Sigmund-Freud-Preis

Der Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa wird seit 1964 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen. Ausgezeichnet werden Wissenschaftler, die in deutscher Sprache publizieren und durch einen herausragenden Sprachstil entscheidend zur Entwicklung des Sprachgebrauchs in ihrem Fachgebiet beitragen. Der Preis wird von der ENTEGA Stiftung gefördert und jährlich während der Herbsttagung der Deutschen Akademie in Darmstadt vergeben. Seit 2013 beträgt die Dotation 20.000 Euro.

Preisträger

Ute Frevert

Ute FrevertUte Frevert

Historikerin
Geboren 10.6.1954

Sigmund-Freud-Preis 2020
Laudatio von Gesine Schwan
Dankrede von Ute Frevert
Urkundentext

Sie erschließt die Macht der Gefühle: begriffsklar, materialreich, argumentativ schlackenlos, pointensicher, anschaulich und mit viel Sinn für den historischen Einzelfall.

Jurymitglieder
Juryvorsitz: Präsident Ernst Osterkamp
Vizepräsidenten: Aris Fioretos, Wolfgang Klein, Monika Rinck, Beisitzer: Elisabeth Edl, László Földényi, Michael Hagner, Dea Loher, Ilma Rakusa, Marisa Siguan

 

Viele mit dem Sigmund-Freud-Preis Geehrte beginnen ihre Dankrede mit dem Ausdruck der Überraschung, dass gerade sie den Preis zuerkannt bekommen. Nie im Leben habe man damit gerechnet. Außerdem passe man gar nicht in die Riege der erlauchten Preisträger, allesamt Gelehrte von höchstem Rang, meist männlichen Geschlechts. Frauen ließen sich bislang an einer Hand abzählen; erst ab diesem Jahr braucht man auch die zweite dazu.

Bekundungen der Überraschung, verbunden mit dem demütig-bescheidenen Bekenntnis der eigenen Unerheblichkeit, gehören zum akademischen Habitus. Mit der Demut aber ist es so eine Sache. Manche mögen sich an Friedrich Nietzsches Bemerkung erinnern, wer sich selbst erniedrige, wolle erhöht werden (in Abwandlung der Textstelle aus dem Lukas-Evangelium, wo der demütig betende Zöllner tatsächlich erhöht wird; die Erhöhung ist eine Folge der Demut, nicht deren Absicht). Demut trage, so Nietzsche, einen Hauch des Strategisch-Berechnenden an sich. Besonders in letzter Zeit finden sich dafür zahlreiche Belege, unter Politikern ebenso wie unter Investment-Bankern. Und auch in der Wissenschaft gibt es die Attitüde, als die andere Seite der ostentativen Selbstanpreisung, zu der sich vor allem jüngere Forscher*innen heutzutage gezwungen sehen.

Aber ich schweife ab, zu den Themen, die mich in meinen Arbeiten über Gefühle in der Geschichte beschäftigen. Und gestehe, gänzlich überraschungsfrei, dass auch ich überrascht war, als Ernst Osterkamp mich im Sommer anrief und die frohe Botschaft verkündete.

Überraschung ist eine der sechs oder sieben Basisemotionen, wie sie der amerikanische Psychologe Paul Ekman definiert. Ihr Ausdruck soll in der ganzen Welt der gleiche sein: offener Mund, aufgerissene Augen – auf Dauer sähe das ziemlich albern aus. Aber Überraschung ist nicht von Dauer, sie ist kurz und kräftig. Für René Descartes, der sich drei Jahrhunderte vor Ekman mit den sechs „passions simples et primitives“ beschäftigte, war es die admiration, die Ver- und Bewunderung, die Körper und Seele in Bewegung setzte und so manche Begierden entstehen ließ: Ehrbegierde, Habgier, Neugierde.

Neugierig war ich auch – und habe rasch im Internet nachgeschaut, in wessen nobler Gesellschaft ich mich fortan befinden würde. Viele Preisträger*innen kannte und bewunderte ich. Ich hatte sie sogar um die Auszeichnung beneidet. Beneidet nicht in dem Sinn, dass ich ihnen den Preis nicht gegönnt hätte. Thomas Macho, Barbara Stollberg-Rilinger, Jan Assmann, Jürgen Osterhammel: Das sind Kollegen und Freunde, die mir lieb und teuer sind, deren Texte ich intellektuell schätze und mit Vergnügen lese. Ich habe auch nicht Äpfel mit Birnen verglichen und mich gefragt, warum sie und nicht ich unter den Auserwählten waren. Nicht mal im Geheimen, wie Astrid Lindgrens Lotta aus der Krachmacherstraße sagen würde.

Dennoch war mir bewusst, dass dieser Preis einer ist, über den ich mich selber irrsinnig freuen würde. Weil er nämlich genau das prämiert, was mir wichtig ist: wissenschaftliches Schreiben. Wichtig ist es mir aus zwei Gründen: zum einen möchte ich ein breiteres Lesepublikum erreichen. Ich will nicht nur für den sehr überschaubaren Kreis der Fachkollegen schreiben, sondern, verzeihen Sie die Vollmundigkeit, für „die Gesellschaft“.

Als Historikerin der modernen Zeit hege ich den vielleicht vermessenen, aber ernstgemeinten Wunsch, diese Gesellschaft über sich selber aufzuklären: über ihre Herkunft, ihre Signaturen und Konfliktlinien, über verschüttete Alternativen und Veränderungspotenziale. Gesellschaften sind lernfähig, sie können gar nicht anders. Wenn ich dazu beitragen will, muss ich Menschen erreichen, durch eine Sprache, die von vielen verstanden wird. Das bedeutet nicht, sich aus der akademischen Kommunikation zu verabschieden. Aber es bedeutet, auf Jargon zu verzichten, auf name dropping, auf Hermetik, auf inkludierende und exkludierende Verweise.

Selbstverständlich hat es Phasen gegeben, in denen ich solche Verweise und den dazugehörigen Abgrenzungsgestus großartig fand. Den Nutzen der Distinktion hatte man im Soziologie-Studium begriffen und praktiziert, da gab es kein Entrinnen. Aber es war ein starkes Gegengewicht zur Hand, oder besser zwei: zum einen die weniger jargonaffine Geschichtswissenschaft, zum anderen das politische Engagement. Für die unorthodoxe Linke ebenso wie für die neue Frauenbewegung besaß der Blick in die Geschichte einen hohen politischen Wert. Was man dort sah und entdeckte, rechtfertigte und befeuerte den Willen, selber etwas zu verändern und gemeinsam dafür tätig zu werden. Nie wieder in meinem ganzen Leben war ich so sehr davon überzeugt, als Historikerin wirklich Wichtiges und Richtungsweisendes anbieten zu können, wie in den 1970er und 1980er Jahren. Dafür bedurfte es des klaren, verständlichen, schnörkellosen Ausdrucks.

Es gibt noch einen weiteren Grund, warum mir das Schreiben wichtig war und ist. Dieser Grund ist, anders als der erste, ganz und gar selbstbezüglich: Ich schreibe gern, es bereitet mir großes Vergnügen. Geschriebene Sprache ist das Instrument und die Form, mit dem und in der ich denke. Man könnte es „die allmähliche Verfertigung der Gedanken“ nicht beim Reden, sondern beim Schreiben nennen. Kleist stand das Reden als Gespräch, als Austausch mit anderen vor Augen. Bei meinem Schreiben hingegen geht es einsam zu, da gibt es nur mich und den Computer und die Zeit, die verrinnt und Grenzen setzt. Und das ist wunderbar genussvoll.

Es tröstet mich auch darüber hinweg, dass ich keine gute Rednerin bin. Meist fallen mir die Pointen erst hinterher ein. Druckreif zu sprechen, ist mir unmöglich. Mit Grausen und Beschämung erinnere ich die erste Transkription eines Diskussionsbeitrags: Kein Satz endete, wie er hätte enden sollen. Das ist viele Jahre her und hat sich leider kaum verbessert. Darum bergen, in Klammern, die Corona-Restriktionen für mich ein großes Plus: Ich darf die Fragen von Zeitungsjournalist*innen schriftlich beantworten, was in diesen Kreisen zuvor als Anschlag auf die Ehre wahrgenommen und empört zurückgewiesen worden ist.

Apropos Ehre. Preise sind Ehrungen, die öffentliche Anerkennung einer individuellen Leistung. Das ist ungefähr das Einzige, was im 21. Jahrhundert von dem Riesenberg an Ehre übrig geblieben ist. Der Berg ist vor allem nach 1945 peu à peu abgetragen worden. Daran glauben mussten sowohl die soziale, an eine bestimmte Herkunft oder Funktion gebundene Ehre als auch die männlich-weibliche Geschlechtsehre. Auch die nationale Ehre hat merklich abgerüstet. Geblieben sind die Wertschätzung und Beglaubigung außergewöhnlicher Leistungen, sei es im „Ehrenamt“ oder auf dem „Ehrentreppchen“. Dabei kommt es auf den Akt der Kreditierung an und auf die Institution, die die Ehrung ausspricht. Ob ein Blumenstrauß oder ein Preisgeld damit verknüpft sind, tut nichts zur Sache.

Arthur Schopenhauer, nicht zu Unrecht als Misanthrop bekannt, hat das Bonmot neu erfunden, wonach der ewig knappe Staat seinen militärischen und Zivilbeamten die Hälfte ihres Gehalts in Form von Ehre auszahle, „welche repräsentiert wird durch Titel, Uniformen und Orden“. Das ist hier nicht der Fall, die Preisträger bekommen keine Uniformen, sondern ein hübsches Sümmchen. Doch darum geht es nicht. Wir würden den Preis auch ohne Geld nehmen und uns hoch geehrt fühlen – weil die Institution, die ihn verleiht, hoch reputierlich ist. Anders formuliert: Die Akademie verkörpert ein derart großes Kapital von Ehre, dass ihre Anerkennung weit mehr wiegt als viele Goldbarren. Es ist eben nicht irgendein Preis, es ist der Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Punkt.

Punkt. Aber noch kein Ende. Denn ich möchte in meiner Dankrede – Sie haben das Prinzip längst entschlüsselt – den Reigen der Gefühle noch etwas weitertanzen. Und hatte vorhin außer von Ehre auch von Empörung gesprochen. Der Empörung lässt sich der gerechte oder edle Zorn zur Seite stellen – ein Zorn, der uns ergreift, wenn wir uns ungerecht oder unwürdig behandelt fühlen oder sehen, dass andere ungerecht und unwürdig behandelt werden. Aber wie kann ich in Zusammenhang mit diesem Preis und dieser Akademie von Zorn und Empörung sprechen?

Ich könnte das vielleicht mit Blick auf die vergangene Preispolitik tun – eine Politik, die die Prosa weiblicher Wissenschaftler, ich erwähnte es, nur äußerst selten preiswürdig fand. Aber da dieser Kurs offenbar korrigiert wurde, lohnt es nicht, weiter darauf herumzuhacken.

Nein, die Empörung folgt einer krummeren Linie. Sie führt zu Freud selber, dem Namensgeber des Preises. Viele haben seinen Schreibstil gerühmt, Jan Assmann hat ihn mit dem von Thomas Mann auf eine Stufe gestellt. Mein erster Impuls war also, mich nochmals in Freuds Werke zu versenken, deren rote Studienausgabe seit 1973 im Regal steht. Das Taschenbuch mit den drei Abhandlungen zur Sexualtheorie habe ich, so ist es auf dem Titelblatt vermerkt, 1971 als Sechzehnjährige erstanden, in Rinteln, wo ich zur Schule ging und wo es eine Buchhandlung gab. Ich weiß noch genau, wie ich mich dabei gefühlt habe: unglaublich erwachsen und an der Spitze des Fortschritts. Meine Eltern schauten ob des Titels eher besorgt drein.

Ob ich das Buch damals wirklich gelesen habe, weiß ich nicht mehr. Die Unterstreichungen stammen aus späteren Jahren, da war ich bereits vom Feminismus infiziert, und Freud kam gar nicht mehr gut weg. Vor allem seine Ausführungen über den weiblichen Penisneid weckten Widerspruch und gerechten Zorn. Es mochte ja sein, darauf hatte die Psychoanalytikerin Karen Horney bereits in den 1920er Jahren hingewiesen, dass sich kleine Mädchen fragten, warum ihre Brüder ein solches Ding hatten und sie nicht. Aber es gab keinen Hinweis darauf, dass sie den Mangel tatsächlich als solchen empfanden und ihm jene allumfassende Bedeutung zuwiesen, die Freud behauptete. Lebenslange Minderwertigkeitsgefühle von Frauen darauf zurückzuführen, ist eine ebenso unzulässige wie fahrlässige Reduktion. Sie lässt, der Einwand stammt ebenfalls schon von Horney, völlig außer Acht, dass männerzentrierte Gesellschaften alles tun, um Frauen auf einer unterlegenen und abhängigen Position zu fixieren.

Die Freud-Lektüre weckte also bestenfalls gemischte Gefühle, und nicht selten überstimmte die Empörung über die Aussage die Wertschätzung der Prosa. Deshalb gab ich in diesem Sommer dem Impuls des Wiederlesens nicht nach, sondern überließ mich dem reinen, unvermischten Genuss von Freude und Dankbarkeit: Freude über die Anerkennung dessen, was mir am Herzen liegt; Dankbarkeit gegenüber der Akademie, die mir diese Anerkennung schenkt; Dankbarkeit gegenüber den Institutionen und Menschen, die es mir erlaubt und mich gelehrt haben, wissenschaftlich zu schreiben; Dankbarkeit auch und nicht zuletzt gegenüber meiner Familie, die mich dabei unterstützt hat, nie unkritisch und doch voller Zuneigung.