Sigmund-Freud-Preis

Der Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa wird seit 1964 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen. Ausgezeichnet werden Wissenschaftler, die in deutscher Sprache publizieren und durch einen herausragenden Sprachstil entscheidend zur Entwicklung des Sprachgebrauchs in ihrem Fachgebiet beitragen. Der Preis wird von der ENTEGA Stiftung gefördert und jährlich während der Herbsttagung der Deutschen Akademie in Darmstadt vergeben. Seit 2013 beträgt die Dotation 20.000 Euro.

Preisträger

Günther Anders

Philosoph und Schriftsteller
Geboren 12.7.1902
Gestorben 17.12.1992

Sigmund-Freud-Preis 1992
Laudatio von Ludger Lütkehaus
Dankrede von Günther Anders
Urkundentext

... für seine philosophische Kulturkritik der Gegenwart, in der er ebenso leidenschaftlich wie präzise die Stellung des Menschen in unserer von der Technik bestimmten Welt bedenkt.

Jurymitglieder
Juryvorsitz: Präsident Herbert Heckmann
Vizepräsidenten Günter de Bruyn, Hartmut von Hentig, Ivan Nagel, Beisitzer Walter Helmut Fritz, Oskar Pastior, Lea Ritter-Santini, Peter Wapnewski, Hans Wollschläger

Stellvertretende Dankrede für Günther Anders

Sehr verehrte Damen und Herren,
Günther Anders hat seit mehr als 10 Jahren Wien nicht mehr verlassen. Seit anderthalb Jahren lebt er in einem Pflegeheim; nach einem Schenkelhalsbruch kann er sich kaum mehr bewegen. Sein Radius reicht über wenige wackelige Schritte vom Bett zum Tisch oder zum Waschbecken nicht hinaus. Günther Anders kann auch nicht mehr schreiben. Schwere Arthrosen, Schmerzen und Schwäche machen es unmöglich. Als ich ihn im Juli zu seinem 90. Geburtstag in Wien besuchte, fand ich ihn trotzdem – ich möchte sagen – heiter, ja lustig und sprühend vor. Kopf und Geist waren unversehrt, von gewohnter Brillanz. Aber es gibt auch andere Tage – und sie werden zahlreicher – voller Niedergeschlagenheit, an denen er sich nichts als das Ende herbeiwünscht.
Sie werden es Günther Anders nachsehen, daß er mir keine Dankesrede mitgegeben hat, die ich Ihnen vorlesen könnte. Was ich Ihnen auszurichten habe, ist ganz kurz: Günther Anders dankt von Herzen für die heutige Auszeichnung. Er freut sich darüber aufrichtig, was – von Günther Anders geäußert – nun wirklich viel heißt. Denn er lehnte in seinem Leben nicht nur zwei Professuren ab, er war auch ein Meister im Ausschlagen von Preisen und Auszeichnungen. Sie kennen vielleicht seinen in den »Philosophischen Stenogrammen« notierten Satz: »Laß dich nur von denen ehren, die du selbst ehrst.« Hieran hat er sich Zeit seines Lebens konsequent gehalten. Aber auch, wenn er Ehrungen angenommen hat, geschah es nicht ohne Zwiespalt. Wie jeder Autor und Denker wünscht sich Günther Anders natürlich die Auseinandersetzung mit seinen Büchern und mit seinem Denken. Aber zuviel Zustimmung ist ihm suspekt; ins Lager der Konformisten, der »Mehrheitsfähigen« möchte er keinesfalls eingereiht werden. Der Ketzer, eine Figur, mit der er sich identifiziert, ist der Wahrheit näher als die Orthodoxie. Und dem Ketzer, dem Vertreter von Kampfthesen, widerfährt – so sagt Günther Anders – ebenfalls eine spezifische Ehre, nämlich indem man ihn attackiert. Die Ehre der Zustimmung ohne die Ehre des Widerspruchs wäre für Günther Anders unbefriedigend; er braucht beide.
Erlauben Sie mir – nach dieser kleinen Explikation dessen, was »Ehre« für Günther Anders bedeutet –, daß ich bekräftige, was ich schon gesagt habe: Die Verleihung des Sigmund-Freud-Preises ist für Günther Anders eine große Freude inmitten eher düsterer Tage – er hat es mir gestern am Telephon nochmals bestätigt. Er dankt der Akademie, und er dankt dem Laudator Ludger Lütkehaus.
Und abschließend danke auch ich: nämlich Günther Anders für eine langjährige, freundschaftliche, vertrauensvolle Autor-Verleger-Beziehung und für die ehrenvolle Rolle, daß ich ihn heute hier vertreten durfte.