Johann-Heinrich-Voß-Preis

The »Johann-Heinrich-Voß-Preis für Übersetzung« (Prize for Translation) has been awarded by the German Academy for Language and Literature since 1958 for the »outstanding achievements in translation,« with a particular emphasis on the translation of literature into German.
The prize is awarded annually at the spring conference of the German Academy.
The Johann Heinrich Voß Prize has been endowed with €15,000 since 2002.

Awardees

Renate Schmidgall

Renate Schmidgall

Translator
Born 26/3/1955

Johann-Heinrich-Voß-Preis 2017
Laudatory Address by Adam Zagajewski
Acceptance Speech by Renate Schmidgall
Diploma

... auch für die beharrliche Vermittlung hierzulande noch wenig bekannter Dichter wie Łukasz Jarosz oder Krystyna Dąbrowska...

Jury members
Kommission: Iso Camartin, Elisabeth Edl, Aris Fioretos, Zsuzsanna Gahse, Daniel Göske, Per Øhrgaard und Ilma Rakusa

Mitglieder des Erweiterten Präsidiums

 
LAUDATOR
Adam Zagajewski
Born 21/6/1945
Poet and Essayist

Eine Lobrede auf einen Übersetzer, eine Übersetzerin – kaum etwas scheint leichter als das. Denn die Übersetzer schöner Literatur sind in der Welt des Humanismus absolut zentrale Figuren. Zwar schrieben einst die europäischen Humanisten ihre Briefe auf Latein und studierten – wie unter anderem Ernst Robert Curtius eindrücklich zeigte – die römischen Dichter, doch sie alle spürten zugleich auch die Bedeutung und den Druck der Nationalsprachen.
Heute hat, wie wir alle wissen, das Lateinische längst seine Vormachtstellung verloren, und das Englische beansprucht die Rolle der Lingua franca, in der sich Gelehrte und Kaufleute, Künstler und Generäle, Sportler und Gangster miteinander verständigen. Hugo von Hofmannsthal, notabene ein Dichter und kein Gelehrter, verstand sehr gut, dass wir in jedem Zeitalter in einem größeren geistigen Zusammenhang existieren, der durch die ihm zugrunde liegende Sprache geprägt wird – durch die Sprache und ihre Kinder: die Werke der Literatur. Er erinnerte daran, dass Europa einst italienisch war, spanisch und dann lange Zeit französisch (die Franzosen haben den Verlust der sprachlichen Hegemonie bis heute nicht verwunden). Heute sind die Verhältnisse komplizierter, denn wir werden nicht nur vom Englischen beherrscht, sondern auch von Computersprachen, die vor allem eine praktische, technische Bedeutung haben – wohl kaum jemand käme auf die Idee, Homer in eine solche Sprache übersetzen zu wollen.
Renate Schmidgall wird mir diese Einleitung verzeihen – sie weiß, wenn ein Dichter um eine Laudatio gebeten wird, möchte er zeigen, dass er nicht erst seit gestern auf der Welt ist, dass ihm die humanistische Tradition nicht ganz fremd ist und dass er die ihm übertragene Aufgabe angemessen zu lösen vermag.
Zu Renates Lehrmeistern zählt sicher Karl Dedecius, der große Übersetzer und eben Humanist. Dedecius betonte gern das Altehrwürdige seiner Tätigkeit, indem er offen den heiligen Hieronymus verehrte, den Schutzpatron der Übersetzer. Hieronymus in seiner Höhle, die einer Bürgerstube merkwürdig ähnlich sah, war für Dedecius das mythische Modell; Hieronymus und zu seinen Füßen der ungewöhnlich sanfte Löwe. Ernst Jünger – daran erinnerte mich kürzlich in einem Gespräch mein Freund Sebastian Kleinschmidt – sagte einmal, man könne den Löwen ruhig durch eine Katze ersetzen. Katzenliebhaber hätten sicher nichts dagegen einzuwenden. Ich hoffe nur, dass niemand diese substitutio als Zeichen der Verkümmerung der humanistischen Tradition deutet – handelt es sich doch allenfalls um eine Sublimierung.
Die Biographien von Karl Dedecius und Renate Schmidgall lassen sich kaum vergleichen. Karl Dedecius, der durch ein Wunder die Schlacht von Stalingrad überlebte, war einer dieser Josephs, die aus der Zisterne, in die man sie zu ihrem Verderben warf, triumphierend wieder auftauchen. Schon in der russischen Kriegsgefangenschaft erkämpfte er sich, vor allem dank seiner sehr guten Russischkenntnisse, verschiedene Privilegien. Später wurde er zum Freund des Pharao – oder wenn nicht des Pharao, so doch zumindest der deutschen Bundeskanzler – und gründete das Deutsche Polen-Institut in Darmstadt. Daneben Renate, die »spät« Geborene, wie man in Deutschland mit einem Unterton von Erleichterung und Bedauern gern sagt (wobei man nie weiß, was von beidem überwiegt), die gleichsam in der stillen Ebene der Nachkriegszeit, im ruhigen Heilbronn am Neckar das Licht der Welt erblickte. Und der Neckar ist ja einer der poetischen Flüsse Deutschlands.
Ich erwähne das, weil nicht nur die Bücher ihre Schicksale haben, sondern auch die Übersetzer ihre Biographien. Doch ist in ihrem Fall die Biographie nicht das Wichtigste, sie erklärt nicht ihr Wesen und ihr Handeln. Für Übersetzer zählen ruhige, konzentrierte Arbeit, Systematik und Ausdauer. Und, nicht zu vergessen, Kreativität. Früher sagte man, selbst Homer habe mitunter geschlafen – der Übersetzer darf niemals einnicken. Gerade in Momenten, in denen Homer schläft, muss der Übersetzer noch wachsamer sein als ohnehin. Das ist keineswegs nur eine Frage der Disziplin – obwohl sich Übersetzer ganz sicher einer eisernen Disziplin unterwerfen müssen. Doch entscheidend sind hier nicht Peitsche oder Büßerhemd, sondern – man gestatte mir den altmodischen Ausdruck – die Liebe zur Literatur. Übersetzer sind Schriftsteller und Dichter, genau wie die Autoren, die sie aus einer Sprache in eine andere übertragen. Übersetzer und Autoren sind Angehörige des weltlichen Ordens der Literaturliebhaber – Literatur ist für sie mehr als nur Worte, Worte, Worte. Für sie ist Literatur Aufzeichnung von Erfahrung, Aufzeichnung von geistigem Leben, eine Verheißung. Sie kennen Madame Bovary besser als manche Verwandte, sie durchwandern mit Hölderlin das nachrevolutionäre Frankreich, sie gehen mit Samuel Pickwick auf Reisen.
Die Literatur ist für sie gleichsam ein zweites, alternatives Leben, man könnte auch sagen: eine zweite, durchgesehene und verbesserte Auflage des Lebens, ein besseres Leben als dieses erste. Sie schöpfen viel aus ihr, sie ist für sie eine große Metapher und ein tiefer Quell der Weisheit und des Wissens. Sie leben bescheiden, gleichsam als Dissidenten einer Gesellschaft, die sich dem Konsum verschrieben hat, die von schnellen Autos und riesigen Villen träumt. Sie sind Dissidenten, doch nicht verbittert (außer manchmal vielleicht), denn die Literatur zeigt ihnen, zeigt uns, in erleuchteten Momenten den Sinn, den Sinn der Welt und den Sinn des Lebens, und das findet man in keiner shopping mall und schon gar nicht in einem schnellen Auto.
Renate hat zusammen mit anderen Übersetzern ihrer Generation die Arbeit von Karl Dedecius weitergeführt, es kam hier zur überaus schönen Weitergabe einer lebenslangen Leidenschaft, einer Übertragung im Sinne einer translatio studii. Zum Glück für diese Generation deutscher Übersetzer war auch die polnische Literatur ihrer Zeit sehr produktiv. Karl Dedecius war Altersgenosse einer Gruppe von großartigen Dichtern – Zbigniew Herbert, Wisława Szymborska, Tadeusz Różewicz – und nur zehn Jahre jünger als Czesław Miłosz. Nach ihnen erschien in Polen – man könnte meinen, nur um Renate und ihren Kollegen Arbeit zu verschaffen – eine neue Generation interessanter Prosaiker, und es mangelte auch nicht an Dichtern (an ihnen mangelt es in Polen selten) und anderen Autoren, die sehr viel jünger waren als die großartige, inzwischen legendäre Schar der Freunde von Karl Dedecius.
Auch wenn wir heute die Verleihung des Johann-Heinrich-Voß-Preises an Renate Schmidgall feiern, mit dem große übersetzerische Leistungen geehrt werden, möchte ich doch unbedingt hinzufügen, dass Renate nicht nur Übersetzerin ist, sondern auch eine höchst interessante Dichterin. Vielleicht wird sie in Deutschland noch nicht gebührend geschätzt – ihre dichterische Position ist eine besondere, denn sie schreibt ihre Gedichte im Dialog sowohl mit der polnischen als auch mit der deutschen Lyrik.
Ich habe gesagt, man könne Renates Leben nicht mit der epischen Biographie eines Karl Dedecius vergleichen. Eine Gemeinsamkeit möchte ich aber doch hervorheben. Auch Renate wird – oder vielmehr ist es schon geworden – zur Vermittlerin zwischen zwei Kulturen, zwei Sprachen. Sie hat viele Freunde in Polen (die einen sind auf die anderen womöglich sogar ein wenig eifersüchtig), sie besucht unser Land oft. Im langwierigen Entwicklungsprozess der Beziehungen zwischen unseren beiden Völkern, in dem es – vorsichtig gesagt – an Animositäten nicht mangelt (Martin Pollack berichtete kürzlich von einer sehr betagten Tante, die bis heute ihren »Slawenhass« pflegt), erfüllt jemand wie Renate eine äußerst nützliche Funktion. Eine Dichterin und Übersetzerin, die mit je einem Fuß in beiden Ländern steht – oder nein, die mit beiden Füßen fest auf einer Brücke steht, die den Neiße-Brücken von Görlitz und Zgorzelec gleicht, auf denen bei Anbruch der Dämmerung Einwohner und Touristen überlegen, ob sie in Deutschland oder in Polen zu Abend essen sollen.

Aus dem Polnischen von Bernhard Hartmann.