Sigmund-Freud-Preis

Der Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa wird seit 1964 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen. Ausgezeichnet werden Wissenschaftler, die in deutscher Sprache publizieren und durch einen herausragenden Sprachstil entscheidend zur Entwicklung des Sprachgebrauchs in ihrem Fachgebiet beitragen. Der Preis wird von der ENTEGA Stiftung gefördert und jährlich während der Herbsttagung der Deutschen Akademie in Darmstadt vergeben. Seit 2013 beträgt die Dotation 20.000 Euro.

Preisträger

Ernst Bloch

Philosoph
Geboren 8.7.1885
Gestorben 4.8.1977
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Sigmund-Freud-Preis 1975
Laudatio von Dolf Sternberger
Urkundentext

... dem mächtigen Schriftsteller, der Hebel und Hegel, Anekdote und System, Witz und Weissagung im Strom der Sprache vereinigt.

Jurymitglieder
Juryvorsitz: Präsident Peter de Mendelssohn
Vizepräsidenten Karl Krolow, Horst Rüdiger, Dolf Sternberger, Beisitzer Horst Bienek, Walter Helmut Fritz, Rudolf Hagelstange, Geno Hartlaub, Gerhard Storz, Wolfgang Weyrauch

 
LAUDATOR
Dolf Sternberger
Geboren 28.7.1907
Gestorben 27.7.1989
Politikwissenschaftler und Journalist

Hier und jetzt ist nicht sowohl der Denker als der Schreiber Ernst Bloch zu rühmen. Natürlich sind das nicht zwei Naturen, sondern eine einzige, diejenige des Denkschreibers und auch des Schreibdenkers. Aber wir können unsererseits die Aufmerksamkeit hierhin oder dorthin richten, und wir wollen sie jetzt, wenigstens fürs erste und zur Hauptsache, auf den Schriftsteller richten, auf Sprache und Stil, auf die Kunst. Und lassen ganz unentschieden, wie Philosophie und Literatur sich zueinander verhalten, können auch im Zweifel lassen, ob das Schreiben sich aus dem Denken oder das Denken sich aus dem Schreiben speist, gerade in dem Fall von Ernst Bloch, der kein Verstummen der Sprache vor dem Gedanken kennt, keinen Argwohn gegen die Worte, vielmehr im Gegenteil nur ein unablässiges Vertrauen in die Sprache und die Sprechbarkeit des Gedankens, zudem eine unbändige Lust daran.
Denn dieser Sigmund Freud-Preis ist ein Literaturpreis ganz ebensogut wie der Büchner-Preis und der Johann Heinrich Merck-Preis. Nicht einer von den dreien, sondern erst alle drei zusammen eröffnen die Möglichkeit, den ganzen Horizont und Umfang der Literatur wahrzunehmen und zu bezeichnen, wenigstens allenfalls und einigermaßen, auch auszuzeichnen, was hervorragt. Ernst Bloch freilich könnte jeder der drei Preise ohne alle Not und Bedenklichkeit zuerkannt werden, denn er ist so gut ein Erzähler wie ein Gelehrter wie ein Kritiker und Essayist, und dies alles in einem, und zudem ein Geschichten-, Märchen-, Mythenkenner und -Verwender, ein Aphoristiker und ein Rhapsode, ein Prediger, ein Mystagoge und ein Prophet, und auch die Prophetie der großen und der kleinen Propheten des Alten Testaments müssen wir außer und über allem anderen für eine Literaturgattung ansehen.
Wenn wir derart unsere Aufmerksamkeit also auf den Schreiber und Literaten Bloch richten, so wollen wir uns auch gar nicht ins Bockshorn jagen lassen von dem düsteren Einwurf, es werde hier das Engagement verharmlost, ein Bekenntnis – nämlich das marxistische – ästhetisiert, ein revolutionärer Wille abgebogen und zum Gaukelspiel der Worte verwandelt, für den Genuß zubereitet. Ist er denn etwa ein Asket, ein karger Verfertiger von Handlungsanweisungen, ein ethischer Vegetarier, ist er salzlos, freudlos, witzlos, ist er je trocken? Von alledem gewiß das Gegenteil. Er ist voller Späße, voller Humore, das heißt Feuchtigkeiten, ja von einem einzigen großen Humor erfüllt oder getrieben und einer durchgängigen Freudigkeit noch im Angesicht der widerständigsten Realitäten des zeitlichen Lebens und sterblichen Menschenwesens. Freudig deswegen, weil ihm – christlich gesprochen – die ewige Seligkeit des Menschengeschlechts unendlich viel bedeutender und dringlicher vor Augen und im Sinn schwebt als die dunkle Seite des Gerichts und der Verdammnis – die ewige Seligkeit, das ist ja die verwegenste, die einfachste und die beharrlichste aller Utopien. Und da ich hier unversehens bei christlichen Bildern und Intentionen angelangt bin: Ist denn etwa Sören Kierkegaard, der große ethisch-theologische Ratgeber und Glaubensermahner, trotz und in all seinem Entscheidungs-Ernst nicht auch ein glänzender Schriftsteller gewesen? Höchst genußreich zu lesen? Wie will er es – oder wer sonst wollte es verbieten und für eine Sünde erklären, daß man die Kunst wahrnimmt und den literarischen Geist genießt! Was aber dem religiösen Bekenner recht ist, ist dem atheistischen billig (und nur in diesem einen Punkt, nur in dieser einen Hinsicht, notabene, stelle ich solch einen Vergleich an: den düsteren Einwurf zu entkräften und die Einwerfer abzuwehren, die so gern die Terror-Vokabel vom »Inhalt« im Munde führen, auf den es einzig ankomme, und die eben dadurch den Geist erwürgen, der doch so menschlich ist).
Der Schreiber also, der Schriftsteller, der Literat ist es, den wir rühmen. Er war es vom ersten Werk des Dreißigjährigen an, jener kühnen, durchaus essayistischen – und durchaus expressionistischen – Eruption von 1918, dem »Geist der Utopie«, der sein Lebensthema, seine unendliche Melodie geworden und geblieben ist: mit seiner »entfesselten« Sprach- und Denkgebärde – so muß man sie charakterisieren, in Analogie zu der wenig späteren ästhetisch-revolutionären Eruption auf der Bühne, dem »Entfesselten Theater« von Tairoff. Vom »Geist der Utopie« an über die herrlichen, ganz ins Fabeln und Geschichten-Deuten verschlungenen »Spuren« von 1930, über die Hunderte von Glossen, Miniaturen, Feuilletons, Etüden der Jahre zwischen den Kriegen, vielfach in der alten Frankfurter Zeitung erschienen, bis zum magnum opus, dem »Prinzip Hoffnung«, das im amerikanischen Exil heranwuchs, diesem Gegenstück zu Hegels »Phänomenologie des Geistes«, einer Phänomenologie des Schwarmgeistes sozusagen, und weiter zu den allenfalls akademischen Werken der Leipziger und der Tübinger Lehrzeit (»Naturrecht und menschliche Würde« zum Beispiel, »Atheismus im Christentum« vor allem) und letztlich zum jüngsten, der merkwürdigsten aller Kategorienlehren, mit dem großartig-waghalsigen Titel »Experimentum mundi«, einem Titel, der dem Neunzigjährigen wohl zu Gesichte steht: sechzehn stattliche Bände einer Gesamtausgabe liegen vor und geben Zeugnis vom Leben eines großen Literaten, das sich in Studierstuben und an Pulten, im Gehäus bewährt, freilich kaum heimelig und heimatlich, vielmehr mehrfach um- und ausgetrieben, in verschiedenerlei Exilen.
Eine unendliche Melodie, ich sagte es schon. Gewisse unverwechselbare, ganz originale Merkmale findet man immer wieder. So die Art, einen Aufsatz, ein Buch anzufangen: diese kurzen, dunklen Sprüche, Rätsel- und Zaubersprüchen gleich, als zum Beispiel: »Wie nun? Es ist genug. Nun haben wir zu beginnen« (Geist der Utopie) oder »Wir sind. Aber wer ist es, der ist? Und wann ist er bei dem, in dem, was er lebt?« (Philosophische Aufsätze) oder »Ich rege mich. Von früh auf sucht man. Ist ganz und gar begehrlich, schreit. Hat nicht, was man will« (Prinzip Hoffnung). Das ist immer schon das Hauptproblem, die Existenz- oder vielmehr die Essenzfrage, gleichsam in einer Nuß, die noch nicht aufgeschlagen wurde.
Ferner, daß Stil und Sprache nach solch barschen Eröffnungen (aus denen ich immer auch den pfälzischen Sprechton herauszuhören meine) Schritt um Schritt oder eigentlich Sprung um Sprung zur Anekdote, zum Essay, zur Abhandlung fortgeht und auswächst, schließlich zu einem eigentümlich brausenden und strömenden, vieles und viele mitreißenden Duktus, fast ohne Absatz und Halt und vor allem – auch das ist ein Merkmal – ohne Fußnoten, Anmerkungen, Verweise, rhapsodisch eben. Wenn es »wissenschaftliche Prosa« ist, wie es der Name unseres Preises wahrhaben will (»gelehrte Prosa« sollte es lieber heißen!), so gewiß nicht diejenige einer »positiven« Wissenschaft (was für ein sonderbarer Terminus!), auch nicht einer Sozialwissenschaft, social science, da ist nichts von Statistik und Ökonomik, nichts von Soziologie, nichts von Computer-Methodik mit Variablen und Hypothesen und dergleichen, sondern wenn es also »wissenschaftliche« Prosa heißen soll, so ist es die Sprache einer apokalyptischen, einer gnostischen Universalwissenschaft vom Menschen und vom Menschengeschlecht.
Weiter kennzeichnet es diesen Stil, daß sinnfällige Metaphern zu Kategorien werden – der »aufrechte Gang« zum Beispiel als Inbegriff des Naturrechts –, Bonmots zu Grundworten – so jene Lieblingswendung, daß einer »zur Kenntlichkeit verändert« sei (im Bösen wie im Guten übrigens) –, Märchenmotive zu archetypischen Symbolen – wie jenes Zauberwort »Mutabor« aus dem Kalif Storch von Hauff –, Opernfiguren zu Modellen wie Othello und Desdemona im ersten Akt, das Hohe Paar –, und Verheißungen zu Prinzipien – das »Prinzip Hoffnung«! Und daß überhaupt ein Schatz von Urworten, ein Gewimmel von Gestalten, eine Wandeldekoration von Urszenen aus Märchen und Mythen, Liedern und Gassenhauern, Sprichwörtern, altdeutscher Gottesschwärmerei und barocker Mystik, aus Jakob Böhme und Hegel und Marx, Hauff und Hebel, aus dem Faust, dem Nibelungenring (und auch dem Datterich) jederzeit und nah vertraulich zur Verfügung sind, immer voller Bedeutung, lauter kräftige Beiträge und Hinweise, Chiffren, Präfigurationen, bewegliche Elemente jener Mathesis Universalis vom Menschen und vom Menschengeschlecht. »Was gedichtet ist, ist wirklich«, hieß es schon im »Geist der Utopie«, und »die poetischen Menschen sind wir, im Abstand des Gestaltetseins, Herausgeführtseins, zu sehen«. Und vor allem und immer wieder, daß ichs nicht vergesse, aus der Bibel Alten und Neuen Testaments, vom Buch Hiob bis zur Apokalypse des Johannes. Denn Bloch ist – ganz im Gegensatz und Widerspruch zu dem protestantischen Programmdenker der »Entmythologisierung«, Rudolf Bultmann, durchaus und durchweg ein Genie der Mythologisierung nicht allein der Religion, sondern der Philosophie, ja der gewöhnlichsten Erfahrung. Was er anfaßt, zeigt plötzlich eine verborgene Stelle oder Seite, fängt zu gleißen an, schimmert von Erwartung. Wie es jene schöne Passage illustriert, sie steht in den »Spuren«, und nur dieses eine Exempel will ich jetzt anführen, die Passage vom Dampfschiff: »Vor allem«, heißt es, »wenn das Schiff mit Musik ankommt: dann verbirgt sich in dem Kitsch... etwas von dem Jubel der (möglichen) Auferstehung aller Toten«: hat das nicht Wahrheit? Hat das nicht unsereiner und jedermann einmal glücklich und dunkel gefühlt? Er ist ein wahrer Wundermann, dieser philosophische Literat, ein utopisch-eschatologischer Rutengänger in allen Gründen, und seine Rute schlägt reichlich aus.
Nun also: macht’s der Gehalt? macht’s die Sprache? Wer will das entscheiden! Ein guter Ausdruck, sagt Lichtenberg, ist so viel wie ein guter Gedanke. Blochs Sprache folgt aus seinen Wachtraumgedanken und treibt sie auch hervor. Die lebenslängliche große geschichtliche, endgeschichtliche, übergeschichtliche Hoffnung ist es, die Sprache und Stil erzeugt, ihr Raunen und ihr Rauschen, ihre heftige Grammatik wie ihre knorrige Syntax, ihre Bilder wie ihre Begriffe, ihre bildlichen Begriffe und begrifflichen Bilder, ihre originale und doch auch eine gewaltige Tradition heraufhebende, mitführende unendliche Melodie. Gewiß, so muß man’s annehmen. Aber doch ist auch die andere Relation möglich und nicht minder legitim: daß die Sprache die Mysterien erzeugt, die sie ausdrückt, indem sie sie einschließt. Jedenfalls gilt das von einer Sprache, in die der Geist hineingefahren ist. Oder besser: es gilt von der Sprache, insofern der Geist in sie gefahren ist. Zum Beispiel von Blochs Sprache.
Solche Sprache, solcher Gehalt, solcher Geist ist den Positivisten – alter wie neuer und neuester Observanz – ein Greuel, den strengen Ethikern bedenklich, den Kantianern, die sich innerhalb der Grenzen der reinen Vernunft zu halten bemühen, ein Ärgernis. Solcher Sprachgeist ist gefährlich aller festgesetzten Herrschaft, auch und gerade der kommunistischen, wie sich in Blochs Fall erwiesen hat, darum, daß der permanente Utopismus dort zum Schweigen verurteilt ist, wo das historische Gesetz als erfüllt und die gerechte Diktatur als aufgepflanzt behauptet wird: da gibt’s nichts mehr zu glühen und zu brodeln, zu raunen und zu brausen.
Aber solcher Geist – das wollen wir nicht verschweigen und nicht verkleinern – ist auch in stetigem, ja in ewigem Widerspruch zu derjenigen versuchten Ordnung, Verfassung und Handlung, welche wir Sterblichen im Bewußtsein unserer Grenzen gemeinschaftlich begründen und betreiben, wo wir nicht unser ewiges Heil, sondern das hier Erreichbare zu besorgen streben, uns mit ganzer Front und Liebesmühe den Aufgaben des Tages zuwenden: ohne allen Anspruch, die Stadt Gottes zu erbauen oder vorauszubilden. Mit anderen Worten: Utopik ist nicht Politik. Wenngleich jene fortwährend in diese einwirkt, beunruhigend, störend, anstößig und anstoßend; daher Politik und Utopik gleichsam in herzhaftem Streite von je auch wieder untereinander verbunden, zuzeiten ineinander verkrallt sind – jedenfalls bei uns im christlichen Abendland.
Aber alle menschlichen Gedanken sind verwandt miteinander. Ernst Bloch, der Denkschreiber und Schreibdenker, hat in Gehalt und Sprache und Geist zuletzt nie anderes beschworen und geweissagt als: Erlösung, freilich Selbsterlösung. Selbsterlösung des Menschengeschlechts, Seelenwanderung in der Geschichte und durch die Geschichte hindurch und also individuelle oder kollektive Unsterblichkeit, in welcher metaphysischen, materialistischen, dialektisch-revolutionären oder mystisch-religiösen Version auch immer. Und das müssen wir doch wohl alle einräumen, wenn auch in verschiedener Tonart und Lautstärke, auch die Politiker, die Ethiker, die Kantianer und sogar die Positivisten: die Unsterblichkeit ist ein großer Gedanke.