Johann-Heinrich-Voß-Preis

The »Johann-Heinrich-Voß-Preis für Übersetzung« (Prize for Translation) has been awarded by the German Academy for Language and Literature since 1958 for the »outstanding achievements in translation,« with a particular emphasis on the translation of literature into German.
The prize is awarded annually at the spring conference of the German Academy.
The Johann Heinrich Voß Prize has been endowed with €15,000 since 2002.

Awardees

Kurt Steinmann

Kurt SteinmannKurt Steinmann

Translator
Born 8/6/1945

Johann-Heinrich-Voß-Preis 2019
Laudatory Address by Hans-Albrecht Koch
Acceptance Speech by Kurt Steinmann
Diploma

Durch seine Vermittlung können diese alten Texte heute wieder ganz neu gelesen werden.

Jury members
Iso Camartin, Elisabeth Edl, Aris Fioretos, Daniel Göske, Susanne Lange, Ernst Osterkamp

 
LAUDATOR
Hans-Albrecht Koch
Born 21/7/1946
Classicist and Germanist

Nie tose der Bürgerkrieg,
unersättlich an Leid,
in dieser Stadt, das wünsche ich ihr,
und nicht begrüße der Staub, trunken vom schwarzen Blut seiner Bürger,
aus Lust nach Vergeltung
gierig das Unheil der Stadt
durch Rache übende Mordtat;
mögen sie Freuden lohnen mit Freuden
im Geist gemeinsamer Liebe
und auch hassen einträchtigen Sinns!

Es ist dieser schwere Ton von lastender Entschiedenheit, den man auch der Übersetzung Kurt Steinmanns anmerkt, der schwere Ton, durch den die Personen bei Aischylos wie hier zum Schluß der „Eumeniden“ sich unterscheiden von den einer freundlicheren Humanität nachsinnenden Figuren des Sophokles und von den oft mit scharfer sophistischer Zunge argumentierenden Gestalten des Euripides, dessen Deus-ex-machina-Lösungen sich als nihilistische Aporien erweisen. Man darf sich aber bei keinem der drei großen griechischen Tragiker darüber täuschen, daß ihre Werke zu allererst Staatsdichtungen sind. Auch bei dem so entschieden humanen Sophokles gehört zur Humanität, daß der einzelne Mensch dem Interesse der Polis geopfert wird, auch wenn er darob zu bejammern ist. So äußert sich in der „Antigone“ der Chor an zentraler Stelle:

Die Toten ehren, eine Art frommer Dienst istʼs,
doch der Staatsmacht – wem immer die Staatsmacht obliegt –
darf man keinesfalls trotzen.

Steinmanns sensible Übersetzung kehrt das harte Aufeinanderprallen der konfligierenden politischen und religiösen Gesetze in der Tragödie als der Dichtung des Gemeinwesens aufs schärfste heraus.

Vielleicht liegt ja ein besonderer Sinn darin, daß die Verleihung des Johann-Heinrich-Voß-Preises kalendarisch immer in die Nähe des Pfingstfestes fällt. Hat doch alles Übersetzen etwas mit dem Pfingstwunder der apostolischen Xenoglossie zu tun und darf sich dabei der Übersetzer aus den alten Sprachen immerhin gleich doppelt vom Heiligen Geist begnadet wissen: Geht er doch mit zwei Sprachen um, deren eine sich recht eigentlich erst als Übersetzung aus der anderen entfaltet hat. Das Verhältnis der beiden Alten Sprachen zueinander kann man allein schon durch folgende Zahlen verdeutlichen: Als Cicero in seiner Schrift „De re publica“ Platons staatstheoretischen Dialog „Politeia“ für ein römisches Publikum zu adaptieren strebte, verfügte das Lateinische über einen nur etwa halb so großen Wortschatz wie das Griechische. Mit diesem Problem hatten alle römischen Autoren zu tun, die zu ihren eigenen literarischen Schöpfungen durch die produktive Aneignung von Werken griechischer Autoren gelangt waren: von Lukrez bis Catull, von Horaz bis Ovid, von Livius bis Tacitus. Das Deutsche wiederum hat im Gegensatz zum Lateinischen immer über einen mit dem Griechischen etwa vergleichbaren Wortschatz verfügt. Zu lernen, sich ständig zwischen so grundverschiedenen Strukturen hin und her zu bewegen, ist nicht der geringste Gewinn an intellektueller Flexibilität, den der altsprachliche Unterricht vermitteln kann.

Folgen wir, wie das einer Laudatio auf einen begnadeten Altphilologen wohl ansteht, den Vorschriften der antiken Rhetorik, so wird der Lobredner angehalten, zu Beginn erst einmal von der großen, ja unübertrefflich großen Zahl rühmlicher Taten des zu Rühmenden zu handeln. Dazu brauchen wir bei Kurt Steinmann aber gar keinen rhetorischen Topos zu bemühen; es genügen vielmehr ein paar Aufzählungen. Ausgezeichnet wird er für ein übersetzerisches Lebenswerk, das allein seinem stupenden Umfang nach seinesgleichen nicht findet.

Es reicht von den beiden frühgriechischen Epen „Ilias“ und „Odyssee“ über die Lieder des Archilochos und der aus Lesbos stammenden Sänger Alkaios und Sappho bis zu den großen Tragödien des 5. vorchristlichen Jahrhunderts. Im Laufe von 30 Jahren sind aus der Feder des heutigen Preisträgers deutsche Versionen hervorgegangen:

Alles zusammen eine überaus reiche Sammlung zum Griechischen Theater: philologisch vorzügliche Übersetzungen, die aber auch ihre Bühnenprobe bestanden haben.

Homer, die frühgriechische Lyrik und die Tragiker – das entspricht dem klassischen Kanon der griechischen Literatur. Man merkt: es fehlt vom Theater nur die Komödie, die eine andere Übersetzungsart als die von Kurt Steinmann gepflegte dokumentarische verlangte: nämlich eine ganz frei mit Analogien aus der Gegenwart spielende.

Zu dem übersetzerischen ‚Hauptwerk‘ kommt noch eine stattliche Reihe von Prosa-Texten: der Eid des Hippokrates, die Apokalypse des Johannes, die Biographie des Diogenes von Sinope aus der Sammlung „Leben und Meinungen berühmter Philosophen“ des Diogenes Laertios, ferner das Märchen von Amor und Psyche aus dem „Goldenen Esel“ des Apuleius von Madaura, ein europäischer Grundtext, recht ein Märchen, wie Goethe dies Wort verstand. Soeben – der Übersetzer kränzt sich für den Tag der Preisverleihung noch einmal selbst – ist der älteste Hirtenroman „Daphnis und Chloe“ des Longos erschienen, ein Liebesroman von ‚goldiger‘ Naivität ... und die schönste Parodie der Gattung zugleich. Nicht vergessen sei schließlich die meisterhafte Übertragung des „Satyricon“ des Petronius Arbiter, einer Anti-Odyssee mit vielen verschiedenen Facetten des gesprochenen Latein, deren Feinheiten – oft sind es ja eigentlich Grobheiten – wiederzugeben höchste Anforderungen an das stilistische Gespür des Übersetzers stellt.

Aus dem Humanismus schließlich müssen noch genannt werden die Übertragungen von Werken mit so weitreichender Wirkung wie Petrarcas „Besteigung des Mont Ventoux“ und das „Lob der Torheit“, „Die Klage des Friedens“ und die „Colloquia familiaria (Vertrauliche Gespräche)“ von Erasmus. Drei Verlage – Manesse, Reclam und Diogenes – teilen sich in die Ehre, diesen Übersetzer zu betreuen.

Nach der Quantität, so schreiben es die antiken Redelehren vor, lenke der Laudator die Aufmerksamkeit auf die besonderen Eigenschaften, vor allem auf die unübertreffliche Qualität der Leistungen des zu Lobenden.

Die meisten deutschen Homer-Übersetzer seit dem 18. Jahrhundert verwandten den Hexameter, von Johann Heinrich Voß bis hin zu Rudolf Alexander Schröder, dem langjährigen Vizepräsidenten der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Seine Hexameter sind freilich dort am gelungensten, wo es gilt, gebändigtes Pathos auszudrücken: also gerade nicht in seinen Homer-Übertragungen, sondern in seiner deutschen „Aeneis“, die er auf beharrliches Drängen und unter Mitwirkung des Altphilologen und Komparatisten Ernst Zinn, auch er Mitglied der Akademie, dem Latein Vergils abgerungen hat. Der als Homer-Forscher wie als Homer-Übersetzer gleichermaßen bedeutende Gräzist Wolfgang Schadewaldt, auch er einst Mitglied der Akademie und Träger des Johann-Heinrich-Voß-Preises, hatte sich für seine Homer-Übersetzungen gegen den Hexameter entschieden und für die Odyssee die Prosaform gewählt, bei seiner Ilias aber zu freien Rhythmen gegriffen.

An die Seite dieser Übersetzungen stellen sich nun die zwei im Laufe eines Jahrzehnts erarbeiteten großen Homer-Übertragungen Kurt Steinmanns – und stellen ihre Vorgänger in einen langen Schatten: Auch Steinmann hat sich für den hexametrischen Vers entschieden, doch hat er seinen Hexameter – so konsequent wie kein Übersetzer vor ihm – von allem Gezwungenen, zuweilen gar Peinlichen freigehalten, das manch wackeren deutschen Homeriden zuvor unterlaufen war auf der langen Wegstrecke von gut 15.000 bzw. gut 12.000 Versen von Ilias und Odyssee. Kurt Steinmann ist es gelungen, in seiner deutschen Übertragung Vorstellung um Vorstellung möglichst in derselben Aufeinanderfolge zu entwickeln wie im Original, kurz: auch den gedanklichen Rhythmus des griechischen Textes weitgehend zu übersetzen. Was die Metrik angeht, fällt bei Steinmann zuweilen am Versanfang der Wortakzent nicht mit dem Versakzent zusammen. Das in deutscher Verskunst an sich geläufige Spiel mit Auftakten ist in der Tradition deutscher Hexameter ein wenig gewagt, aber es kann glücken, wie man sieht, und den Vers von Schwere entlasten.

Der gute Übersetzer ist im günstigsten Fall auch ein guter, ja der beste Kommentator eines Textes. Kein Verfasser eines wissenschaftlichen Kommentars kann alles kommentieren. Das versteht sich von selbst. Warum aber nahezu alle Kommentatoren immer gerade die Stellen ganz ausführlich behandeln, die man zur Not auch ohne ihre Erklärungen noch ganz gut versteht, dafür jedoch solche Passagen ganz unkommentiert lassen, deren Dunkelheit wegen auch der kundigste Leser gern nach einem wissenden Kommentar griffe – das gehört zu den unaufgelösten Rätseln der Philologie. Der gute Übersetzer kann im Gegensatz zum Kommentator nirgend ‚mogeln‘, zumindest seit die Zeiten der belles infidèles vorbei sind. Er muß seinem Text, ohne etwas auszulassen, immer einen Sinn abgewinnen, es sei denn, es liege einmal der seltene Fall einer Crux vor. Beim Ringen um Sinn räumt Steinmann mit zahlreichen, zum Teil, au pied de la lettre, jahrhundertealten Irrtümern auf: So macht seine neue Übersetzung in der großen Szene mit Hektors Abschied von Andromache aus dem selbst bei den besten Übersetzern anzutreffenden „helmfunkelnden“ Hektor endlich richtig den „helmschüttelnden“ Hektor, der mit dem Schwingen seines Helmbusches seinen kleinen Sohn Astyanax erschrickt:

[...] und legte seinen Sohn in die Arme
seiner Gattin; die nahm ihn an ihren duftenden Busen,
unter Tränen noch lächelnd. Gerührt nahm wahr es der Gatte,
streichelte sie mit der Hand und sprach und sagte die Worte:
„Unbegreifliche! Sei mir im Herzen doch nicht allzu traurig,
wird mich doch keiner gegen das Schicksal zum Hades entsenden!
Aber dem Todeslos, sagʼ ich, ist noch keiner entronnen –
ob er feige, ob tapfer –, sobald er einmal geboren.“

Welch ein Grad der Verfeinerung und Vollendung ist da erreicht auf dem langen Weg von den frühen deutschen Homer-Übersetzungen! Wie die Vossische Übersetzung wird auch die Steinmannsche ihren Platz als ein eigenständiges sprachliches Kunstwerk in der Geschichte der deutschen Literatur finden: eine Übersetzung, der es mustergültig gelungen ist, soviel Fremdes der Antike wie möglich ins Deutsche zu transponieren, ohne befremdlich zu werden.

So sehr ich auch versucht bin, zum Schluß des rühmenden Glückwunsches aus dem von Kurt Steinmann übersetzten „Handbüchlein der Moral“ zu zitieren, jene Stelle nämlich, die von den vielen Möglichkeiten der Lobrede handelt, zu mißglücken, und den wenigen, zu gelingen – so soll doch hier am Ende noch einmal – auch als Gruß an den Ort der Feier – der Chor der Eumeniden, der Wohlwollenden, zu Wort kommen, der Wohlwollenden, die Wohlwollende erst aus Übelwollenden geworden sind:

Nie tose der Bürgerkrieg,
unersättlich an Leid,
in dieser Stadt, das wünsche ich ihr,
und nicht begrüße der Staub, trunken vom schwarzen Blut seiner Bürger,
aus Lust nach Vergeltung
gierig das Unheil der Stadt
durch Rache übende Mordtat.