Sigmund-Freud-Preis

Der Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa wird seit 1964 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen. Ausgezeichnet werden Wissenschaftler, die in deutscher Sprache publizieren und durch einen herausragenden Sprachstil entscheidend zur Entwicklung des Sprachgebrauchs in ihrem Fachgebiet beitragen. Der Preis wird von der ENTEGA Stiftung gefördert und jährlich während der Herbsttagung der Deutschen Akademie in Darmstadt vergeben. Seit 2013 beträgt die Dotation 20.000 Euro.

Preisträger

Jürgen Habermas

Jürgen Habermas

Philosoph und Soziologe
Geboren 18.6.1929
Mitglied seit 1983

Sigmund-Freud-Preis 1976
Laudatio von Dieter Wellershoff
Dankrede von Jürgen Habermas
Urkundentext

Das Werk des Denkers ist das Werk seiner Sprache.

Jurymitglieder
Juryvorsitz: Präsident Peter de Mendelssohn
Vizepräsidenten Karl Krolow, Horst Rüdiger, Dolf Sternberger, Beisitzer Horst Bienek, Walter Helmut Fritz, Rudolf Hagelstange, Geno Hartlaub, Gerhard Storz, Wolfgang Weyrauch

Die Sprache des Traums der Vernunft

LAUDATOR
Dieter Wellershoff
Geboren 3.11.1925
Schriftsteller

Sehr verehrter Herr Präsident, meine Damen und Herren, lieber Jürgen Habermas.
Oft wird Gelingen kaum wahrgenommen, obwohl es deutlich sichtbar vor aller Augen steht. Es macht kein Geheimnis aus sich, sondern verschwindet im Gegenteil in seiner eigenen Klarheit und Helligkeit. Vor allem scheint Gleichmäßigkeit des Gelingens seine Wahrnehmung zu erschweren, es entgleitet uns dann leicht in täuschende Selbstverständlichkeit. Doch das ist nur eine andere Formulierung für die Entlastung, die es uns gewährt, wenn jemand seine Arbeit beherrscht und seinen Vorhaben gewachsen ist. Er erlöst uns von der Angst, der Unlust und der Mühsal, mit denen wir unsicheren, schwerfälligen, umständlichen Operationen zuschauen und macht unsere Aufmerksamkeit frei für eine ruhige Wahrnehmung der Sache selbst.
Das ist eine notwendige Vorbereitung zu einem Kompliment an die Jury, die Jürgen Habermas den Sigmund Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa zugesprochen hat. Sie hat eine Wahl getroffen, die einen Blick verrät, einen Blick mit einem beträchtlichen Auflösungsvermögen. Sie mußte nämlich aus einem denkerischen Werk, dessen lebendiges Fortschreiten seit langem eines der wichtigsten Ereignisse unseres geistigen Lebens ist, gerade jenen Aspekt isolieren und ins Zentrum ihrer Aufmerksamkeit rücken, der dem beteiligten, dem faszinierten Leser in der Regel entgeht, – nämlich die Realisierungsform dieses Denkens, die Sprache. Diese Sprache – hochdifferenziert, beweglich und genau – ist unauffällig, weil sie sich nicht selber vordrängt, sondern nichts anderes sein will, als das Erscheinen des Gedankens. Das Erscheinen des Gedankens ist sozusagen ihr eigenes Verschwinden.
Mit Bescheidenheit hat das nichts zu tun. Es ist ein hochgreifender stilistischer und moralischer Anspruch, der sich hier erfüllt. Der Regelfall ist nämlich die Unzulänglichkeit, steckenbleibendes oder herumzuckendes Denken mit überflüssigem Sprachaufwand, Pedanterie statt Genauigkeit, Weitschweifigkeit statt Fortschreiten. Doch von der trüben Wirklichkeit akademischer Durchschnittsschreibe brauche ich die luzide Prosa von Jürgen Habermas nicht erst ausdrücklich abzuheben. Zu ihrer Charakterisierung scheint mir wichtiger zu sein, daß diese Sprache darauf verzichtet, vor dem Leser zu agieren. Es ist eine Sprache ohne den Faltenwurf der Selbstinszenierung, ohne Manierismen, ohne Dekor, ohne jene hochgezüchteten Besonderheiten des Tonfalls, der Wortwahl, des Satzbaus, die gewöhnlich als persönlicher Stil bewertet werden, aber in der Regel diskrete pathologische Phänomene sind: Ticks, Verschrobenheiten, Wiederholungszwänge, Entgleisungen, die auf unbewußte Tendenzen hindeuten, also auf eine unvollendete Selbstreflektion.
Alles das sucht man in der Sprache von Jürgen Habermas vergebens. Sie ist zu durchgearbeitet, zu konsistent, zu selbstbewußt, um etwa dem koketten Gekräusel eines geheimen Narzißmus in sich Raum zu geben. Vielleicht kann man sagen, daß es keine schöpferische Leistung ohne einen Anteil narzisstischer Motivation gibt. Aber Format beweist sich dann erst in der Sublimierung dieses Motivs. Der enge Kreis der Selbstbefangenheit muß sich öffnen zum Werk hin, in dem sich die Person selbst übersteigt und auf ideale Weise objektiviert. Jürgen Habermas sieht es so, daß die Transzendenz der konkreten Person das vernünftige Subjekt ist. Die konkrete Person muß schreibend das vernünftige Subjekt realisieren, das ist der Anspruch und der Stolz dieser Sprache, der Maßstab, der mit ihr gesetzt ist. Ich möchte hinzufügen, daß Autonomie und persönliche Identität immer an der Freiheit der Person erkennbar sind, ihre bloß ichhaften oder rollenhaften Prägungen und Perspektiven zu überschreiten und so fähig zu werden zu einer entzerrten Wahrnehmung der Wirklichkeit. Das ist auch das, was Jürgen Habermas als die ideale Sprechsituation bezeichnet, die Voraussetzung der angst- und herrschaftsfreien Kommunikation, in der er das utopische Modell einer idealen Lebensform sieht.
Vernunft als das universelle Prinzip für menschliche Gesellschaften zur Geltung zu bringen, das ist also der Anspruch, den diese Sprache, indem sie ihn begründet und erläutert, immer auch schon exemplarisch zu vertreten sucht. Auf universelle Geltung kann Vernunft nur angelegt sein, wenn vernünftiges Denken seine uneingeschränkte Offenheit und Integrationskraft beweist. Alle Probleme der Lebenswelt müssen ihm zugänglich sein und zwar auf einem Niveau des Wissens und der Einsicht, das alle früheren Reflexionsstufen in sich aufhebt. Reflexion, wie Habermas sie versteht, ist Erinnerung nach vorne, kritische Nachkonstruktion von Vorausgedachtem, die hinter dessen vermeintliche Aprioris zurückgeht, um dann, nach der Auflösung dieser Denksperren, zu einer neuen Stufe der Erkenntnis fortzuschreiten. Ich kann mir keinen Leser der Bücher von Jürgen Habermas vorstellen, der nicht frappiert wäre von der Fähigkeit dieses Autors zum kritischen Referat. Die souveräne Übersicht, der Blick für das Wesentliche und die sprachliche Treffsicherheit, mit der hier fremde Theorien und Gedankengänge zusammengefaßt, auf den Begriff gebracht und so in ihrer Partikularität auch schon überschritten werden, sind meisterhaft. Ich kenne niemanden, der mit solchem logischen Recht und so raumgreifend erstens, zweitens und drittens sagen kann. Meistens sind es die vorbereitenden, nicht ungeduldigen, aber vorwärtsdrängenden Denkschritte, die zielstrebig zu dem vorausgedachten Punkt hinführen, von dem aus die Reflexion weiter ins noch Unerschlossene vordringt.
Solche Sicherheit ist nur möglich im Rahmen einer Gesamtorientierung. Alle Bücher von Jürgen Habermas sind Teile eines werdenden Ganzen – das gibt seiner Sprache die Konsistenz und Klarheit, den Atem und die Kühnheit zum weitausholenden Argument. Daß diese Selbstgewißheit weit entfernt ist von dogmatischer Verfestigung, zeigt sich anschaulich in der kritischen Auseinandersetzung mit Einwänden, die ihm gemacht werden. Es ist nicht nur eindrucksvoll zu sehen, wie er diese Einwände aufnimmt und nachkonstruiert, um sich mit ihnen auseinanderzusetzen, sondern imponierend ist auch, daß die eigenen Theoreme dabei nie bloß reproduziert werden, sondern in Bewegung geraten und sich dann neu beleuchtet und neu formuliert und immer auch um Nuancen bereichert wiederherstellen. Gelegentliche, immer kontrollierte Gereiztheiten in der Auseinandersetzung verschwinden sofort, wenn der Kontrahent respektables Niveau zeigt. Er ist dann nicht mehr nur der Gegner, sondern tendenziell schon der Partner jenes freien Diskurses der vernünftigen und kompetenten Menschen, die, indem sie miteinander sprechen, die Vorläufer und Stifter einer künftigen kooperativen und freien Gesellschaft sind, in der nicht mehr Macht entscheidet, sondern wie Habermas es ausdrückt, allein »die eigentümliche Überzeugungskraft des besseren Arguments«.
Der ungebrochene rationale Optimismus dieser Perspektive ist vielleicht gar nicht so sehr eine ursprüngliche Lebensstimmung des Autors, sondern es ist eine erarbeitete und als verallgemeinerungsfähig erkannte Moral. Erfahrungen mit dem Faschismus stehen im Hintergrund und die Auseinandersetzung mit jenem dezisionistischen Denken, das den Machtanspruch, den Willkürakt zur bewegenden Kraft der menschlichen Geschichte erklärte. Dagegen hat er die Kritik und die vernünftige Rede gestellt, als die wahrhaft menschlichen Fähigkeiten, von denen jeder Mensch nach seiner Überzeugung ein intuitives Wissen hat, deren volle gesellschaftliche Entfaltung aber immer noch aussteht. Chancenreich ist diese emanzipatorische Erwartung, weil der Legitimitätsverfall der traditionellen Machtstrukturen unverkennbar ist, aber gefährdet ist sie durch die Tendenz dieses Prozesses, in die Blindheit des Positivismus und die neuen undurchdringlichen Entfremdungsstrukturen des Funktionalismus auszulaufen, oder, um es anders auszudrücken, in die schöne neue Welt der privatisierten Fachidioten.
Dagegen anzusprechen bliebe bloße Rhetorik. Die Philosophie muß sich für die Wissenschaft öffnen, im gleichen Maße wie sie sich vielleicht dabei von der Dichtung entfernt. Doch die Bedeutung der Philosophie von Jürgen Habermas sehe ich darin, daß in seiner rationalen, modernen, informierten Sprache der Traum, den sie mit der expressiveren Sprache der Dichter teilt, keineswegs erkaltet ist.