Sigmund-Freud-Preis

Der Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa wird seit 1964 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen. Ausgezeichnet werden Wissenschaftler, die in deutscher Sprache publizieren und durch einen herausragenden Sprachstil entscheidend zur Entwicklung des Sprachgebrauchs in ihrem Fachgebiet beitragen. Der Preis wird von der ENTEGA Stiftung gefördert und jährlich während der Herbsttagung der Deutschen Akademie in Darmstadt vergeben. Seit 2013 beträgt die Dotation 20.000 Euro.

Preisträger

Bruno Snell

Bruno Snell

Altphilologe
Geboren 18.6.1896
Gestorben 31.10.1986
Mitglied seit 1949

Sigmund-Freud-Preis 1969
Dankrede von Bruno Snell
Urkundentext

Bruno Snell, für seine sprachphilosophischen und philologischen Untersuchungen, die mit der Waffe des Scharfsinns und der Akribie das Rätsel des Denkens zu lösen versuchen...

Jurymitglieder
Juryvorsitz: Präsident Gerhard Storz
Vizepräsidenten Karl Krolow, Dolf Sternberger, Beisitzer Friedrich Bischoff, Richard Gerlach, Fritz Martini, Otto Rombach, Horst Rüdiger, Hans Scholz, W. E. Süskind, Wolfgang Weyrauch

Zur Wissenschaftlichen Prosa

Ein Preis für wissenschaftliche Prosa könnte einem Philologen wie ein Sakrileg Vorkommen, wie der Einbruch des Ästhetizismus in die geweihten Bezirke der Wissenschaft, wie der Sieg der Rhetorik über das Sachliche. Vor 50 Jahren jedenfalls gehörte es zur Attitüde eines Wilamowitz, des Meisters der klassischen Philologen, oder eines Eduard Meyer, des großen Althistorikers, den Schein des Schönredens zu meiden und eine wissenschaftliche Abhandlung salopp zu schreiben, was freilich gelegentlich Glanzlichter aufzusetzen erlaubte, wo Begeisterung Pflicht zu sein schien. Uns jungen Studenten war das ein fatale Situation. Recht froh waren wir zwar auch nicht über die, die etwa in der »Frankfurter Zeitung« Wilamowitz‘ Werk über Platon mit dem Hieb abzutun meinten, es sei im Gartenlaube-Stil geschrieben. Zumal aus dem Kreis um Stefan George erklang es, man müsse über große Gegenstände groß reden. Das Malheur war, daß weihevolles Sprechen keine gute Wissenschaft brachte. Im Gegenteil, bald stellte sich heraus, daß man hier den Teufel mit Beelzebub austrieb. Der feierliche Ton, das engagierte Pathos hat unsere Philologie sehr schnell auf den Hund gebracht. Trotzdem: die Forderung, von dem Großen in der Antike in angemessen hohem Wort zu reden, ist so alt wie die deutsche Altertumswissenschaft. Winckelmann, ihr Begründer, hat sie übernommen aus der griechischen Schrift »Vom Erhabenen«, also aus der Rhetorik der römischen Kaiserzeit, wie Horst Rüdiger gezeigt hat.(1)
Dies Dilemma des »Philologen-Deutsch« hat uns junge Studenten redlich zu schaffen gemacht. Der eine suchte so, der andere anders damit fertigzuwerden. Hier will ich nur skizzieren, wie ich mir selbst die Dinge zurechtgelegt habe.
Mir und denen, die mit mir studierten, war nicht der erbauliche Winckelmann, der in säkularisierter Religiosität die Griechen verehrte, wichtig, sondern der Historiker, der zum ersten Mal verschiedene Stile im Lauf der griechischen Kunst aufwies und damit etwas wie eine Entwicklung entdeckte. Wir hörten in Berlin und München Heinrich Wölfflin, der an den subtilsten Einzelheiten etwas wie eine Gesetzmäßigkeit in der Geschichte der Malerei zeigte. Er setzte das von Winckelmann Erstrebte fort und machte die Zwangsläufigkeit, die Unumkehrbarkeit der Geschichte erst wirklich anschaulich.
Auf die gleichen Fragen führte Spengler, der uns faszinierte, obwohl wir schon aus altphilologischem Selbsterhaltungstrieb seine Grundthese töricht fanden, daß eine Kultur nach der anderen blühe und welke, ohne daß sie miteinander Kontakt gewinnen können.
Sowenig uns Spengler befriedigte, da er ins Dubiös-Weite und Ungenaue ging, wurde uns auch bei dem leicht eitel-pretenziösen Wölfflin nicht ganz wohl. Beide lebten in ihrer wissenschaftlichen Prosa etwas über ihre Kosten. Winckelmann war es um Wichtigeres gegangen als um das »Malerische« im italienischen Barock oder in der Kunst der Niederlande. Und war es nicht schon bei Winckelmann eine Begrenzung, daß er vornehmlich nur von der Kunst sprach? Hatten die Griechen nicht mehr in die Welt gebracht als diese? Wie war das in seiner notwendigen Entwicklung zu begreifen?
Schon als ich in Leiden im Jahr 1918 studierte, hatte ich bei dem Philosophen Bolland manches über Hegel gehört. (»Es gibt nur zwei Philosophien«, sagte er, »die eine ist die Hegelei, die andere die Eselei.«) In meinen letzten Semestern in Göttingen führte mich Georg Misch, der Dilthey-Schüler, vollends auf philosophisch-geistesgeschichtliche Fragen. Entscheidende Anregung zu eigener Arbeit gab dann Julius Stenzel, der damals noch an einer Schule in Breslau lehrte. An einem Aufsatz von ihm über Wilhelm v. Humboldt dämmerte mir, der Stilwandel in der Kunst sei vielleicht nicht das Geeignetste, um den Prozeß der Geschichte zu verstehen, exakter und tiefer könne man ihn womöglich begreifen an dem Bedeutungswandel von Wörtern. Ich schrieb meine Dissertation über die Ausdrücke für den Begriff des Wissens in der vorplatonischen Philosophie. Die tifteligen Untersuchungen von unterschiedlichen Wortbedeutungen schienen mir einen festeren Grund zu legen, um zu verstehen, wieso die Griechen Großes in die Welt gebracht haben und wie sich ihr Denken konsequent entfaltet hat. Solchen Pedanterien bin ich treu geblieben. Ich habe auch versucht, nüchtern zu bleiben und ein Jonglieren mit dem Fachjargon zu vermeiden, zumal da mein Philosophieren auf Vor-Philosophisches ging. Aber ganz mag man nicht darauf verzichten, seines Lesers Nase auf das zu stupsen, was einem das Wesentliche zu sein scheint. Da ist dann freilich ein wenig Überreden, das heißt Rhetorik kaum zu vermeiden.
Zunächst setzte ich mich allerdings mit meiner Doktorarbeit zwischen die Stühle. Der Gräzist in Göttingen nahm sie nicht an, sie sei zu philosophisch. Ich ging damit zu Georg Misch. Der meinte: »Philosophie ist das nicht, aber wenn der sie nicht annimmt, ich will es wohl tun.« Trotzdem war mir nun mancherlei verleidet und verdorben, und ich machte schnell mein Staatsexamen, um meine Referendarzeit zu absolvieren. Es gab noch ein blamables Zwischenspiel. Für mein Staatsexamen in Griechisch, Lateinisch und Englisch rechnete ich so: Misch hat mir für die Philosophie im Hauptfach bei der Promotion eine passable Zensur gegeben; da kann er mich in der »Philosophie für alle«, die zum Staatsexamen gehört, nicht durchfallen lassen. Also brauche ich mich nicht vorzubereiten. Misch dagegen dachte: Ich habe ihn im Doktorexamen gut behandelt, dafür wird er dankbar sein und zum Staatsexamen tüchtig arbeiten. Es wurde fürchterlich und Misch war sehr zornig. Ich schrieb ihm einen Entschuldigungsbrief: Ich brächte es nicht fertig, für ein Examen zu pauken, und überhaupt... Aber ich verspräche ihm, falls ich noch zu weiterem wissenschaftlichen Arbeiten käme, das Philosophische nicht aus den Augen zu lassen. Kurz darauf traf ich ihn auf der Weender Straße. Er lachte und sagte: »Recht haben Sie.«
Seither habe ich mich bemüht, mein ihm gegebenes Versprechen zu halten; freilich mochte ich das Trocken-Philologische nicht aufgeben, wollte mich jedoch mit dem »Höheren« nicht dem Rhetorischen aussetzen.
Ich sag all dies nicht, um von mir zu schwatzen, sondern um Ihnen zu sagen, wem ich es danke, daß mir die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung, warum auch immer, etwas angetan hat, wofür ich herzlich danke.

(1) »Der Deutschunterricht« Bd. 8, 1965, Heft 5.