Johann-Heinrich-Voß-Preis

The »Johann-Heinrich-Voß-Preis für Übersetzung« (Prize for Translation) has been awarded by the German Academy for Language and Literature since 1958 for the »outstanding achievements in translation,« with a particular emphasis on the translation of literature into German.
The prize is awarded annually at the spring conference of the German Academy.
The Johann Heinrich Voß Prize has been endowed with €15,000 since 2002.

Awardees

Harry Rowohlt

Harry Rowohlt

Writer, Journalist, Translator and Actor
Born 27/3/1945
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Johann-Heinrich-Voß-Preis 1999
Laudatory Address by Herbert Heckmann
Acceptance Speech by Harry Rowohlt
Diploma

... der ein untrügliches Gespür für Wortwitz und Bedeutungsnuancen besitzt...

Jury members
Kommission: Joachim Kalka, Friedhelm Kemp, Werner von Koppenfels, Roswitha Matwin-Buschmann, Lea Ritter-Santini, Michael Walter

Mitglieder des Erweiterten Präsidiums

 

Bevor ich mich bei Herbert Heckmann für seine schöne Laudatio bedanke, möchte ich mich bei Asher Reich dafür bedanken, daß er mir seinen Gürtel geliehen hat, denn sonst könnte ich hier nicht so frei stehen.
Ich hatte mir eine Laudatio von Herbert Heckmann gewünscht, weil er bereits 1997, als ich den Brüder-Grimm-Preis der Stadt Hanau bekam, die Laudatio gehalten hat. Und da hat er versprochen, er schickt mir eine Kopie, und das hat er nie gemacht. Deshalb dachte ich, die Rede würde ich zu gern noch einmal hören, aber er hatte sie verschlampt und hat heute eine ganz andere gehalten. Diesmal habe ich die Kopie jetzt schon. Vielen Dank.
Deutsch ist eine sehr dankbare, wie wir Übersetzer sagen, Zielsprache, im Gegensatz zu Englisch, welches Tucholsky mal mit Recht als einfache, aber komplizierte Sprache bezeichnet hat, bestehend aus lauter Fremdwörtern, die falsch ausgesprochen werden. Im Gegensatz zu Englisch ist Deutsch eine poetische, aber trotzdem präzise Sprache, die sich lediglich die falschen Völker ausgesucht hat, nämlich hauptsächlich das deutsche, die weder was mit Präzision noch auch eigentlich mit Poesie anzufangen wissen. Das ist schade. Ich meine, es gibt die deutsche Sprache ja, man kann mit ihr rummachen.
Und außerdem kann es durchaus passieren, daß ein guter englischer Text auf deutsch, wenn er getreulich 1:1 übersetzt ist, tatsächlich objektiv besser ist als das englische Original, einmal weil Englisch sich aus dem zusammensetzt, was Arbeit macht, also dem angelsächsischen, und dem, was man genießt, also dem normannischen Erbe − cow macht Arbeit, beef genießt man −, weshalb es auch kein englisches Wort für herzlich gibt. Heart heißt Herz, und das Adjektiv dazu, cordial, heißt: Leck mich am Arsch. Und deshalb kann eine deutsche Übersetzung tatsächlich besser sein als das englische Original.
Und im Deutschen kommt noch das hinzu, was ich den Krimi-Effekt nenne. Weil: Bei etwas längeren deutschen Sätzen kommt das Verb am Schluß, so daß man tatsächlich den ganzen Satz lesen muß, um zu erfahren, was er mit ihr gemacht hat. Hat er sie geküßt, hat er sie am Halse gewürgt, hat er ihr fünf Mark geliehen; wir werden es nie erfahren, es sei denn, wir lesen den ganzen Satz. Am Ende kommt dann, ah, die Erleichterung: Er hat sie geküßt.
Soviel zu meinem theoretischen Rüstzeug.
Ich werde immer als Kollegenschwein bezeichnet, welches in abschätziger Weise über andere Übersetzer herzieht. Das stimmt erstens nicht und ist zweitens ganz leicht zu erklären. Wir belletristischen Übersetzer gehen nicht so sonderlich kollegial miteinander um, weil wir so wenig verdienen. Wissenschaftliche und technische Übersetzer sind sehr viel lieber zueinander, aber die kriegen auch viel mehr Geld, und zwar mit Recht, und deshalb sind sie auch kollegialer. Ich habe vor ein paar Jahren in meiner Westberliner Stammkneipe, der Dicken Wirtin am Savignyplatz, einen wissenschaftlichen Übersetzerkollegen kennengelernt, der mir sagte, er habe sich vom Honorar für sein letztes Buch die Kombüse seines Segelboots in Kirschbaumwurzelholz paneelieren lassen. Belletristische Übersetzer könnten höchstens ausgespeuzte Kirschkerne mit dem Daumen in Rigips drücken, aber das − wie wir Hamburger sagen − sieht nicht aus. Was der Hamburger übrigens dadurch einspart, daß er sagt: »Die sieht doch nicht aus«, das verplempert er durch den Nachsatz »die Haarfrisur«: »Die sieht doch nicht aus, die Haarfrisur.«
Vor etwa sechs Jahren fand in Hamburg eine Woche israelischer Lyrik statt, und meine Freundin Lydia Böhmer fungierte da als Dolmetscherin, nicht als Übersetzerin, sondern als Dolmetscherin. In der Pause fragte mich Lydia: »Kannst du mir sagen, warum die Übersetzerin die letzte Zeile des letzten Gedichts, die im Original lautet ›Und der alte Container steht immer noch da‹, übersetzt hat mit ›Doch der alte Container steht schon lange nicht mehr da‹?« Da habe ich ihr gesagt: »Weil es Lyrik ist. Das ist eine so schön niederschmetternde Schlußzeile, daß es völlig wurscht ist, ob der alte Container immer noch dasteht oder schon lange nicht mehr.« Und deshalb verdienen wissenschaftliche und technische Übersetzer mehr als wir belletristischen Übersetzer, denn in deren Texten geht es ausschließlich darum, ob alte Container immer noch da sind, wo man sie wähnte, oder nicht. Deshalb bin ich auch gar nicht neidisch auf wissenschaftliche und technische Übersetzer und auch nicht mehr auf andere belletristische Übersetzer, besonders jetzt nicht, da ich bereits meinen zweiten Übersetzerpreis bekomme, und, wie Oscar Wilde sagt: Erfolg verbessert den Charakter.
− Aber früher, als ich noch bekennender Neidhammel war, das war 1996, habe ich für DIE ZEIT einen häßlichen Text über eine Übersetzerkollegin geschrieben, die gerade ihren dritten Übersetzerpreis bekommen hatte, und diesen kleinen gemeinen Text lese ich mal eben vor:

»Angela Praesent kriegt schon wieder einen Übersetzerpreis. Nicht, daß ich ihr den nicht herzlich mißgönnte; man will ja auch nicht ungerecht sein, aber daß sie schon wieder einen kriegt, das ist ja schon fast ein tópos:
Es waren Vögel in der Luft. In der Ferne bellte ein Hund. Angela Praesent bekam einen Übersetzer-Preis.
Unterdessen war es immer später geworden. Der Wind heulte tüchtig im Kamin, die Herren erzählten Gruselgeschichten, die Damen gruselten sich, und man sprach fleißig dem Eierpunsch zu, als plötzlich die alte Standuhr in der Diele laut und vernehmlich zu schlagen begann. Zwölfmal. Geisterstunde. Wie ein kalter Flügelschlag wehte es über die ausgelassene Gesellschaft und hieß sie beklommen innehalten. Nur hinter der schweren Eichentäfelung hörte man, wie Angela Praesent einen Übersetzer-Preis bekam.
Die Klingel schrillte. Heftig wurde an die Tür geklopft. ›Aufmachen! Polizei!‹ Angela Praesent bekam vor Schreck einen Übersetzer-Preis.
Ein Trostpreis dafür, daß man Harold Brodkey übersetzt hat, wäre auch einer zu wenig. Ich habe auch mal Brodkey übersetzt und gedacht: ›Was ist denn das für ein Spasti??? Alles falsch schreiben und keinen Punkt auf der Maschine. Statt dessen immer - - -‹
Stellen Sie sich das mal vor. Sie fressen sich durch den absoluten Schwachsinn
des Joyces der 90er, und anstelle eines Punktes schreibt er immer- - - Und jetzt
stellen Sie sich das mal vor - - - Das kann man gar nicht tippen, so blöd ist es - - -
Stellen Sie sich mal vor, Sie schrieben - - - Und Sie finden kein Satzende, sondern
immer nur - - - Aha, denken Sie, jetzt werden auch allmählich die deutschsprachigen
Lektorate aufmerksam, denn wenn jemand keinen Punkt auf der Maschine hat und absolut unspannend seinen Schwuchtelkram aufdröselt, dann müssen Diogenes, Rowohlt und Hanser doch sofort mitbieten - - - So, stelle ich mir vor, ist der Haffmans Verlag entstanden. Punkt.
Kennen Sie die Geschichte über den Mann mit dem Kinn aus Stahl? Können Sie gar nicht kennen. Waren Sie ja nicht dabei. Deshalb erzähl ich sie Ihnen. Sie müssen sich aber alles, was in VERSALIEN kommt, von jetzt an in KÖLSCH vorstellen.
Also: GROSSBUCHSTABEN: KÖLSCH. (Sie, meine sehr verehrten Damen und Herren, brauchen sich gar nichts vorzustellen; Sie haben ja mich dabei.)
Es gibt nämlich auch Menschen, die sich ihr Geld ehrlich verdienen. Aber das ist die Moral der Geschichte, und ich nehme sie nur rasch vorweg, damit sie nicht verlorengeht.
Straßenfest in der Dieselstraße in Köln-Kalk. Der Anreißer sagt: ›UND NUN, MEINE SEHR VEREHRTEN DAMEN UND HERREN, ALS ABSCHLUSS UND KRÖNUNG UNSER MONSIEUR DE BERGERAC AUS FRANKREICH. MONSIEUR DE BERGERAC ENTSTAMMT EINER URALTEN FRANZÖSISCHEN AKROBATENDYNASTIE UND IST SEINEN REICHHALTIGEN FRANZÖSISCHEN VERPFLICHTUNGEN ENTFLOHEN, UM HEUTE ABEND HIER, MEINE SEHR VEREHRTEN DAMEN UND HERREN, UNTER BEWEIS ZU STELLEN, UND WENN ICH SAGE .UNTER BEWEIS«, DANN MEINE ICH .UNTER BEWEIS«, DENN MONSIEUR DE BERGERAC, MEINE SEHR VEREHRTEN DAMEN UND HERREN, IST DER MANN MIT DEM KINN AUS STAHL. UNSER MONSIEUR DE BERGERAC AUS FRANKREICH WIRD VOR IHREN EIGENEN UNGLÄUBIGEN AUGEN, MEINE SEHR VEREHRTEN DAMEN UND HERREN, SCHIER UNGLAUBLICHES VOLLBRINGEN. ER WIRD GEWICHTE HEBEN, JA, BALANCIEREN, DIE NOCH NIE ZUVOR VON JEMANDEM GEHOBEN WORDEN SIND, UND ZWAR, WIE ICH BETONEN MÖCHTE, AUF SEINEM KINN AUS STAHL. BITTESCHÖN: EINEN SCHÖNEN APPLAUS FÜR UNSEREN MONSIEUR DE BERGERAC AUS FRANKREICH!‹
Monsieur de Bergerac aus Frankreich packt sich erst einen, dann zwei, dann drei, dann vier Stühle aufs Kinn.
›UND NUN NOCH EINEN SCHÖNEN SCHLUSSAPPLAUS FÜR UNSEREN MONSIEUR DE BERGERAC AUS FRANKREICH, WELCHER SICH JETZT FLUGS IN SEIN GELIEBTES FRANKREICH ZURÜCKBEGEBEN WIRD, WO IHN BEREITS REICHHALTIGE VERPFLICHTUNGEN ERWARTEN. MERCI BIEN, LIEBER MONSIEUR DE BERGERAC, UND AU REVOIR!‹
Ich stelle mich ans Büdchen, kriege ein Kölsch (das ist ein obergäriges helles Bier), Monsieur de Bergerac aus Frankreich stellt sich neben mich, kriegt ebenfalls ein Kölsch, lenzt es in einem Zug und stöhnt: ›BWOA, DADDISJOOT!‹«

Aber Übersetzer sollen übersetzen und nicht schreiben; bestenfalls dürfen sie aus ihren Übersetzungen vorlesen, weshalb ich zum Schluß − meine zehn Minuten sind, glaube ich, schon vorbei, aber das nützt Ihnen gar nichts; Professor Heckmann hat ja schon darauf hingewiesen, daß ich stundenlang lese − ein Gedicht vorlesen möchte, Pinocchio von Shel Silverstein, zuerst im amerikanischen Original und mit der Originalstimme von Shel Silverstein, und dann meine deutsche Nachdichtung:

»Pinocchio, Pinocchio,
That little wooden bloke-io,
His nose, it grew an inch or two
With every lie he spoke-io.

Pinocchio, Pinocchio,
Thought life was just a joke-io,
’Til the mornin that he met that cat
And the fox in a long red cloak-io.

They cried, »Come on, Pinocchio,
We’ll entertain the folk-io,
On puppet strings you’ll dance and sing
From Timbuktu to Tokyo.«

Pinocchio, Pinocchio,
Got sold to a trav’lin show-kio,
Got put in a cage by a man in a rage
With a stick to give him a poke-io.

So Pinocchio, Pinocchio,
Out of that cage he broke-io
To the land where boys just play with toys
And cuss and fight and smoke-io.

Pinocchio, Pinocchio,
He finally awoke-io
With donkey ears and little-boy tears,
And his poor wooden heart was broke-io.

So back home ran Pinocchio
As fast as he could go-kio,
But his daddy, he had gone to sea,
So off to sea went Pinocchio.

Pinocchio, Pinocchio,
He got quite a soak-io
When he lost his sail and got ate by a whale,
And it looked like he was gonna croak-io.

But Pinocchio, Pinocchio,
A fire he did stoke-io
Inside that whale, who sneezed up a gale
And blew him out in the smoke-io.

Pinocchio, Pinocchio,
Next mornin he awoke-io,
And he had no strings or puppety things,
And his donkey ears had disappeared,

And his nose − surprise! was the normal size,
And his body felt fine, not made of pine,
And he cried, ›Oh joy, I’m a real boy,
And everything’s okey-dokey-o.‹«


»Pinocchio, Pinocchio
War geschnitzt aus einem Pflocchio,
Seine Nase aber wuchs, und zwar immer ziemlich flugs,
Wenn eine Lüge er gesprochen hat aus Bocchio.

Pinocchio, Pinocchio
Sah das Leben an wie einen Teller Gnocchio,
Bis er noch halb im Schlaf im Wald die Katze traf
Und den Fuchs in seinem feinen roten Rocchio.

Sie riefen: ›Komm, Pinocchio,
Wir versetzen der Welt einen Schocchio!
Als Marionette machst du fette
Beute von hier bis hin nach Tocchio‹

Pinocchio, Pinocchio
Ging ringeln um die Welt around the clocchio.
Ein altes Männlein klein sperrte ihn dann ein
Und piekste ihn mit einem spitzen Stocchio.

Pinocchio, Pinocchio,
Der arme, kleine Schmocchio,
Ist geflohen in die Stuben von den bösen, bösen Buben
Bei Gezeche und Gewürfel und Gezocchio.

Pinocchio, Pinocchio
Wachte eines Tages auf bei Papa Docchio (oder wo),
Und er hatte Eselsohren, und er war total verloren,
Und sein armes Herz aus Holz klang ticktacktocchio.

Nach Hause lief Pinocchio,
Bis qualmte seine Socchio,
Doch sein Vater, oweh, war weit entfernt auf hoher See
Mit Luv und Lee und Besanmast und Focchio.

Das Meer, das Meer, Pinocchio,
Das ist kein Trockendocchio.
Erst büßte er sein Segel ein,
Dann schlürfte ihn ein Walfisch rein
Met einem wenzegen Schlocchio.

Doch Pinocchio, Pinocchio
Machte Feuer an mit einem Treibholzblocchio
Im Innern von dem Wal, und der nieste voller Qual
Hinaus ihn auf das Eiland Spiekerocchio.

Pinocchio, Pinocchio
Erwachte am späten Vormittocchio,
Und er hatte keine Strippen und statt Spanten echte Rippen
Und auch keine Ohren mehr wie Mr. Spocchio.

Und die Nase, welches Glück, hat ihr Mittelmaß zurück,
Und sein Körper, welcher Stolz, ist aus Fleisch und nicht aus Holz, Und er ruft aus voller Lunge: ›Na hurra, ich bin ein Junge,
Und endlich ist jetzt alles occhi d’docchio.‹«

Das Lied, das ich zum Schluß noch Vorsingen muß, kommt im 98. von mir übersetzten Buch, Zeitbeben von Kurt Vonnegut, vor. Es ist die amerikanische Zweithymne, America the Beautiful von Katherine Lee Bates, und ich hoffe, daß ich der amerikanischen Zweithymne mit meiner Übersetzung das angetan habe, was Jimi Hendrix mit seinem langen Gitarrensolo in Woodstock der amerikanischen Ersthymne angetan hat. Mein alter Freund Bill Ramsey, dem ich das, als es fertig war, zur Kontrolle am Telefon vorgesungen habe, sagte: »Shit man, erst auf deutsch merkt man, wie scheiße das Original ist.« Ja, sowas kann sie, unsere deutsche Zielsprache.

»Oh beautiful with spacious skies
And amber waves of grain
Your purple mountain majesties
Above the fruitive plain −:
America, America,
God shed His grace on thee
And crown thy good with brotherhood
From sea to shining sea.«

»Wie wunderschön die Himmel weit,
Gelb wogt Korn kolossal,
Die Bergwelt trägt ihr lila Kleid,
Und drunten sprießt’s im Tal −:
Amerika, Amerika,
Gott sei dir zugetan,
Krön deine Kraft mit Brüderschaft
Von O- zu Ozean.«

Ich freue mich unbändig und danke Ihnen sehr.

(Außerdem danke ich Adelheid Wedel vom DeutschlandRadio Berlin sehr und auch unbändig, weil sie irgendwo im Saal saß, ihren Recorder mitlaufen ließ und später aus schierer Nettigkeit ein Transkriptchen davon angefertigt hat, anhand dessen ich jetzt aufschreiben konnte, was ich gesagt habe. Ich wußte nämlich nicht, daß man Reden vorher aufschreiben muß. Ich hatte gedacht, Reden hält man. Danke, Adelheid Wedel.)