Johann-Heinrich-Voß-Preis

The »Johann-Heinrich-Voß-Preis für Übersetzung« (Prize for Translation) has been awarded by the German Academy for Language and Literature since 1958 for the »outstanding achievements in translation,« with a particular emphasis on the translation of literature into German.
The prize is awarded annually at the spring conference of the German Academy.
The Johann Heinrich Voß Prize has been endowed with €15,000 since 2002.

Awardees

Renate Schmidgall

Renate Schmidgall

Translator
Born 26/3/1955

Johann-Heinrich-Voß-Preis 2017
Laudatory Address by Adam Zagajewski
Acceptance Speech by Renate Schmidgall
Diploma

... auch für die beharrliche Vermittlung hierzulande noch wenig bekannter Dichter wie Łukasz Jarosz oder Krystyna Dąbrowska...

Jury members
Kommission: Iso Camartin, Elisabeth Edl, Aris Fioretos, Zsuzsanna Gahse, Daniel Göske, Per Øhrgaard und Ilma Rakusa

Mitglieder des Erweiterten Präsidiums

 

Sehr geehrte Mitglieder der Akademie, meine Damen und Herren,

der Weg von der Sprache zur Dichtung scheint mir ebenso rätselhaft wie mein eigenes Leben. Ich habe nie geplant, Übersetzerin zu werden. In der Schule waren meine Lieblingsfächer Deutsch und die Fremdsprachen, vor allem Russisch, das an meinem Gymnasium in Heilbronn angeboten wurde. Gedichte von Puschkin und Jessenin, Prosa von Tschechow, Babel, Olescha, die ich früh im Original lesen konnte, bewegten mich nach dem Abitur dazu, Slawistik zu studieren, ohne jeden Hintergedanken an einen späteren Beruf. Es genügte das Hier und Jetzt der Begeisterung für die Texte, die Freude am Analysieren, die mich mein Professor Horst-Jürgen Gerigk lehrte.

Nach Russisch und Tschechisch wählte ich als dritte Sprache Polnisch. Ich hatte eine engagierte Lehrerin, die uns zeitgenössische Literatur, auch neue Gedichte aus den Exilzeitschriften präsentierte, unter anderem von Ryszard Krynicki. Es waren diese Gedichte, die ich (spielerisch und ohne jede Absicht) als Erstes übersetzte, weil ich etwas mit ihnen machen musste – die Lektüre allein genügte mir nicht.

Was wusste ich damals? Nicht viel. Die einzige Gewissheit war mein Interesse an der Sprache, an der Literatur, alles andere schwankte und gehorchte dem Zweifel.

1983 lernte ich das Deutsche Polen-Institut in Darmstadt und Karl Dedecius kennen. Ein Jahr später bekam ich eine Stelle als Bibliothekarin und war damit zugleich über- und unterfordert, denn es waren ja die Inhalte, die mich interessierten, nicht die Verwaltung der Bücher. Ich kann mich vage an eine Lesung mit Adam Zagajewski erinnern, die in meine Anfangszeit im Institut fiel, an die ungeheure Wirkung seiner Gedichte und die große Distanz, die mich von dieser Welt trennte. Sie schien mir nach wie vor unerreichbar wie ein Zimmer mit verriegelter Tür. Doch die Atmosphäre im Haus Olbrich – geprägt durch Dedecius´ Persönlichkeit, die Besuche der Schriftsteller, die Gespräche – war sicher der fruchtbare Boden, auf dem meine Leidenschaft für die Literatur und das Übersetzen weiter gedeihen konnte.

Die Grundlage brachte ich mit: das aufmerksame Lesen, das den Wunsch einer Antwort auf die Lektüre beinhaltet. Diese Antwort kann ein Aufsatz, eine Kritik sein, aber eben auch der Versuch, in der eigenen Sprache den Text wiederzugeben, der einen als Leser berührt.

Was beim Übersetzen geschieht, weiß ich nicht. Dem Akt des Übersetzens, also der Übertragung von der einen Sprache in die andere, muss ein anderer Akt vorausgehen: das Verstehen – also das Übersetzen von der Originalsprache in eine außersprachliche Ebene, in jenen (wie László Földényi es nennt) „Geist des unbenennbaren Etwas“, der vermutlich jenseits der Sprache liegt. Dieses intuitive Verständnis ist Voraussetzung für die Übersetzung, denn die Kunst besteht ja darin, den aus vielen prosodischen, semantischen, pragmatischen Elementen bestehenden Geist des Werkes auszudrücken, den Rhythmus, die Melodie zu erspüren und in der eigenen Sprache wiederzugeben. Ganz zu schweigen davon, dass auch der kulturelle Kontext beider Sprachen zu berücksichtigen ist. Das klingt wie die Quadratur des Kreises, und man kann mit Recht daran zweifeln, ob komplexe literarische Gebilde wie etwa Gedichte wirklich so übersetzt werden können, dass ein adäquates Kunstwerk in einer anderen Sprache entsteht. Die Übersetzung stellt in jedem Fall etwas Eigenständiges, Neues dar. In welchem Verhältnis die beiden Texte zueinander stehen, ist eine spannende Frage; ob eine Übersetzung gelungen ist, kann strittig sein. Doch ich möchte die Zweifel heute außer Acht lassen und mich auf das Gelingen konzentrieren.

Das Werk großer Übersetzer spricht dafür. Dedecius´ Biographie zeugt davon, dass Gedichte buchstäblich zum Überleben beitragen können. In russischer Gefangenschaft übersetzte er Lermontov, Puschkin, Achmatova und andere Dichter. An Leib und Seele versehrt, kam er durch das Übersetzen zu Kräften, wie er in seiner Autobiographie schreibt, lernte wieder „aufrecht gehen und stehen. Mit Hilfe der fremden Versfüße, an den Krücken der Poesie.“

Die existentielle Not der Kriegsgeneration ist mir als Kind der fünfziger Jahre fremd. Doch sicher ist auch für mich die Dichtung Nahrung für die Seele. 1987 erschien in Polen der Roman Weiser Dawidek von Paweł Huelle. Das Buch bezauberte mich, ich wollte es unbedingt übersetzen. Dass es mir gelang, ist sicher auf den starken Willen zurückzuführen, der sich der Faszination verdankt.

Huelles Prosa lässt plastisch und mit vielen konkreten Details vor unseren Augen die Stadt Danzig, Langfuhr, die Ostsee, den Strand von Glettkau oder Brösen entstehen, die wir aus den Büchern von Günter Grass kennen. Dass diese Orte bereits literarisch besetzt waren und Huelle in seinem eigenen Stil die Danziger Trilogie fortschreibt, hat sicher einen Teil der Faszination ausgemacht.

Doch das Wichtigste war vermutlich das Geheimnis, das seinen Texten innewohnt, die Poesie. So sehe ich das im Rückblick – und auch im Hinblick auf andere Autoren, die eine besondere Anziehungskraft auf mich ausüben, wie Adam Zagajewski oder Andrzej Stasiuk. Denn das Poetische kann überall wohnen – im Gedicht, in der Prosa, in einem Gemälde, in einem Foto. Im Flügelschlag eines Vogels, im Gesang einer Amsel. Zur Kunst wird das flüchtige Erlebnis, wenn jemand den Vogel bemerkt, wenn jemand der Amsel Gehör schenkt und diesem Augenblick eine Form zu geben vermag.

Wie dieser schöpferische Akt vor sich geht, wie aus der diffusen Materie der Welt in der Sprache das Poetische entsteht, kann wahrscheinlich nicht erschöpfend geklärt werden. Es braucht dafür mehr, als die Wissenschaft analysieren kann – wir sprechen von Inspiration, von Erleuchtung, doch auch das sind Metaphern. Kein Wunder, dass die glaubhaftesten Erklärungsversuche von Dichtern stammen: Adam Zagajewski, der den kreativen Akt als Verbindung des Ewigen, Höheren mit dem Konkreten darstellt, oder Wilhelm Genazino, der den Begriff des „gedehnten Blicks“ geprägt hat. Eine Voraussetzung jedenfalls scheint die – in der Sensibilität des Betrachters begründete – präzise, detaillierte Beobachtung der Realität zu sein. Durch Achtsamkeit, durch genaues Schauen und Beschreiben kann sich die Welt unverhofft öffnen, ein poetischer Augenblick stellt sich ein und trägt uns aus dem Alltag fort. Am Schluss der Galizischen Geschichten von Stasiuk heißt es: „(...) für einen Moment verwandelte das Licht ihre Knochen zu Asche und ihre Körper zu Staub, damit sie ihre Namen und Gestalten vergaßen, ihren Schmerz, ihre Last und die Zeit, die in den Adern nistet wie heißer Sand oder Blei, und nie, aber auch nie eine Pause gewährt.“

Diese Pause gewährt uns die Poesie; es ist ihr Licht, das hier leuchtet. Wir können uns glücklich schätzen, wenn uns die Fähigkeit gegeben ist, solche Augenblicke zu erleben und in Sprache zu fassen. Das ist primär die Fähigkeit des Autors. Doch ich denke, auch der Übersetzer braucht diese Gabe, wenn sein Werk die Ausstrahlung haben soll, die das Original besitzt.

Übersetzen ist für mich das Schreiben eines fremden Textes in meiner Sprache. Es bietet die Freude am Schreiben (die Szymborska so schön als „Rache der sterblichen Hand“ bezeichnete) ohne die Qual und das Risiko des eigenen Sujets. Schreibend eine Welt zu erschaffen, einem Text den poetischen Funken zu entlocken – es ist eine überwiegend intuitive Sache, jedenfalls für mich. Übersetzen ist, bei allen Zweifeln und partiellen Niederlagen, eine befriedigende Tätigkeit. Und so gilt, was Camus über Sisyphos sagte: Wir dürfen uns den Übersetzer als glücklichen Menschen vorstellen.

Ich danke der Akademie für die große Ehrung. Ich danke Michael Krüger, der meine Projekte immer unterstützt hat. Ich danke den Lektoren, allen voran Katharina Raabe, ohne die meine Übersetzungen nicht ganz so gelungen und meine Arbeit noch einsamer wäre. Und ich danke meinen Autoren für das Geschenk ihrer Texte, die geistige und seelische Nahrung, für ihr Vertrauen und ihre Freundschaft. Ohne sie und ihre Bücher wäre mein Leben um viele poetische Stunden ärmer.