Sigmund-Freud-Preis

Der Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa wird seit 1964 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen. Ausgezeichnet werden Wissenschaftler, die in deutscher Sprache publizieren und durch einen herausragenden Sprachstil entscheidend zur Entwicklung des Sprachgebrauchs in ihrem Fachgebiet beitragen. Der Preis wird von der ENTEGA Stiftung gefördert und jährlich während der Herbsttagung der Deutschen Akademie in Darmstadt vergeben. Seit 2013 beträgt die Dotation 20.000 Euro.

Preisträger

Hermann Heimpel

Hermann HeimpelHermann Heimpel

Historiker
Geboren 19.9.1901
Gestorben 23.12.1988
Mitglied von 1959 bis 1961

Sigmund-Freud-Preis 1985
Laudatio von Ernst Schulin
Dankrede von Hermann Heimpel
Urkundentext

Hermann Heimpel, dessen Kunst der Darstellung für die schrecklichen wie die guten Seiten der Geschichte eine sie überzeugend verbindende Form findet...

Jurymitglieder
Juryvorsitz: Präsident Herbert Heckmann
Vizepräsidenten Hans-Martin Gauger, Ludwig Harig, Helmut Heißenbüttel, Beisitzer Beda Allemann, Günter Busch, Hans Paeschke, Lea Ritter-Santini, Bernhard Zeller, Ernst Zinn, Ehrenpräsidenten Dolf Sternberger, Bruno Snell

 
LAUDATOR
Ernst Schulin
Geboren 12.10.1929
Historiker

Eine Textstelle Hermann Heimpels, geschrieben in der Mitte seines Lebensweges, kurz nach 1945, nach der deutschen Katastrophe, lautet:

»Geliebte Stadt, sei geheilt durch Erinnerung, laß noch einmal die Winde um die Stirnen deiner Häuser streichen, entzünde noch einmal die Lampen deines Reichtums, entbrenne noch einmal die Lichter deiner edlen Bescheidenheit. Sinke, Abend, noch einmal über den festlichen Alltag der Theatinerstraße, klingelt noch einmal, ihr Ladenglocken, empfangt und entlaßt uns zu einem letzten Kauf, ihr königlichbayerischen Hoflieferanten in der Haupt- und Residenzstadt München.«

So steht es in seinem Buch Die halbe Violine, einer ungewöhnlichen Veröffentlichung seitens eines Mittelalterhistorikers, ungewöhnlich früh geschriebenen Erinnerungen als ungewöhnliche Reaktion auf die erlebte Schreckenszeit.
Heimpel, geboren 1901, hatte schnell Universitätskarriere gemacht als Spezialist für das deutsche Spätmittelalter. Geschult in Wirtschafts- und Verfassungsgeschichte, wurde er schon mit 29 Jahren ordentlicher Professor, zuerst in Freiburg, dann in Leipzig und 1941 in Straßburg. Das sonst so gern als Verfallszeit verachtete deutsche Spätmittelalter suchte er in seiner Lebendigkeit und Reformwilligkeit zu erkennen – in Editionen, Einzelstudien, aber auch, »unter der Gewalt der miterlebten Weltgeschichte«, wie er 1941 schreibt, in anspruchsvolleren, damals zeitgemäßen Gesamtdeutungen. Er tat das vermittelnd, indem er etwa die Geringschätzung der anderen Nationen neben der deutschen, die Übertreibung des Germanischen zurückwies, aber er tat es doch zeitgemäß. Insofern war die deutsche Katastrophe 1945 auch eine persönliche, nicht nur wegen der Flucht aus Straßburg. Darum seine ungewöhnliche Erinnerungsarbeit in der Halben Violine, jenseits von Gegenwarts- oder Vergangenheitsbewältigung. Heimpel gewinnt seine Kindheitsbeobachtungen zurück, genau bis in die nebensächlichsten, vergänglichsten und gerade darum charakteristischen Einzelheiten, verbunden mit allen Genuß- und Angstempfindungen seiner Jugend. Nur das stellt er dar, mit aller Detailschärfe, nicht, was er als Historiker weiß, keine ›große Geschichte‹. Es ist sein verbreitetstes Buch geworden. Liest man es heute wieder, so meint man, es werde immer besser und wertvoller, je weiter wir uns von der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg und auch von seiner Entstehungszeit entfernen.
Die Deutsche Akademie hat bisher zwei Historikern einen Preis verliehen: Golo Mann den Büchnerpreis für Literatur, Arno Borst den Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa. Bekommt nun Hermann Heimpel den richtigen? Der Anklang an Freud, die hilfreiche Erinnerungsarbeit, ist ja da, aber die wissenschaftliche Prosa? Keine Aufregung, er bekommt den richtigen Preis. Aber die Begründung dafür ist gar nicht so einfach.
Heimpel ist ohne Zweifel durch Wort und Schrift und seine ganze Persönlichkeit einer der wenigen großen deutschen Historiker der Nachkriegszeit. Er lehrte bis zu seiner Emeritierung in Göttingen, war der erste Direktor des dortigen Max-Planck-Instituts für Geschichte, und die vielen, weit über das Konventionelle hinausgehenden Ehrungen zu seinem 70. und 80. Geburtstag beweisen die Dankbarkeit der Freunde und Schüler für seine tiefe, lebendige Wirkung bis heute. Seine gelehrte Prosa ist unverwechselbar. So wenn er über die für das Mittelalter kennzeichnende »Handgreiflichkeit«, die »Verleiblichung des Geistes« schreibt:

Geistige Antriebe [...] verdichten sich in dieser mittelalterlichen Welt zur Macht, zur Institution, zum Stand. Im 11. Jahrhundert kämpft die Kirche um ihre Freiheit. Aber diese Libertas Ecclesiae ist Macht, Übermacht: Libertas Ecclesiae heißt Kirchenherrschaft. Bauernfreiheit ist ein wechselndes, aber jeweils bestimmtes Maß von bäuerlichen Rechten, Freiheit zur Jagd wie Recht auf Fischfang; freie Bauern sind Bauern mit bestimmten Rechten. Die Körperlichkeit, die Handgreiflichkeit des Mittelalters ist auch seine Wörtlichkeit. Christus rät (Matth. 10,9) den Aposteln: »Ihr sollt nicht Gold noch Silber noch Erz in euren Gürteln haben, auch keine Tasche zur Wegfahrt, auch nicht zwei Röcke, keine Schuhe, auch keinen Stecken.« So wechseln, unbekümmert um alle Hygiene, die Zisterzienser die Kutte des Tages nicht für den Nachtschlaf, sie bleiben gegürtet. »Wachet und betet«: nicht in einem geistlichen, übertragenen, oder wie ein moderner Mensch sagen würde, einem eigentlichen, ›wirklichen‹ Sinn, sondern wirklich, wörtlich, täglich, nächtlich.

Nicht auszumessen, wieviel gelehrte Forschung hinter jedem Satzstück dieser kunstvollen Synthese steht! Aber Heimpel mißtraute seiner eigenen stilistischen Ausdruckskraft. Er setzte sie fast nur für kleine Formen ein, für den historischen Essay, für Gedanken zur Zeit, für Reden über das Hochschulproblem. Der Mensch in seiner Gegenwart und Kapitulation vor der Geschichte? heißen die beiden schmalen, aber vielerörterten Bände, in denen sie in den Fünfzigerjahren gesammelt wurden. Weit über die Universität hinaus hat er sich damit im ersten Nachkriegsjahrzehnt erfolgreich bemüht, seinen Mitmenschen beim neuen Zurechtfinden in Geschichte und Gegenwart zu helfen, und hätte längst einen Preis dafür verdient. Aber dann hat er diese Publizistik eingestellt und eine geplante, ebenso hilfreich gemeinte Deutsche Geschichte nicht geschrieben, nur als Vorlesung gehalten.
Seine Vorlesungen sind überhaupt große Muster wissenschaftlicher Prosa, unvergeßlich für alle, die sie gehört haben. Sie sollten nicht einfach ein ästhetischer Genuß sein. Ich entsinne mich, wie grob er einmal zu meiner Enttäuschung das Buch eines Kollegen beurteilte, das ich besonders gut geschrieben fand: »Immer nur Nachspeise!« Heimpels Vorlesungen waren härtere Kost. Sie machten fremde historische Zeiten nicht eigentlich verständlich, aber vielfältig sichtbar, bis in ihre rätselhaften und unheimlichen Züge. Der Althistoriker Niebuhr hat einmal stolz von seinen Kollegs behauptet, er halte sie nicht wie ein Professor, sondern »wie ein Gleichzeitiger aus dem Altertum«. Ähnlich schien Heimpel von der mittelalterlichen Denkweise erfüllt zu sein, so sehr, daß man immer auch gespannt war, wie anders er von da aus spätere Zeiten, das 18. oder 19. Jahrhundert oder unsere Gegenwart, beurteilte. Aber die Bücher, die seine Hörer erwarteten und sich schon so gut vorstellen konnten, hat er nicht geschrieben und wird das auch wohl nicht mehr tun: keine Biographie Kaiser Sigmunds oder Karls des Kühnen, keine Gesamtdarstellung des deutschen Spätmittelalters über einen früheren Handbuchbeitrag hinaus. – Unter den großen Historikern hat Jacob Burckhardt seine ganze Sympathie – unter anderem vielleicht deshalb, weil auch Burckhardt ein glänzender Stilist war, der sich selber im Bücherschreiben hemmte.
Was hat Heimpel stattdessen geschrieben? Zum Beispiel eine Abhandlung über die »Federschnur«. Ein ganz nebensächlicher, geradezu überspezieller historischer Sachverhalt, den er aber von Grund auf, buchstäblich vom Titelwort an, selber erarbeiten mußte. »Federschnur« mußte erst als richtige Lesung in einer Reformschrift des 15. Jahrhunderts erkannt werden, damit von da aus die spezifischen Rechte und Forderungen auf Mitfischen im fremden Wasser deutlich wurden. Es handelte sich um eine besondere Angelschnur mit schwimmenden Vogelfedern zur Vortäuschung von Insekten als Köder – wobei Heimpel auch nicht die Sichtweise des Opfers vergißt: die Optik des Fisches, von den Anglern übrigens ganz falsch eingeschätzt.
Das ist ein echt Heimpelsches Thema. Eine solche Federschnur ist im Grunde auch das große, nach so viel kleiner Form nun gleich dreibändige Alterswerk über Die Vener von Gmünd und Straßburg, an dem er von seinem 64. bis zu seinem 80. Lebensjahr gearbeitet hat. Man sagt so leicht, es habe sich aus seinen lebenslangen Studien über das Spätmittelalter ergeben. Das hängt mit dem verbreiteten Irrtum zusammen, der Historiker teile dem Publikum im allgemeinen etwas mit, was er selber längst wisse. Heimpel hat erst sehr langsam seit 1964 den gelehrten Rat Job Vener, seine politische Tätigkeit, seine Schriften, seine Familie bis ins 12. Jahrhundert zurück kennengelernt. Diese scheinbar unbedeutende Hintergrundsfigur entpuppte sich als treibende Kraft in der pfälzischen Kanzlei Anfang des 15.Jahrhunderts, in der Heidelberger Universität, bei der Königswahl Sigmunds, auf den Reformkonzilien von Konstanz und Basel; sie verkörperte damit beispielhaft die neue treibende Kraft des theologisch-juristisch gelehrten Beamtentums für den entstehenden modernen Staat. Überall fand Heimpel, nachdem er zu suchen angefangen hatte, die Handschrift Job Veners, im wörtlichen Sinne. Über fünfzig anonym überlieferte Schriften konnte er ihm sicher zuweisen und im dritten Band edieren. Davon sind aber auch die beiden ersten Bände geprägt. Sie verdeutlichen wieder einmal, daß wissenschaftliche Geschichtsschreibung nicht nur von einer Fragestellung oder vom Versuch einer großen Gesamtbeschreibung ausgehen kann, sondern auch von einem Quellenbestand. »Wir gehen nicht von den Problemen zu den Quellen, sondern von den Quellen zu den Problemen«, heißt es in der Einleitung. »Da wir nun einmal einen in solcher Reichlichkeit wohl einmaligen Quellenstoff aufgedeckt haben, war die Absicht keine andere als die: das uns Überlieferte auszupressen.« Das führt zu über tausend Seiten genauester Darstellung oder eigentlich umständlicher Erörterung; denn, wie es einmal heißt, »Kürzungen schaffen nur Unklarheit«. Aus Anmerkungen und Anhängen scheint Text geworden zu sein, und die ›große Geschichte‹, das, was der Historiker weiß, wird genausowenig erzählt wie in der Halben Violine. Der Text ist also schwer durchzulesen. (Ob es die Preisverleiher geschafft haben?) Aber es ist ein Buch zum Lernen. Wie in der Seminarübung kann man dank der schwierigen, aber immer lebendigen Vorgehensweise mitvollziehen, wieviel sichere historische Sachverhalte sich durch die Kunst des Auspressens aus der Vergangenheit zurückgewinnen lassen. Und man sieht dabei nicht Heimpel allein am Werke, sondern die ganze Gemeinschaft der Mittelalterforscher. Der große alte Historiker dankt den Jüngeren freundlich für jede Hilfe, er läßt sie ausführlich zu Worte kommen und lernt von ihnen, als sei er ihr Schüler. In dieser Gemeinsamkeit hat er also, eingedenk seines eigenen Wortes, daß Geschichtswissenschaft mehr Kampf gegen das Vergessen ist als Eroberung neuen Landes, ein Stück Geschichte wiederentdeckt und zugleich ein unvergleichliches Lehrbuch über das frühe 15. Jahrhundert und seine Erfaßbarkeit geschrieben, – preiswürdige wissenschaftliche Prosa.