Sigmund-Freud-Preis

Der Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa wird seit 1964 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen. Ausgezeichnet werden Wissenschaftler, die in deutscher Sprache publizieren und durch einen herausragenden Sprachstil entscheidend zur Entwicklung des Sprachgebrauchs in ihrem Fachgebiet beitragen. Der Preis wird von der ENTEGA Stiftung finanziert und jährlich während der Herbsttagung der Deutschen Akademie in Darmstadt vergeben. Seit 2013 beträgt die Dotation 20.000 Euro.

Iris Därmann

Kulturwissenschaftlerin
Geboren 17.3.1963

Ihr theoretischer Anspruch geht stets mit einer Klarheit des Ausdrucks und einer Differenziertheit des Arguments einher, die Iris Därmanns Bücher zu einem so anschaulichen wie lehrreichen Beispiel aufgeklärter Wissenschaftsprosa machen.

Jurymitglieder
Ernst Osterkamp, Ursula Bredel, Michael Hagner, Monika Rinck, Lukas Bärfuss, Elisabeth Edl, Maja Haderlap, Ilma Rakusa, Marisa Siguan und Stefan Weidner

Laudatio von Heike Behrend

Ich möchte mit einer kleinen Warnung beginnen. Ich bin keine Philosophin, habe die Königsdisziplin Philosophie nicht mal als Nebenfach studiert, sondern mich der Ethnologie zugewandt, einer Wissenschaft, die noch in den 1960er Jahren eher verachtet und den sogenannten „Orchideenfächern“ zugerechnet wurde. Um 1900, als sie sich an den Universitäten Europas etablieren konnte, beschäftigte sie sich mit einem „Rest“, den Kulturen, die nicht den Rang von „Hochkulturen“ − versehen mit Staat, Schrift und Geschichte - erlangt hatten. Was Indologie, Sinologie, Ägyptologie etc. übrigließen, wurde ihr Gegenstand. Aber gerade ihre Randständigkeit erwies sich als Stärke, als Möglichkeit, fremde Fremderfahrung ins Spiel zu bringen und vermeintlich Selbstverständliches in Frage zu stellen.
Ich wüsste keine Person, die als Philosophin das „Projekt“ der Ethnologie so ernst genommen und es so überzeugend – gerade in den heutigen Zeiten – verteidigt hätte wie ID.
Deshalb danke ich ganz besonders für die Gelegenheit, die mir hier gegeben wird, Dir, liebe Iris, dafür zu danken, dass Du in Deinem Denken und Arbeiten Europa immer wieder verlassen, Dich in ferne Regionen begeben hast und aus verschiedenen Perspektiven die Frage nach dem Schock des Fremdkulturellen gestellt hast, nach seinem Rückstoß, dem „choc en retour“ (Segalen), der das Eigene erzittern und beben lässt.

Aus Deinen umfangreichen, vielfältigen Forschungen und Publikationen möchte ich zwei Themenbereiche herausgreifen, die Dich besonders umgetrieben haben und auf die Du immer wieder zurückgekommen bist: zum einen die Instrumente, Apparaturen und Institutionen von Macht und Gewalt und die Widerstände dagegen. Und zum anderen: gegen die unbescheidene, übersteigerte Handlungsmacht des westlichen Subjekts das Thema des Pathos oder des Pathischen, des Erleidens der Handlungen anderer.
Der erste Text, den ich von Dir, liebe Iris, las und der mich sehr beeindruckt hat, war ein Aufsatz über die Guillotine und das Medium Fotografie. Die Guillotine, benannt nach einem französischen Arzt, war, wie Sie alle wissen, eine Apparatur zur Rationalisierung von Hinrichtungen. Waren vorher Adelige und Reiche mit dem Schwert hingerichtet, Ketzer auf dem Scheiterhaufen verbrannt, Staatsverbrecher gevierteilt, Diebe gehängt und Falschmünzer bei lebendigem Leib in einem Kessel gekocht worden, so fand mit Hilfe der Guillotine eine Demokratisierung der Hinrichtung statt. Dr. Guillotins verbesserte Ökonomie der Einsparung ließ die Köpfe der Verurteilten nicht nur effektiver, gleicher und schneller rollen, sondern auch „menschlicher“, d.h. ohne Marter und Schmerz. Das Fallbeil stürzte so schnell herab, dass der Augenblick des Todes nicht mehr zu sehen war.
Wie ID zeigt, waren es zuerst Kupferstecher und etwas später Fotografen, die das der Sichtbarkeit entzogene in kurzer Zeit in Form sogenannter Guillotine-Portraits wieder sichtbar machten und dabei jenen Gesichtsausdruck der Toten bewahrten und übertrugen, den allein die Guillotine erzeugen konnte.

Doch es war nicht nur das Fallbeil der Guillotine, das sich fast identisch in der Vorrichtung der Klappe in der Kamera wiederfand und eine Verbindung zwischen beiden Apparaturen herstellte, sondern die Guillotine erwies sich, so ID, auch als Portrait-Maschine und damit als ein Vorläufer der Portrait-Fotografie. Beide Maschinen stellten einen Zusammenhang von einerseits Zerstörung und Tötung und andererseits Erhaltung her. Bereits Oliver Wendell Holmes hatte die Fotografie mit der Zerstörung des fotografierten Objektes gekoppelt: "Man gebe uns ein paar Negative eines sehenswerten Gegenstandes, aus verschiedenen Perspektiven aufgenommen - mehr brauchen wir nicht. Man reiße dann das Objekt ab oder zünde es an, wenn man will." ID schlussfolgerte, ich zitiere: „Das Sein der Dinge ist ihre Speicherbarkeit, die ihre Zerstörung erlaubt.“

In „Undienlichkeit“ − was für ein schöner, vortrefflicher Titel! - von 2020 nimmt ID das Thema von Macht und Gewalt mit der ihr eigenen sprachlichen Prägnanz und Eleganz wieder auf, dieses Mal zentriert auf koloniale und staatliche Gewalt, Sadismus und Grausamkeit. Zugleich entwickelt sie einen Begriff von Widerstand, der sich nicht nur auf die aktiven Formen beschränkt, sondern auch passive mit einschließt. Damit erweitert sie das Arsenal von Widerständen um Formen des Undienlichmachens wie Flucht, Selbstverletzung oder sogar Suizid, die außerhalb Europas im Rahmen des transatlantischen Sklavenhandels stattfanden. Die Machtlosen und Ausgelieferten, Sklavinnen und Sklaven auf der Überfahrt im transatlantischen Sklavenhandel oder auf den Plantagen in der Karibik und den Südstaaten Amerikas praktizierten das Undienlichmachen als Ausweg in größter Not. ID zitiert Montaigne: „Wer sterben gelernt hat, hat das Dienen verlernt.“
In diesem ungeheuerlichen, monumentalen Buch verbindet ID die Darstellung passivischen Widerstands mit einer Kritik der Politischen Philosophie. Sie erkennt die westliche Philosophie als Legitimitätsbeschafferin der transatlantischen Versklavung und der Vernichtung europäischer Juden. Aristoteles war Ratgeber für Sklavenhalter, Locke und Hobbes waren Kolonialisten. Und sie kritisiert Hannah Arendt, die die Flucht als politische Kategorie des Widerstands nicht habe denken können und den Widerstand der Juden nicht adäquat wiedergegeben habe.

Sie zeigt, dass der Marquis de Sade das Arsenal seiner Instrumente, Praktiken, Sprechakte und Beziehungsgefüge dem Milieu der Sklavenhaltung entnommen hat; er bediente sich des Katalogs von Strafen und Foltern für rebellische Sklaven und übertrug sie auf seine sexuellen Arrangements. Doch ID wäre nicht ID, wenn sie es bei dieser ungeheuerlichen Entdeckung belassen hätte. Sie zeigt, dass der Libertin de Sade auch ein bizarrer Abolitionist war, der vier Jahre nach Beginn der Haitianischen Revolution den Besitz von Sklaven anprangerte. Er ersetzte die Aufhebung der Sklaverei durch das natürliche wie positive Recht auf eine punktuelle Versklavung aller durch alle, die die sexuelle Lust an der Grausamkeit von der Fortpflanzung trennten. Seine Aufhebung der Sklaverei hatte, so ID, ein pornografisches Ziel, das etwas aufbewahrt, was sie zugleich zu vernichten und als Triebfeder offenzulegen sucht – den despotischen Sadismus in einem sexuellen, jedoch radikal undienlichen Sinn. Damit habe de Sade eine entscheidende, aber verschwiegene Triebkraft der europäischen Institution der Sklaverei bloßgelegt.
Ich komme nochmals auf das Thema des Pathos zurück, das ich bereits am Beispiel der passivischen Widerstandsformen von Sklaven angesprochen habe. Tatsächlich hat ID sich wie kaum eine andere mit Widerfahrnissen, Flucht und Widerständen befasst und dabei Nuancen des Pathischen herausgearbeitet, die bisher nicht bedacht worden sind. Gegen die Austreibung des Pathischen aus der europäischen Philosophie hat sie ausgehend von den Arbeiten der Ethnologen Marcel Mauss, Godfrey Lienhardt und Fritz Kramer über Geistbesessenheit das Erleiden, den inversen Aspekt des Handelns, wieder ins Zentrum gerückt. Sie hatte den Mut als Philosophin, sich nicht nur mit dem EINEN, großen philosophischen GEIST, sondern mit Geistern im Plural aus allen möglichen Teilen der Welt zu beschäftigen.

Geister haben nicht nur in der Ethnologie für eine bewegte, nicht abgeschlossene Geschichte gesorgt. Als seltsame Zwischenwesen, Quasi-Objekte, Unpersonen und als Anwesende ohne Anwesenheit sorgen Geister für die Präsenz radikaler Alterität; sie brechen ins alltägliche Leben ein, bringen Tote zurück und lassen Fremde aus fernen Ländern erscheinen; sie sind mächtig, heilen, schaden und töten, lassen aber meist mit sich reden, wenn sie in einem Kult verehrt und anständig versorgt werden. Sie verwandeln sich, „Ofenröhre wird Katze“ (W. Benjamin), und spotten sowohl der Semantik als auch der Ontologie. Geister haben Ethnologen und Philosophen immer wieder herausgefordert und sie gezwungen, ihre Kategorien und Theorien zu überdenken. Der letzte, der davon ein Zeugnis ablegte, war der amerikanische Ethnologe Marshall Sahlins, der in seinem posthum gerade erschienenen Buch „The New Science of the Enchanted Universe. An Anthropology of Most of Humanity“ fordert, endlich Geister nach ihren eigenen immanenten Voraussetzungen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, die Rettung indigener Kosmologien voranzutreiben und beides mit einer Kritik an der Wissenschaft zu verbinden.

Aber lange vor Sahlins hat ID die Herausforderung von Geistern angenommen. Gegen die europäische Erfindung des Menschen als tätiges, handelndes und selbstbestimmtes Wesen erkannte sie die Handlungsmacht von Geistern in fremden Kosmologien an und interpretierte in „Fremde Monde der Vernunft“, ihrer Habilitationsschrift von 2005, „Die Gabe“ von Marcel Mauss als Theorie der Besessenheit. Sie schreibt: „Der pathische Zwang zu geben, zu nehmen und zu erwidern rührt von der Besessenheit durch eine fremde Person und der mit ihr vermischten Sache her“. Gaben sind beseelte und belebte Dinge, die die Kontrahenten „binden“; der Geber folgt der Bitte der Dinge; die Gabe wird Subjekt; als affektives Widerfahrnis ergreift sie Besitz von der Person, die sie erwidern muss. ID beschreibt die wechselseitigen Transformationen im Sinn einer Materialisierung geistiger Wesenheiten und der Spiritualisierung materieller Objekte. Sie verteidigt Mauss gegen Bataille, Lévi-Strauss und Derrida und treibt auf beispielhafte Weise die Indigenisierung westlicher Epistemologien voran. Sie stellt Mauss‘ Text über die Gabe zu Recht in die Tradition einer inversen Ethnologie, da er die europäische Moral und Ökonomie in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen aus der Perspektive des Pazifischen Tausches und der indigenen Theorie des „hau“ in Frage stellt.
Ich möchte betonen, dass es ihr dabei um mehr geht als die westliche Fähigkeit zur Selbstkritik, die die epistemische Selbstmächtigkeit der europäischen Kultur nochmals hervorzuheben sucht (10). Stattdessen fordert sie die Anerkennung eines fremden Wahrheitsanspruchs, und ich wiederhole, eine Indigenisierung westlicher Epistemologien.
Sie beendet das wunderbare Kapitel über Marcel Mauss mit der Wiederholung seiner Forderung:
„gib!“ 173

Dem möchte ich, wenn Sie erlauben, mit einer kleinen Gabe, die über die Laudatio hinausgeht, nachkommen. Die kleine Gabe nimmt direkt Bezug auf Fluchtlinien des Politischen, verzweifelte Akte der Passivisierung und auf eine Widerständigkeit, die Flucht auch als Aufbruch und Selbstbefreiung versteht.
Meine Gabe an Dich, liebe Iris, ist ein Fundstück, das ich in diesem Jahr auf einem Flohmarkt in Berlin entdeckte: Eine kleine, etwa handgroße Maske, aus Ton gebrannt, leicht zu transportieren und von daher geeignet für Reise, Mobilität und Flucht. Wie der Verkäufer aus Kamerun mir versicherte, entstamme sie einer uralten Tradition. Ihr Name sei masque passport; sie helfe, gefährliche Situationen wie polizeiliche Kontrollen und vor allem Grenzübergänge (auf dem Weg nach Europa) zu überstehen. Die Löcher am Rand, so erklärte er mir, erlaubten Geistern, die Maske mit „Energie und Power“ aufzuladen, um sich so vor (staatlicher) Gewalt zu schützen. Die Maske, ein kleiner Gott der Flucht.
Ich habe nicht gewagt, den Mann aus Kamerun nach seinem Namen zu fragen, denn wahrscheinlich hält er sich ohne Pass oder Aufenthaltsgenehmigung in Berlin auf. Aber er gleicht diesen Mangel aus und verkauft masques passports, eine riskante migrantische „Erfindung von Tradition“, die das Gesicht versteckt, die Algorithmen der Gesichtserkennung austrickst und der Gewalt des Staates mit einem anderen, eigenen Reisepass und einer apotropäischen Geste begegnet.
Während „normale“ Masken das Gesicht bis auf die Augen verbergen, ist die masque passport blind; ihre Augen sind geschlossen, ebenso der Mund. Vielleicht ermöglichen jedoch gerade ihre geschlossenen Augen ein anderes Sehen, ein Sehen ohne Augen, das den Machtbereich der Schutzlosen erweitert.

Diesem Bereich, liebe Iris, hast zu Dich in einzigartiger Weise verschrieben. Für Dein vielschichtiges, reiches, hervorragendes Werk, das die Grenzen Europas auf vielen Ebenen zu erweitern und das Ausgegrenzte zurückzuholen sucht, möchte ich Dir danken und Dir zur Auszeichnung mit dem Sigmund Freud Preis von Herzen gratulieren.