Sigmund-Freud-Preis

Der Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa wird seit 1964 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen. Ausgezeichnet werden Wissenschaftler, die in deutscher Sprache publizieren und durch einen herausragenden Sprachstil entscheidend zur Entwicklung des Sprachgebrauchs in ihrem Fachgebiet beitragen. Der Preis wird von der ENTEGA Stiftung gefördert und jährlich während der Herbsttagung der Deutschen Akademie in Darmstadt vergeben. Seit 2013 beträgt die Dotation 20.000 Euro.

Preisträger

Gustav Seibt

Gustav Seibt

Historiker, Literaturkritiker und Journalist
Geboren 10.3.1959
Mitglied seit 2003

Sigmund-Freud-Preis 1995
Laudatio von Kurt Flasch
Dankrede von Gustav Seibt
Urkundentext

Ihm eigen ist ein Stil, der ebenso elegant wie genau ist und so der Wissenschaft die Lebendigkeit zurückgibt, die sie im ungelenken Fachjargon zu verlieren droht.

Jurymitglieder
Juryvorsitz: Präsident Herbert Heckmann
Vizepräsidenten Elisabeth Borchers, Norbert Miller, Ivan Nagel, Beisitzer Iso Camartin, Eckhard Heftrich, Hans Wollschläger

Anschauung mit philosophischen Hintergedanken

LAUDATOR
Kurt Flasch
Geboren 12.3.1930
Philosoph

Lieber Herr Seibt,
Meine Damen und Herren,
Die Darmstädter Akademie verleiht den Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa an Herrn Doktor Gustav Seibt für seine Monographie: Anonimo Romano, die 1992 bei Klett-Cotta erschienen ist.
Das Buch führt uns nach Rom, in die Mitte des vierzehnten Jahrhunderts. Es sind Jahrzehnte blutiger Kämpfe der Adelsparteien, der wirtschaftlichen Krise und der Pest, aber hören Sie, wie Seibt den Schauplatz beschreibt, auf dem dann der Volkstribun Cola di Rienzo auftritt, triumphiert und stürzt:

So sehen wir sie, die von den stummen, entkernten Zeugen einer erbarmungslos ruhmreichen Vorwelt umstellte, kleingewordene Stadt: zusammengedrängt im Tiberknie zwischen Engelsburg und Kapitol, nur im Borgo und in Trastevere aufs andere Ufer übergreifend; das schlammige und staubige Gewinkel der Gassen von düsteren Adelstürmen überragt, durch Barrieren und Eisenketten in wehrhafte Bezirke zerstückelt, in denen über allen Türen, an jeder Ecke die Wappen der beherrschenden Adelsfamilien prangen; Wohnhäuser, offene Läden, Marktbänke in die abgebrochenen Glieder antiker Monumentalbauten gemauert; der Tiber vollgestellt mit schwimmenden Holzmühlen; Tiere in Höfen und Häusern, Unrat auf den Straßen, ein Gewimmel von Karrenschiebern, Wasserträgern, Wirten, Fisch- Obst- und Gemüsehändlern... Noch innerhalb der römischen Mauern beginnt die Natur: Äcker, Obstgärten, Weiden, dann Dickicht, Wald, überwucherte Ruinen...

Ein strikt nominaler Stil zeichnet hart, addierend, in unbewegter Genauigkeit das ruhende Bühnenbild, bevor Volksmassen dramatisch-verbal hervorstürzen, Kirchenfürsten in Prachtgewändern ihre Macht mit Zeremonien und Waffen verteidigen, Endzeitschwärmer und Umstürzler die Gesandten der italienischen Hauptstädte glanzvoll empfangen. Dieses Rom-Bild stellt sich im Zusammenklang von Sprachform und Sache unprätentiös neben Jacob Burckhardt: Burckhardt, wie er 1990 schriebe.
Seibt malt nicht nur Miniaturen. Als Text-Regisseur verteilt er seine Figuren strategisch. Bevor die ungeheuren Begebenheiten über die Bühne rollen, tritt sein Augenzeuge auf, der sie uns scharf umrissen zeigen wird – der römische Arzt, der seine Zeiterfahrungen aufgeschrieben hat, im stadtrömischen Dialekt, den heute selbst ein Italiener nicht mehr ohne Wörterbuch versteht. Wir kennen den Namen des gebürtigen Römers nicht und nennen ihn deswegen Anonimo Romano. Er konnte seine Cronica nicht vollenden; gegen 1360 ließ er sie unfertig liegen.
Es fehlt zum Beispiel die Schilderung der großen Pest. Hätten wir sie, dann träte seine Pestbeschreibung als einzig vergleichbarer Text neben Boccaccios Pestbild zu Beginn des Decameron. Denn der Anonimo ist nicht nur Augenzeuge welterschütternder Vorgänge, besonders von Rienzos dramatischem Sturz, sondern er verdichtet seine Eindrücke mit poetischer Kraft; seine tagebuchartigen Kapitel bilden ein Meisterwerk der älteren italienischen Literatur.
Diesen Text hat Seibt als erster zugleich literarwissenschaftlich und historisch analysiert. Auf dieses fächerverbindende Zugleich kommt es an, denn der Anonimo ist Chronist und Poet. Seine Chronik ist ein Kunstwerk; daher müssen wir die literarische Landschaft des Trecento neu zeichnen: Es gibt nach dem Tod Dantes neben Petrarca und Boccaccio jetzt auch den Anonimo Romano – eine Bereicherung des Bildes, wie sie nicht jedes Jahrzehnt einmal eintritt.

II

Die literaturwissenschaftliche Analyse und kunstkritische Wertung bilden nur den einen leitenden Gesichtspunkt dieser Untersuchung. Seibt unterscheidet fiktive Texte von solchen mit historisch-faktischem Gegenstandsbezug; daher verwandelt sich seine Untersuchung fortschreitend in die historische Rekonstruktion der geschichtlichen Welt des Anonimo:
Wie sah er das römische Hauptereignis der Zeit, den Aufstand des Rienzo? Wie beurteilte er dessen Chancen, seine geschichtliche Stellung? Mit filigranen Textvergleichen stellt Seibt den Anonimo neben Petrarca, der kein Gegenwartsthema seiner Feder für würdig hielt, mit der einzigen Ausnahme des Rienzo, aber nur eines Rienzo, der gesiegt hätte, während der Anonimo sich auch für den besiegten, für den erschlagenen Rienzo interessiert; er, der Arzt, besieht noch mit staunenden Augen dessen Leiche. Er hatte ihn schon vor seinem Sturz als einen fantastischen Welterlöser mit skeptischem Abstand betrachtet, und aus seiner Perspektive kritisiert Seibt, den Text des Anonimo in der Hand, die Historiker, die Rienzo als Vorläufer einer national-italienischen Politik, auch als Ankündigung Mussolinis, sahen. Der historische Ertrag der Studie läßt sich nicht kurz resümieren, jedenfalls besteht er im Abbau der Rienzo-Deutungen der zwanziger und dreißiger Jahre: So wenig wie für Rienzo selbst ist für seinen neuesten Historiker Politik aus nationaler Ideologie der Maßstab: Beide zeigen uns das Geschehene in seiner Individualität und Körperlichkeit, mit Interesse an Kleidung und Zeremenoniell, wir geraten in ein Panoptikum mediterranen Gestenspiels, das frühere deutsch-protestantische Beobachter als theatralisch abstieß.
»Grausame Beschränkung auf das Somatische«, »ein Tod, wie er bei Ariès nicht vorkommt« – solche Wendungen geben eine Ahnung von der stilistischen Brillanz der Studie. Nichts ist breitgetreten, überall, auch in den Anmerkungen, herrscht die Kunst der knappsten Charakterisierung, oft in Parallelbildern von äußerster Verdichtung. Wir sehen den Anonimo neben Livius, neben Giovanni Villani und neben Lukan.
Nie erstarrt die Sprache in technischer Kälte; Fach-Terminologien werden aufgegriffen, in ihrem relativen Erklärungswert genutzt und wieder fallengelassen; ein Historiker von heute, nicht unberührt von einzelnen Nietzsche-Motiven der neuen französischen Philosophie und Historiographie, tritt, geführt vom Anonimo, aus dem Theorien-Dunst heraus und zeigt auf Sinnlich-Sichtbares, auf Prachtgewänder und Dekor, auf Schlachten und politisches Zeremoniell, zuletzt auf die medizinisch beobachtete Körperlichkeit des Leidens und des öffentlichen Sterbens. Ständig wechselt die Perspektive, zerkrümelt aber nicht in spannungsloser Reihung. Die Erzählung stürzt mit zunehmender Wucht zum Unglücksende hin: Von der Hinrichtung des Fra Moriale, bei der der Verurteilte noch »als Herr, nicht als Opfer des Geschehens« erscheint: »Feierlicher, literarisch anspruchsvoller ist in der Histo-riographie des 14. Jahrhunderts kaum ein Mensch gestorben, gewiß keiner hingerichtet worden« – bis herunter zum kläglichen Verenden des verfetteten päpstlichen Legaten, der nur etwas Falsches gegessen hat, und dann, noch tiefer hinab, zum schmählichen Ende des Rienzo, der, als das Volk das Kapitol erstürmt, unsicher den Helm aufsetzt und wieder abnimmt, bis das Volk ihn erschlägt wie ein Tier.

III

Ich habe noch eine Frage: Was heißt »wissenschaftliche Prosa«? Und was heißt hier »wissenschaftlich«?
Sprachlicher Zweifel ist angebracht; die Vokabeln »wissenschaftlich« und »Wissenschaftler« – und nicht nur die Vokabeln – unterliegen seit 150 Jahren einer Entwicklung, der wir mit altmodischen Protesten und ästhetisierenden Reformen nicht beikommen und die über-individuelle Spannungen erzeugt, Verwerfungen, denen ein Werk wie das über den Anonimo abgewonnen werden mußte:
Der »Wissenschaftler« tritt in vorgegebene Laborsituationen und bestehende Gruppen ein; Daten und Problemstellungen sind ihm vorgegeben; er akzeptiert seine Rädchenfunktion. Im technischen Zeitalter ist er die Abfindung für den aussterbenden »Gelehrten«. Der Gelehrte hatte es nicht mit wohlpräparierten Daten zu tun; er verschaffe sich Anschauung; er fing nicht mit Abstraktionen an, sondern schuf sie. allererst, wußte sie als sein Produkt und trieb sein Denken wieder über sie hinaus. Kurz: Er hatte philosophische Hintergedanken. Mommsen und Burckhardt, das waren keine »Wissenschaftler«, sie waren Gelehrte. Die Sprache verrät, ob ein Autor »Wissenschaftler« ist oder »Gelehrter«.
Die Gefahr, den Gelehrten romantisierend zu glorifizieren, ihn als abstraktes Gegenbild des Wissenschaftlers zu präparieren ist heute vergleichsweise gering. Gesellschaftlich bleibt der Gelehrte dem Wissenschaftler ohnehin unterlegen, denn der kommt gerade vom Segeln, während der Gelehrte das Wort »Freizeit« nicht versteht. Den Gelehrten prägten ältere, sokratische, kynische und klösterliche Formen des Heraustretens aus dem »Normalen«. Befaßt mit dem Abgelegenen, wurde er selbst abgelegen; Nietzsche sagte dafür: Er hat einen Buckel. Ich zitiere:

Jedes Handwerk, gesetzt selbst, dass es einen goldenen Boden hat, hat über sich auch eine bleierne Decke, die auf die Seele drückt und drückt, bis sie wunderlich und krumm gedrückt ist. Daran ist Nichts zu ändern. Man glaube ja nicht, dass es möglich sei, um diese Verunstaltung durch irgendwelche Künste der Erziehung herumzukommen. Jede Art Meisterschaft zahlt sich theuer auf Erden, wo vielleicht Alles sich zu theuer zahlt; man ist Mann seines Faches um den Preis, auch das Opfer seines Faches zu sein. Aber ihr wollt es anders haben – »billiger«, vor Allem bequemer – nicht wahr, meine Herren Zeitgenossen? Aber da bekommt ihr sofort auch etwas Anderes, nämlich statt des Handwerkers und Meisters den Litteraten, den gewandten, »vielgewendeten« Litteraten, dem freilich der Buckel fehlt – jenen abgerechnet, den er vor euch macht, als der Ladendiener des Geistes und ›Träger‹ der Bildung –, den Litteraten, der eigentlich Nichts ist, aber fast Alles »repräsentiert«, der den Sachkenner spielt und »vertritt«, der es auch in aller Bescheidenheit auf sich nimmt, sich an dessen Stelle bezahlt, geehrt, gefeiert zu machen – Nein, meine gelehrten Freunde, ich segne euch auch noch um eures Buckels willen! Und dafür, dass ihr gleich mir die Litteraten und Bildungs-Schmarotzer verachtet!«(1)

Nietzsche diagnostiziert einen Abgrund, und wir erwarten, daß »wissenschaftliche« Prosa ihn überbrückt. Gewiß, man kann die Kulturindustrie gegen Nietzsche verteidigen. Soziologen können uns die gesellschaftliche Notwendigkeit des Vermitlungsbetriebs erklären. Das alles kann man. Nur eines kann man nicht, nämlich: Forschung als Spaziergang hinstellen und dabei die bleierne Decke vergessen, unter der allein sie entsteht. Meine Damen und Herren Zeitgenossen, ihr hättet es gern anders, euch stört unser Buckel. Aber zum Gelehrten gehört Selbstausgrenzung und Abgeschiedenheit, die des Künstlers. Und seit Nietzsche ist der Druck, es rasch und plan zu machen, ins Ungeheure gewachsen.
Das Buch über den Anonimo erweist Seibt als Gelehrten. Mit souveräner Sicherheit bewegt er sich im 14. Jahrhundert, diesem unübersichtlichen Quellgelände der Moderne. Nicht in wohlfeilen Assoziationen, sondern exakt verknüpft er den Anonimo mit Zeitgenossen und antiken Historikern; immer steht er zugleich im Trecento und und in Historiographie und Literaturwissenschaft unseres Jahrhunderts; in sanfter Aufmüpfigkeit zieht er moderne Disziplinengrenzen ein – die zwischen Geschichte und Literatur, Philosophie und Kunst und verläßt er anachronistische Grenzziehungen zwischen volkssprachlicher und lateinischer Literatur der Zeit. Im Abstand von nur einer Zeile zitiert er Hieronymus und Mandelstam, beide mit der Präzision, die unter Philologen selbstverständlich ist.
Die Akademie ehrt sich und ihn, indem sie das Ausnahmehafte dieses Wurfes anerkennt. Sie ermutigt, die Tradition Lessings und Friedrich Schlegels fortzusetzen und gelehrte Kennerschaft mit Literaturkritik zu verbinden.

IV

Nun gab es im Vorfeld der heutigen Preisverleihung etwas Unruhe im Blätterwald. Vermutlich hat der verschlüsselte Titel des heute ausgezeichneten Werks einige Zeitungsschreiber abgeschreckt, das Buch auch nur aufzuschlagen, so daß ihnen zu seiner Charakteristik nur ein einziges Wort übrigblieb: die blanke Vokabel »Dissertation«.
Nun hat es mein Beruf so mit sich gebracht, daß ich sehr viele Dissertationen gelesen habe, darunter auch zwei, drei ausgezeichnete. Aber ich kann Ihnen versichern: Auch diese zwei oder drei sprengten nicht wie Seibts Buch den Rahmen dessen, was gewöhnlich eine »Dissertation« heißt. Dies Buch ist ein Buch, ist ein Buch – ich schlage den Damen und Herren Journalisten vor, zu dem altmodischen Brauch zurückzukehren, ein Buch erst zu lesen, bevor man darüber spricht.
Die Darmstädter Akademie ehrt nicht okkulte Qualitäten, sondern ein Werk, das jedermann zugänglich ist. Als eifriger Zeitungsleser hätte ich zwar nicht von Provinzblättern, wohl aber von der Süddeutschen und von der Zeit erwartet, sie würden ihr Urteilsvermögen an diesem Text erproben, statt sich in psychologisierenden Insinuationen und in Spekulationen über taktische Spielchen zu ergehen.

V

Das Buch liegt vor: Es stellt die intellektuelle Landschaft und Hauptereignisse des 14. Jahrhunderts in neues Licht. Es erschließt den Deutschen einen großen italienischen Autor. Mehr noch: Es setzt dem Anonimo ein Denkmal. Es vergegenwärtigt das große, das alte Italien, das Italien, dem von 1280 bis 1633 – von Dante bis zur zweiten Verurteilung Galileis – alles anvertraut war, was Menschen wichtig ist. Seibts Buch, unter bleiernen Decken geschrieben, ist unverkennbar auch im Gehen entstanden – bei Fußwegen durch das Autogewühl der ewigen Stadt. Dichte Anschauung unterlegt das Quellenstudium und stellt uns das Italien vor Augen, das geschichtliche Welten geschaffen hat – nicht das Italien einer künstlichen, touristisch verkommenen südlichen Heiterkeit und leichter Kompromisse, sondern radikaler Wahrheitssuche und Gestaltungskraft.
Große Gelehrte wie Nicolai Rubinstein vom Warburg-Institut, Arnold Esch vom Deutschen Historischen Institut in Rom, auch der Nestor der deutschen Renaissanceforschung, August Buck, haben ihren Respekt vor Seibts Forschungsleistung bekundet. Die Darmstädter Akademie bewies Sicherheit des Urteils, dies Buch wegen seiner sprachlichen Qualität auszuzeichnen.
Ihnen, Herr Doktor Seibt, wünsche ich auf mittlere Sicht die Ruhe, uns noch mehr solcher Bücher zu schreiben, fürs Erste aber Freude an dem Darmstädter Preis. Die Sache liegt recht einfach: Sie haben ihn verdient.

(1) Friedrich Nietzsche: Die fröhliche Wissenschaft, Nr. 366, Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe, hrsg. von G. Colli und M. Montinari, Berlin 1980, Bd. 3, 614-615.