Sigmund-Freud-Preis

Der Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa wird seit 1964 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen. Ausgezeichnet werden Wissenschaftler, die in deutscher Sprache publizieren und durch einen herausragenden Sprachstil entscheidend zur Entwicklung des Sprachgebrauchs in ihrem Fachgebiet beitragen. Der Preis wird von der ENTEGA Stiftung gefördert und jährlich während der Herbsttagung der Deutschen Akademie in Darmstadt vergeben. Seit 2013 beträgt die Dotation 20.000 Euro.

Preisträger

Jan Assmann

Jan AssmannJan Assmann

Ägyptologe
Geboren 7.7.1938

Sigmund-Freud-Preis 2016
Laudatio von Antonio Loprieno
Dankrede von Jan Assmann
Urkundentext

In der Verbindung von Archäologie und Gedächtnisgeschichte haben Jan Assmanns Arbeiten der kulturwissenschaftlichen Forschung neue Grundlagen eröffnet ...

Jurymitglieder
Juryvorsitz: Präsident Heinrich Detering
Vizepräsidenten Aris Fioretos, Wolfgang Klein, Gustav Seibt, Beisitzer László Földényi, Michael Hagner, Felicitas Hoppe, Per Øhrgaard, Ilma Rakusa, Nike Wagner

Saxa loquuntur

Sehr verehrter Herr Präsident, lieber Antonio Loprieno, verehrte Mitglieder der Akademie, meine Damen und Herren,

dreifache Dankbarkeit erfüllt mich gegenüber der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung: erstens dafür, dass sie einen Preis für etwas so Ungewöhnliches wie »wissenschaftliche Prosa« vergibt, zweitens, natürlich, dass sie mir in diesem Jahr diesen Preis zuerkannt hat, und drittens, dass sie ihm den Namen Sigmund-Freud-Preis gegeben hat. Ich wüsste in der Tat keinen Wissenschaftler, den ich mehr für seine Sprache, seinen Stil, kurz: seine Prosa bewunderte als Sigmund Freud. Daher möchte ich mit einer meiner Lieblingsstellen aus seinem Werk beginnen. Es ist der früheste und ausführlichste Beleg für die von ihm so gern betonte Analogie von Archäologie und Psychoanalyse und steht in dem Essay Zur Ätiologie der Hysterie aus dem Jahre 1896:
»Nehmen Sie an, ein reisender Forscher käme in eine wenig bekannte Gegend, in welcher ein Trümmerfeld mit Mauerresten, Bruchstücken von Säulen, von Tafeln mit verwischten und unlesbaren Schriftzeichen sein Interesse erweckte. Er kann sich damit begnügen zu beschauen, was frei zutage liegt, dann die in der Nähe hausenden, etwa halbbarbarischen Einwohner ausfragen, was ihnen die Tradition über die Geschichte und Bedeutung jener monumentalen Reste kundgegeben hat, ihre Auskünfte aufzeichnen und – weiterreisen. Er kann aber auch anders vorgehen; er kann Hacken, Schaufeln und Spaten mitgebracht haben, die Anwohner für die Arbeit mit diesen Werkzeugen bestimmen, mit ihnen das Trümmerfeld in Angriff nehmen, den Schutt wegschaffen und von den sichtbaren Resten aus das Vergrabene aufdecken. Lohnt der Erfolg seine Arbeit, so erläutern die Funde sich selbst; die Mauerreste gehören zur Umwallung eines Palastes oder Schatzhauses, aus den Säulentrümmern ergänzt sich ein Tempel, die zahlreich gefundenen, im glücklichen Falle bilinguen Inschriften enthüllen ein Alphabet und eine Sprache, und deren Entzifferung und Übersetzung ergibt ungeahnte Aufschlüsse über die Ereignisse der Vorzeit, zu deren Gedächtnis jene Monumente erbaut worden sind. Saxa loquuntur!« (GW 1, 426f.)
Saxa loquuntur: Diese Erfahrung habe ich gemacht, als ich vor gut fünfzig Jahren zum ersten Mal nach Ägypten kam und einige Monate in der thebanischen Gräberwelt verbrachte. Ich musste da keine Hacken, Schaufeln und Spaten mitbringen, um in die Unterwelt der Vergangenheit vorzudringen, sondern nur einen großen Schlüsselbund, den ich mir morgens im maktab, dem Büro des Inspektors, abholte. Damals funktionierte das in dieser heute völlig undenkbaren Form. Anstatt die Genehmigung für die Besichtigung eines Grabes viele Monate vorher in dreizehnfacher Ausfertigung zu beantragen, holte man sich einfach ein ganzes Schlüsselbund ab und rief den Wächter, damit er einem die Eisentüren der gewünschten Gräber aufschließt. Ich hatte mich in meiner Doktorarbeit auf Hymnen spezialisiert und wusste also genau, was ich suchte. Meine Suche wurde über alle Erwartungen belohnt. Ich entdeckte eine ungeahnte Fülle vor allem an den Sonnengott gerichteter Hymnen, und in diesen Texten eine atemberaubende Entwicklung der ägyptischen Gottesidee in den vier Jahrhunderten zwischen 1500 und 1100 v. Chr. Wenn ich sage »atemberaubend«, dann bezieht sich das auf meine persönliche Einschätzung. Vor mir hatte sich niemand für diese Texte interessiert, niemandem waren sie als etwas Besonderes, geschweige denn Atemberaubendes aufgefallen. Für mich dagegen war diese Entdeckung lebensbestimmend; noch heute bewege ich mich auf den Wegen, die sich mir da vor fünfzig Jahren auftaten. Irgendwie schienen diese Inschriften auf mich gewartet zu haben, jedenfalls lösten sie in mir eine überwältigende Resonanz aus. Anders als der Freudsche Archäologe musste ich die Schrift und Sprache nicht entziffern, um die Steine zum Reden zu bringen. Diese Arbeit war längst geleistet. Die Inschriften mussten nicht entziffert, sondern es musste nur etwas mit ihnen angefangen werden.
Lassen Sie mich kurz andeuten, worum es da geht. Den Ausgangspunkt dieser Entwicklung bildet die Idee, dass Alles, die Welt, die Erde, die Götter und Menschen, aus Einem Ursprung, Einem Gott, der Sonne, entstanden ist. Creatio, nicht ex nihilo, sondern ex deo. Das Bewusstsein dieses Ursprungs verlieh dem ägyptischen Polytheismus von allem Anfang an eine starke Einheitsperspektive.
Um 1500 v. Chr. nun beginnt diese Einheitsperspektive immer dominierender hervorzutreten, bis um 1350 v. Chr. der Ketzerkönig Echnaton die Götterwelt im Handstreich abschaffte und nur noch die Sonne als Gott anerkannte.
Im Gegenzug entwickeln die thebanischen Priester nach Echnatons Tod eine Theologie, für die der Eine nicht nur als Ursprung am Anfang steht, sondern auch gegenwärtig, zeitlos als verborgener Gott über, hinter und in Allem steht, eine Art Pantheismus also. Was da in mir anklang – Stichwort »Resonanz« –, war Lessings Devise »Hen kai pan«; ich glaubte, und glaube das immer noch, sie in der ägyptischen Formel vom »Einen, der sich zu Millionen macht« wiederzufinden.
Saxa loquuntur: Das war es, was die Steine zu mir sagten und womit ich, schweißüberströmt und elektrisiert, in der Septemberhitze der ägyptischen Grabkammern beim Schein einer Petroleumfunzel meine Notizbücher füllte. Das Wunderbare, Einzigartige dieser Texte war ja, dass sie nicht abgehoben wie die biblischen Psalmen in einem Buch standen, sondern in einem Kontext, der sie exakt in Zeit, Raum und Gesellschaft verankerte. Hier konnte man Früheres von Späterem, Priestertexte von Laientexten und Thebanisches von Memphitischem und Heliopolitanischem unterscheiden und endlich einmal Sinn und Entwicklung in das zeitlose Sammelsurium bringen, als das sich uns bis dahin die ägyptische Religion weitgehend darstellte.
Saxa loquuntur: Das ist auch der beste Trost für die Tränen des Asclepius. »Quid fles, o Asclepi« – »Was weinst du, Asclepius?« – fragt der Lehrer Hermes Trismegistus in dem in lateinischer und koptischer Sprache überlieferten Lehrgespräch teleios logos aus dem Corpus Hermeticum. Asclepius weint, weil Hermes geweissagt hatte: »Dieses Land, einst der Sitz der Religion, wird nun der göttlichen Gegenwart beraubt sein. Fremde werden dieses Land bevölkern, und die alten Kulte werden nicht nur vernachlässigt, sondern geradezu verboten werden. Von der ägyptischen Religion werden nur Fabeln übrig bleiben und beschriftete Steine.« Beschriftete Steine, so ist es. Aber diese Steine reden. Doch auch die Tränen des Asclepius kann jeder Ägyptologe nachempfinden. Wie oft lassen uns die beschrifteten Steine im Stich, sind die Inschriften allzu lückenhaft, brechen die Texte ab, gerade wo es interessant zu werden verspricht. Geben die Reste genug her, um eine geistige Entwicklung zu rekonstruieren? Das bleibt immer ein riskantes Geschäft.
Nun hatte ich das große Glück, mit meiner Theorie der Einheitsperspektive und des verborgenen Einen nicht allein zu bleiben, sondern auf einen hochqualifizierten Widerspruch zu stoßen, und zwar bei Erik Hornung, dem besten Kenner der ägyptischen Religion, der von ihrem unhintergehbaren Polytheismus überzeugt war und die Idee eines, wie er sich ausdrückte, »Supergotts hinter den Göttern« strikt ablehnte. So eine Kontroverse kann ungemein fruchtbar sein, zumal wenn sie wie in unserem Fall unter engen Freunden im Geist gegenseitiger Anerkennung stattfindet. Sie fordert einen zu immer größerer Klarheit heraus und fördert dadurch auch den Stil, also die wissenschaftliche Prosa.
Wissenschaftliche Prosa wie Sigmund Freud zu schreiben war allerdings nie mein Ziel, so sehr ich seinen Stil bewundere. Freuds Sprache ist vom Bewusstsein und Pathos einer großen, bahnbrechenden Entdeckung getragen, die ihn zu einem der Väter der Moderne machte. In dieser Liga muss man spielen, um so zu schreiben. Freuds Stil ist hochreflexiv, in jedem Satz ist der Autor präsent; man könnte seine Schriften als Bruchstücke einer großen Selbstanalyse bezeichnen. Das gibt ihnen ihre literarische Qualität, macht aber auch seinen Stil vollkommen unnachahmlich, denn er lässt sich von Inhalt und Autor nicht ablösen. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass sich jemals jemand an einer Freud-Parodie versucht hätte. Unparodierbarkeit: Das ist vielleicht das treffendste Kennzeichen eines nur der Sache verpflichteten Stils.
Meine Sache aber war und ist eine völlig andere. In Fragen des Stils halte ich es mit der Duchess in Alice in Wonderland, die das Sprichwort »take care of the pence and the pounds will take care of themselves« – auf Deutsch: »Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers nicht wert« – umwandelt in den Ratschlag: »take care of the sense and the sounds will take care of themselves«. »Take care of the sense«: Kümmere dich um den Sinn und versuche ihn mit größtmöglicher Deutlichkeit darzustellen. Der Stil kommt dann von selbst.
Was dies betrifft, hatte und habe ich noch ein ganz anderes Glück als das mit dem kritischen Freunde, denn ich habe nicht nur ein Vorbild, sondern genieße das unglaubliche Vorrecht, mit ihm seit nun fast fünfzig Jahren in engster Arbeitsgemeinschaft zu leben. Drei von den vielen Dingen, die ich mir soweit ich es vermag abzuschauen versuche, will ich hier verraten:
erstens die Kunst, ein Thema so in Punkte und Unterpunkte zu gliedern, dass es nach allen Richtungen ausgeleuchtet wird,
zweitens die Kunst des Zitierens, das heißt, den eigenen Text durch Zitate in einen Diskurshorizont zu stellen, die darin eine ganz neue Leuchtkraft entfalten, und
drittens die Kunst der Unterscheidung, das heißt, keinen Begriff zu verwenden, ohne ihn nach seinem möglichen Gegenteil zu befragen und daran zu schleifen. Ich möchte das nur an einem einzigen Beispiel kurz andeuten: Sie kennen die leidige Schlussstrich-Debatte. Soll man die schreckliche Vergangenheit nicht endlich ruhen lassen, beschweigen, vergessen um der Zukunft willen, anstatt sie immer neu als ›Moralkeule‹ zu beschwören?
Die Frage lässt sich mit einem Schlag klären, wenn man nach dem Gegenbegriff zu »Schlussstrich« fragt. Aleida Assmann (um niemand anderen handelt es sich natürlich) führt hier den Begriff »Trennungsstrich« ein und sagt: Wo es um Täter und Opfer geht, kann kein pragmatischer Schlussstrich gezogen werden, aber dafür ein moralischer Trennungsstrich, durch den sich die Täter von der Vergangenheit distanzieren, um sich mit ihr auseinanderzusetzen und sich mit den Opfern in gemeinsamer Erinnerung zu treffen. Ich lasse das hier als Hieroglyphe stehen und als Einladung, Aleida Assmanns Bücher, besonders die letzten, zu lesen.
Nach nun bald fünfzig Jahren gemeinsamen Redens, Schreibens und einander Lesens, »seit ein Gespräch wir sind«, mit Hölderlin zu reden, kann es nicht ausbleiben, dass da vieles auf mich übergegangen ist, ohne dass mir das immer völlig klar war. So ist auch meine »wissenschaftliche Prosa« von dieser Lebens- und Arbeitsgemeinschaft so durch und durch geprägt, dass ich sie mir kaum als »meine« zurechnen kann. So möchte ich diesen Preis Aleida Assmann widmen, als Ausdruck meines Danks und meiner Bewunderung.