Sigmund-Freud-Preis

Der Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa wird seit 1964 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen. Ausgezeichnet werden Wissenschaftler, die in deutscher Sprache publizieren und durch einen herausragenden Sprachstil entscheidend zur Entwicklung des Sprachgebrauchs in ihrem Fachgebiet beitragen. Der Preis wird von der ENTEGA Stiftung gefördert und jährlich während der Herbsttagung der Deutschen Akademie in Darmstadt vergeben. Seit 2013 beträgt die Dotation 20.000 Euro.

Preisträger

Peter Sloterdijk

Peter Sloterdijk

Philosoph
Geboren 26.6.1947
Homepage

Sigmund-Freud-Preis 2005
Laudatio von Boris Groys
Dankrede von Peter Sloterdijk
Urkundentext

Peter Sloterdijk, dem Kulturkritiker und Zeitanalytiker, der in seinem breitgefächerten Werk von der Kritik der zynischen Vernunft und einer Ethik der Unterlassung bis zu einer anthropologisch-politischen Sphärologie vordrang...

Jurymitglieder
Juryvorsitz: Präsident Klaus Reichert
Vizepräsidenten Peter Hamm, Uwe Pörksen, Ilma Rakusa, Beisitzer Friedrich Christian Delius, Heinrich Detering, Harald Hartung, Joachim Kalka, Peter von Matt

Rede ohne Titel

Sehr verehrter Herr Vorsitzender der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, meine Damen und Herren,

Wir verdanken Groucho Marx und Woody Allen die Einsicht, daß es zwei Arten von Mitgliedschaft in Vereinen oder Assoziationen gibt. Die eine bezieht sich auf die Clubs, die Leute »wie mich« als Mitglied aufnehmen würden, die andere auf die Vereine, die das niemals täten. Es liegt auf der Hand, wieso man als Nichtmitglied immer nur an dem hermetischen Club interessiert sein kann. Wie es zur Definition der besten Gesellschaft gehört, sich hinter undurchdringlichen Wänden zu verbergen, liegt es in der Natur des sozialen Begehrens, die reizvollsten Möglichkeiten seiner Erfüllung allein hinter den höchsten Mauern zu vermuten. Das einzige Tor, das möglicherweise auf die Seite der Seligen führt, wird ständig bewacht von einem Butler, dessen unnahbare Müdigkeit jeden Passanten entmutigt, der auf den Gedanken käme, von sich aus Einlaß zu begehren. Sollte man dennoch so verwegen sein, ihn anzusprechen, er würde jedenfalls nicht erwidern: Wen darf ich melden?, sondern würde, mit einer Stimme, in der die ausgeruhte Verachtung von Jahrhunderten mitklingt, sagen: Dürfte ich Sie bitten, Ihre Einladung vorzuweisen!, wohlwissend, daß der Fragende eine solche unmöglich besitzen kann.
Angesichts dieser Verhältnisse ist es, wie Marx und Allen wußten, ratsam, die Hoffnung auf eine Einladung in die gute, die exklusive, die hinter hohen Mauern ihres Glücks genießende Gesellschaft fallenzulassen. Mit der Zeit festigt sich dann die Überzeugung, daß jede Art von Verein, der dich ohne weiteres in seine Reihen aufnehmen würde, zu denjenigen rechnet, denen man selber lieber fern bliebe. Mit dieser beruhigenden Deckvorstellung lebt es sich recht gut. Üblicherweise bleibt sie so lange stabil, bis unvermutet ein Ereignis eintritt, das unsere stoische Abstinenz in Frage stellt.
Es sind ungewöhnliche Tage, an denen so etwas geschieht – Tage, an denen man vom frühen Morgen an spürt, daß die Natur einen Putsch gegen die Wahrscheinlichkeit plant. Der Föhnwind bläst heute so stark, daß die Alpen nicht nur bis vor die Tore von München und Augsburg vorrücken, sondern bis Darmstadt und Karlsruhe, den resignierten Städten, die sich seit langem mit ihrer Lage in der Ebene abgefunden haben. Auch der Blick zum Himmel gibt an diesem Tag Anlaß zu staunen, da es scheint, es sammelten sich im Frühsommer die Zugvögel für einen Sonderflug zu den Nilquellen. Verblüffend ist selbst der erste Ausblick auf die Straße, denn eben während du hinaussiehst, fährt ein zebragestreifter Jaguar vorbei, und während man dem seltenen Fahrzeug nachblickt, folgt schon ein zweites von derselben Beschaffenheit; das dritte, das vorübergleitet, vollendet die Demonstration des Ausnahmezustands. Wäre man intellektuell auf der Höhe, müßte einem klar sein, daß heute der übliche Gang der Dinge auf den Kopf gestellt wird. Es wäre folglich unphilosophisch, bei zusätzlichen Wundern erstaunt zu sein – wie etwa beim Eintreffen der unmöglichen Einladung.
Meine Damen und Herren, ich muß zugeben, daß ich nicht auf der Höhe der Konstellation war, als an jenem Junitag das Telefon klingelte und als Herr Klaus Reichert, der Präsident dieser Akademie, mir den Beschluß der Jury mitteilte, den Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa des Jahres 2005 an mich zu vergeben. Herr Reichert würde Ihnen bestätigen können, daß ich authentisch ahnungslos reagierte, als er mir diese Nachricht übermittelte. Wäre es die Aufgabe eines Laureatus, aus allen Wolken zu fallen, so ist festzustellen, daß ich diesen Fall mit der ganzen dazugehörigen Naivität und Ungeschicklichkeit vollzogen habe, und wenn nicht jeder, der in Zukunft wieder aus allen Wolken fällt, es naturgemäß untrainiert tut, dürfte ich meine Nachfolger in aller Bescheidenheit auf mein Beispiel hinweisen.
Nun, meine Damen und Herren, da ich in diesem Herbst, etwas gefaßter inzwischen, vor dieser hohen Akademie stehe, um ihr für die Auszeichnung zu danken, die sie mir verliehen hat, und dies mit aller Aufrichtigkeit, zu der ich fähig bin, scheint es mir angemessen, einige Worte über mein Bild von der Assoziation von Laureaten zu sagen, der anzugehören ich ab jetzt die Ehre habe und warum ich nun doch gern Mitglied bin in dem Verein, der Leute wie mich in seine Reihen aufnimmt. Am besten geschieht dies wohl, indem ich die Wolke etwas näher beschreibe, aus der ich falle.
Ich beginne mit der Bemerkung, daß ich auf der Liste der vorhergehenden Preisträger seit 1964 viele Namen von Autoren finde, die mir seit jungen Jahren viel oder sehr viel bedeuten und deren Leser ich war, lange bevor ich das unsichtbare Band zwischen ihnen, das der gemeinsame Sigmund-Freud-Preis stiftet, zur Kenntnis nehmen konnte. Es genügt, Namen wie Hannah Arendt, Karl Barth, Werner Heisenberg, Karl Rahner, Ernst Bloch, Hans-Georg Gadamer, Hans Blumenberg, Carl Friedrich von Weizsäcker, Peter Wapnewski und Reinhard Koselleck zu nennen, um zu verstehen, wie sehr der Eintritt in eine solche Reihe nicht nur als Ehrung empfunden werden muß, sondern auch als eine Begegnung mit dem Ernst der Überlieferung. Ich kann jetzt nicht, da mir die schwere goldene Kette um dem Hals gelegt wurde, mich auf Goethes »Sänger« hinausreden, der den höfischen Verbindlichkeiten zu entfliehen sucht mit den Worten: »Die goldene Kette gib mir nicht ǀ Die Kette gib den Rittern... Gib sie dem Kanzler, den du hast ǀ Und lass ihn diese goldne Last ǀ Zu andern Lasten tragen. ǀ Ich singe, wie der Vogel singt ǀ Der in den Zweigen wohnet...« und so weiter. Wer wissenschaftliche Prosa schreibt oder das Metier der philosophischen Schriftstellerei so betreibt, wie ich es interpretiere, kann nicht die Vögel als Kollegen anrufen, sondern muß sich zu den Sukzessionen und Nachbarschaften seiner Disziplin ins Verhältnis setzen, seien diese auch noch so anspruchsvoll und verpflichtend.
Wenn ich mich nun dieser Übung unterziehe und die Reihe all derer zurückwandere, die sich während der letzten vier Jahrzehnte in deutscher Prosa genügend Verdienste um die Sprachgestalt des Wissens und der Wissenschaft erworben haben, um diesen Preis zu erhalten, begegne ich vierzig Namen, die mich auf verschiedene Weise beeindrucken. Ich kann jedoch der Versuchung nicht widerstehen, die Frage zu stellen, wie sich die Lage darstellte, wenn dieser Preis nicht erst im Jahr 1964 erstmals an den großen Philologen Hugo Friedrich gegangen wäre, dessen Einführung in die Struktur der modernen Lyrik wir als junge Leute mit heißem Kopf gelesen haben, erfüllt von der Ahnung, daß in der Lyrik eine Entscheidung fällt über das Los der Subjektivität – und im Jahr 1965 an den nicht weniger bedeutenden Biologen Adolf Portmann, von dem das breitere Publikum in wohlgesetzter Rede erste Aufschlüsse über den abgründigsten Aspekt der conditio humana, die menschliche Frühgeburtlichkeit, zu hören bekam – ein Thema, von dem die Leser meiner Arbeiten wissen, daß es sich als gewisser Radikalisierungen fähig und bedürftig erwies.
Öffneten wir den Horizont bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts, so tauchte eine zweite Galerie alter Meister auf, die je auf ihre Weise Zeugnisse für die Inkarnation von Theorie in Sprachgestalten errichtet haben – von Fritz Mauthner und Ludwig Wittgenstein über Walter Benjamin und Franz Rosenzweig bis zu Theodor W. Adorno und Max Bense. Auch diese Autoren im Rücken zu haben, ist für die Prosaisten von heute so ehrenhaft wie unbequem. Selbst wenn man täglich die affektive Grundregel der höheren Zivilisation beherzigt, angesichts von Autoren, die man nicht ganz herabsetzen kann, in die Bewunderung auszuweichen, läßt sich die Belastung durch kanonisierte Vorgänger nur teilweise in eigene Inspirationen umwandeln.
Was sollte man aber erst sagen, sobald man den Kreis der Zeit auf frühere Jahrhunderte ausweitete? Wäre nicht Friedrich Nietzsche der natürliche erste Anwärter auf diesen Preis für wissenschaftliche Prosa? Seine Ansprüche auf den Titel des Großmeisters deutscher Essaysprache sind auch seitens der Kritiker seines Werks und seiner Wirkung kaum anfechtbar. Eine posthume Ehrung wäre um so passender, als er der einzige unter den vorfreudschen Autoren ist, der dank seiner Theorie von der Kreisgestalt der Zeit gut mit dem Anachronismus zurechtkäme, einen Preis zu empfangen, der nach einem später geborenen und von ihm abhängigen Verfasser benannt ist. Gleichwohl ist es wohl gut, daß dieser Preis noch nicht an Nietzsche gehen konnte, da keiner der Späteren es schätzt, von einem Vorgänger inkommensurablen Ranges überragt zu werden. Richtet man dann den Blick in die weitere Vergangenheit, werden die Aussichten vollends schwindelerregend. Ich gebe offen zu, ich würde eines Tages gern das Protokoll der Jurysitzung nachlesen, die darüber beraten wird, ob man Goethe für seine Farbenlehre den Preis zuerkennen kann. Noch lieber wäre ich zugegen, wenn das Gremium Zusammentritt, um zu prüfen, ob man im Fall von Leibniz eine Ausnahme macht, der seine Nouveaux Essays sur l’entendement humain, die Gründungsurkunde der neuzeitlichen Vernunftkritik, bedauerlicherweise auf französisch schrieb. Und wie soll mit dem Archaeopteryx der wissenschaftlichen Prosa in deutscher Tinte verfahren werden, Athanasius Kircher, dessen Opera omnia wie ein barockes Gebirge aus den Sprachfluten seiner Zeit aufragen – gleichsam der Blumenberg des 17. Jahrhunderts? – mir scheint, die Gelegenheit ist passend, ein Wort zu seinen Gunsten einzulegen.
Meine Damen und Herren, Sie sehen es selbst: Hat man der Vorstellung von der Entgrenzung der Liste erst einmal den kleinen Finger gegeben, so nimmt sie frech die ganze Hand und will herausfinden, bis wohin die Erweiterung des Clubs zu treiben wäre. Gewiß müßte früher oder später die nationalsprachliche Beschränkung beiseite fallen. Als gute Europäer könnten wir uns sicher nach kurzer Debatte auf das Kriterium der Latinität verständigen – alsbald sähen wir die Meister der lateinischen Prosa in feierlichen Reihen über den Horizont heraufsteigen. Man kann sich gut vorstellen, wie lebhaft Kurt Flasch, der von mir hoch verehrte Preisträger des Jahres 2000, die Aufnahme des Kusaners und des lateinischen Eckart in die erweiterte Liste befürworten würde. Nun wäre der Preis nach einem etwas zeitloseren Gelehrten zu benennen – er könnte etwa Marcus-Tullius-Cicero-Preis heißen, die Schar der Laureaten würde mit der europäischen Kulturgeschichte zwischen Livius und Erasmus identisch, und die goldene Kette wäre inzwischen so schwer geworden, daß sie ihre Träger vom Tag der Verleihung an zeitlebens in eine vorgebeugte Haltung zwingt.
Bei diesem imaginären Regreß in die ältere Tradition stießen wir auf einen extremen Grenzwert, sobald wir uns mit dem Fall des römischen Dichters Titus Lucretius befaßten. Dessen großes Lehrgedicht De rerum natura muß doch wohl als eine Erscheinungsform römischer Episteme verstanden werden, sofern man der Evaluierung dieses Werks die Bedingungen seiner eigenen Epoche zugrunde legt. Durch seine bloße Existenz erinnert uns die gedichtete Physik des Lukrez daran, daß die seit Aristoteles mehr oder wenige stabile Liaison zwischen dem geprüften Wissen und der Traktatprosa auch im 1. Jahrhundert vor Christus noch immer nicht völlig eindeutig war. Mit einem Mal sprang hier die gelehrteste und kunstvollste Sprache ihrer Zeit noch einmal zurück zu ihren archaischen Modellen, wie sie bei bei den Iatromanten, den heilmächtigen Zeichenlesern und Rhapsoden der frühgriechischen Ära, zu finden waren; sie assimilierte sich, wie zum letzten Mal, an Autoren des seherischen Typus wie Empedokles und Parmenides, für welche das Wissen und das Singen ein und dasselbe bedeuteten. Hier an den Casus Lukrez zu erinnern, erlaube ich mir nur deshalb, weil man von diesem Extrem her am besten das Problem verdeutlichen kann, das sich in der nur scheinbar transparenten Wendung »wissenschaftliche Prosa« verbirgt. Wer überhaupt willens ist, dem Sprachkörper des Wissens und der Wissenschaften Beachtung zu schenken, für den bietet die Rückkehr des Lukrez zum Hexametergedicht als Vehikel der Kosmologie ein sublimes Mahnzeichen, ja einen veritablen Skandal, da hier das Wissen seine scheinbar unauflösliche Allianz mit der Prosa kündigte und sich wieder dem Vers anvertraute. Dies hat auch moralische Implikationen, denn der Vers sagt stets: Unterbrich mich nicht!, während die Form der Prosa selbst die Einladung enthält: Wenn du es besser weißt, fall’ mir ins Wort. Gewiß wird kein moderner Autor je wieder dem Beispiel des venerischen Physikers in allen Konsequenzen folgen wollen, und keine Akademie wird das Wagnis auf sich nehmen, einen Lukrez-Preis für wissenschaftliche Poesie auszuschreiben. Gleichwohl kann uns der lukrezische Ausbruch aus den diskursiven Dressuren der antiken Traktatliteratur daran erinnern, daß die Wissenschaften, sie seien von vormoderner oder moderner Prägung, von mathematisch-physikalischer oder kulturwissenschaftlicher Orientierung, nie ganz aus ihrer Sprachhaut fahren können – so sehr auch die Modernen immer von neuem durch die Idee verführt werden, sie könnten eines Tages ihre Abhängigkeit von den natürlichen Sprachen abstreifen und ganz in die Welt der algebraischen Notationen übersetzen.
Vor dem hier angedeuteten Hintergrund verstehe ich die Stiftung des Sigmund-Freud-Preises für wissenschaftliche Prosa als eine kulturpolitisch signifikante Geste. Sie impliziert, wenn ich sie richtig deute, die Einsicht, daß eine gewisse Literarizität auch für die Artikulationen des zeitgenössischen Wissens konstitutiv ist, all den Tendenzen zum Trotz, die Sprache der Wissenschaften auf die Automatenstimme der Diskurse zu reduzieren. Das heißt, die Sprachgestalt des Wissens kann dem Gewußten selbst nie ganz äußerlich bleiben, strittig ist jeweils nur der Grad, bis zu dem die sprachliche Individuation der theoretischen Rede getrieben werden kann – ich darf mir hier, als Zeuge und Objekt solcher Strittigkeit, die Bemerkung erlauben, daß ich nie an der Zugehörigkeit meiner Arbeiten zur Wissens- und Wissenschaftswelt gezweifelt habe, so sehr sie auch gelegentlich einer literarischen oder besser außerdiskursiven Form angenähert sind. Natürlich will heute niemand mehr unter dem Wissenschaftler den Sänger freilegen oder das Wissen auf die Poesie zurückführen. Und selbst wenn Nietzsche gelegentlich bekannte: sie hätte singen sollen, meine Seele, so legte er diese Konfession als der Musiker ab, der unter die Philosophen geraten war, nicht als der Autor, unter dessen Feder, beziehungsweise in dessen Schreibmaschine, die deutsche Sprache zu ihrer historischen Höchstgestalt gelangte.
Meine Damen und Herren, mir ist sehr wohl bewußt, daß ein Laureatus, wenn er vor einer festlichen Versammlung wie dieser steht, unter die Suggestion gerät, sich in die Niederungen der Selbstbezüglichkeit zu begeben. Man blickt nicht jeden Tag in einen Spiegel, der so verschönert wie ein Preis dieses Ranges. Es wäre töricht, die Gelegenheit ungenutzt zu lassen, etwas zur eigenen Person zu sagen, solange man sich noch gefällt. Dieser Versuchung zu erliegen, scheint mir geraten, und der Schaden wird überschaubar bleiben, weil nur wenige Minuten zur Verfügung stehen. Im akuten Spiegelstadium fragt sich der Redner also, wie es in seinem Fall zugegangen ist, als er zu diesem zoon logon echort wurde, zu einem Tier, das die deutsche Sprache hat oder von der deutschen Sprache gehabt wird, falls das korrupte Passiv für diesmal erlaubt ist.
Es wird niemanden überraschen, wenn hierauf nur schematische Antworten erfolgen. Ist der Redner noch wie ich ein Spätprodukt des deutschen Gymnasiums, wird er natürlich Goethes vielseitig verwendbare Auskunft zitieren, nach der man vom Vater die Statur hat, sollte es auch zu des Lebens ernstem Führen nicht ganz reichen, indessen man vom Mütterchen die Lust zu fabulieren übernahm, die offenbar trennbar ist von der Frohnatur und sich auch auf melancholischen Grundlagen lebhaft geltend machen kann. Ist der Redner zugleich ein Leser von Eugen Rosenstock-Huessy und überzeugt, wie ich es bin, daß dieser christliche Jurist der bedeutendste Sprachphilosoph des 20. Jahrhunderts war, so viel man auch zugunsten Heideggers, Wittgensteins, Searles oder Derridas Vorbringen mag, dann weiß er überdies, daß die Sprache nicht allein durch Abrichtung zur Teilnahme an den sogenannten Sprachspielen erworben wird. Worauf es ankommt, ist vielmehr, Rosenstock zufolge, der Sprachstrom, genauer der Anredestrom, der durch die Generationen fließt, und zwar so, daß jeweils die amtierenden Sprecher den nachfolgenden Jüngeren bindende Berufungen auferlegen. Rosenstocks Sprachidee läßt sich am besten als eine Formalisierung des Apostolats charakterisieren. Demnach wird das Sprechen und Schreiben nicht vom poetischen Plappern, vom libidinösen Leerlauf der Sprechwerkzeuge her begriffen, so wenig der Überschuß zu leugnen ist, der aus der Eigenbewegung der Oralorgane und der Schreibhand fließt. Die wesentliche Rede leitet sich allein vom Modell des Botengangs her. Rosenstock statuiert, daß eine sinnvolle Wortergreifung nicht geschehen könnte, hätte nicht ein befehlskompetenter Absender den Auftrag hierzu erteilt und hätte der Empfänger denselben nicht in sich aufgenommen und sich von ihm die Richtung zeigen lassen. Der kategorische Imperativ nach Rosenstock lautet: Du sollst dir etwas gesagt sein lassen! Das Sprachgeschehen der Völker und Kulturen ist für ihn nichts als die weltbildende Entfaltung der appellativen Funktionen, durch welche die Redenden und Schreibenden die Kerne für weitere Missionen in ihre Rezipienten legen – so daß alles Gesagte Weitergabe ist und in der Weitergabe ständige Verwandlung. Die gesprochenen wie die geschriebenen Reden bilden ein System von Megaphonen, durch welche Befehle, Evangelien und Evokationen strömen, um von den Empfängern aufgenommen, reformiert und weitergerufen zu werden. Nicht umsonst hieß Rosenstock-Huessys Leitspruch: Ich antworte, sollte ich auch verwandelt werden.
Ich gebe zu, meine Damen und Herren, daß ich bei meinen Exkursionen in die Sprach- und Schriftphilosophien des vergangenen Jahrhunderts nichts gefunden habe, was an suggestiver Kraft dem Rosenstock-Huessyschen Entwurf gleichkommt. Mit dieser Konzession jedoch fangen für mich auch die Schwierigkeiten an. Sobald man die Plausibilität einer Imperativ- und Vokativ-Grammatik zugegeben hat, fragt man sich selbst unwillkürlich, wie es im eigenen Fall mit dem Angesprochensein und Durchrufenwerden steht – und begreift sofort, daß es in dem großen Appelltheater auch unvorhergesehene Lücken und Unterbrechungen gibt. Meine persönliche Grunderfahrung, von der ich annehme, daß ich sie mit vielen Jahrgangsgefährten und Zeitgenossen teile, besteht ja, im Gegensatz zu dem, was Rosenstock vorträgt, in der Abwesenheit von wirklich durchdringenden Appellen – oder um den Sachverhalt in die logische Sphäre zu übersetzen, im Mangel an zwingender Evidenz. Es ist keineswegs so, daß ich mir nichts sagen lassen wollte, das völlige Gegenteil trifft zu. Doch die Erfahrung belehrt mich darüber, daß die Beziehung zwischen den Anrufern und den Angerufenen im Begriff ist, sich umzukehren. Der Vorrang liegt jetzt nicht mehr beim Absender des Appells, sondern bei dem Empfänger, der unter den siebenhundertsiebenundsiebzig eintreffenden Rufen, die sich gegenseitig entkräften, die Auswahl zu treffen hat. In dieser Lage – man kann sie posthermeneutisch nennen – genügt es nicht mehr, zu begreifen, was uns ergreift. Aus Mangel an vorhergehender Ergriffenheit müssen wir selber ein Objekt mit einer Botschaft ergreifen und festhalten, bis das Gefühl entsteht, es sei von ihm etwas auf uns übergegangen. An die Stelle des Imperativs, der uns zuvorgekommen wäre, tritt eine nachträgliche Prägung durch die Abfärbung, die wir selbst zulassen und herbeiführen, indem wir den Umgang mit der Partikel streuenden Materie suchen.
Erlauben Sie mir, meine Damen und Herren, eine letzte Anmerkung zu dem Begriff der Prosa, der hier mit dem Beiwort »wissenschaftlich« einhergeht, als wäre es sein natürlicher Begleiter. Dieses scheinbar selbstverständliche Miteinander ist, wie man weiß, zugleich ein Effekt, der von anspruchsvollen Voraussetzungen abhängt. Zu seinen Bedingungen gehört unter anderem die alteuropäische Gewohnheit, die Welt mit einem Buch zu vergleichen. Was man die Lesbarkeit der Welt genannt hat, gründet in der Annahme, daß geglücktes menschliches Dasein mit einer ontologischen Alphabetisierung verbunden ist. Der humanistischen Metaphysik zufolge könnten wir aber das Weltbuch nur in dem Maß zu lesen lernen, wie wir die ewige Rechtschreibung des Seins respektieren. Träfe diese Annahme zu, wären die Wissenschaftler, wie die Philosophen und letztlich auch die Künstler, im Grunde immer nur Kopisten, die den Urtext des Weltbuchs mit verschiedenen Graden der Fehlerhaftigkeit abschreiben.
Die Erbaulichkeit dieses Bildes ist nicht zu leugnen. Gleichwohl spüren wir unmittelbar, wie eine solche buchfromme Wendung der Intuition zuwiderläuft, auf der das forschende Denken und die explorierenden Künste der Neuzeit beruhen. Wir Modernen sind doch, aus mehr oder weniger guten Gründen, überzeugt, daß wir, wenn wir schreiben, nicht einen a priori aufgesetzten Text des Seins kopieren, sondern daß unsere Schriften, sofern sie etwas taugen, den Verjüngungen des Seins entsprechen, Verjüngungen, die mit den aktuellsten Sondierungen des Wissens korrespondieren. Auf diese Weise wird der Begriff wissenschaftlicher Prosa philosophisch ernst. Denn wenn schon die Welt kein Buch ist, in dem die katholische Intelligenz demütig blättert, könnte sie doch ein unendlich kompliziert gefaltetes und unendlich dicht zusammengeknülltes Blatt Papier sein, das sich nach der Urzerknüllung allmählich wieder ausdehnt. Möglicherweise ist das, was man bisher für Sphärenmusik hielt, nur das Knistern des Weltpapiers, das sich entknüllt. Jedesmal, wenn sich in dem Knäuel bisher noch zusammengepreßte Falten öffnen, kommen an der vergrößerten Oberfläche des sich lockernden gefalteten Körpers neue Lichtungen, neue Signaturen, neue Gegenständlichkeiten, neue öffentliche Gegebenheiten zum Vorschein – und die schreibenden Künste und Wissenschaften sind unvermeidlich in die Aktualität solcher Öffnungen einbezogen. Wenn also die Schreibenden gelegentlich der Meinung sind, sie seien, bei allem Respekt vor ihren Vorgängern, imstande, authentisch Neues zu notieren, dürfen sie sich zuweilen wirklich auf gute Gründe für diese nur scheinbar arrogante Annahme berufen. Die forschenden Autoren können sich als Träger neuer Wissensereignisse vorstellen, wenn sie bei der Entfaltungsarbeit zugegen sind, durch die das vormals Implizite, das bisher Nicht-Sichtbare und Noch-nie-so-Gesagte ins Licht der Explizitheit gerückt wird. Hält man das Bild von der Entknüllung des Eingefalteten als Grundaussage über das forschende Dasein fest, so versteht man wohl, wie die wissenschaftliche Prosa als solche zu einem Medium geraten kann, in dem die Prosa der Welt weitergeschrieben wird.
Ich danke noch einmal der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung für diesen Preis. Ich verstehe ihn privatissime auch als ein ermutigendes Zeichen des Widerstands gegen den Konformismus, jenes Übel, das die deutschen Universitäten mit dem deutschen Feuilleton enger verbindet, als den Verbundenen lieb sein dürfte. In seiner Verleihung an den Laureaten dieses Jahres darf jeder, der will und kann, eine Geste der schönsten akademischen Freiheit bemerken. Wäre diese Rede ein offener Brief an die Jury und an die Freunde wie die Kollegen draußen – ich würde ihn mit der Formel beenden: Es grüßt Sie herzlich ein hoch erfreuter Verfasser wissenschaftlicher, und manchmal auch anderer, Prosa.