Sigmund-Freud-Preis

Der Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa wird seit 1964 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen. Ausgezeichnet werden Wissenschaftler, die in deutscher Sprache publizieren und durch einen herausragenden Sprachstil entscheidend zur Entwicklung des Sprachgebrauchs in ihrem Fachgebiet beitragen. Der Preis wird von der ENTEGA Stiftung gefördert und jährlich während der Herbsttagung der Deutschen Akademie in Darmstadt vergeben. Seit 2013 beträgt die Dotation 20.000 Euro.

Preisträger

Michael Hagner

Michael Hagner

Wissenschaftshistoriker und Mediziner
Geboren 29.1.1960
Mitglied seit 2009

Sigmund-Freud-Preis 2008
Laudatio von Horst Bredekamp
Dankrede von Michael Hagner
Urkundentext

Seine Schriften bezeugen, dass das Deutsche auch als Sprache der Naturwissenschaften seinen alten Rang und Glanz meisterhaft behaupten kann.

Jurymitglieder
Juryvorsitz: Präsident Klaus Reichert
Vizepräsidenten Peter Hamm, Uwe Pörksen, Ilma Rakusa, Beisitzer Friedrich Christian Delius, Harald Hartung, Joachim Kalka, Peter von Matt, Gustav Seibt, Werner Spies

Zusammenspiel von Kritik und Wertschätzung

LAUDATOR
Horst Bredekamp
Geboren 29.4.1947
Kunsthistoriker

In der jüngsten Publikation Michael Hagners steht das vielleicht härteste Urteil über jene Spielart der Neurobiologie, welche die Hirnbilder unmittelbar zur Bestimmung von menschlichen Dispositionen nutzt. Die »neuropolitischen Demagogen«, so Hagner, dürften »über die Mahnung Lichtenbergs, dass die Kinder demnächst je nach Physiognomie aufgehängt würden, bevor sie die zu erwartenden schrecklichen Taten begangen haben, [...] nur ein müdes Lächeln übrig haben.«(1)
Derartige Zuspitzungen bilden die erregungsbedingte Ausnahme im Werk Michael Hagners. Seine Sprache ist Träger und Element des Versuches, die Vorstellungen der Missbildungen und des Gehirnes zu historisieren und damit eine Entdramatisierung einzuleiten, in der mit der Distanz das kritische Urteilsvermögen einzusetzen vermag. Der Grund ihres ruhig taktenden Rhythmus’ liegt darin, dass ihr der Gestus der Entlarvung fremd ist. Die subtile Wucht, mit der Michael Hagner den Kontinent der Hirnforschung durchmessen und bewertet hat, stammt, dies ist nicht genug zu betonen, vielmehr aus dem Zusammenspiel von Kritik und Wertschätzung. Er ist nicht etwa ein Gegner der Hirnforschung, sondern ein Verteidiger der Komplexität ihres Stoffes.
Sein Werdegang beeindruckt durch die natur- wie kulturwissenschaftliche Doppelspur. Promoviert an der Freien Universität Berlin in Medizin, dann Mitarbeiter am dortigen Neurophysiologischen Institut und am Lübecker Institut für Medizin- und Wissenschaftsgeschichte, habilitiert am Göttinger Institut für Geschichte der Medizin, Stipendiat und Senior Scientist am Berliner Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte, hat er vor fünf Jahren den Ruf an die ETH Zürich angenommen, um dort mit großem Erfolg ein Institut für Wissenschaftsforschung aufzubauen und zu inspirieren. Er war Heisenberg-Stipendiat, Gastforscher am Wellcome Institute for the History of Medicine in London, am Collegium Helveticum der ETH Zürich, an der Maison des Sciences de LʼHomme in Paris und am Zentrum für Literatur und Kulturforschung in Berlin sowie Gastprofessor an den Universitäten von Salzburg, Tel Aviv, Frankfurt am Main und Zürich. Im Jahre 2000 erhielt er den Preis der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin.
Michael Hagners Forschungen betreffen Neurobiologie, Medizin, Anthropologie, Sehtheorie, Kunstgeschichte und jüngst auch Kybernetik. Ein vor elf Jahren in dem Sammelband Räume des Wissens publizierter, mit dem zurückhaltenden Titel ›Zwei Anmerkungen zur Repräsentation in der Wissenschaftsgeschichte‹ versehener Artikel zeigt, wie subtil sich diese vielfältigen Themen verschichtet haben.(2) Er bietet einen Schlüssel für große Bereiche des heute auszuzeichnenden Œuvres.
Zunächst folgt er den Monstra. Bis in das achtzehnte Jahrhundert, dies hat Hagner in mehreren Abhandlungen entwickelt, galten Missgeburten als Produkt eines unglücklichen, aber doch auch hochinteressanten Spieltriebes der Natur. Missbildungen wie die Haarmenschen von den Azoren waren hochgeschätzt, zumal der Stammvater als ein bewunderter Dichter und Intellektueller von Hof zu Hof reiste. Und die Verordnung Zar Peters des Großen, alle Missgeburten des Reiches zur medizinhistorischen Sammlung von Sankt Petersburg zu senden, zielte nicht auf die Frühform einer Freakshow. Vielmehr sollte die Ausnahme als Normalfall des metamorphischen drive der Natur erforscht werden. Um 1800 aber wurden Missgeburten nicht mehr als prekäre Zeugnisse einer abundanten Natur, sondern als minderbemittelte Produkte von Entwicklungshemmungen gedeutet. Dies hat eine prekäre Ordnung in die Bestimmung von Norm und Ausnahme gebracht. Hagner zeigt jedoch, dass diese gleichwohl noch immer mit einer historischen Tiefenschichtung rechnete, die in der jüngsten Entwicklung verdrängt wurde.
Auch sein zweites Forschungsfeld ist in dem Artikel von Räume des Wissens aus dem Jahr 1997 komprimiert. Mit dem Begriff der Repräsentation greift er die Konjunktur dieses Begriffes auf, um mit Bruno Latour und Claude Lévi-Strauss an die Bestimmung des Repräsentierenden als mobilem Transporteur und bastelndem bricoleur zu erinnern. Aber im Gegensatz zu deren sympathisch offener Bestimmung wendet er ein, dass damit die Defizite der Repräsentanz überspielt würden.
Den Ausgangspunkt bietet die in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts entwickelte Theorie, dass im Gehirn die verschiedenen Entwicklungsstufen repräsentiert bleiben, um in ein funktionierendes Gleichgewicht gebracht zu werden. Die verschiedenen Hirnfunktionen seien Repräsentanten stratigraphisch angelegter Schichten, die immer neu mit dem Risiko des Misslingens verkoppelt würden. Die neuere Visualisierung des Unsichtbaren sei jedoch mit der Illusion der Beherrschbarkeit verbunden, die sich den Menschen als Oberflächenwesen bastle, »gesättigt und harmlos, zurechtgeschneidert, bevor überhaupt etwas Unvorhersehbares in seine historische Existenz tritt.« Alle noch so scheinbar verspielten Repräsentationen in Formeln, Hirnbildern, Beschreibungen und Diagrammen hätten nicht darin ihre Funktion, die Hirn- und Lebenswelten des Menschen zu zeigen, sondern deren Unauslotbarkeit zu negieren. Nicht Mobilität und schöpferische Bastelei sei das Wesen der gängigen Form von Repräsentation, sondern die Ablagerung von Abgründen in überhellten Stockwerken, denen der Eindruck genommen wird, tief zu liegen.
Wie eingangs erwähnt, hat diese Kritik nichts mit einem bisweilen anzutreffenden Affekt gegen die Welt des Faktischen und Belastbaren zu tun. Vielmehr ist Hagner in seinen fundamentalen Untersuchungen zur Geschichte des Verstehens zerebraler Prozesse, die in Ecce Cortex (1999), Homo cerebralis (1997 und 2008) und Der Geist bei der Arbeit (2006) gemündet sind, von Hochschätzung gegenüber diesen Forschungen geleitet.(3)
Ihm gelingt das teils ironische Kunststück, immer neu jenen Horizont zu rekonstruieren, gegenüber dem seine Hochachtung ihren Platz hat. Gerade weil er nicht von außen kommt, hat er eine oftmals heilsgeschichtlich klingende Emphase genomischer und zerebraler Zielbestimmungen mit einer Skepsis konfrontiert, die gleichsam das Lametta abnimmt, um den Baum selbst sichtbar werden zu lassen. All dies ist umso mehr zu schätzen, als diese kritische Rekonstruktion in die Hochphase jener fatalen Verkapselung fiel, wie sie wohl nur der Erfolg zu fabrizieren vermag. Man würde gern nach dem Wirtschaftswissenschaftler fahnden, der es ähnlich wie Hagner vollbracht hat, den Hochmut seiner Fachkollegen zu zerstäuben, um die Substanz der Sache zu retten.
Der reziproke Ansatz geht von Hagners jüngstem, großen Thema aus: der Kybernetik.(4) Sie gilt heute als vorsätzlich seelenloser Formalismus, war aber im Ursprung ein Natur- und Kulturwissenschaft verbindendes Unternehmen, das schließlich auch als lebender Protest gegen Charles Percy Snows These von den zwei Kulturen zu verstehen war. Gottfried Benn, Max Bense und Arnold Gehlen setzten die Kybernetik der Hoffnung aus, Naturgesetze, sozialwissenschaftliche Bedingungen und Kulturleistungen zu verbinden und damit ein aufgeklärtes Programm der Modellierung des Lebens leisten zu können. Sie verschwand, als in den siebziger Jahren die Versöhnung von Mensch und Natur aus einer Frontstellung gegen die Technik die Geltungshoheit gewann.
Über die Geschichte der Monstra, der neuronalen Bilder und der Kybernetik hat Hagner, begründet auch durch seine glänzenden Aufsätze über die Geschichte der Sehtheorie, immer auch eine Affinität zur Kunstgeschichte gehabt. Produkte dieses Doppelinteresses sind der Sammelband zur Wissenschaft vom Künstler zwischen 1830 und 1930(5) sowie die Monographie Geniale Gehirne(6). Im Zentrum dieser Epoche stand die Übersteigerung des Künstlers zum Heiligen der Kunstreligion wie auch zum Satan der Entartung. Selbst diese Form der Psychopathologisierung, so rekonstruiert Hagner, war zunächst jedoch in der Tradition der Melencholia noch eine Kippfigur, die den Wahnsinn keinesfalls als allein verwerflich oder krank, sondern auch als Bedingung für außerordentliche Leistungen erkannte. Erst Ende des neunzehnten Jahrhunderts wurde die degeneratione Cesare Lombrosos zum Titel des Bestsellers von Max Nordau, der die Moderne mit dem Begriff der Entartung identifizierte. Damit war jene Bedeutung popularisiert, die den Begriff im Jahre 1937 so unauslöschlich usurpiert hat, dass ihre vorherige Ambivalenz kaum mehr vorstellbar war. Hagner entwickelt zudem, dass Lombrosos Metaphorik eine naturalistische Auffassung der Literatur konfrontiert werden kann, wie sie Emile Zola in seinem Roman expérimental von 1880 geschürt hat: Literatur als physiologisches Experiment. Gemeinsam auf das Gehirn bezogen, kamen sie alternativen Kreativitätskonzepten gleich.
Immer wieder hat sich Michael Hagner solcherart mit Fragen der Literatur und der Sprache befasst. Mit ihm, und damit komme ich zum Schluss, ehrt die deutsche Akademie für Sprache und Dichtung auch sich selbst und ihre eigene, dialektische Souveränität. Denn sie zeichnet einen Wissenschaftler aus, der die Geltungsgrenzen der Sprache zum Gegenstand der sprachlichen Durchdringung erhoben hat. Schon im Untertitel meiner Leitpublikation, Räume des Wissens von 1997, sind mit Repräsentation, Codierung, Spur drei Begriffe genannt, die den linguistic turn über sich selbst hinausdrehen und die Rede von der Unhintergehbarkeit der Sprache mit sprachlichen Mittel überwinden. An den Rändern ihres Geltungsanspruches, der Gestalt und Missgestalt, sowie der Gestik der Körper und den haptisch-visuellen Mitteln des Austausches, entfaltet die Sprache ihre höchste Kraft.
Es bedeutet kein Dominanzdenken, Hagners spezifischer Prägung durch die deutsche Sprache in der Klärung dieser Probleme einen besonderen Anteil zuzuerkennen. Viel wird über die Probleme der Dominanz des Englischen für andere Sprachen gesprochen. Oftmals wird jedoch übersehen, dass zuerst das Englische selbst betroffen ist, da es seine Fähigkeit zu verlieren droht, in der nüchternen Verdichtung die Fakten selbst sprechen zu lassen: nicht ohne Grund war es Thomas Hobbes, der Thukydides in Englisch herausgab und damit jene Sprache zu wiederholen suchte, welche die Sachen und Ereignisse unmittelbar zu repräsentieren schien. Diese Koalition der Sachen und Wörter ist durch die Internationalisierung des Englischen in einen sprachlichen Äther zerfasert, der das Englische um dessen eigene Schönheit bringt.
Dies ist der erste Grund, warum davon auszugehen ist, dass die Dominanz des wissenschaftlichen Pidgin-Englisch ein Übergangsphänomen darstellt. Sie gilt nun seit etwa vierzig Jahren, aber bereits in diesem relativ kurzen Zeitraum sind die Verluste so eklatant, dass von innen heraus ein Wandel geschehen dürfte. Er kommt schon aus dem Grund, dass das Handicap der nur innerhalb des Englischen operierenden Geisteswissenschaften nicht zu übersehen und auch durch Physis nicht zu überspielen ist. Wer nur über zwei Sprachen verfügt, kann in den Geisteswissenschaften nicht reüssieren, und dies könnte auch für die Naturwissenschaften gelten. Die Debatte um die Willensfreiheit war eine wesentlich deutschsprachige Auseinandersetzung, nach Impuls und Verlauf so wohl nur in dieser Sprache führbar, und damit der lebende Beweis für die Kraft der Muttersprache als Problemzonen-Öffner.
Auch Hagners fundamentales Unternehmen, die Hirnforschung zum Objekt einer historischen Distanzierung zu machen, wäre aus einer anderen Sprache heraus vermutlich anders angelegt und durchgeführt worden. Mir scheint zumindest, dass es prekäre historische Erfahrungen waren, die mit dieser Sprache feinste Witterungen für die Problematik eingaben, den Geist zu naturalisieren. Michael Hagner hat, indem er seine Werke in der deutschen Sprache erdacht und publiziert hat, eine spezifische Sensibilität entfaltet, die zu belobigen ich die Ehre hatte.