstoß an der Wendung »schöne Künste«, die in unsere Überlegungen als Äquivalent der belles lettres mehr als nur ein ästhetisches Element einbringt. Auf bewundernswerte Weise finden wir es begründet in einem Grundbuch der Historischen Schule, in Johann Gustav Droysens »Historik«, wenn er von »historischer Darstellung« sagt, sie sei »künstlerischer Art... nämlich eine Mimesis der Untersuchung«. Das klingt theoretischer und gelehrter, als es in Wahrheit ist. »Mimesis der Untersuchung« ist das textgewordene Abbild der vorschreitenden intellektuellen Bewältigung des Gegenstandes, ein wie er es nennt »logisches Kunstwerk«. Dem geht Arbeit voraus, ganz ähnlich der von Freud beschriebenen. Wenn jener von »Vereinfachung ohne Vernachlässigung« sprach, so sagt dieser: »Man muß viel mehr wissen und vor dem Auge der Seele haben, als man dann benutzt.« Schon zuvor hatte Droysen dafür eine Begründung gegeben, welche ebenfalls das Ästhetische mit dem Methodischen verknüpft: »Die Eleganz der Untersuchung besteht darin, daß man die Darstellung von allem, was nicht auf dem Weg zum Ergebnis weiterführt, befreit, und daß man diesen Weg selbst behutsam und streng verfolgt«.
»Die Eleganz der Untersuchung« – ein Ausdruck, der als Lob gemeint nur noch bei den Mathematikern überlebt und der doch bei unseren Vorvätern zur Dignität wissenschaftlicher Prosa gehörte. In ihm ist die Verschwisterung von Sachgehalt und ästhetisch überredender Form enthalten. In wiederum Schopenhauers unübertrefflicher Wendung: »Der Stil erhält die Schönheit vom Gedanken.« Der Satz war dem im Hinblick auf Frauen eher grämlichen Philosophen so wichtig, daß er ihn anschaulich variierte: »Die Wahrheit ist nackt am schönsten« schrieb er und fügte hinzu »und der Eindruck, den sie macht, um so tiefer, als ihr Ausdruck einfacher war.« An dieser Stelle trifft sich der Philosoph mit dem zwanzig Jahre jüngeren Historiker, und der Faden wird aufgenommen vom Seelenarzt, der der zweiten Hälfte des vorigen und dem ersten Drittel unseres Jahrhunderts angehört.
Indem diese drei gelehrten Sprachmeister, jeweils einer anderen Generation entsprossen und jeweils einer anderen Wissenschaft ergeben, so einig sind im Lob der Einfachheit, verleugnen sie eine Schule nicht, durch die sie alle gegangen sind: die alten Sprachen. Es ist bekannt, wie der Abiturient Freud seine Prüfer im Abitur erstaunen ließ durch seine Belesenheit in der griechischen Tragödie. Für Droysen war das Lateinische selbstverständliche Grundlage und oft genug Zweck seines Handwerks, wie für fast jeden Historiker und Gelehrten in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts. Schopenhauer aber wollte selbst dieser Species nicht mehr trauen und empörte sich: »... daß in den 1830iger Jahren das corpus iuris ins Deutsche übersetzt wurde, war ein unverkennbares Zeichen des Eintritts der Ignoranz in der Grundlage aller Gelehrsamkeit, der lateinischen Sprache, also der Barbarei.«
Man sollte das herbe Urteil nicht zu geschwind abtun als Befangenheit in einem inzwischen endgültig obsoleten Bildungsideal. Vielmehr gründet es sich auf der Erfahrung, daß die Forderungen des Lateinischen, überhaupt der Umgang mit den Alten »in ihren eigenen an grammatischer Vollkommenheit die unserigen weit übertreffenden Sprachen das allerbeste Mittel ist, um sich zum gewandten und vollkommenen Ausdruck seiner Gedanken in der Muttersprache vorzubereiten.« Und dann fährt Schopenhauer, der hiermit zum letzten Male zitiert sei, fort mit den Worten, durch das Lateinische »allein lernt man die Diktion als ein Kunstwerk behandeln, dessen Stoff die Sprache ist, welche daher mit größter Sorgfalt und Behutsamkeit behandelt werden muß.«
Es waren dies Sätze, die von Jacob Burckhardt hochgeschätzt wurden, der – dies öffentliche Geständnis sei mir erlaubt – für mich die schönste gelehrte Prosa in deutscher Sprache geschrieben hat. Hinter ihnen steht die Erkenntnis (oder besser gesagt die Erfahrung), daß die eigene Sprache erst ganz zueigen wird, wenn sie sich ihrer selbst im Widerschein einer anderen bewußt geworden ist, ein Weg, dem Autor wissenschaftlicher Prosa um so dringlicher vorgeschrieben, als alle Wissenschaft auf Grenzüberschreitung angewiesen ist. Die Provinzalität germanistischer Literaturbeflissenheit hat ihren Ursprung nicht zuletzt auch darin, daß sie ihr Fach als durchaus deutsches betreibt, ohne sich an Goethes Begriff der Weltliteratur zu erinnern. Wie will man aber die Eigentümlichkeit der eigenen Überlieferung erkennen, wenn man keine andere zum Maßstab zu nehmen vermag? Was wäre Brecht ohne Horaz?
Sie haben mir die Ehre eines Preises für wissenschaftliche Prosa zuteil werden lassen. Angesichts der Vorbilder, von denen ich gesprochen habe, müßte ich zögern, ihn zu empfangen. Wenn ich ihn dennoch dankbar, erfreut, geehrt annehme, so in der Überzeugung, daß Vorbilder zu haben nicht schimpflich ist. Ohne Erinnerung gibt es kein Bewußtsein des eigenen Augenblicks, ohne Vorbilder auch keine Erkenntnis der eigenen Grenzen. Und ohne beides verfällt auch die Möglichkeit, andere teilhaben zu lassen an Mühe und Lust des eigenen Berufs, und das ist das Beste daran.