Sigmund-Freud-Preis

Der Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa wird seit 1964 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen. Ausgezeichnet werden Wissenschaftler, die in deutscher Sprache publizieren und durch einen herausragenden Sprachstil entscheidend zur Entwicklung des Sprachgebrauchs in ihrem Fachgebiet beitragen. Der Preis wird von der ENTEGA Stiftung finanziert und jährlich während der Herbsttagung der Deutschen Akademie in Darmstadt vergeben. Seit 2013 beträgt die Dotation 20.000 Euro.

Preisträger

Hubert Wolf

Hubert Wolf

Kirchenhistoriker
Geboren 26.11.1959

Sigmund-Freud-Preis 2021
Laudatio von Christoph Markschies
Dankrede von Hubert Wolf
Urkundentext

Hubert Wolf gelingt es, in seiner wissenschaftlichen Prosa Akribie und Erzählfreude in Einklang zu bringen.

Jurymitglieder
Ernst Osterkamp, Ursula Bredel, Michael Hagner, Monika Rinck, Lukas Bärfuss, Elisabeth Edl, Maja Haderlap, Ilma Rakusa, Marisa Siguan und Stefan Weidner

 
LAUDATOR
Christoph Markschies
Geboren 3.10.1962

»Ausgezeichnet werden«, verehrter, lieber Ernst Osterkamp, sehr geehrte Mitglieder der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, »ausgezeichnet werden Wissenschaftler, die in deutscher Sprache publizieren und durch einen herausragenden Sprachstil entscheidend zur Entwicklung des Sprachgebrauchs in ihrem Fachgebiet beitragen.« So charakterisiert die Deutsche Akademie das, was mit dem Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa als preiswürdig ausgezeichnet werden soll. Damit ist aber zugleich auch die Aufgabe für den Laudator und seine Laudatio präzise ableitbar: Heute Nachmittag ist zu zeigen, dass Hubert Wolf, geboren am 26. November 1959 in Wört im Ostalbkreis, Professor für Kirchengeschichte an der Katholisch-theologischen Fakultät der Universität Münster und Priester des Bistums Rottenburg-Stuttgart, in deutscher Sprache publiziert und durch einen herausragenden Sprachstil entscheidend zur Entwicklung des Sprachgebrauchs in seinem Fachgebiet, der Kirchen- und Theologiegeschichte der Neuzeit wie der Zeitgeschichte, beigetragen hat.
Vergleichsweise kurz lässt sich der erste Punkt abhandeln: fünfzehn Monographien, alle in deutscher Sprache, vier davon ins Italienische übersetzt, was vielleicht naheliegt, wenn ein Historiker und Theologe (Hubert Wolf ist beides gleichermaßen und beides gleichermaßen mit Leidenschaft) über den berühmt-berüchtigten »Index verbotener Bücher«, die Archive des Vatikans und das sogenannte Dritte Reich, Sex and Crime in einem stadtrömischen Nonnenkloster und den Zölibat schreibt. Schon verwunderlicher für die, die Spezifika der böhmischen und spanischen Kirchengeschichte nicht präsent haben, dass drei seiner Bücher ins Tschechische übersetzt wurden und eines ins Katalanische, von englischen, französischen, koreanischen und ungarischen Übertragungen einmal abgesehen. Sicher ist jedenfalls selbst bei oberflächlicher Musterung des imponierenden Schriftenverzeichnisses: Der Preisträger publiziert in deutscher Sprache, er spricht sie in größerer Öffentlichkeit übrigens in einer freundlich dem Hochdeutschen angenäherten Form, die die Herkunft aus dem katholischen Teil Württembergs nicht krampfhaft zu verbergen sucht. Wört im Ostalbkreis ist ein seit der Reformation kirchlich zweigeteilter Ort: der nördliche Teil evangelisch-lutherisch, der südliche katholisch, einst zur katholischen Fürstpropstei Ellwangen gehörig. Das mag erklären, warum Hubert Wolf ein ebenso fröhlicher wie selbstbewusster Katholik ist, dem es trotz gelegentlichen Ungemachs über seine römisch-katholische Kirche nicht im Traum einfallen würde, aus dem Süden des Ortes, der ihn zum Ehrenbürger gemacht hat, geistig oder konfessionell in den Norden zu übersiedeln. Alle Apologie für die heimatliche Landschaft und vertraute Konfession ist allerdings immer mit einem milden Schuss Ironie durchzogen und in den letzten Jahren im Blick auf letztere auch mit Melancholie und einem Schuss Zorn.
Die Aufgabe, zu zeigen, dass ein vielfach mit Preisen, Forschungsgeldern in Hülle und Fülle und internationaler Reputation ausgezeichneter Wissenschaftler in deutscher Sprache publiziert, stellt einen Laudator nicht vor übergroße Schwierigkeiten. Komplexer ist die Aufgabe, dafür zu argumentieren, dass Hubert Wolf »durch einen herausragenden Sprachstil entscheidend zur Entwicklung des Sprachgebrauchs in seinem Fachgebiet«, der Kirchen- und Theologiegeschichte der Neuzeit wie der Zeitgeschichte, »beigetragen hat«. Ich gehe sie am besten so an, dass ich zunächst den Sprachstil zu beschreiben versuche. Kurze Titel. Das fällt als erstes auf: Krypta. Verdammtes Licht. Zölibat. 16 Thesen. Die Nonnen von Sant’Ambrogio. Konklave. Index. Seit den Qualifikationsarbeiten – die Habilitation trug noch den schön umständlichen Titel Die Reichskirchenpolitik des Hauses Lothringen 1680–1715. Eine Habsburger Sekundogenitur im Reich? – geraten die Titel kurz, und das wird man nicht nur dem Lektor Ulrich Nolte im Münchener C. H. Beck Verlag zuschreiben dürfen, der seinen Autorinnen und Autoren aus vielerlei Gründen Überlanges zusammenstreichen muss. Die Kürze verrät eine auch auf den Seiten nach Außen- und Innentitel um Knappheit, Prägnanz und Präzision bemühte Argumentation – und diese Charakteristika prägen auch den Sprachstil. Wenn Hubert Wolf barock wird, dann prägt zugleich ein mild ironischer Ton die Zeilen. Ich zitiere: »Nach der Beschreibung der ganz und gar verderbten protestantischen Aufklärung« – dieser Absatzbeginn in Verdammtes Licht klingt für meinen Geschmack jedenfalls schon ein wenig nach Fürstpropstei Ellwangen – »kommt der Verfasser« (ein Mainzer Bischof in einem einschlägigen Lexikonartikel des 19. Jahrhunderts) »auch auf die ›falsche‹ Aufklärung im Protestantismus zu sprechen. Er macht dabei folgende Ursachen für das Eindringen der Aufklärung in die katholische Kirche geltend«: Fürstpropstei Ellwangen, ironisch gebrochen, aber auch die liberal-katholische Nüchternheit der wissenschaftlichen Sprache des Studienortes Tübingen, der den diesjährigen Preisträger tief geprägt hat: Da macht ein Bischof im Lexikon Ursachen lediglich geltend. Aber wirkliche und wahrhaftige Ursachenforschung hat er nach Wolf nicht betrieben, jedenfalls nicht solche, der der Historiker das Prädikat »eine wahre Geschichte« zubilligen kann. Zwischen den barocken Fürstabteien liegt unübersichtliches Gelände, in dem präzise orientiert werden muss.
Eine wahre Geschichte – mit diesem Untertitel habe ich schon das Buch erwähnt, das in einer breiteren Öffentlichkeit neben dem Taschenbuch über den Zölibat vielleicht am ehesten mit Hubert Wolf verbunden wird. Zunächst einmal ist es ja auffällig, dass ein Historiker, der so viel Zeit in Archiven und vor allem in Vatikanischen Archiven verbringt, der so viele Akten- und sonstige Quelleneditionen inauguriert hat, so schwungvoll erzählen kann. Natürlich: Das Thema, übrigens eigentlich ein Abfallprodukt ganz anders ausgerichteter Archivrecherche, ist dankbar. Eine Nonne ruft um Hilfe, weil sie vergiftet werden soll, doch sie kann fliehen. Zu korpulent, als dass das Gift tödlich wirken kann. Nach einer Anzeige kommt es zu einem Prozess, in dem die Inquisition aufdeckt, dass im hinter dem Marcellus-Theater gelegenen stadtrömischen Kloster Sant’Ambrogio nicht nur Visionen und Dämonenaustreibungen an der Tagesordnung sind, sondern auch Segnungen mittels Zungenkusses, lesbische Initiationsriten, Abtreibung von Priestern gezeugter unehelicher Kinder und so weiter und so fort. Die engen Verflechtungen dieses schockierend-faszinierenden Sündenbabels mit einem jesuitischen Netzwerk, das über beste Kontakte zum Papst verfügt, vervollständigen einen Stoff, der wie ein seine Details geringfügig überzeichnender Roman daherkommt, aber das ist, was sein Untertitel sagt: eine wahre Geschichte. Wieder sind die literarischen Mittel lakonische Kürze, subtile Ironie und barocke Weiterungen. Zu Beginn dramatis personae, auch wörtlich so überschrieben, der Personen Letzte – ich zitiere wörtlich: »Maria, Mutter Jesu, erscheint und schreibt Briefe«. Ein Kapitel gegen Ende ist überschrieben »eine Heilige im Irrenhaus«, das folgende »ein Häretiker schreibt Dogmen«. Und darum, um ein Dogma und die Theologie, geht es Wolf in guter alter Tübinger und Rottenburger Tradition nicht zuletzt, aber von der Unfehlbarkeit ist hier und heute materialiter nicht zu handeln. Es geht ja um Sprache, um Sprachkraft.
Hubert Wolf kann meisterlich erzählen, obwohl er Akten ediert. Wie wenig selbstverständlich das ist, sieht man an dem ersten wirklichen Vertreter des Fachgebietes, das uns beide verbindet, am ersten Kirchenhistoriker. Der gelehrte Bischof Eusebius von Caesarea hat auch Akten ediert, allerdings nicht in separaten Bänden oder gar – wie Hubert Wolf inzwischen – digital, sondern er hat eine Aktensammlung mit ausführlichen Einleitungen publiziert, ein etwas zusammengestoppeltes Patchwork, gleichwohl fünf Auflagen zu Beginn des vierten Jahrhunderts, ἐκκλησιαστικὴ ἱστορία, Kirchengeschichte, entsprechend schwer zu lesen; eine deutsche Übersetzung Eusebs bietet übrigens die Wissenschaftliche Buchgesellschaft zum Kauf an, die Buchgesellschaft, die Hubert Wolf berät und die ihn neben C. H. Beck auch verlegt, mit einem kleinen Büchlein mit frommen Betrachtungen zu Weihnachten beispielsweise, das darf man im November, zum Ende des Kirchenjahres, doch vielleicht schon einmal antönen, wie man etwas weiter südlich des Ostalbkreises zu sagen pflegt.
Damit niemand glaubt, die Geschichten aus dem Kloster Sant’Ambrogio della Massima – in dem sich heute übrigens ironischerweise neben der Generalkurie der Benediktinerkongregation von Subiaco die Geschäftsstelle einer italienischen Umweltinitiative befindet – seien der schlüpfrigen Phantasie ihres Autors entsprungen, sondern hinter dem Text vierzehn Jahre Forschung zu erahnen sind, finden sich viele Illustrationen, auch Abbildungen von Texten, ein Grundriss des Klosters und ungewöhnlich viele Anmerkungen im Band. Ich erinnere mich gut, wie mir Hubert Wolf einmal ein Detail verraten hat, das zeigt, wie sehr er auch das Handwerk des Schreibens versteht: Die eingangs genannten dramatis personae wurden an der Wand des Schreibzimmers präzise charakterisiert, damit der Handlungsfaden nicht durcheinandergeriet beim Schreiben.
Ich hoffe, nun den Schreibstil von Hubert Wolf angemessen charakterisiert zu haben, jedenfalls angemessen für die kurze Zeit, die mir zu reden zugemessen ist. Herausragend im Sinne der Regularien des Sigmund-Freud-Preises für wissenschaftliche Prosa ist er schon deswegen, weil nicht viele Kolleginnen und Kollegen des Fachgebietes so schwungvoll erzählen und gleichzeitig so präzise Analysen mitliefern können. Wir entsinnen uns an die einstige Bielefelder Polemik gegen das Erzählen in den Geschichtswissenschaften, an den Schlachtruf »Erklären statt Erzählen«, die entsprechend schroffen Alternativen von Analyse und Erzählen und die literarischen Zumutungen, die diese historiographische Polemik gegen das Erzählen produziert hat, übrigens auch im von uns allen geschätzten Verlag C. H. Beck, aber nicht nur dort. Weil man im Zuge der Ausbildung zur Historikerin, zum Historiker und so auch zum Kirchenhistoriker das Erzählen nicht lernt, sondern es sich bei anderen abschauen muss, so es einem der Schöpfer nicht in die Wiege gelegt hat, ragt Wolf heraus aus der Schar derer, die schlecht oder gar nicht erzählen können. Und nach dem Tod von Arnold Angenendt, Wolfs Münsteraner mediävistischem Kollegen, ist die Menge derer, die so erzählerisch und analytisch zugleich geprägt herausragen, eher kleiner als größer geworden. Wer etwas erklären kann, sollte es auch erzählen können, wer erzählen will, muss zuvor erklärt haben, und Historiker bleibt man bei all dem Erzählen nur, wenn man die Wahrheit in der Geschichte noch für einen realen, ja den zentralen Wert des eigenen Geschäfts hält und nicht am Pariser Boulevard Saint Germain im Gespräch mit dem Poststrukturalismus verloren hat.
Zuletzt: Hat Hubert Wolf denn nun durch seinen herausragenden Sprachstil entscheidend zur Entwicklung des Sprachgebrauchs in seinem Fachgebiet beigetragen? Ich könnte auf die stattliche Zahl habilitierter Schüler und die beeindruckend große Zahl der Promovierten hinweisen, die der begeisterte akademische Lehrer mit seinem Sprachstil geprägt hat und die das Fach schon zu prägen beginnen. Aber präziser wäre ich wahrscheinlich, wenn ich mit der Vermutung schließen würde, dass auch die vielen Kolleginnen und Kollegen, die Hubert Wolf insgeheim seine Erfolge neiden und sicher auch diesen Preis, aus der Lektüre seiner Arbeiten die Gewissheit nehmen oder wenigstens die vorsichtige Ahnung, dass Erzählen und Erklären, Analyse und Narration doch zusammenpassen, jeweils auf höchstem Niveau, zwei Seiten einer Medaille, delectare et prodesse, wenn ich lateinisch schließen darf. Vielen Dank und ganz herzlichen Glückwunsch!