Sigmund-Freud-Preis

Der Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa wird seit 1964 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen. Ausgezeichnet werden Wissenschaftler, die in deutscher Sprache publizieren und durch einen herausragenden Sprachstil entscheidend zur Entwicklung des Sprachgebrauchs in ihrem Fachgebiet beitragen. Der Preis wird von der ENTEGA Stiftung gefördert und jährlich während der Herbsttagung der Deutschen Akademie in Darmstadt vergeben. Seit 2013 beträgt die Dotation 20.000 Euro.

Preisträger

Odo Marquard

Odo Marquard

Philosoph
Geboren 26.2.1928
Gestorben 9.5.2015
Mitglied seit 1995

Sigmund-Freud-Preis 1984
Laudatio von Wolf Lepenies
Dankrede von Odo Marquard
Urkundentext

Odo Marquard, dem es in seinen Schriften gelungen ist, schwierige Gedanken so anmutig auszudrücken, daß der Leser das Fürchten verlernt...

Jurymitglieder
Juryvorsitz: Vizepräsident Herbert Heckmann (geschäftsführend)
Vizepräsidenten Ludwig Harig, Eva Zeller, Beisitzer Beda Allemann, Geno Hartlaub, Hans Paeschke, Lea Ritter-Santini, Bernhard Zeller, Ernst Zinn, Ehrenpräsidenten Dolf Sternberger, Bruno Snell

 
LAUDATOR
Wolf Lepenies
Geboren 11.1.1941
Soziologe

Lange Zeit selbst unter seinen Kollegen ein Geheimtip, war Odo Marquard doch nie ein Autor, der sich verstecken mußte oder verstecken wollte. Er hat sich vielmehr – seinen Lesern zum Vergnügen – in aller Öffentlichkeit oft genug selbst charakterisiert und mit schonungsloser Sorgfalt karikiert: als Philosophiekraftzersetzer und als eschatologische Unke, als Zauderer bei der Naherwartung und als Bremswesen im Konvoi der Emanzipation. Einer Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung aber mußte Odo Marquard vor allem als Transzendentalbelletrist auffallen, das heißt als ein Schriftsteller, der – seinem eigenen Zeugnis folgend – meistens nicht schreibt.
Die Zuerkennung des Sigmund-Freud-Preises für wissenschaftliche Prosa wird daher den Laureaten, der wie kein anderer an die Macht der Kompensation glaubt, zwar gefreut, aber ebensowenig verblüfft haben wie die Tatsache, daß die Allgemeine Gesellschaft für Philosophie ihn, dessen Spezialität der Nachweis für den Kompetenzverlust der Philosophie ist, unlängst zu ihrem Präsidenten gemacht hat. Mit Odo Marquard ehrt die Akademie einen Autor, der über die selten gewordene Fähigkeit verfügt, im Zweifelsfall lieber nicht, als nichts zu schreiben, um eine Wendung aus den Wahlverwandtschaften zu variieren.
Mit der dort verkündeten Maxime, daß »man an seinen Lebensverhältnissen nicht so viel zupfen und zerren, nicht immer was Neues an sie heranziehen soll(e)«, läßt sich auch Odo Marquards Denk- und Lebenshaltung beschreiben: als die eines listig-vorsichtigen Konservativen nämlich, der darauf beharrt, die Rechtfertigungspflicht in der Regel den Veränderern, nicht den Bewahrern bestehender Verhältnisse zuzumuten. Dennoch – diese Haltung ist kein Immobilismus, auch wenn der Preisträger behauptet, er sei ein Philosoph, der sich langsam zu bewegen pflegt. Wer Marquard hier, wie anderswo, zu wörtlich nimmt, wird sich bald wundern, wie schwer es ist, ihn zu fassen, wie leicht, ihm gegenüber ins Hintertreffen zu geraten.
Die Prinzipien seines Denkens hat Odo Marquard selbst erläutert: in einem Band der Reclam-Reihe Deutsche Philosophie der Gegenwart, dem er – wie könnte es bei diesem habituellen Augenzwinkerer und Dauer-Dementierer anders sein – den antiprogrammatischen Titel gab: Abschied vom Prinzipiellen. Wie so viele der die heutige Philosophie prägenden Gelehrten ist Marquard ein Schüler Joachim Ritters, auch wenn er 1954 mit seiner vier Jahre später erschienenen Schrift Skeptische Methode im Blick auf Kant bei Max Müller in Freiburg promovierte. Damit klingt bereits früh das entscheidende Leitmotiv seines Philosophierens an: Odo Marquard ist ein Bewahrer nicht aus Sturheit, sondern aus Skepsis, und es ist nicht zuletzt diese Skepsis, die seinen Stil, seine wissenschaftliche Prosa prägt.
Zu beschreiben aber, wie er schreibt, ist eine gefährliche Sache. Denn Odo Marquards Prosa ist so unverwechselbar, so viele seiner Metaphern sind zum Markenzeichen geworden, daß man als einfallsarmer Imitator und Pointenklau erscheint, wenn man ihn zitiert und dabei – wie jetzt ich – stets die Gefahr läuft, daß der Leser oder Hörer, zitatgefesselt, lieber Marquard selbst lesen oder hören will, als den, der bloß über ihn redet. Dennoch muß ich Sie bitten, es noch sechs Minuten mit mir auszuhalten.
Bis ins 19. Jahrhundert, das stupide Jahrhundert, wie seine zeitgenössischen Gegner es nennen, ist ein guter Stil gefragt: Forschungs- und Darstellungsweise gelten den unterschiedlichsten Autoren als gleichrangig. Philosophen wie Wissenschaftler verstehen sich noch als auctores im emphatischen Sinn, nehmen Autorität und Authentizität für das, was sie schreiben, auch dadurch in Anspruch, wie sie es tun. Bald aber klingt das dem 18. Jahrhundert noch selbstverständliche Motto »Le style c’est l’homme même« antiquiert, und wer heute die Menschen nach ihrem Stil beurteilen wollte, müßte an der Menschheit verzweifeln. Die Abkopplung der Darstellungs- von der Argumentationsebene, die die Wissenschaftsentwicklung der Moderne zunehmend kennzeichnet und der damit einhergehende Verlust an Stilwillen und Stilsicherheit sind auch die Folge zunehmender Forscherhybris und eines dogmatischen Fortschrittsglaubens: wer seiner Sache todsicher ist, braucht sich den Kopf kaum darüber zu zerbrechen, wie er lebendig von ihr redet. Daher sind die großen Stilisten des 19. Jahrhunderts allesamt Opponenten gegen den Zeitgeist, ob sie nun Burckhardt heißen oder Nietzsche, Kierkegaard oder Schopenhauer.
Überraschen kann es also nicht, daß mit Odo Marquard ausgerechnet ein selbsternannter und selbstkritischer Skeptiker die Sprache ernst und Stil und Darstellungsweise wichtig nimmt. Einmal – und dies ist gleichsam die menschen- und damit auch leserfreundliche Seite der Skepsis –, weil Marquard zufolge gerade der Respekt vor dem Ernst der uns bedrängenden Probleme verlangt, sie durch »Kompositions- und Formulierungsspiel« aushaltbar zu machen. Zum anderen, weil Skepsis – im Gegensatz zu Resignation oder Revolte – notwendigerweise Stil schafft: aus einer Haltung heraus, die sorgsam darauf bedacht ist, so präzise wie möglich zu beschreiben, wovon sie sich distanziert oder wovor sie warnt.
Der Skepsis Odo Marquards, der nun schon seit vielen Jahren einen nicht endenwollenden Abschied von der Geschichtsphilosophie nimmt, merkt man es an, daß sie im Klima des ›posthistoire‹ gewachsen ist, für das Gottfried Benns griffige Formel gilt, daß jetzt das Rechnen mit den Beständen auf der Tagesordnung steht. Im Vokabular des preisgekrönten Skeptikers fehlen daher die echten Neologismen fast völlig; an ihre Stelle tritt die Neukombination eingespielter und oft ehrwürdiger Begriffe, die durch den skeptischen Bastler nicht selten umfunktioniert oder gar auf sanfte Art funktionslos gemacht werden. Hier haben die Marquardschen Doppel- und Dreifachnominative wie die Weigerungsverweigerung oder die Tradition des Traditionsbruchs ihren Ursprung und nicht zuletzt jene berühmt-berüchtigte Inkompetenzkompensationskompetenz, die der Leser bereits für sich in Anspruch nehmen darf, wenn es ihm gelingt, das bedrohliche Wort ohne Stocken und Stottern auszusprechen. Die Pluralisierung der Lesarten und Rezeptionsversionen, für die der Hermeneutiker Marquard sich unverblümt ausspricht, wird derart vom Autor selbst nachdrücklich befördert, wozu auch das Bekenntnis gehört, manches, wie Kleist, aus gliederungsrhythmischen Gründen, oder wie Morgenstern, um des Reimes willen zu sagen.
Als Diderot der Philosophie der Zukunft die Aufgabe zuwies, das Erstaunen aufzuheben, konnte er nicht ahnen, wie schnell sie sich diese Kompetenz aneignen würde. Heute ist an die Stelle des überraschten ›Aha‹ längst das matte ›Na ja‹ getreten, jener enttäuschungsgeübte Seufzer, mit dessen Hilfe man sich das Überleben zwischen den anschwellenden Bücherbergen zu erleichtern sucht. Odo Marquard aber gehört, mit der Präzision seiner sanften Polemik, zu den wenigen Aha-Produzenten unter den deutschen Nachdenkern der Gegenwart.
Zum Verblüffungsrepertoire dieses Konservativen der angenehmsten Spielart – jener nämlich, die sich dauernd in Opposition befindet –, gehören nicht zuletzt Versuche, der Trivialisierung der Philosophie wo immer es geht mit dem Ernstnehmen des Trivialen zu begegnen, was im Glücksfall auf die Nobilitierung des Kalauers hinausläuft. Und erst die Satzzeichen! Wo wird ihnen noch soviel zugemutet wie bei diesem Autor? Wo andere nur einen Punkt machen, häufen sich bei Marquard tollkühn die Doppelpunkte, die doch immer, Karl Kraus und Adorno haben es gewußt, weit den Mund aufsperren: »Weh dem Schriftsteller, der sie nicht nahrhaft füttert!« Marquards Leser können bestätigen, wie gewissenhaft er seinen Alimentationspflichten nachkommt.
Nach dem Lob wird es nun aber Zeit, auch Tadel zu spenden. So sehr sie unterhält, mutet die wissenschaftliche Prosa des Preisträgers dem Leser doch viel zu, mit ihrem unerschöpflichen Einfalls- und Gedankenreichtum, mit ihren Perioden aus lauter Leitmotiven, ihren Absätzen aus lauter Schlagzeilen und den sich jagenden Verschiebungen und Verdrehungen einer nur auf den ersten Blick vertraut erscheinenden Terminologie: ein verbales Überraschungsfeld, wo allerorts die Fallen des falschen Einverständnisses lauern.
Es ist aber, wie Nietzsche wußte, »ein Nachteil für gute Gedanken, wenn sie zu rasch aufeinanderfolgen: sie verdecken sich gegenseitig die Aussicht. Deshalb haben die größten Künstler und Schriftsteller reichlichen Gebrauch vom Mittelmäßigen gemacht.«
Und so schließe ich mit einem Rat: Schreiben Sie gelegentlich etwas schlechter, Herr Marquard! Es kann noch besser werden.