Sigmund-Freud-Preis

Der Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa wird seit 1964 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen. Ausgezeichnet werden Wissenschaftler, die in deutscher Sprache publizieren und durch einen herausragenden Sprachstil entscheidend zur Entwicklung des Sprachgebrauchs in ihrem Fachgebiet beitragen. Der Preis wird von der ENTEGA Stiftung gefördert und jährlich während der Herbsttagung der Deutschen Akademie in Darmstadt vergeben. Seit 2013 beträgt die Dotation 20.000 Euro.

Preisträger

Adolf Portmann

Zoologe
Geboren 27.5.1897
Gestorben 28.6.1982

Sigmund-Freud-Preis 1965
Dankrede von Adolf Portmann
Urkundentext

... für die ungewöhnliche Vereinigung strenger Forschung und vorbildlicher Prosa in Büchern, geschrieben aus der Leidenschaft, von der Größe des Lebendigen zu zeugen.

Jurymitglieder
Juryvorsitz: Präsident Hanns W. Eppelsheimer
Vizepräsidenten Dolf Sternberger, Gerhart Pohl, Fritz Usinger, Beisitzer Friedrich Bischoff, Richard Gerlach, Karl Krolow, Wilhelm Lehmann, Fritz Martini, Gerhard Storz, W. E. Süskind, Ehrenpräsidenten Kasimir Edschmid, Hermann Kasack

Die Sprache im Schaffen des Naturforschers

Unter den Aufgaben, die ein Naturforscher in unseren Tagen zu bewältigen hat, ist nicht die geringste das Erlernen all der Sprachformen, welche die Wissenschaften entwickelt haben. Nicht nur mit der Formelsprache der Mathematik, mit der Zeichenwelt der Chemie müssen wir vertraut werden; es muß uns auch geläufig sein, daß F. S. H. einen Stoff bezeichnet, der den Eifollikel im Eierstock anregt und vom Hirnanhang abgeschieden wird, daß D. L. S. das Diäthylamid der Lysergsäure ist, ein die Phantasie anregender Reizstoff. Aber D. S. L. – das muß ich als Arbeiter im marinen Bereich wissen – bedeutet Deep Scattering Layer ‒ eine besondere Tiefenschicht im Ozean, die vom Echolot aufgezeichnet wird und von Lebewesen herrührt. Und so geht es fort – immer weiter weg von der Sprache des Alltags zu neuen Wegen der raschen Verständigung über Naturvorgänge. So läßt es sich vielleicht rechtfertigen, wenn ein Biologe in dieser Stunde versucht, von den Wandlungen zu berichten, die das Verhältnis der Naturforschung zur Sprache in der jüngsten Zeit durchgemacht hat.
Ich beginne mit einem Beispiel aus dem Bereich der Meeresforschung, um von mir Vertrautem zu sprechen.
Johannes Müller, der Vielseitige, der eine Generation bedeutender deutscher Anatomen und Zoologen herangebildet hat, begann um 1845 seine Untersuchungen über die unbekannten im Meerwasser schwebenden Lebewesen, eine mikroskopische Welt, mit der sich noch immer viele Biologen in aller Welt abgeben.
Der heute für diese Lebensform übliche Ausdruck »Plankton« stammt von Victor Hensen und ist 1871 eingeführt worden. Johannes Müller aber war um 1845 bemüht, ein deutsches Wort für diese neu entdeckte Lebensgemeinschaft zu finden. Er wendet sich an einen Sprachkundigen, an Jakob Grimm, der auf Müllers Beschreibung hin das Wort »Auftrieb« vorschlägt. Müller hat es dann mit einer zusätzlichen Kennzeichnung als »pelagischer Auftrieb« verwendet.
Es geht jetzt nicht darum, wie weit das Wort richtig ist. Auch wenn wir Plankton sagen, betonen wir zu sehr das Passive dieser Organismen. Es geht darum, zu beachten, wie ernst der große Biologe nach dem sachgemäßen Ausdruck sucht, wie selbstverständlich ihm ein deutsches Wort für die neu entdeckte Welt im Wasser vorkommt.
Zu Johannes Müllers Zeit war die einstige gemeinsame Sprachform der Gelehrten, das Latein, bei den Naturforschern bereits im Zerfall. Das Streben der Nationen bringt dafür zeitweilig eine neue betonte Geltung der nationalen Ausdrucksform. Aber schon zwei Jahrzehnte später hat sich die übernationale Verständigung in der Naturwissenschaft so sehr durchgesetzt, daß nunmehr der Kunstausdruck für neue Sachverhalte in einer übernationalen Fachsprache gesucht wird. Wir treten ins Zeitalter von Telegraph und Telephon ein!
Die steigende Flut nationalen Denkens setzt sich freilich diesem Bedürfnis nach einem alle Völker verbindenden Ausdruck noch lange entgegen – nicht immer, um die Muttersprache treu zu pflegen, sondern viel öfter aus dem Bedürfnis, kämpferisch die völkische Eigenheit zu betonen. Die deutsche Besinnung auf den eigenen sprachlichen Ausdruck hat nicht zufällig gerade im Ersten Weltkrieg manche Verdeutschungen hervorgebracht, an die sich die älteste Generation unter uns noch erinnert und die uns in meiner Studienzeit trotz des Ernstes der Situation mehr als ein sonderbares Zwischenspiel erschienen.
So denke ich etwa an eine Arbeit über Farbensinn, in der sich damals der für den Schweizer rätselhafte Satz fand: »Das Farbgespenst reicht von kress bis überveil.« Heute würde auch der deutscheste Physiker ohne Qual sagen: »Das Farbenspektrum reicht von Orange bis Ultraviolett« im Wissen darum, daß er auch von jenen verstanden wird, denen unsere deutsche Sprache Mühe bereitet. Doch genug von dieser eher erheiternden Seite eines gar ernsten Problems.
Seit dem Zweiten Weltkrieg führt die Entwicklung vor allem der Naturwissenschaft immer mehr zur Konzentration auf wenige führende Sprachen. Englisch und Russisch dominieren – welche Anstrengungen auch manche der heute aufsteigenden Völker machen werden, um die Geltung ihrer Sprachen durchzusetzen. Wer weiß, wie unsere deutsche und die französische Sprache bereits durch ausgiebige Zusammenfassungen in anderen Sprachen dafür sorgen müssen, beachtet zu werden, versteht auch die Bereitschaft vieler Forscher, in unserem Sprachbereich etwa englisch zu schreiben.

*

Aber das Problem der Geltung unserer Muttersprache im übernationalen wissenschaftlichen Gespräch wird überschattet von einer anderen Entwicklung: Es ist der Ausbau von Ausdrucksweisen, die über alle Sprachgrenzen hinweg eine neue wissenschaftliche Mitteilung bringen – ich habe sie schon erwähnt – die Formeln des Mathematikers und Physikers, die Zeichen des Chemikers, die Symbolik von Abkürzungen, wie sie die Biochemie zu pflegen genötigt ist. Die Medizin folgt in dieser Hinsicht wie in vielen andern Methoden der Naturforschung.
Wie erratische Blöcke ragen da und dort aus diesen neuen Sprachweisen einzelne Worte heraus, die sich weder in die führende Sprache übertragen lassen, noch durch Zeichen vertretbar sind. So ist unser Wort »Anlage« übernational geworden in der Sprache der Entwicklungsforscher; so wird ein Ausdruck wie »Stimmung« als besonders glücklicher, dem musikalischen Erleben entnommener Begriff für eine letzte erfaßbare Ausgangslage des Verhaltens auch in anderen Sprachen gebraucht, ungern oft, aber doch kaum zu ersetzen.
Noch ein anderer Einfluß der wissenschaftlichen Entwicklung auf die Sprache ist nicht gering zu achten: die Notwendigkeit der größten Vereinfachung in Wortschatz und Ausdruck, wenn deutsche Arbeiten in anderen Sprachbereichen gelesen und verstanden werden sollen. Der Verzicht auf kompliziertere Wendungen, auf archaische Wortformen, die uns lieb sind und schön erscheinen, drängt sich auf – der einfachste Satzbau muß die kunstvolle Periode ersetzen. Gewiß erleben wir zeitweilig einen solchen Zwang als heilsam, als geistigen Wert – in der wissenschaftlichen Mitteilung aber ist er gar nichts anderes als ein notwendiges Mittel internationaler Verständigung.
All das führt den wissenschaftlich Arbeitenden und sein Werk immer weiter weg von den Reichtümern der Muttersprache – eine Entwicklung, die von der Forschung durchaus gefördert werden muß. Der übernationale Kontakt, die Beziehung von Forschern verschiedener Sprachbereiche ist eine der großen Aufgaben jeder wissenschaftlichen Formung.
Um so dringender stellt sich die Frage nach der Beziehung der Naturforscher zur Sprache ihres Volkes, ihrer Kindheit, zur lebendigen Muttersprache.
Gewiß wird es in Zukunft Naturforscher geben, die vom künstlich geschaffenen Sprachgemisch der wissenschaftlichen Mitteilung voll befriedigt sind, und recht viele, die gar damit ihre Wissenschaftlichkeit betonen. Wir wollen die technischen Vorteile einer solchen Entwicklung nicht gering achten – aber es gilt doch auch in tiefem Ernst zu bedenken, was wir verlieren, wenn die Forschung die uns überlieferte Sprache immer mehr vernachlässigt. Die Muttersprache bleibt doch gegenüber allen technischen Verständigungsmitteln ein besonderer schöpferischer Urgrund, seit undenklichen Zeiten am Werk, in unbewußtem Gestalten formend, immer wieder in einzelnen Geistern Neues aus tiefen unbekannten Quellen erzeugend. Das Erfassen fremder Sprachen erfüllt uns doch immer wieder mit neuem Staunen darob, wie andersartige Seiten eines Dings von den verschiedenen Sprachen ins Licht gerückt werden – wie oft ist dem Übersetzer unbehaglich zumute, weil seine Worte den vollen Gehalt des fremden Ausdrucks nicht geben wollen. In kommenden Zeiten, wenn einmal die Sprachen der jetzt aufsteigenden Völker weiter bekannt und geachtet sein werden als heute, wird uns wohl noch manche Entdeckung bisher verborgener Funde des unbewußten Sprachschaffens überraschen und bereichern. Wer sich auf diese große schöpferische Bedeutung der Volkssprachen besinnt, für den wird der Umgang mit der Muttersprache zur neuen Aufgabe, gerade wenn er die übernationalen Verständigungsweisen sehr ernst nimmt und sich ihrer ständig bedienen muß.
Es geht aber nicht nur um die Liebe und Achtung des einzelnen Forschers gegenüber dem angestammten Sprachgut. Die Forschung lebt doch in der Sprachgemeinschaft; sie wird von ihr getragen – und mit welchen Opfern in unseren Tagen! So besteht auch die Verpflichtung der Vermittlung der Ergebnisse wissenschaftlicher Arbeit für die Zahllosen, die nicht unmittelbar an der Forschung teilnehmen. Ich habe selbst diese Aufgabe immer als etwas Großes erlebt. Die heutige Feier stimmt mich darum besonders dankbar; sie gibt das stärkende Gefühl, daß die Mühe, die auf solche Vermittlung gerichtet war, dem ersehnten Ziel recht gedient hat, dem Ziel, vielen die Teilnahme am Forschen zu ermöglichen, sie in die Schatzkammern des Lebendigen blicken zu lassen. So darf ich heute auch einen Augenblick dieser Seite meiner Arbeit gedenken.
Der Drang nach sprachlicher Gestaltung hat seine Wurzeln in einem von früh an wirksamen Erleben von Pflanze und Tier in allen mir in der Jugend zugänglichen Erscheinungen – eine Liebe zur Form, die sich in Zeichnen und Sammeln äußerte. Da waren auf vielen Blättern die Herbstfarben unserer Pflanzen in allen Varianten vereint, eine kleine Welt farbiger Herrlichkeiten, die selbst im trockenen Zustand an ein noch reicheres Erleben erinnerte und hinter der damals nicht sonderlich viel Wissenschaft zu suchen war – diese kam erst später zu ihrem Recht. Das alles war zuerst eine reine Augenweide, eine Schule der Sinne. Das Zeichnen spielte in jenen Jahren eine Rolle, die nicht hoch genug eingeschätzt werden kann, wenn ich den stillsten Freuden jener Zeit nachsinne.
Zur Freude der Augen kam die des Wortes – zum Glück früh geweckt durch die Begegnung mit einigen begnadeten Lehrern unserer Sprache, an deren Wirken in der Schulzeit ich nie ohne ein Gefühl tiefen Dankes zurückdenke. Ich verweile bei diesem ersten großen Einfluß, weil wir vielleicht doch nicht immer ermessen, was in diesen Jahren an wesentlichen Prägungen geschieht.
Bereits vor dem Biologiestudium an der Hochschule begann die Wirkung zweier sehr verschiedener Naturforscher, eine innerste Beziehung, die nie aufgehört hat: die Begegnung mit Alexander von Humboldt und die mit J. H. Fabre. Zu Alexander von Humboldt führte die Jugendsehnsucht nach fernen Ländern. So waren es zunächst die Reisen in die Äquinoktialgegenden, die mich ihres Stoffes wegen gefesselt haben. Ich wollte die ersten Berichte von den seltsamen Höhlenvögeln, den Guachoros, von den Fluß-Schildkröten im Original finden, die Begegnungen mit den Pflanzen und Tieren des Orinocogebiets, von denen ich manche aus dem »Brehm« kannte. Aus der Fernesehnsucht wuchs die Teilnahme an der Darstellung; sie führte zu den »Ansichten der Natur«, zum »Kosmos«. Noch erinnere ich mich, wie stark ich damals den formenden Willen verspürt habe, der Humboldt zur großen Darstellung eines Naturbildes geführt hat, das vor allem den weiten Blick gibt und die wesentlichen Erkenntnisse, während er streng absondert, was den Forscher im einzelnen besonders angeht. Was Humboldt vom Text abgegliedert hat, sind aber nicht nur Notizen, durch die der Spezialist seinen Weg zu den Dingen suchen muß; diese Anmerkungen sind selber oft kleinste Abhandlungen und sprachlich sorgfältig durchgeformt – und groß ist daher die Freude beim Lesen dieser Kabinettstücke und Stilleben. Wie innig war schon früh der Wunsch, einmal später mit den eigenen Kräften an das Beispiel heranzukommen, so gut das möglich war. Was mich anregte, war indessen nicht die besondere Form, in der Humboldt schildert – ich habe nicht den Bau seiner Perioden in erster Linie bewundert, sondern die Sorge für die genaue Darstellung in der Muttersprache, das Bedürfnis, im Hauptteil, im eigentlichen Naturgemälde dem Ideal seiner Zeit gemäß eine Darstellung zu finden, die dem großen Gegenstand entsprach; in den Anmerkungen aber in sinnennaher Sachlichkeit die Anschauungen zu vermitteln, die dem klassischen Gemälde die Wärme des Lebens geben, wenn man wieder und wieder, genährt von den Quellen der Erkenntnis, zum großen Bilde zurückkehrt. Der »Kosmos«, Humboldts Spätwerk, gab mir dieselben Freuden, und er gibt sie jedem, der auch in den zeitbedingten Irrtümern den Willen zur großen Form sucht und achtet. Die Bekanntschaft mit J. H. Fabre führte in eine ganz andere Welt. Der große Insektenforscher, den Darwin seinerzeit »den unvergleichlichen Beobachter« genannt hat, ist in Frankreich zu hohem Ruhm gelangt – was nicht heißt, daß ihn viele wirklich kennen. Aber der Name des 1915 Verstorbenen bedeutet dem Gebildeten in Frankreich etwas. Im deutschen Sprachbereich dagegen ist er noch viel zu wenig bekannt. Ich bin zu ihm hingelenkt worden durch eine Reihe von Übersetzungen aus Fabres Hauptwerk, den »Souvenirs entomologiques«, die der Kosmos-Verlag vor dem Ersten Weltkrieg herausgebracht hat. Diese Vermittlung führte zum Originalwerk und von da zum Leben Fabres. Ich entdeckte die seltsame Tatsache, daß hier ein großes Werk der Forschung am mächtigsten auf wahrhaft dichterisch lebende Menschen gewirkt hat – auf Edm. Rostand, auf Maeterlinck und andere.
Fabre hat die zehn Bände seiner »Souvenirs entomologiques« für Menschen verfaßt, die nicht vom Fach waren: die wesentliche Leistung eines Forschers ist in der Sprache des Volkes geschrieben worden. In Fabre waren gestaltende Kräfte am Werk, die ihren besonderen Ausdruck suchten. Und da er eine Welt von Lebewesen zu seinem Forschungsfeld erwählt hatte, die vielleicht fremder ist hier auf Erden, als was wir heute auf dem Mars und anderswo an Leben erwarten – so hatte er bisher Ungesagtes von unerhörter Art zu berichten. Kein Wunder, daß die Dichter, die in der Menschenwelt daheim sind, Fabre damals den Homer der Insekten oder deren Virgil genannt haben.
Ich habe vor Zeiten von Fabre zu lernen versucht; als junger Assistent in Genf, wo ich mir das Französische aneignen wollte, waren die »Souvenirs entomologiques« meine Lektüre. Vierzig Jahre später erst habe ich erfahren, daß Kurt Guggenheim, der Zürcher Schriftsteller, um dieselbe Zeit im selben Genf von Fabres Werk fasziniert worden ist und daß die »Souvenirs« ihm zeitlebens als Führer und Helfer zur Seite standen. Wir hörten erst von unserer gemeinsamen Verehrung für Fabre, als Guggenheim in seinem Buch »Sandkorn für Sandkorn« die Verbindung mit Fabres Werk im Spiegel seiner eigenen Lebensgeschichte niedergeschrieben hatte. Aus diesem Kontakt entstand ein Sammelwerk: die Übersetzung einiger »Souvenirs« mit Vor- und Nachwort von uns – ein später Dank von zwei tief dem Leben und Werk Jean Henri Fabres Verpflichteten. »Das offenbare Geheimnis«, so haben wir dies Buch genannt, weil es uns schien, daß dieses Wort Goethes am klarsten die Haltung der Natur gegenüber kennzeichnet, die J. H. Fabres Werk so beispielhaft darlegt. Das kleine Werk, in dem ein Dichter und ein Naturforscher einen bedeutenden Sprachschöpfer ehren, ist auch ein Beitrag zum Thema dieser Stunde.
Die lebenslange Beziehung zu J. H. Fabre ist in einer inneren Verwandtschaft begründet; sie ist ein Glied meiner eigenen Beziehung zur Muttersprache. – Das führt uns in das Zentrum
meines Fragens um die Auffassung vom Menschen, einer Frage, die in all meiner wissenschaftlichen Arbeit sich immer neu gestellt hat.

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In den vierzig Jahren, in denen die lebendige Welt auf bewußtere Weise Gegenstand meines Forschens gewesen ist, hat sich eine Wandlung vollzogen, welche die Biologie tief umgeformt hat. In diesen Jahrzehnten hat eine Entwicklung eingesetzt, die seit einem Jahrhundert sich anbahnt und die heute immer mächtiger das Feld unserer Arbeit bestimmt.
Es ist der Aufbruch in eine Wirklichkeit, die dem naiven Sinn verborgen bleibt, der Auszug aus dem Bereich, der von unserer Alltagserfahrung mit reichem Inhalt erfüllt wird – in eine Zone, in der bald nur noch Zeichen der Geschehnisse registriert werden, wo nur noch die Kunstgriffe von Physik und Chemie Auskunft geben über Vorgänge, in denen wir Grundeigenheiten des Lebens erkennen lernen.
Das Lichtmikroskop war lange die Übergangszone in dieses Reich – viele seiner Bilder ragen noch in die Welt des uns Vertrauten hinein, aber wie oft überschreiten auch sie das naive Erfassen. Das Elektronenmikroskop – seit drei Jahrzehnten von steigender Bedeutung – hat die Möglichkeit des Sehens von Strukturen um das Hundertfache in der geradlinigen Ausdehnung erweitert. Nun wird die Deutung der vergrößerten Strukturen schwierig, nähern wir uns doch den Dimensionen, wo die Wirkweisen unseres Alltags abgelöst werden von Kräften der molekularen und atomaren Bauweise. Wir werden auf eine Zone verwiesen, wo der Atom-Physiker und Chemiker die Kräftewirkungen zu beurteilen hat, auf denen der Lebensforscher seine Folgerungen aufbauen muß.
So entsteht eine Biochemie – heute schon eine biotechnische Weltmacht, eine Biophysik von noch nicht absehbarem Ausmaß, eine Mikrobiologie, deren Objekt die Grenzen des Lebendigen sind, das Rätsel der Virusstoffe, und der die Geheimnisse des Lebensursprungs aufgetragen sind – soweit sie durch Naturforschung gelöst werden können. Bedeutende Forschungsmittel werden dieser Arbeitsart zugeführt; ihr gilt die Neigung einer wachsenden Zahl von jungen Forschern.
Aber schweife ich da nicht von unserem Problem ab, hinüber in eine Besinnung über die neue Biologie? Hat das mit der Frage nach der Sprache überhaupt zu tun?
Ich denke: ja, und sogar sehr viel! Denn was sich da in der Lebensforschung abspielt, ist doch der Auszug aus unserer heimischen Menschen-Welt in eine ganz andere Dimension der Erfahrung, in der mathematisches Werkzeug und kunstvolle Apparaturen uns Einsicht in eine den naiven Sinnen völlig verborgene Wirklichkeit verschaffen. Je bedeutungsvoller aber der technische Apparat, das Ausmaß der Mittel, die Zahl der erforderten Menschen wird, die in dieser Welt leben, um so gewichtiger wirkt die Masse der Erkenntnisse und ihres Ausdruckszwanges auf die Welt des Alltags ein – um so mehr wird unser Leben bestimmt von einer technischen Zwischenwelt, um so bedeutungsärmer wird vieles in der Welt, in der wir ursprünglich daheim sind. Mit dem Verkümmern der ersten naiven Beziehungen unseres Welterlebens verarmt auch die Sprache, die sich in Jahrtausenden in dieser anfänglichen Welt geformt hat, die Sprache, in der das Erleben eines jeden von uns sich in langen Jahren der Kindheit heranbildet – sich heranbilden sollte, muß man wohl heute schon sagen!
Bedenken wir einen Augenblick noch eine andere Entwicklungsreihe dieser letzten Jahrzehnte – auch sie in der Stille vorbereitet, heute plötzlich mit ungeheurer Wucht das Leben der Gegenwart bestimmend: ich meine den Aufbruch in die außerirdischen Räume, den Ausbruch aus dem Erdraum, der Jahrtausende lang unsere Welt gewesen ist – den Wettlauf nach fernen Gestirnen: Auch dies ein Ergebnis derselben Naturforschung, in Dimensionen führend, wo die Schwere überwunden ist, wo der normale Erdentag nicht mehr gilt, wo das Maß für unsere Zeitbestimmung fraglich, ja ungültig wird.
Dem Aufbruch in eine Welt des kaum faßbar Kleinen entspricht der andere in die Weltraumfernen. Beide führen in eine Wirklichkeit, in der die Maßstäbe und Ordnungen versagen, die unser Alltagserleben bestimmen. Unsere Sprache, daheim im naiven Vertrauen auf die den Sinnen gegebene Welt – sie genügt diesen neuen Zonen unserer Lebenstechnik nicht mehr: Die von der Forschung für neue Zwecke ersonnenen Sprachen treten mehr
und mehr an ihre Stelle, das mathematische Operieren mit den Ergebnissen der Forschung wird wesentlich überall dort, wo Vorstellungen in den Formen der Alltagsanschauung nicht mehr möglich sind.

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Die Naturforschung der letzten Jahrzehnte hat eine Entwicklung beschleunigt, die seit vier Jahrhunderten das besondere Schicksal des Abendlandes geworden ist – jenes seltsamen Erdenteils, in dem allein die naturwissenschaftliche Denkart sich zu den äußersten Folgerungen entfaltet hat. Denn wie hoch man auch von den Beiträgen Indiens, des Fernen Ostens oder der Araber im frühen Mittelalter denken mag, die folgerichtige Ausformung der wissenschaftlichen Methoden bleibt das Werk einer Geisteshaltung, die, von alten Wurzeln ernährt, seit dem 16. Jahrhundert in Europa und dem von Europa kolonisierten Nordamerika die Pflege der Naturwissenschaft und der von ihr abhängigen Technik zu ihrer besonderen Aufgabe gemacht hat. Diese Entwicklung ergreift in unseren Tagen die weite Erde, und mehr als je zuvor zwingt uns diese Tatsache zur Besinnung auf das, was sich in den letzten Jahrhunderten vollzogen hat.
Es ist die langsame, aber immer mächtigere Verdrängung eines ursprünglichen, den Menschen aller Zeiten eigenen Welterlebens durch eine neue, zweite Welt. Es ist die Verdrängung einer ursprünglichen Weitsicht, die unser Verstand einst im Vertrauen auf die ihm gegebenen Sinne aufgebaut hat, ein Welterleben, in dem das unmittelbare Erfahren uns jene erste Wahrheit bietet, die immer in jedem neuen Lebenslauf auch die erste Wahrheit des Kindes ist!
Das ist die Welt, in der die Farben ein geschlossenes Ganzes bilden und sich zum Kreise schließen vom Rot über Gelb, Grün, Blau und Purpur wieder ins Rot – wie fern ist diese Ordnung von jener anderen, jener zweiten Gewißheit, daß eine lineare Ordnung von Schwingungen vorliegt, von der ein recht bescheidener Anteil als Farbe sichtbar ist.
Was ist nun wesentlich? Soll ich sagen, hinter der Scheinwelt von Farben erschließt die Wissenschaft die eigentlichen Phänomene der Schwingungen? Könnte es nicht auch heißen: aus den errechenbaren Vorgängen im unsichtbaren Bereich schafft eine hohe lebendige Ordnung in unserem naiven Geist das für uns Menschen eigentliche Phänomen: Licht und Farben? Nichts ist wahrer als der Schein – das hat ein Augenmensch, der Maler Max Liebermann einmal gesagt.
Die primäre Welt, das ist ein Reich voll von Sinngebungen, viele von ihnen durch Jahrtausende gefestigt, unser innerstes geistiges Leben befruchtend durch große Analogien, Nahrung von Jahrtausenden vorwissenschaftlichen Denkens. Da entspricht der Goldglanz des edelsten Metalls den Strahlen der Sonne; Silber und Mond stehen im geheimnisvollen Bunde, ebenso Blut und Wein; der Tod der Samenkörner im Erdengrab und die Auferstehung im Keimvorgang sind ein ernstes Bild unseres Menschseins.
Die Gleichniswirkung steigert sich im unablässigen Weben des Geistes – eine Landschaft wird Spiegel der Seele, sie erscheint uns drohend und düster oder heiter und befreiend, so wie auch ein menschliches Antlitz heiter oder düster wirkt. Welche Eroberungszüge eines jeden Menschenkindes, das in frühen Jahren in wachsender Bewußtheit diese Symbolträchtigkeit der Dinge und damit der Sprache erfährt – in einem Aufschwung, dessen Größe wir wegen seiner Alltäglichkeit kaum mehr erfassen! Während Jahrtausenden hat das Sinnen der Menschen in diesem Denken in Analogien und Bildern die Welt zu ergründen versucht.
Noch einmal: Die Verwandlung, welche heute die ganze Erde ergreift, hat abendländischen Ursprung – daß die Wendung, die mit dem Namen des Kopernikus verbunden bleiben wird, sich erst im 16. Jahrhundert unter Kämpfen durchsetzt, bezeugt noch einmal die Macht einer Weitsicht, welche dem ursprünglicheren Denken entsprang. Seit dieser Zeit aber entfaltet sich eine neue Art, Erfahrung zu machen, Erfahrung zu erzwingen. Die alchemische Denkart in Analogien und Bildern wird Schritt für Schritt verdrängt, Physik, Chemie, Biologie nehmen nacheinander am Zug des neuen Denkens teil. Was man zuweilen die Entzauberung der Natur genannt hat, ist der Vorgang, der eine zweite, auf Wissenschaft gegründete Weitsicht als die richtige, die gültige einsetzt und auf den Gewißheiten der experimentellen Arbeit eine Technik aufbaut, die nun zu der das Leben bestimmenden Macht wird, seit durch die medizinische Technik die Bevölkerung der Erde so sehr wächst, daß die technische Gestaltung des Daseins zum Schicksal aller Völker wird.

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Unser Leben, bis in die Einzelheiten des Alltags hinein, wird von den Naturwissenschaften und ihrer Technik bestimmt – immer gewaltigere Ausgaben aller Völker gelten der Formung von Forschern und dem Ausbau von Laboratorien, um den Auszug aus der primären Welt unserer Kindheit und aus der Welt der Vergangenheit zu bewältigen. Der sachliche Gehalt der mikrokosmischen Forschung im Unsichtbaren sowohl wie der makrokosmischen Ausweitung in den Weltraum wird die Formung der kommenden Generation in einem Ausmaß beeinflussen, von dem wir uns zur Zeit noch kaum eine Vorstellung machen.
Diese Gestaltung des Daseins birgt Gefahren – sie sind bereits deutlich genug bezeugt. Wohl sind wir die besondere Lebensform, welcher der Aufbruch aus der Welt der naiven Erfahrung nicht nur möglich, sondern aufgezwungen erscheint. Das ist Teil der erblich vorgegebenen Struktur, mit der jeder von uns seine Reise ins Leben antritt und bewältigt.
Aber diese Struktur ist schließlich gebunden an Lebensbedingungen auf Erden, enger noch an die Bedingung eines schmalen Bereiches der Erdoberfläche und ihres Luftmantels. Wenn auch noch so kühn der Vorstoß in den schwerelosen Raum gewagt wird, wenn heute zukunftsfreudige Forscher das Leben in tieferen Meereszonen einüben, wenn die Optimisten auch noch so gewiß daran glauben, daß alle Hindernisse beseitigt werden können – Lebensführung dieser Art wird wohl stets Ausnahme für wenige sein – und auch sie werden in ihre Weltraumkapsel oder ihre unterseeischen Luftkammern stets die Bedürfnisse und die Geistesart der andern mitnehmen, die ihr Leben lang in der uns gemäßen Erdzone bleiben.
Die Bindung an unseren eigentlichen Lebensraum beherrscht auch das Erleben der Welt durch die Pforten der Sinne und durch die erblich vorgegebenen Ordnungsweisen, welche unsere Sinneseindrücke zu geistigen Erfahrungen machen. Ich habe vorhin versucht, die Rolle dieses ursprünglichen Welterlebens hervorzuheben – die Bindung an die uns von Natur gegebenen Erfahrungsweisen sind aber weit mächtiger, als es in meinen Andeutungen spürbar werden konnte. Unser Fühlen und Denken lebt voll und reich in einem Kosmos, der wohl die Aufbrüche ins Mikrokosmische wie ins Makrokosmische erlaubt, aber doch ein wahrer Mediokosmos, eine Mitte der Daseinsführung ist, das Reich eines Welterlebens, das auf eine festgegründete und für jeden von uns ruhende Erde zentriert ist, eine ruhende Erde, über der sich ein Himmel wölbt, an dem die Gestirne sich bewegen. Das Leben unserer Gefühle ist in diesem Mediokosmos verankert, alles geistige Erfinden, das nach Formen verlangt, findet seine Gestaltung in diesem Erleben. Man muß einmal die Welt der Ungeheuer, des phantastischen Gestaltens an sich vorbeiziehen lassen, um zu erfahren, wie beschränkt das Erfinden ist, wie sehr in Sprache und Bild die Formen des irdisch Zugänglichen, die Erscheinungen im uns zugeordneten schmalen Saum von Erde, Wasser und Luft maßgebend sind für alles Gestalten. Ich spreche von den Ungeheuern, von Monstren – aber ist es etwa anders, wenn wir die Versuche prüfen, dem Göttlichen Form zu geben, den größten geistigen Mächten, deren Wirken wir ahnen? Unsere Muttersprache aber ist zunächst der mächtige Ausdruck für die Welt dieses Mediokosmos, für die uns durch unsere Natur zugemessene Welt.
Und wenn Sie mich fragen, welches in meiner Sicht die zentrale Frage der Beziehung von Sprache und Wissenschaft sei, so würde ich nicht hervorheben, was heute selbstverständlich ist: die Notwendigkeit einer internationalen Verständigung, der Förderung jeder Einrichtung, die übernationale Zusammenarbeit erleichtert: das alles wird ja von der wachsenden Macht der wissenschaftlichen Einrichtungen ohnehin genügend gefördert.
Unsere Sorge gilt vielmehr der Pflege jener Sprache, die von der Entwicklung der Naturwissenschaft und ihrer Technik in den Schatten verdrängt wird und die zu verkümmern droht: es geht um die Muttersprache. Nein, es geht um mehr – um den Geist, der diese Sprache nährt, um ein reiches geistiges Leben in einer uns ursprünglich zugemessenen Welt, die ich vorhin den Mediokosmos genannt habe.
Die Entfaltung der Naturwissenschaft – des wissenschaftlichen Denkens überhaupt – fordert in steigendem Maße eine neue Besinnung auf unsere Beziehung zur Natur. Es gilt nicht nur, die Ergebnisse der Forschung aus den schwer zugänglichen Fachsprachen in die Muttersprache zu übersetzen – wie wichtig auch diese Vermittlerrolle ist. Die größere Aufgabe ist das Bewahren der Beziehung zur primären Welt überhaupt. Das geht die Schulen an; eine neue Besinnung ist nötig, an die ich seit Jahren mahne.
Die Gefahr ist doch groß, daß mit der Verwandlung der Sprache durch die sekundäre technische Welt uns auch der Reichtum der ursprünglichen Weitsicht allmählich weggezaubert wird. Sind einmal fliegende Zugvögel am Himmel vor allem ein Hormonproblem, das farbige Herbstblatt ein biochemisches Faktum, sind die herrlichen Farben und Formen der Naturgestalten in erster Linie Anlässe von makromolekularen Prozessen oder Anzeichen verborgenen Stoffwechsels, wie soll da eine lebendige Gestalt noch auf uns wirken, was soll sie noch anderes bedeuten, als Träger zu sein der als eigentlich betrachteten, verborgenen Vorgänge? Wir leben aber doch in dieser Welt der Gestalten! Sie sollten in ihrem Sein, in ihrem Tun und Lassen, das im Bereich unserer naiven Sinne vor uns ist, zu uns sprechen. Die Aufgabe der Schulung wird riesengroß - es soll doch der Weg zum wissenschaftlichen Tun gezeigt werden und die Bedeutung der Ergebnisse dieses Schaffens – also eine stets fortwachsende Masse schwer zugänglichen Wissens –, zugleich aber soliden neuen Generationen der Zugang zum Reich der Sinne, zum Wunderreich der Natur erschlossen werden. Eine neue Form von Naturkunde wird täglich gebieterischer gefordert – ich weiß, wie altväterlich das tönt – eine Naturkunde, die bewußt dem Mediokosmos verpflichtet bleibt und die ein Gleichgewicht erstrebt mit dem, was die Erforschung des mikro- und makrokosmischen Bereiches uns bringt. Im Wissen um diese Aufgabe fordert der Naturforscher auch die Liebe zur Sprache der primären Weitsicht. Aber diese Muttersprache kann nicht gedeihen, wenn wir die dem Menschen zugemessene Lebensform völlig vergessen – Lebensform und Sprache sind eine Einheit. Unsere Sprache ist in der Heimat der Menschen im Mediokosmos geworden, in ungezählten, kaum bewußten schöpferischen Taten des Geistes; sie schenkt uns Heimat, die wir nötiger haben als je, wenn wir die Abenteuer bestehen wollen, die unsere Zeit uns aufgibt!