Sigmund-Freud-Preis

STATUT

§ 1
Der Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa zeichnet seit 1964 Gelehrte aus, deren Werk nicht nur durch seinen geistigen Rang, sondern auch durch die Qualität seiner wissenschaftlichen Prosa besticht.

Der Preis wird getragen von der ENTEGA Stiftung und ist aktuell mit 20.000 EUR dotiert. Er wird jährlich im Rahmen der Herbsttagung verliehen.

§ 2
Der Sigmund-Freud-Preis wird vergeben für herausragende Beiträge zur Entwicklung des Deutschen als Sprache der wissenschaftlichen Publizistik. Er wird für deutschsprachige Originalveröffentlichungen vergeben, die sich durch ihre wissenschaftliche und ihre stilistische Qualität gleichermaßen auszeichnen. Er kann Werke aus allen Disziplinen berücksichtigen.

§ 3
Das Vorschlagsrecht liegt in den Händen der Jury.

§ 4
Die Jury besteht aus dem Erweiterten Präsidium der Akademie.

Die Jury berät über die vorgeschlagenen Kandidatinnen und Kandidaten in einem mehrstufigen Verfahren.

Beschlossen vom Erweiterten Präsidium am 18. Februar 2021

Anke te Heesen

Wissenschaftshistorikerin

Ausgezeichnet für ihren großen Spürsinn und ihre beharrliche Konsequenz, mit der sie der Wissenschaftsgeschichte neue Dimensionen und Nachbarschaften erschließt

Jurymitglieder
Ingo Schulze, Rita Franceschini, Olga Martynova, Lothar Müller, Lukas Bärfuss, Daniel Göske, Felicitas Hoppe, Joachim Kalka, Daniela Strigl, Michael Walter

Laudatio von Hanna Engelmeier

Sehr geehrte Mitglieder der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, sehr geehrtes Publikum, sehr geehrte Frau te Heesen senior, liebe Anke!

In einem Gedicht mit dem Titel »Was schlimm ist« listet Gottfried Benn verschiedene ungünstige Umstände auf. Der erste:

»Wenn man kein Englisch kann,
von einem guten englischen Kriminalroman zu hören,
der nicht ins Deutsche übersetzt ist.«

Es geht weiter mit der misslichen Lage, bei Hitze kein Geld für Bier zu haben. Danach folgt ein vergleichsweise weniger weit verbreitetes Problem:

»Einen neuen Gedanken haben,
den man nicht in einen Hölderlinvers einwickeln kann,wie es die Professoren tunwie es die Professoren tun.«(1)

Es gäbe nun Gründe dafür, sogleich zur Tat zu schreiten und ein Gegengedicht zu schreiben. Das Gedicht mit dem Titel »Stimmt nicht« könnte unter anderem darauf hinweisen, dass ein Gedanke, der sein Leben schwitzend unter der schweren Decke eines Hölderlinverses beginnen muss, auch kein leichtes Schicksal hat.

Es könnte allerdings sein, dass Benn es ohnehin nicht so ganz ernst gemeint hat. Trotzdem weisen seine Verse auf eine Relation hin, die nicht nur für Professoren (und auch nicht nur für Professorinnen) und nicht nur für die wissenschaftliche Prosa, aber besonders für sie, eine entscheidende Bedeutung hat. Ich meine damit das Verhältnis von eigenem Gedanken und Material von anderen, ich meine die Art und Weise, in der sich Texte Worte anderer ausleihen, ich meine das Verhältnis von Autor*in und Quelle, ich meine das Zitieren.

Es deutet sich an, dass es sich bei der Frage nach dem Umgang mit dem Material von anderen, ihren Texten, Bildern und Dingen, der zwar kein Umgang mit Menschen, aber doch mit Material von anderen Menschen ist, um eine ziemlich grundsätzliche handelt. Denjenigen, die diesbezüglich auf der Suche nach Orientierung sind, schlage ich vor, bei Anke te Heesen nachzuschauen, wie man es macht. Wenn sie sich auf das Werk dieser Autorin einlassen, werden sie das finden, was ich eine gastfreundliche Literatur nennen möchte. Die verbleibende Zeit wird dafür reichen, ihnen zumindest drei ihrer Qualitäten zu skizzieren. Dazu gehören erstens der Vorrang des Objekts, zweitens die Kraft der Bildbeschreibungen und drittens der Umgang mit Zitaten.

Anke te Heesen war zwischen 2006 und 2008 Gründungsdirektorin des Museums der Universität Tübingen, bevor sie auf ihre erste Professur für empirische Kulturwissenschaft an der Universität Tübingen berufen wurde, von wo aus sie im Jahr 2011 an die Humboldt-Universität zu Berlin wechselte, wo sie noch immer den Lehrstuhl für Wissenschaftsgeschichte innehat. In ihrer Zeit als Museumsdirektorin realisierte sie im Jahr 2007 gemeinsam mit Annette Michels die Ausstellung auf/zu. Der Schrank in den Wissenschaften. Ihr eigener Beitrag in dem begleitenden Katalog zeigt, wie sich an einem scheinbar gewöhnlichen Möbelstück die Geschichte der Universität überhaupt verstehen lässt, insofern an ihm Erkenntnis über ihre materielle Kultur möglich wird: »Jedes Wissen braucht Behälter«,(2) steht da, und damit sind ausnahmsweise nicht in metaphorischer Hinsicht Sätze auf Seiten in Büchern aus Papier gemeint. Sondern die konkreten Gegenstände, die als Zeige-, Schließ-, Ordnungs- und Repräsentationsmöbel unter anderem für die Entwicklung von Archivierungspraktiken, Klassifikationssystemen, Sammlungstechniken und vielleicht überhaupt: Systematizität einstehen. Am Ende der Lektüre hat man begriffen, dass die Geschichte der modernen Forschungsuniversität vielleicht nicht ohne große Geister, aber noch viel weniger ohne ihre Schränke denkbar wäre. Und auch, dass es erstaunlich ist, dass dieser Punkt übersehen wurde, bis den Schränken das eingeräumt wurde, was ich den Vorrang des Objekts nennen möchte.

Anke te Heesen hat in einem Interview die Arbeit der Historikerin als durch die Praktiken des Erkennens und Begrenzens bestimmt beschrieben(3) und von ihrem eigenen »Hang zum Haptischen« gesprochen. Er zeigt sich, so kann man dem Interview auch entnehmen, beispielsweise daran, dass ihre Ideenfindung häufig von konkreten Dingen ausgeht, die man in immer neuen Anordnungen vor sich auf einen Tisch legen und von allen Seiten betrachten kann. Dieses Vorgehen ist die Voraussetzung für eine Ausstellungspraxis und Geschichtsschreibung, die für ein »gleichberechtigtes Nebeneinander von Alltag und Ereignis, Hochkultur und Trivialem, Allgemeingültigem und Individuellem«(4) optiert.

Bis zur zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist dies historiografisch und kuratorisch nur schwer oder gar nicht denkbar gewesen. Dass auch der »Käse und die Würmer« (Ginzburg), der Schrank oder Zeitungsausschnitt willkommene Gäste im historiografischen Text sind, dass man dem Gewöhnlichen oder sogar Ungeratenen auch einen Stuhl anzubieten hat: Das war nicht immer klar. Anke te Heesens Werk hat auf entscheidende Weise daran mitgearbeitet, es zu einer Selbstverständlichkeit zu erheben.

In ihrer 2006 erschienenen Studie zum eben erwähnten Zeitungsausschnitt, einem »Papierobjekt der Moderne«, heißt es über die Archive, die aus diesen Schnipseln Weltwissen kompilierten und es durchsuchbar machten, dass sie sich dem Papier mit einer »ausgesprochenen Materialzärtlichkeit« widmeten.(5) Wie jede Zärtlichkeit, die ihren Namen verdient, beginnt diese damit, den eigenen »Hang zum Haptischen«, den Wunsch nach Berührung also, hinter einer genauen Beobachtung und Aufmerksamkeit für Details zurückzustellen. Materialzärtlichkeit kennt keine Makulatur, alles ist wichtig, aber nicht gleich wichtig. Materialzärtlichkeit erfordert Priorisierung bei der Beantwortung der Frage, was als Erstes und vor allem wie berührt werden soll. In ihrer Studie hat sich Anke te Heesen wiederum dafür entschieden, sich zunächst das Objekt selbst genau vorzunehmen, den kleinen, banalen Ausschnitt aus der Zeitung, dekontextualisiert und aufgeklebt, abgeheftet und verschickt, verschlagwortet und durchsuchbar gemacht, bis die menschlichen Akteurinnen und Akteure in den Vordergrund treten, die all diese Operationen vornehmen und dadurch eine eigene Art von Autorschaft erlangen, die es ihnen erlaubt, mit der spezifisch modernen Informationsflut umzugehen.

Hören wir, wie Anke te Heesen eine fotografische Dokumentation der Mitarbeiter des Zeitungsausschnittarchivs im Hamburgischen Welt-Wirtschafts-Archiv beschreibt, die von einem unbekannten Fotografen um 1929 angefertigt wurde:

»Die immer eindeutig zu lokalisierende Lichtquelle, von links, rechts oder vorn kommend, beleuchtet die Arbeit, nicht die Person. […] Der Körper findet sich an den Tisch gerückt, die Arme ruhen wie verlängerte Instrumente auf seiner Oberfläche und bearbeiten das Papier, gehen in die Rechtwinkligkeit der Spaltensetzung und Papierkanten über. Nicht nur die Individuen bleiben im Dunkel, auch ein näherer oder umfassender Blick auf den Raum und seine gesamte Einrichtung wird nicht übermittelt. Der ›Raum des Archivs‹ wird als Technik dargestelltDer ›Raum des Archivs‹ wird als Technik dargestellt«.(6)

In diesem kurzen Abschnitt finden sich Beschreibung und Rekonstruktion. Er bietet eine Übersetzung, und damit eine Interpretation des Mediums Fotografie in dem des Textes an. Die Bilder scheinen zu Anke te Heesen zu kommen wie liebe Gäste, die zu Tisch gebeten und dann den anderen mit Ehrerbietung vorgestellt werden, mit dem leisen Bedauern, nun nicht alles aus ihrem Leben den anderen mitteilen zu können, sondern sich auf die für den Abend wichtigsten Punkte beschränken zu müssen.

Anke te Heesen macht sich die Linearität der Schrift zunutze, die das Auge in der Lektüre zumindest zu einer bestimmten Reihenfolge der Wahrnehmung stark anregt: Der Verlust der Eigenschaft des Bildes, dass man bei seiner Betrachtung da anfangen kann, wo man möchte, die sinnliche Erfahrung, die der Text gegenüber dem Bild nicht anbieten kann, wird kompensiert durch die Einbettung in eine Darstellung, die das Bild wiederum vermissen lassen muss. So kann der eben gehörte Abschnitt eine fotografische Serie zu der typisierten Darstellung des ins Frage stehenden verdichten, er bietet eine Analyse und dann einen bescheidenen abschließenden Satz, der monumental wird, je länger er schwingen darf: »Der ›Raum des Archivs‹ wird als Technik dargestellt.« Wie schön wäre ein Seminar nur davon ausgehend!

Zuletzt ist von Anke te Heesen Frauen vor Mustern erschienen, ein Buch, das sich der bildlichen Darstellung von Frauen in Interieurs widmet. Die Kunst ihrer Beschreibungen kommt hier besonders zum Tragen: In Zusammenhang gebracht wird hier die Rolle von Mustern als dekorativem Element der Gestaltung mit der Frage nach der Sichtbarkeit von als weiblich interpretierten Figuren. Vielleicht ist es Anke te Heesens radikalstes Buch, in der Verdichtung einer mehr als zwanzigjährigen Beschäftigung mit Mustern auf ein kleines Format und aber auch in der Eindeutigkeit des Bekenntnisses zu der Kraft einer feministischen Kunst und Kunstkritik. (Soweit ich mich erinnere, hat Odo Marquard einmal gesagt, dass seine Habilitationsschrift auch deswegen so umfangreich geworden sei, damit er damit seine Kritiker notfalls physisch attackieren könne. Wie mühevoll das Leben all jener sein muss, die nicht wissen, dass die besten Waffen kleine, schlanke Bücher sind, die wie Pfeile fliegen können.)

Die Entscheidung für das, was man von einem Bild im Text sichtbar macht, ist eine Machtausübung, eine Entscheidung darüber, was vorgelassen wird, was draußen bleibt. Das ist als Exklusion einerseits trivial, andererseits in der Frage nach ihrer Gestaltung unendlich interessant. Während ein Bild oder eine Reproduktion davon in einem Text, in einem Buch im Ganzen beigegeben werden kann, sieht es für das Schicksal von Texten, die anderen Texten vorkommen, anders aus. Ganze Abhandlungen, Aufsätze, Romane können in einer historischen Studie in der Regel nicht beigefügt werden, sie treten immer nur in Auszügen auf. Sie werden hochgradig funktionalisiert, müssen für das Ganze einstehen und hell strahlen, sie werden ohne ihren Kontext potenziell entblößt, sie tragen das Gewicht einer ganzen Argumentation.

Es kann sein, dass Anke te Heesen in einen ihrer Texte Hölderlin eingeladen hat. Falls ja, habe ich es übersehen. Ich habe aber zum Beispiel und nur unter anderem gesehen, wie sie den Stress der informativen Überlastung der Moderne anhand einer Szene aus Alfred Döblins Berlin, Alexanderplatz plastisch macht, wie sie hinter die Kraft der döblinschen Prosa zurücktritt, ihn beschreiben lässt, wie auf den armen Teufel Franz Biberkopf die Zeitungen »wie einzeln ausgestoßene Signale prasseln« und »nachhaltig mit der Stille des Gefängnisses«(7) brechen. Zitieren bedeutet auch, auszuhalten, dass das Zitat treffender ist, als alles, was einem selbst einfällt, und zu zeigen: Deshalb steht es da. Dies ist meine Beschränkung. Die einzige mir bekannte echte Dummheit besteht darin, diese nicht immer vor Augen zu haben. Die Brillanz der Texte von Anke te Heesen zeigt sich nicht allein in den gut gewählten Zitaten. Sie wirkt auch in der immer mitgeführten Erkenntnis, dass der eigene Text an dieser Stelle die Grenze seiner Sprache erreicht hat.

Es ist ein Missverständnis, dass man allein schreibt. Im Prozess ist die Autorin immer mit vielen anderen zusammen und es liegt an ihr selbst, wie sie sich in dieser Gruppe der aus den Quellen sprechenden Menschen verhält, wie sie sie beobachtet und von dieser Erfahrung anderen erzählt. Anke te Heesen hat insbesondere durch ihre Arbeit zu Forschungsinterviews als einer zentralen Quelle wissenschaftlicher Erkenntnis gezeigt, dass die geeignete Position dafür nicht der Hochsitz eines Jägers ist, der seine Quellen wie Wildschweine erlegt, oder die einer Geheimagentin mit Abhörtechnik, die sich in ihrer Tätigkeit selbst ganz unsichtbar macht. Anke te Heesen zeigt uns, dass Zitieren andere zum Sprechen bringen, aber vor allem Sprechenlassen bedeutet. Wenige haben ihren Quellen aufmerksamer zugehört.

Ich komme zum Schluss. Zunächst möchte ich der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung gratulieren, dass es ihr im 62. Jahr der Verleihung des Sigmund-Freud-Preises gelungen ist, nach den Preisträgerinnen Hannah Arendt (1967), – schon 31 Jahre später – Ilse Grub-Simitis (1998), Julia Voss (2009), Angelika Neuwirth (2013), Barbara Stollberg-Rilinger (2017), Ute Frevert (2020) und Iris Därmann (2022) zum achten Mal eine Autorin zur Annahme des Freud-Preises zu bewegen. Eine wunderbare Wahl.

Ich glaube nicht, dass eine gastfreundliche Literatur, wie ich sie versucht habe zu skizzieren, von solchen geschrieben werden kann, die nicht grundsätzlich und immer dazu bereit sind, schnell noch einen Teller mehr zu decken. Es zwar vermutlich grundsätzlich möglich, aber es kommt mir eher unwahrscheinlich vor. Anders gesagt: Ich hielte es für falsch, nicht zu betonen, dass heute nicht nur eine Verfasserin hervorragender wissenschaftlicher Prosa, sondern auch eine besonders großzügige und integre Person ausgezeichnet wird. Auch in dieser Hinsicht ist kein Text seiner Autorin fremd.

Liebe Anke: Herzlichen Glückwunsch zum Sigmund-Freud-Preis 2026.

(1) Gottfried Benn: »Was schlimm ist«, in: Ders.: Späte Gedichte. Fragmente. Destillationen. Aprèslude, Wiesbaden: Limes Verlag, 1965, S. 54.

(2) Anke te Heesen: »Vom Einräumen der Erkenntnis«, in: dies./Annette Michels (Hg.): auf/zu. Der Schrank in den Wissenschaften, Berlin: Akademie Verlag 2007, S. 90–97, hier: S. 91.

(3) Anke te Heesen: »Erkennen und Begrenzen«, in: Alexander Kraus, Birte Kohtz (Hg.): Geschichte als Passion. Über das Entdecken und Erzählen der Vergangenheit. Zehn Gespräche. Frankfurt am Main: Campus 2011, S. 71–105, hier: S. 74.

(4) Anke te Heesen: »Objet sentimental«, in: Zeitschrift für Medien- und Kulturforschung, Bd. 2 (2011), H 1, S. 127–141, hier: S. 137.

(5) Anke te Heesen: Der Zeitungsausschnitt. Ein Papierobjekt der Moderne. Frankfurt: Fischer 2006, S. 18.

(6) Der Zeitungsausschnitt, S. 260.

(7) Der Zeitungsausschnitt, S. 69.