Sigmund-Freud-Preis

Der Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa wird seit 1964 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen. Ausgezeichnet werden Wissenschaftler, die in deutscher Sprache publizieren und durch einen herausragenden Sprachstil entscheidend zur Entwicklung des Sprachgebrauchs in ihrem Fachgebiet beitragen. Der Preis wird von der ENTEGA Stiftung gefördert und jährlich während der Herbsttagung der Deutschen Akademie in Darmstadt vergeben. Seit 2013 beträgt die Dotation 20.000 Euro.

Preisträger

Barbara Stollberg-Rilinger

Barbara Stollberg-Rilinger

Historikerin
Geboren 17.7.1955

Sigmund-Freud-Preis 2017
Laudatio von Jürgen Kaube
Dankrede von Barbara Stollberg-Rilinger
Urkundentext

... macht die Lektüre ihrer historischen Studien zu einem einzigartigen intellektuellen Vergnügen.

Jurymitglieder
Juryvorsitz: Präsident Heinrich Detering
Vizepräsidenten Aris Fioretos, Wolfgang Klein, Gustav Seibt, Beisitzer László Földényi, Michael Hagner, Felicitas Hoppe, Per Øhrgaard, Ilma Rakusa, Nike Wagner

 

Sehr verehrte Damen und Herren,

von allen Preisen, die man als Geisteswissenschaftlerin überhaupt bekommen kann, ist dieser, der Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa, in meinen Augen der allererstrebenswerteste. Einen wunderbareren Preis kann ich als Historikerin mir nicht wünschen – und zwar deshalb, weil es dabei um die Sprache geht.
Dieser Preis lenkt ja die Aufmerksamkeit darauf, dass die Geschichtswissenschaft ein ganz besonderes, ganz eigenes Verhältnis zur Sprache hat. Zum einen hat sie es ja in allererster Linie mit schriftlichen Quellen zu tun, in denen die vergangene Welt „unmittelbar zur Sprache kommt“, wie Hans-Georg Gadamer das einmal formuliert hat. Diese Sprache der Quellen ist so fremd oder so vertraut wie die Welt selbst, um die es geht. Mit anderen Worten: Die Sache ist von der Sprache nicht zu trennen.

Doch Sprache ist für Historiker nicht nur Gegenstand, sondern auch Medium der Darstellung. Historische Erkenntnisse bedürfen sprachlicher Formung. Ich will nicht bestreiten, dass auch Zahlen, Tabellen und Diagramme in der Geschichtswissenschaft ihre Berechtigung haben mögen, auch wenn ich selbst damit auf äußerstem Kriegsfuß stehe. Aber erstens liegen solchen Zahlen immer schon sprachlich vermittelte Vorentscheidungen zugrunde – man muss ja entscheiden, was genau man eigentlich zählt, und dabei ist immer schon die Sprache im Spiel –, und zweitens müssen die Zahlen dann doch wieder sprachlich ausgelegt und eingeordnet werden. Ein historisches Buch sollte sich nicht wie eine Statistik lesen.

Historiker haben es also immer mit (mindestens) zwei Sprachen zu tun: erstens mit der der Quellen und zweitens mit ihrer eigenen. Die Spannung zwischen diesen beiden Sprachebenen macht in meinen Augen das Spezifikum und auch den großen Reiz der Geschichtsschreibung aus, und dieses Verhältnis präzise zu bestimmen ist eine wesentliche Bedingung historischer Erkenntnis.
Das bedeutet, dass der Graben zwischen der Zeit des Historikers und der Zeit der Quellen in der Darstellung nicht unsichtbar gemacht werden sollte. Es darf keine falsche Vertrautheit mit der Quellensprache aufkommen. Sondern es muss klar sein, dass es einer gewissen hermeneutischen Anstrengung bedarf, wenn man eine vergangene Epoche verstehen will. Ein geschichtswissenschaftliches Buch sollte sich auch nicht wie ein Roman lesen, der suggeriert, den historischen Figuren ganz nah zu sein und sich umstandslos in sie hineinversetzen und hineinfühlen zu können. Nach meiner Überzeugung ist es vielmehr die Aufgabe der Historiker, die Widerständigkeit und Fremdheit, auch die Befremdlichkeit einer vergangenen Epoche spürbar zu machen, um dann das Fremde als Fremdes erst verständlich werden zu lassen. Fremdheit ist ja kein Hindernis für das Verstehen, sondern sein notwendiger Ausgangspunkt. Wenn es stimmt, dass der Anfang aller Wissenschaft das Staunen, auch das befremdete Staunen ist, dann ist das Für-Selbstverständlich-Halten der größte Feind der Erkenntnis. Wenn man wie selbstverständlich davon ausgeht, die Sprache der Vergangenheit sei unsere eigene, wenn man ihre Fremdheit also gar nicht wahrnimmt, wird man auch keine Anstrengung machen, sie zu überwinden. Man kann es sich dann in fernen historischen Epochen gemütlich einrichten und sich mit ihrem Personal bequem identifizieren. Man wird aber nichts lernen, was man nicht sowieso schon weiß.

Aus diesem Grund sind historische Re-Enactments in aller Regel so bizarr und für Fachleute so quälend, insbesondere immer dann, wenn die Figuren den Mund aufmachen - wenn etwa Karl der Große mit der Krone auf dem Kopf durch die Landschaft reitet und mit seiner Gefolgschaft so daherredet wie ein Mainzer Gebrauchtwagenhändler (wie das einmal in einer wunderbar treffenden Rezension formuliert worden ist), oder wenn Maria Theresia mit Ehemann und Kindern umgeht und spricht wie eine berufstätige Mutter aus ‚Gute Zeiten/Schlechte Zeiten‘, die sich über ihre work-life-balance Gedanken macht. Selbst wenn sich die Autoren solcher Re-Enactments noch so erfolgreich um authentische Kostüme und Requisiten bemühen, kommen sie aus der Anachronismusfalle doch nicht heraus. Sie lassen Gegenwartsmenschen in historischer Maskierung und Kulisse sprechen und agieren wie Gegenwartsmenschen, weil sie es den Zuschauern leicht machen zu müssen glauben und weil sie für den Reiz des Fremden keinen Sinn haben.
Was ich mit dem Reiz des Fremden meine, will Ihnen an einem Beispiel aus „meiner“ Zeit, der Zeit Maria Theresias, veranschaulichen. Beim 18. Jahrhundert, das ja auch das Jahrhundert der Aufklärung ist, scheint mir die Gefahr anachronistischer Missverständnisse besonders groß, gerade weil wir uns dieser Epoche ja in vieler Hinsicht – und nicht ohne Grund – noch immer so verpflichtet fühlen, weil wir ihr vermeintlich so nahestehen und dadurch besonders leicht übersehen, was uns von ihr trennt.

Wenn man die Quellen dieser Zeit für sich sprechen lässt, wird ihre Fremdheit sofort spürbar und entfaltet, so finde ich jedenfalls, eine besondere Faszination. Ich zitiere nur einen einzigen beliebig herausgegriffenen Satz aus einer meiner Lieblingsquellen, dem Tagebuch des Wiener Oberhofmeisters Khevenhüller, einem treuen Diener seiner Herrin und höfischen Aristokraten alten Schlages.
Er schreibt zum Beispiel: „Den 17. [Februar 1744] ware bei Hoff die Copulation der Freile von Herberstein, worbei ich, und zwar zum ersten Mahl qua angesetzter Obristhoffmeister der Königin, als Dame [...] figuriret“ (Tagebuch I, 209). Über einen solchen Satz stolpert der moderne Leser oder die Leserin vermutlich gleich in mehrerlei Hinsicht. Die Copulation des Fräulein von Herberstein, zu Deutsch Beilager, bezeichnete die rituelle Zusammenführung der Brautleute im Brautbett, wozu manchmal auch noch die symbolisch angedeutete Hilfe beim Entkleiden gehörte, bevor man das Brautpaar dann allein ließ. Dass das Wort für heutige Ohren in diesem Kontext befremdlich klingt, zeigt an, wie groß der Graben ist, der uns von damals trennt. Die Hochzeitsnacht war noch nicht vollständig ins Intim-Private verbannt, sondern spielte sich – wenn auch nur in symbolisch-ritueller Andeutung – vor der höfischen Öffentlichkeit ab. Warum? Weil die ganze politisch-soziale Ordnung, die Weitergabe von Herrschaft, Stand, Rang und Namen auf Fortpflanzung beruhte. Auch das Freile von Herberstein weckt heute ganz falsche Assoziationen. Es war kein Fräulein im Sinne des „deutschen Fräuleinwunders“ der 50er Jahre, sondern Inhaberin eines Herrschaftstitels, die unverheiratete Tochter eines Herrn.

Und schließlich die äußerst bezeichnende Formulierung, dass der Obersthofmeister als Dame figurirete: Nichts zeigt eindrücklicher den höfischen Sinn für Rollen und Rollenwechsel, auch zwischen den Geschlechtern. Im alten Europa war es nicht ungewöhnlich, dass man vom physischen Geschlecht abstrahierte, um eine formal-rechtliche, rituelle Rolle zu spielen. Aufgrund einer fictio juris konnte ein Mann als Frau figurieren und eine Frau als Mann. Im 19. und 20. Jh. erschien so etwas schwer verständlich, ja anstößig, während es heute schon fast wieder vertraut, geradezu postmodern klingt. Sie sehen: In einem einzigen solchen Satz verbergen sich mehrere Verständnishürden, die zugleich Verständnischancen sind – vorausgesetzt, man stolpert darüber und springt nicht darüber hinweg. Gerade solche Stolpersteine sind es, in denen sich die Andersartigkeit der Epoche offenbart.

In der Sprache des Obersthofmeisters gibt es zahllose solcher Wort-Hürden, da wimmelt es von allerunterthänigsten Insinuationen, Interpositionen und Sollicitationen, von Promotionen und Solennitäten, von gnädigsten Distinctionen, sonderbarsten Pointillien und Finessen, von dienstwilligster Dienstbereitschaft und submissester Devotion, aber auch – auf der Hinterbühne – von nicht geringen Jalousien, Glossierungen und Polissonerien, ja – schlimmstenfalls sogar Decontenancierungen. Doch diese Sprache war nur eine unter anderen. Man kann in den Quellen sehr schön verfolgen, wie diese spätbarocke Exzellenz-Rhetorik allmählich an ihrem eigenen Überbietungsdruck förmlich erstickte, wie sie zunehmend als lästig, heuchlerisch oder lächerlich empfunden wurde, nicht anders als die brillantbesetzten und spitzenüberkrusteten Hofkleider oder die dreimalige fußfällige spanische Reverenz. Auch und gerade bei Hof konkurrierte diese Sprache mit anderen, und die Kunst bestand darin, dazwischen hin- und herzuwechseln: zur strengen Sprache des Vernunftrechts mit seinen Abstraktionen und quasi-mathematischen Deduktionen zum Beispiel oder zur Sprache zärtlich-empfindsamer Innerlichkeit. Die Vokabeln dieser Sprachen waren soziale Erkennungszeichen, sie definierten Situationen und markierten Zugehörigkeiten; sie kennzeichneten Diskursfelder wie Fahnen das Schlachtfeld. Wer beispielsweise die Regentin sagte, gab zu erkennen, dass er sich in einem ganz anderen, nämlich aufgeklärt-naturrechtlichen Feld bewegte, als wenn er Unsere Allerhöchste Frau sagte. Oder: Wer von Protestanten als Unkatholischen, Acatholicis, sprach, der brauchte gar nicht die üblichen Metaphern räudige Schafe in der christlichen Herde, Pestilenz und auszumerzendes Unkraut zu bemühen, um deutlich zu machen, dass er sich in einem anderen Feld bewegte als jemand, der den Rechtsbegriff Augsburgische Konfessionsverwandte benutzte. Und es machte einen großen Unterschied, ob man von dem fleißigen Ackersmann oder der Bevölkerung sprach, von nos peuples oder le populace, von den Ländern des Allerhöchsten Erzhauses, der Nation oder der societas civilis. Gerade an Maria Theresia, meiner Anti-Heldin, lässt sich die ganze Vielschichtigkeit und Widersprüchlichkeit dieser Epoche sichtbar machen, denn sie verstand es meisterhaft, je nach Bedarf diese unterschiedlichen sprachlichen Register zu ziehen.

Man hat es in diesem Fall nicht nur mit stilistischen Nuancen zu tun, sondern auch mit verschiedenen Sprachen im wörtlichen Sinne: Deutsch (mit oder ohne Dialektfärbung), Französisch, Italienisch, Latein, oft mit einer bizarren Mischung aus alldem. Es ging nicht einfach um Verständigung, sondern mehr noch um soziale Demonstration: von ständischer Zugehörigkeit, höfischer Conduite oder akademischer Gelehrsamkeit, Familiarität oder Distanz und so fort. Nur ein Beispiel: Der schon mehrfach zitierte Khevenhüller pflegte, wenn es um erotischen Klatsch ging, der ihm als einem sittenstrengen Herrn peinlich war, ins Französische zu wechseln. Umgekehrt verhielt es sich mit der Gattin Josephs II., der in vieler Hinsicht bemerkenswerten Isabella von Parma, die eine hocherotische Korrespondenz mit ihrer Schwägerin unterhielt; sie verfiel, wenn sie ganz unzweideutig sein wollte, ins Österreichische. (Wie Sie bemerken, habe ich mich bemüht, ein Beispiel zu finden, mit dem ich dem Namensgeber des hier verliehenen Preis ein wenig meine Reverenz erweisen kann.) Das Beispiel zeigt, nebenbei, dass auch eine Geschichte der Emotionen in erster Linie eine Geschichte des emotionalen Sprechens sein muss. Näher als an ihre Sprache kann man an historische Gestalten nicht herankommen.

Was ist nun die Aufgabe des historischen Schreibens? Für mich besteht die Kunst und die Herausforderung darin, einerseits den authentischen Wortlaut der Quellen so einzusetzen, dass möglichst viel von dem fremden Klang der Epoche spürbar bleibt, und zugleich andererseits diese Fremdheit der Quellen wieder einzufangen, indem man sie sorgfältig auslegt, kommentiert und in ihre verschiedenen Zusammenhänge einbettet. Das aber sollte so klar und einfach wie möglich und nicht komplizierter als unbedingt nötig geschehen. Meiner festen Überzeugung nach ist das ein Gebot der Höflichkeit gegenüber den Leserinnen und Lesern.

Wenn die Jury meint, dass mir das gelungen sei, so macht mich das über die Maßen stolz. Ich betrachte den Sigmund-Freud-Preis als das größte Kompliment, das mir in meiner ganzen wissenschaftlichen Laufbahn gemacht worden ist, und ich danke der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung von ganzem Herzen dafür.