Johann-Heinrich-Voß-Preis

The »Johann-Heinrich-Voß-Preis für Übersetzung« (Prize for Translation) has been awarded by the German Academy for Language and Literature since 1958 for the »outstanding achievements in translation,« with a particular emphasis on the translation of literature into German.
The prize is awarded annually at the spring conference of the German Academy.
The Johann Heinrich Voß Prize has been endowed with €15,000 since 2002.

Awardees

Harry Rowohlt

Harry Rowohlt

Writer, Journalist, Translator and Actor
Born 27/3/1945
Homepage

Johann-Heinrich-Voß-Preis 1999
Laudatory Address by Herbert Heckmann
Acceptance Speech by Harry Rowohlt
Diploma

... der ein untrügliches Gespür für Wortwitz und Bedeutungsnuancen besitzt...

Jury members
Kommission: Joachim Kalka, Friedhelm Kemp, Werner von Koppenfels, Roswitha Matwin-Buschmann, Lea Ritter-Santini, Michael Walter

Mitglieder des Erweiterten Präsidiums

Der Äquilibrist

LAUDATOR
Herbert Heckmann
Born 25/9/1930
Deceased 18/10/1999
Writer

Das Leben schmeckt gut − und schlecht genug, jedenfalls bedarf es keiner Würze und Nachhilfe und künstlicher Pikanterie. Nicht anders ist es mit der Übersetzung. Übergießt sie der Übersetzer mit allerlei aus seinem Sprachphantasiefaß, daß man das Original kaum ahnen kann, übersetzt er gleichsam mit geblähten Backen, um den Einzug in die deutsche Sprache als in eine andere Fremdsprache zu feiern, dann haben wir jetzt lediglich ein Buch aus zweiter Hand vor uns, das die erste nie geschrieben hätte. Andererseits erweist sich eine brave Übersetzungspedanterie, die nur auf Gleichungen aus ist, aber nicht auf Sinn, als auch nicht besser. Sie bestätigt lediglich die Feststellung Karl Valentins, der in einer Orchesterprobe dem Dirigenten nach dessen Aufforderung, so zu spielen, wie es in der Partitur stehe, zurief: »Das wird a Gaudi geben.«
Was aber liegt zwischen diesen beiden Extremen?
In unserer Satzung heißt es, daß eine Übersetzung von schriftstellerischem Rang ausgezeichnet werden soll. Harry Rowohlt ist beides, Schriftsteller und Übersetzer, und er kann seine Texte so gut vortragen, daß man ihm stundenlang zuhören kann, nein muß − und er liest gottseidank auch stundenlang, so daß unsere Ohren zu Flügeln werden. Er ist ein Sprachäquilibrist von höchstem Geschick. Er beherrscht die englische Sprache, oder genauer die englischen Sprachen so gut wie die deutsche mit ihren vielen Ebenen und Jargons etc., so daß er nicht in die Verlegenheit kommt, alles über einen Kamm zu scheren. Er weiß, daß ein Dialog von Menschen gesprochen wird, die einen unverwechselbaren Charakter besitzen, und daß bei der Übersetzung diese Unverwechselbarkeit gewahrt bleiben muß. Wir nennen die Übersetzung etwas leichtsinnig Eindeutschung, ohne den Umstand zu berücksichtigen, daß bei der Eindeutschung die originale Sprachstaatsbürgerschaft nicht völlig verlorengehen darf. Überzeugend führte das Harry Rowohlt in seiner Übersetzung des Kinderbuchs Winnie-the-Pooh von Alan Alexander Milne vor, das 1926 in London erschien und sofort die Begeisterung der Kinder und − wie das bei sehr guten Kinderbüchern meist der Fall ist − auch die Begeisterung der Erwachsenen fand. Die erste deutsche Übersetzung lag 1928 unter dem Titel Pu der Bär vor, während das folgende Pu-Buch The House at Pooh Corner, das 1928 in England erschien, erst 1953 unter dem vom Englischen abweichenden Titel Wiedersehen mit Pu herauskam. Der deutsche Pu redete in den beiden Übersetzungen, wie sich ein deutscher Zoobesucher einen Bären vorstellt, der der menschlichen Sprache mächtig ist − ein bißchen ungebärdig, oder wie die Kinder mit Recht sagen »doof«. Erst durch die Übersetzung von Harry Rowohlt können auch die deutschen Leser aller Altersklassen sich überzeugen, welch ein einzigartiges Lesevergnügen die beiden Pu-Bücher bereiten.
Als ich Harry Rowohlt kennenlernte, stellte ich zu meiner Überraschung fest, daß er genau so ausschaute und genau so sprach wie jemand, der Alan Alexander Milnes Pu-Bücher übersetzen kann. Zugegeben, das ist keine philologische Begründung − und gehört gar nicht hierher. Aber bitte sehr, hören Sie ihm einmal zu, wie er seine Übersetzung vorbrummt, dann werden Sie mir zustimmen. Wie sagen die Franzosen: »C’est le ton qui fait la musique.«
Und jetzt ist es höchste Zeit, auf das Äquilibristische zu kommen. Jeder, der schon einmal versuchte, ein Kinderbuch zu schreiben, wird wissen, wie schwer dies ist und wie wenig damit getan ist, in ein kindgemäßes Simpeldeutsch zu verfallen − in der irrigen Meinung, Kinder dürften nicht überfordert werden. Schwer zu schreiben, ist nicht schwer, aber leicht zu schreiben, ohne ins anbiedernde Kindgemäße abzustürzen oder in zeigefingernde Prosa, wie beides nur zu oft in der Kinderliteratur geschieht, gelingt nur wenigen. Wir wollen nicht vergessen, daß Harry Rowohlt in dem englischen Original eine selten gute Vorgabe hatte. Um so mehr muß man seine Übersetzung loben, die das Original nicht zerzauste. Ein Beispiel: Zunächst eine Passage aus Winnie-the-Pooh:

»One day when he was out walking, he came to an open place in the middle of the forest, and in the middle of this place was a large oak-tree, and, from the top of the tree, there came a loud buzzing-noise.
Winnie-the-Pooh sat down at the foot of the tree, put his head between his paws and began to think.
First of all he said to himself: ›That buzzing-noise means something. You don’t get a buzzing-noise like that, just buzzing and buzzing, without it’s meaning something. If there’s a buzzing-noise, somebody’s making a buzzing-noise, and the only reason for making a buzzing-noise that I know of is because you’re a bee.‹
Then he thought another long time, and said: ›And the only reason for being a bee that I know of is making honey.‹
And then he got up, and said: ›And the only reason for making honey is so as I can eat it.‹ So he began to climb the tree.«

Der englische Text ist von bezaubernder Einfachheit und von überwältigender Logik. Nicht nur das: Ihm eigen ist eine mitreißende Satzmelodie, die selbst Schlafhäupter die Ohren spitzen läßt.
Erlauben Sie mir einen Zweijahrhundertsprung. Johann Christoph Adelung verlangte in seiner zweibändigen Abhandlung Über den deutschen Styl (1789) von einem guten Schriftsteller: Reinigkeit, Klarheit und Deutlichkeit, Angemessenheit, Präzision, Wohlklang und schließlich Lebhaftigkeit. Harry Rowohlt hat diese Wünsche für einen guten Stil in seiner Übersetzung allesamt erfüllt. Vor allem ist es ihm gelungen, diese einfache Passage so zu übersetzen, daß jeder, der den Honig der Unterhaltung und logische Spannung schätzt, auf seine Kosten kommt. Hören Sie selbst:

»Eines Tages, als er (Pu der Bär) einen Spaziergang machte, kam er an eine freie Stelle inmitten des Waldes, und inmitten dieser Stelle stand eine große Eiche, und vom Wipfel des Baumes kam ein lautes Summgeräusch. Winnie-der Pu setzte sich an den Fuß des Baumes, steckte den Kopf zwischen die Pfoten und begann zu denken.
Zuallererst sagte er sich: ›Dieses Summgeräusch hat etwas zu bedeuten. Es gibt doch nicht so ein Summgeräusch, das so einfach summt und summt, ohne daß es etwas bedeutet. Wenn es ein Summgeräusch gibt, dann macht jemand ein Summgeräusch, und der einzige Grund dafür, ein Summgeräusch zu machen, den ich kenne, ist, daß man eine Biene ist‹, dann dachte er wieder lange nach und sagte: ›Und der einzige Grund dafür, eine Biene zu sein, den ich kenne, ist Honig zu machen.‹
Und dann stand er auf und sagte: ›Und der einzige Grund Honig zu machen ist, damit ich ihn essen kann‹: also begann er den Baum hinaufzuklettern.«

Sie könnten vielleicht einwenden, daß ein so scheinbar einfacher Text keines großen Übersetzungstalents bedarf − und doch werden Sie schnell feststellen, wenn Sie sich der Mühe der Übersetzung einmal selbst unterziehen, wie schwierig diese Einfachheit zu behaupten ist, wo es auf jedes Wort ankommt − vor allem auf die Wörter, die man wegläßt. Kinder lieben das verbindende »und« und das »und dann« in einer Erzählung, doch muß man mit diesen »unds« sparsam umgehen, um nicht nur auf den Verlauf der Zeit hinzuweisen und darüber das Geschehen zu vergessen. Man muß ein Vergnügen am Spiel und Gespinst der Worte haben − freilich der kraftvollen, furchtbaren und klingenden Worte, wie sie wohl dem Meister Jacob Grimm vorschwebten, wenn er von der selbstzeugenden und -gebärenden Macht des deutschen Wortes träumte, aber genug, es sind Worte, und immer durch Worte einer höheren künstlerischen Wirkung gefährdet. Das wußte auch der Engländer Milne. In diesem Augenblick besinnt er sich, dann verstummt die ewig abschweifende, umrankende, motivierende und übermotivierende Redseligkeit, und es steht nackt da: »Und der einzige Grund dafür, eine Biene zu sein, den ich kenne, ist Honig zu machen.« Und dann ein »und dann weiß Pu was die Glocke der Logik geschlagen hat«.
Harry Rowohlt beherrscht alle Register der Sprache, er weiß, was man mit Worten alles anfangen und beenden kann. Man lese nur seine Kolumnen in der ZEIT, die von einem Sprachhumor geprägt sind, wie er nicht häufig im griesgrämigen Deutschland zu lesen ist.
Harry Rowohlt weiß: Was der Alltagsschwätzer als »gesuchten Stil« verunglimpft, ist sehr oft nur ein »suchender« Stil, der sich seine Hörer und Leser aussucht und eine Art Etikette sein will, mit der die Gleichberechtigten einander erkennen und sich gegen Tieferstehende abgrenzen. Der gesuchte Stil wendet sich an gesuchte, ausgesuchte Menschen, die einen solchen Stil als Regel und tägliches Brot backen. Wer aber selbst Regel und Alltäglichkeit ist, bleibe ihm fern, für ihn ist jeder vornehme Stil etwas Gesuchtes und leider nie Gefundenes.
Harry Rowohlt ruht nicht eher, bis er den treffenden Ausdruck, die situationsmarkante Redewendung gefunden hat. Doch merkt man seiner Sprache in seinen Übersetzungen und in seinen eigenen Texten nie die Anstrengung an. Er besitzt die Gabe der Selbstverständlichkeit, die jede Redewendung und jedes Wort so lange abwägt, bis es sich ihm wie von selbst einstellt. Dabei denkt er englisch, um das deutsche Äquivalent zu finden. Ein Meisterwerk seiner Übersetzungskunst ist die deutsche Fassung des 1939 erschienenen Romans At Swim-Two-Birds von Flann O’Brien, der eigentlich Brian O’Nolan (irisch Briain O’Nuallain) hieß und neben seinen Erzählungen und Romanen Kolumnen für die Zeitung schrieb und den die Iren gern mit James Joyce vergleichen, ja sogar mit patriotischem Eifer über ihn stellen. Die erste deutsche Übersetzung aus dem Jahre 1966 verriet schon im Titel Zwei Vögel beim Schwimmen, daß sie mißlungen ist. Harry Rowohlt, dessen Übersetzung 1989 herauskam, beließ es bei der genauen Übersetzung des englischen Titels, In Schwimmen-Zwei-Vögel, der übrigens im Roman erklärt wird. Von einem Schwimmkurs für zwei Vögel kann beim besten Willen nicht die Rede sein. Man muß sich keineswegs der wörtlichen Übersetzung schämen. Der Roman, von dem die Rede ist, wurde mit Whiskey getauft und erweist sich als ein turbulentes Gebilde aus Wortspielen, irischer Mythologie, satirischen und parodistischen Elementen, realistischen Passagen und-Trinkpausen. Ich hatte 1966 das Glück, in einer irischen Kneipe in Chicago Passagen daraus von einem Iren gelesen zu hören − und muß gestehen, daß ich selten einer Lesung so hingerissen gelauscht habe wie dieser, ohne daß ich allzuviel verstanden hätte. Zuguterletzt war auch nicht mehr viel zu verstehen, weil der Vorleser nicht mehr die Seiten umblätterte, sondern nur noch nach dem Glas griff. Aber die jauchzenden O’s und A’s überschwemmten mich gleichsam, so daß ich das Gefühl hatte, auf eine Insel zuzuschwimmen, wo die Ursprache noch herrschte, die Gott Adam beigebracht hatte, um dessen Wissensdurst zu stillen. Damals dachte ich, diesen Roman müßte es auch im Deutschen geben, und es kam dazu, wobei ich Harry Rowohlt auf dem irischen Umweg kennenlernte. Die verdammte Wahrheit ist freilich, daß die wunderbare Übersetzung von At Swim-Two-Birds die deutschen Leser nicht allzusehr animierte, Flann O’Brien kennenzulernen. Sie waren aber schon immer unpoetische Trinker, und wenn sie Wortwitze wagen, dann klingt das meist so, als würden sie einen Frosch verschlucken.
1996 erschien in Amerika ein Buch irischer Erinnerungen von Frank McCourt unter dem Titel Angelaʼs Ashes. Im selben Jahr lag schon die deutsche Übersetzung von Harry Rowohlt vor, der er den Titel gab Die Asche meiner Mutter. Die amerikanische Kritik hat das Buch über den grünen Klee gelobt, in Deutschland fand es auch viel Zuspruch, aber in einem doppelten Sinn, den Kritikern und dem Lesepublikum gefiel sowohl das Buch als auch die Übersetzung, bei der man den Eindruck hatte, daß es gar keine Übersetzung sei, so original wirkte die Sprache, so irisch unverblümt und erzählerisch, daß man gleich den Whiskey und den Lammbraten dazu roch. Wir vergessen nur zu leicht, daß die Lektüre ein synästhetisches Abenteuer ist. Wir vergessen aber auch, daß eine Übersetzung dann gelungen ist, wenn sie sich gar nicht wie eine Übersetzung liest − oder anhört.
In Die Asche meiner Mutter erzählt der Autor seine Kindheit in New York. Der Vater schafft es nicht, auf einen grünen Zweig zu kommen, und vertrinkt das bißchen, das er verdient, um wenigstens im Rausch von dem Land unbegrenzter Möglichkeiten zu träumen, für das er Amerika hält: Die Mutter, die immer wieder schwanger ist, aber bis auf wenige ihre Kinder wieder verliert, betet und schuftet, um die Familie zusammenzuhalten, bis sie nicht mehr kann und stirbt, nachdem die Familie aus dem Elend New Yorks nach Irland geflüchtet war, was sich auch nicht als das Paradies erwies. Frank McCourt schafft es, indem er sich den irischen Galgenhumor zu eigen macht, der noch aus der Tiefe der Verzweiflung ein Lächeln hervorzaubert und vor Gott und sämtlichen Heiligen ausruft: »Give a damn!«, und schon ist man einen Schritt weiter. Er wurde Lehrer und hat wohl sein ganzes Leben lang sich seine Erinnerungen erzählt, bis er sie im Pensionsalter zu Papier bringen konnte, ohne die Unmittelbarkeit des Erlebten zu verlieren. Zu Beginn seiner Erinnerungen erzählt er wie ein Kind mit dem Horizont eines Kindes. Je älter er wird, um so größer wird sein Sprachschatz, und um so mehr entdeckt er, wie es in der Welt zugeht. Der Zugewinn der Sprache hat für ihn einen nachgerade aufklärerischen Charakter. Diesen Übergang von der schmatzenden, kauenden Sprachnaivität des Kindes, die noch nicht das Uneigentliche kennt, bis hin zur durchtriebenen Sprachbeherrschung des Erwachsenen, die auch zwischen den Wörtern redet und zwischen den Zeilen schreibt − hat Harry Rowohlt auch im Deutschen überzeugend vorgeführt. In ihm steckt ein großer Erzähler, so daß es ihm möglich ist, auch erzählend zu übersetzen. Da stimmt die Satzmelodie, da wird der Leser oder Zuhörer immer neugieriger − und das ist etwas, das wir nur noch selten in der Literatur erfahren. Schließlich haben wir die Ohren, um sie auch zu spitzen. So müssen wir Harry Rowohlt danken, daß er unserer Neugier auf die Sprünge hilft. Damit ich nicht vergesse zu erzählen. So fängt die Literatur an − und so übersetzt er, der genau weiß, was sich zu übersetzen lohnt. Er ist nämlich auch ein Kritiker. Nun gut: Ich freue mich von Herzen mit ihm, daß er den Johann-Heinrich-Voß-Preis erhält, warne ihn jedoch davor, als Dankes-Retourkutsche die Voßsche Idylle Luise ins Englische zu übersetzen.