Sigmund-Freud-Preis

Der Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa wird seit 1964 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen. Ausgezeichnet werden Wissenschaftler, die in deutscher Sprache publizieren und durch einen herausragenden Sprachstil entscheidend zur Entwicklung des Sprachgebrauchs in ihrem Fachgebiet beitragen. Der Preis wird von der ENTEGA Stiftung gefördert und jährlich während der Herbsttagung der Deutschen Akademie in Darmstadt vergeben. Seit 2013 beträgt die Dotation 20.000 Euro.

Preisträger

Carl Friedrich von Weizsäcker

Carl Friedrich von WeizsäckerCarl Friedrich von Weizsäcker

Philosoph und Physiker
Geboren 28.6.1912
Gestorben 28.4.2007
Mitglied von 1950 bis 1954

Sigmund-Freud-Preis 1988
Laudatio von Constanze Eisenbart
Dankrede von Carl Friedrich von Weizsäcker
Urkundentext

Ihm ist es gelungen, in seinem Werk selbst schwierigste Sachverhalte in einer anmutigen und gleichwohl präzisen Sprache darzustellen...

Jurymitglieder
Juryvorsitz: Präsident Herbert Heckmann
Vizepräsidenten Walter Helmut Fritz, Hans-Martin Gauger, Hartmut von Hentig, Beisitzer Georg Hensel, Michael Krüger, Lea Ritter-Santini, Guntram Vesper, Peter Wapnewski, Hans Wollschläger, Ehrenpräsident Dolf Sternberger

Sagen, was die Formeln meinen

Dank soll ich sagen und möchte ich sagen – und zwar an drei Adressen: zuerst an die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung für die Verleihung dieses Preises, die mich, das muß ich gestehen, wirklich ein wenig stolz macht. Ich habe mich über diesen Preis nun wirklich gefreut. Was ist denn wissenschaftliche Prosa bei einem theoretischen Physiker? Wir theoretischen Physiker schreiben in unsere Texte viele Formeln. Sie sind die Stenographie dessen, was wir meinen, erkannt zu haben. Sie sind der Vers, den wir uns auf die Strukturen der Wirklichkeit machen. Wissenschaft, könnte man sagen, ist Tanz gemäß der Tanzschule der Logik. Logik ist die Mathematik des Wahren und Falschen. Mathematik ist eine Kunst, d. h. eine Wahrnehmung von Gestalt durch Schaffung von Gestalt. Stenographie dieser Gestalt sind die Formeln. Ja, und dann gibt es da auch noch Worte in den Abhandlungen: das ist die Prosa. In ihnen versucht man zu sagen, was die Formeln meinen, und für Prosa gibt es einen Preis.
Nun der zweite Dank, an die Laudatorin Constanze Eisenbart. Als die Akademie mich fragte, von wem ich gelobt sein wolle, sagte ich: von Constanze Eisenbart. Warum? Gut, sie kannte mich, weil sie zweieinhalb Jahrzehnte lang meines Freundes Georg Picht nächste Mitarbeiterin war. Sie kannte mich recht gut. Aber das ist nicht der Grund. Der Grund ist folgender: nach meinem Deutschlehrer, 1927-29, jetzt also vor 60 Jahren, im Bismarck-Gymnasium in Berlin, Dr. Löwer, wir nannten ihn den alten Leu, nach diesem war sie, ich glaube, der einzige Mensch, der meinen Schreibstil nicht nur wahrgenommen, sondern verschiedentlich produktiv kritisiert hat. Aus ihrer Reaktion, bilde ich mir ein, habe ich besser schreiben gelernt. Nun, nicht nur dafür Dank, sondern für den Inhalt der Laudatio. Ich habe sie, ehe sie heute gehalten wurde, aber nur einen Tag vorher, in die Hand bekommen. Es ist erstaunlich, sich in einer Analyse dessen gespiegelt zu sehen, was man spontan, ja, was man fast unbewußt gesagt hat. Bin ich das? Bin ich so? Ja, ich erkenne mich darin wieder, und selbst, wo ich eine Nuance anders setzen würde, habe ich recht damit? Ich möchte das an einem Wort erläutern, einem Beispiel. Eigentlich möchte ich die Aufklärung nicht etwa nicht zu früh verraten. Ich möchte die Aufklärung überhaupt nicht verraten. Picht sagte gelegentlich, die Aufklärung sei noch nicht über sich selbst aufgeklärt, z. B. über ihr eigenes Machtstreben, und damit hatte er sicher vollkommen recht. Also ist sie noch nicht volle Aufklärung. Mein Herz hängt an der vollen Aufklärung. Das ist vielleicht ein Traum, aber vielleicht ist es ein Traum vor dem Erwachen. Ein Traum vom Tageslicht. Da wäre noch einiges zu sagen – Physik. Neulich saß ich in einem Gesprächskreis, und da wurde eine Vortragende, eine Philosophin gefragt, warum das, was sie hier fordert, nicht lieber als Kunst verwirklicht werden sollte, und dann sagte sie: »Aber ich liebe die Philosophie, also wollen wir es doch als Philosophie versuchen.« Und dann kam ich an die Reihe und habe gesagt: »Ich liebe die Physik.« Also da gibt es Elementares, und dieses Elementare verleugne ich nicht, es ist auch in der Laudatio zur Sprache gekommen, und die Gewichtsverteilungen sind manchmal ein kleines bißchen anders, als sie sich mir gezeigt haben, aber genau diese Spiegelungen sind ja, was menschlichen Kontakt, was menschliche Verbindungen und übereinander Reden ausdrückt.
Nun der dritte Dank, und damit werde ich schon am Ende sein. Der dritte Dank geht an Sigmund Freud. Ich habe seine wissenschaftliche Prosa seit jungen Jahren mit Bewunderung gelesen. Es gibt eine nur halbernste, nur halbrespektvolle Deutung dieser Prosa, die ich hier nicht erzähle. Jetzt die ernste Deutung. Freuds Theorien, gestehe ich, habe ich oft nicht geglaubt. Er ist ein Mythenbildner, einer der großen Mythenbildner der vergangenen hundert Jahre. Seine Krankengeschichten aber sind erleuchtend erzählt. Was heißt das? Warum die Freude an den Geschichten? Wissenschaft ist schwer. Sie geht bis an die Grenze dessen, was Menschen leisten können. Nicht nur die Physik, auch seine Medizin. Erst recht die wissenschaftliche Psychologie. Philosophie ist gerade um ein weniges zu schwer für uns, so würde ich sagen. Sie ist nämlich der Versuch, zu sagen, was wir tun, was wir erkennen, und das übersteigt gerade ein wenig das, was wir wirklich vermögen. Wo aber die verbindliche Aussage darüber uns nicht mehr möglich ist, können wir noch eine Geschichte erzählen. Das wußte Platon, das tat auch Freud.
Warum kommt in meinen Schriften zur Politik zwischen den Analysen das Wort Verzweiflung vor, was auch vorhin gesagt wurde? Wir verdanken Freud den Begriff der Verdrängung. Die große Verdrängung wird nicht aufgelöst ohne einen Schritt durch die Verzweiflung. Wer vor der Verzweiflung zurückschreckt, der ist nicht fähig, das Notwendige zu sehen.
Das gilt nicht nur in der persönlichen Heilung einer Neurose, das gilt in der möglichen, aber bisher nicht geschehenen Lösung unserer politischen Probleme. Wer vor der Verzweiflung zurückschreckt, ist nicht fähig, das Notwendige zu sehen. Wer in der Verzweiflung verharrt, der bleibt unfähig, das Notwendige zu tun. Was mein Bewußtsein nicht zugeben wollte, muß ich bereit sein, als meinen Willen anzuerkennen. Das sagt Freud. Das sagt übrigens in einer ganz anderen Sprache zweitausend Jahre früher auch Paulus. Dann nämlich, wenn ich dazu bereit gewesen bin anzuerkennen, daß ich gewollt habe, was ich nicht zu wollen mir eingestanden habe, dann ist Heilung möglich.
Ich ende nun mit einem kurzen Wort über Prosa als Kunst. Schriftlich erzählt man anders als mündlich. Ich schildere hier noch einmal eine kleine Erfahrung. Ich halte manchmal eine Rede ex tempore, frei, man möchte sie aber gerne drucken, und dann sage ich, ihr könnt sie ja auf Band aufnehmen. Dann lese ich nachher die Abschrift vom Band und sage: »Diesen Unsinn kann ich nicht gesagt haben.« Dann frage ich mich manchmal: »Sind da wirklich die Abschriften falsch, falsch gehört oder so?« Aber meistens ist es nicht so, sondern ich versuche dann, mir laut vorzulesen, was da steht, und plötzlich höre ich ganz genau, das ist meine Stimme. So habe ich geredet. Aber dazu gehört die musikalische Artikulation, dazu gehören die Betonungen, die Pausen, die Hervorhebungen, die irgendwie künstlich ein bißchen gemachten Gleichklänge und ähnliches. Das sind so reiche Mittel der Information, daß, wenn die wegfallen, die Sprache nicht mehr dieselbe ist. Das ist, wie wenn ich, sagen wir, ein Lied niederschreibe, aber ich hätte schlicht vergessen, die Noten dazu zu schreiben. Wenn man das weiß, dann weiß man, daß die schriftliche Prosa eben der Hilfe entbehrt, notwendigerweise entbehrt, welche der gesprochenen Rede diese musikalische Artikulation, die lebendige Gestik bietet. Andere objektivierte Mittel sind in der schriftlichen Rede nötig. Andere Gliederungen, um Assoziationen zu schaffen. Das ist Prosa, scheint mir.
Ja, das wollte ich nur zum Schluß noch sagen, um zu sagen, ich habe ein bißchen darüber nachgedacht, wie man es macht zu schreiben. Und nun noch einmal vielen Dank.