Sigmund-Freud-Preis

Der Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa wird seit 1964 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen. Ausgezeichnet werden Wissenschaftler, die in deutscher Sprache publizieren und durch einen herausragenden Sprachstil entscheidend zur Entwicklung des Sprachgebrauchs in ihrem Fachgebiet beitragen. Der Preis wird von der ENTEGA Stiftung gefördert und jährlich während der Herbsttagung der Deutschen Akademie in Darmstadt vergeben. Seit 2013 beträgt die Dotation 20.000 Euro.

Preisträger

Ute Frevert

Ute FrevertUte Frevert

Historikerin
Geboren 10.6.1954

Sigmund-Freud-Preis 2020
Laudatio von Gesine Schwan
Dankrede von Ute Frevert
Urkundentext

Sie erschließt die Macht der Gefühle: begriffsklar, materialreich, argumentativ schlackenlos, pointensicher, anschaulich und mit viel Sinn für den historischen Einzelfall.

Jurymitglieder
Juryvorsitz: Präsident Ernst Osterkamp
Vizepräsidenten: Aris Fioretos, Wolfgang Klein, Monika Rinck, Beisitzer: Elisabeth Edl, László Földényi, Michael Hagner, Dea Loher, Ilma Rakusa, Marisa Siguan

 
LAUDATORIN
Gesine Schwan
Geboren 22.5.1943
Politikwissenschaftlerin

Als deutsche Wissenschaftlerin einen Preis für wissenschaftliche Prosa zu erhalten, ist allein schon eine großartige Auszeichnung. Denn die deutsche Wissenschaft ist ja nicht für ihre sprachliche Eleganz berühmt. Für ihre Genauigkeit, für ihre Tiefe, für ihre Stringenz, vielleicht für ihre erfinderische Originalität ja; aber die Prosa, also die Sprache der deutschen Wissenschaft, sofern sie nicht überhaupt dem Englischen gewichen ist, macht es den Leser*innen nicht immer einfach. Vielleicht ist das auch nicht ihre vorrangige Aufgabe, vielleicht sollte man den Inhalt von der Form unterscheiden – vielleicht empfinden manche Leser*innen oder Autor*innen Unzugänglichkeit auch als Ausweis von Wissenschaftlichkeit.

Es ist allerdings ein Zeichen nicht nur von Stil-Sensibilität, sondern auch von Respekt gegenüber den Leser*innen, wenn die wissenschaftliche Prosa die Gedanken gleichsam „barrierefrei“ vermittelt. Und das ist eine große Stärke von Ute Frevert. Sie schreibt in einem Redestil, der den Eindruck erweckt, sie säße oder stünde neben uns und erzählte uns gerade etwas Interessantes und Aufschlussreiches – flüssig, elegant, oft ein wenig ironisch, einprägsam. Das zeugt von einer menschenfreundlichen zugewandten Haltung, die auch in ihrem konkreten Umgang mit Menschen wohltuend auffällt. Und ihre Prosa ist nicht „prosaisch“, sie ist nicht nüchtern, sachlich-trocken. Hinter einem solchen Ausdruck vermutet man eine fantasielose Person. Das ist Ute Frevert wirklich gar nicht, wenngleich sie zuweilen ironisch auf den Boden der Tatsachen zurückführt, wenn Überschwang droht. Sie ist eben eine Historikerin, keine Psychologin oder Philosophin.

Stil und Themen, Form und Inhalt passen bei Ute Frevert vorzüglich zusammen. Es ist eine Freude zu erleben, wie unprätentiös diese höchst erfolgreiche Frau auftritt. Das Wort Karriere fällt mir bei ihr sicher nicht ein. Ute Frevert ist keine Karrierefrau! Es geht ihr um die Sache. Klugheit, Beharrlichkeit, intellektuelle Unnachgiebigkeit, auch Humor zeichnen sie aus, sie ist eine Frau von selbstverständlichem persönlichem Gewicht und nicht zuletzt: von Originalität.

Als ich zum ersten Mal von ihr hörte und las, dachte ich: Diese Frau ist besonders. Ihre Habilitationsschrift trägt die Überschrift: Ehrenmänner. Untertitel: Das Duell in der bürgerlichen Gesellschaft. Auf so einen Titel muss man für eine Habilitationsschrift erst einmal kommen. Erwartet hätte man vielleicht: Zur soziokulturellen Deutung von Ehrauseinandersetzungen unter Männern im 19. Jahrhundert. Ein Beitrag aus schichtenspezifischer und aus Gender-Sicht, unter besonderer Berücksichtigung des Duells. Stattdessen einfach: Ehrenmänner!

Mit Blick auf diese Habilitationsschrift erkennt man eine deutliche Kontinuität in Ute Freverts wissenschaftlichem Werk. Schon bevor sie Direktorin des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin wurde, dessen Forschung sie auf die Rolle von Gefühlen in der Geschichte fokussiert hat, galt ihre Aufmerksamkeit offenbar Gefühlen, die man nicht in harten Fakten oder scharfen kognitiven Erkenntnissen findet, sondern denen man nachspüren muss, feinfühlig und mit Sinn für Nuancen und Differenzierungen. Ich wage nicht die weiblich-chauvinistische Behauptung, dass Frauen das eben besonders gut können, aber ganz zufällig ist diese Themen-Wahl der Historikerin vermutlich nicht.

Das zu sagen, ist möglicherweise leichtfertig, da Ute Frevert ja den Sigmund-Freud-Preis erhält. Der berühmte Psychoanalytiker hat selbst nicht nur in einer literarisch hoch anerkannten Sprache geschrieben, sondern menschliche Gefühle wie Schuld und Scham tief und schulbildend analysiert. Er hat sie in einem theoretischen Verständnis interpretiert, das in einer philosophischen Anthropologie gründet. Die ist zu einem weltweit wirksamen Deutungs-Paradigma geworden. Seine Theorie von Ich, Es und Über-Ich bezeichnet überhistorische Konstanten, während Ute Frevert sich vor allem für die historischen Variationen und damit kulturell unterschiedlichen Ausdrucksweisen von Gefühlen interessiert. Allerdings bleibt dann doch die Frage, warum historisch unterschiedliche Erscheinungsformen z.B. von Ehre und Ehrgefühl sich doch in diesem einen Begriff überzeitlich einfangen lassen.

Interessant ist, dass Ute Frevert sich schon so früh für „Ehre“ interessiert hat, ein Stichwort, das in ihrem Lexikon aus diesem Jahr über Mächtige Gefühle wieder ausgiebig behandelt wird und auch in ihrem Buch Die Politik der Demütigung, das sie vor drei Jahren veröffentlicht hat. Man könnte diese Forschungsentwicklung unter dem Titel: „Von der Ehre zur Würde“ fassen.

Das Streben nach Ehre ist schon im Verständnis des politischen Soziologen Charles de Montesquieu das emotionale Motiv – Montesquieu nennt es das bewegende „Prinzip“ – der Monarchie, der „Hebel“, mit dem man in dieser Regierungsweise etwas in Bewegung bringt. Unterschiedliche Stände werden durch unterschiedliche Ehrverständnisse gekennzeichnet, sie prägen das Selbstverständnis dieser Stände und motivieren ihr Handeln. Ohne das Streben der Adelspersonen nach Ehre hätte der Monarch wenig in der Hand, um seine Ziele zu verwirklichen.

Die Republik dagegen braucht die „Liebe zur Gleichheit“, damit Politik in ihr gelingt. Gemeint ist da zunächst nur die Rechtsgleichheit. Aber immerhin: Wenn die Bürger die Gleichheit ihrer Mitbürger nicht lieben – also wirklich wollen, sie nicht nur dulden – kann sie ihr Ziel, die politische Gleichheit nicht erreichen, wird die Republik instabil. Das ist der Weg von der Ehre zur Würde.

Anschaulich und quellengesättigt beschreibt Ute Frevert diesen Weg. Zwar beobachtet sie für den Begriff Ehre auch eine „zeitlose“ Komponente, etwa wenn man etwas mit seinem „Ehrenwort“ besiegelt und Kinder zur Bekräftigung ihrer Versprechen einander ihr „großes Ehrenwort“ geben. Wir bezeichnen im Übrigen auch heute noch Menschen als „ehrlos“, wenn sie ungeniert lügen oder für ihren eigenen Vorteil arbeiten. Da nähert sich der Begriff dem der Selbstachtung, die verloren geht, wenn man aus freien Stücken der Wahrhaftigkeit und dem Respekt für die anderen Menschen zuwiderhandelt. Die partikulare Perspektive der Stände, die historisch zugleich Über- und Unterordnung und die Ungleichheit der Wertschätzung enthielt, erweitert sich zum verantwortlichen Gebrauch von Freiheit als Gebot für alle Menschen, die damit in der Ehre schon angelegt sein mag.

Anschaulich macht Ute Frevert das am Beispiel von männlichem und weiblichem Ehrbegriff in Verbindung mit der Sexualität. Solange den Frauen in der bürgerlichen Gesellschaft unterschiedliche Tätigkeiten und Rollen außer der Ehefrau und Mutter verwehrt blieben, wurden sie ausschließlich über ihre „Geschlechtsehre“ wahrgenommen. Männern hingegen bot man „viele weitere Facetten von Ehre an [...], wie Berufsehre, Amtsehre, Sportlerehre oder ‚bürgerliche Ehrenrechte‘“ (Mächtige Gefühle, 80). Frauen hatten im Wesentlichen keusch und schamhaft zu sein, vor allem außerhalb der Ehe. Was das für Witwen oder lebenslang unverheiratete Frauen bedeutete, kann man sich vorstellen. Darüber hat Ute Frevert auch publizistisch immer wieder lebhaft gesprochen. Dabei wirkt sie rein äußerlich gar nicht wild...

Das geschlechterspezifische Ehrverständnis gerade auf dem Gebiet der Sexualität, wurde in Deutschland politisch-offiziell erst zum Anfang des letzten Jahrhunderts in der Weimarer Republik abgeschafft, hat aber gesellschaftlich bis weit nach dem Zweiten Weltkrieg weitergewirkt; und zwar in der Bundesrepublik, jedenfalls, wenn man die Rechtsprechung verfolgt, etwas länger als in der DDR. Hier ließ das neue Strafgesetzbuch von 1968 sexuelle Gewalt gegen Frauen nicht mehr als Rowdytum durchgehen, sondern bezeichnete sie als Beleidigung der persönlichen Würde. Damit galt die sexuelle Selbstbestimmung für Männer und Frauen in gleicher Weise.

Für diesen juristischen Übergang von der geschlechterspezifischen Ehre zur gleichen Würde brauchte die Bundesrepublik, wie gesagt, etwas länger. Indem die „Sittlichkeit“ der Geschlechtsehre 1973, also fünf Jahre später in „sexuelle Selbstbestimmung“ umgetauft wurde, erlangte das diesbezüglich gleiche Recht von Männern und Frauen offizielle Geltung und wurde in der Selbstbestimmung, dem Kern des Begriffs der Würde verankert. (Mächtige Gefühle, 78f.)

In den aktuellen Erfahrungen der Globalisierung, in denen die unterschiedlichen Ehrvorstellungen oft männliche Identitäten und Selbstwertgefühle wie in einem Brennglas einfangen, ist es wichtig, diese historische Entwicklung zu kennen und aus ihr fruchtbare Lehren für aktuelle Konflikte zu ziehen.


Das hört Ute Frevert möglicherweise gar nicht gern. Lehren zu ziehen aus der Geschichte ist womöglich nicht ihr Ding. Aber es bietet sich an, vor allem wenn man Ihr Buch Die Politik der Demütigung. Schauplatz von Macht und Ohnmacht ausbeutet. Ich verwende diesen scheinbar unangemessenen Begriff, weil ich dieses Buch jedenfalls verschlungen und ausgebeutet habe, nur dass dies eine klimatisch ungefährliche Ausbeutung von Ressourcen ist. Die kann man geradezu als Paradigma der Konversion von gefährlicher Ressourcenverschwendung zu fruchtbarer Ressourcenverwendung präsentieren. Sie spielt sich in Kopf und Herz ab und verschwendet keine Rohstoffe.

Der Begriff der Würde ist in meiner Sicht der zentrale Ankerbegriff, nach dem sich Politik und Zusammenleben jetzt und in Zukunft richten müssen, gerade weil er für viele heute utopisch, illusorisch oder altmodisch klingt. Indem Ute Frevert in den letzten Jahrhunderten verschiedene Formen der Demütigung vor Augen führt, entwickelt sie fast eine historisch-philosophische Anthropologie. Sie zeigt nämlich nicht nur die verschiedensten Weisen, wie Demütigung zur persönlich-privaten wie zur politischen Machtausübung bis heute praktiziert worden ist – von politischen Staatsaktionen bis zu öffentlichen und privaten Erziehungsmethoden, die noch längst nicht ausgestorben sind. Sie zeigt auch, wie seit der Aufklärung mehr und mehr Menschen sich dagegen auflehnen, bis hin zur Mutter, die ihrem Sohn vor einigen Jahren die „Ehrenurkunde“ bei den jährlichen Sportwettkämpfen in der Schule ersparen wollte, weil diese nichts anderes zeige, als dass er wieder nur zu den letzten gehört hat. Schulen haben Jahrzehnte lang als „Laboratorien der Beschämung“ (Die Politik der Beschämung, 84ff.) – so die Autorin – gewirkt, was der Bildung von selbstbewussten demokratischen Bürger*innen entgegensteht. Das ändert sich nur sehr langsam.

Ob dahinter ein ahistorisch konstantes Bedürfnis nach Macht und Übermächtigung anderer steht (diesen Eindruck erweckt Ute Frevert) oder nicht auch zum Teil eigene Erfahrungen von Demütigung, die einen Freud’schen „Wiederholungszwang“ auslösen, wenn sie nicht durchschaut und überwunden werden – was aber möglich wäre! –, das ist, finde ich, eine zentrale Frage. Jedenfalls habe ich nicht den Eindruck, dass z.B. Ute Frevert von so einem Übermächtigungs-Bedürfnis getrieben wird. Dazu ist sie einfach aus sich selbst heraus zu mächtig – im besten Sinne des Wortes. Und das ist nicht der Max Weber’sche Sinn von Macht, auf den sich Ute Frevert immer bezieht, nach dem Macht, salopp gesagt, die Fähigkeit ist, andere gegen ihren Willen zu etwas zu bringen.


Dagegen gibt es ein anderes Verständnis von Hannah Arendt. Da entsteht Macht aus dem freiwilligen Zusammenwirken von Menschen für ein gemeinsames Projekt. Das Weber’sche nennt Arendt „Gewalt“, weil es letztlich gegen die individuelle Selbstbestimmung geht. Weiter gedacht wäre Macht nach Arendt die Fähigkeit von Menschen, ein solches Zusammenwirken anzustoßen und zustande zu bringen. Nach 30 Jahren neoliberalem Wettbewerbskult mag das manchem naiv klingen. Ohne diese Naivität des Glaubens an Kooperation werden wir aber auf unserem Planeten nicht überleben.

Für Kooperation braucht man auch begründende Argumente, die andere überzeugen. Solche Begründungen bietet uns Ute Frevert aus der Geschichte. Nicht zuletzt durch ihre Sprache, nehmen wir sie gern auf. Dafür gebührt ihr höchstes Lob! Dafür mögen wir Dich so gern und dafür danken wir Dir von Herzen, liebe Ute!