Friedrich-Gundolf-Preis

Der Friedrich-Gundolf-Preis wird seit 1964 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen. Als »Preis für Germanistik im Ausland« wurde er 25 Jahre lang ausschließlich an Sprach- und Literaturwissenschaftler ausländischer Hochschulen vergeben. Mit der seit 1990 gültigen Bezeichnung »Friedrich-Gundolf-Preis für die Vermittlung deutscher Kultur im Ausland« wird der Preis auch an außeruniversitäre Persönlichkeiten verliehen, die sich für die Förderung deutscher Kultur und den Kulturdialog einsetzen. Der Preis wird jährlich während der Frühjahrstagung der Deutschen Akademie verliehen. Seit 2013 beträgt die Dotation 15.000 Euro.

Preisträger

Giorgio Strehler

Theaterregisseur
Geboren 14.8.1921
Gestorben 25.12.1997

Friedrich-Gundolf-Preis 1991
Laudatio von Eberhard Fechner
Dankrede von Giorgio Strehler
Urkundentext

... für seine überzeugenden und glänzenden Inszenierungen sowie seine Darstellungskunst deutscher Dramatik...

Jurymitglieder
Kommission: Roger Bauer, François Bondy, Norbert Miller, Lea Ritter-Santini, Peter Wapnewski

Mitglieder des Erweiterten Präsidiums

Theaterabenteuer in europäischer Dimension

Meine Damen und Herren, liebe Freunde.
Ich danke Ihnen mit ganzem Herzen für den Preis, der mich ehrt und an dem mir mehr als an vielen anderen gelegen ist, weil er meine intimen Verbindungen und die tieferen Gründe meiner geistigen Nähe zur deutschen Kultur hervorhebt. Mein nunmehr fünfundvierzigjähriges Theaterabenteuer habe ich in einer europäischen Dimension verbracht, zu einer Zeit, als Europa noch ein vom Blut seiner Söhne besudeltes Schlachtfeld war und man noch lange nicht von Europa sprach, so tief waren noch die Wunden, die wir uns gegenseitig beigebracht hatten.
Und dennoch haben einige von uns aus den verschiedenen Bereichen der Künste, Literatur und Musik eine gemeinsame Sprache gesprochen, die versuchte, Beziehungen und Geschichte neu zu verknüpfen und fortzusetzen, wo sie zerbrochen waren, und die so beengende Realität eines mehr oder weniger offensichtlichen Rassismus überschritten, und sich nicht eine neue Realpolitik aufdrängen ließen, gerade weil sie zutiefst an ihre Nationalitäten gebunden waren. Nationalitäten, gesehen als Quelle von verschiedenen Akzenten, Sprachen, Sitten und auch Charakteren, ein Reichtum und Unterschied also, der eine Einschränkung durch Nationalismus auf keinen Fall akzeptieren konnte. (Es besteht eben ein großer Unterschied zwischen Nationalität und Nationalismus!)
Auf diese Weise haben Frauen und Männer aus der Kultur in einer oft sehr schweren Arbeit, und auch oft ohne viel Hilfe, Austausch unter den verschiedenen Ländern, den verschiedenen ethnischen Gruppen und den verschiedenen Sprachen gefördert und durchgeführt.
So begannen, nach und nach, in den Venen der europäischen Länder wieder die Lymphen der Poesie, der Musik und der Humanität der »anderen« zu pulsieren; die »anderen«, die so unterschiedlich und doch so gleich sind, weil es eben alle unterschiedslos menschliche Wesen sind.
Diese Arbeit des Sich-Kennenlernens, des Austausches und der Verbreitung der verschiedenen europäischen kulturellen Realitäten unter uns Europäern hat die wirklich reale Basis für die Geburt eines Vereinten Europas von morgen geschaffen; jedenfalls das Vereinte Europa, an das ich glaube und das ich als eine historische Notwendigkeit erkenne. Das will nicht heißen, daß das so schnell möglich ist, und vor allem will das nicht heißen, daß es leicht und sicher ist. Man redet so viel heute von Europa. Aber von welchem Europa? Dem Europa des Warenaustausches, der Währungen, der Geschäfte, der Banken. Es scheint fast so, als ob das das einzig mögliche Europa sei oder zumindest, daß das Europa sich nur durch die Dinge, die man ißt, kauft und verkauft, als entwicklungswürdig definiert.
Ich denke jedoch, daß die Identität Europas, und zwar die grundsätzliche, nur die Einheit der Ideen, der Kultur, der Kunst und der Schönheit der Einheit des Geistes sein kann. Und diese Einheit wird um so mehr Einheit sein, als sie es vermag, die verschiedenen Elemente und Charaktere, wie auch die verschiedenen Stimmen miteinander zusammenzubringen. Europa wird die verbindende Heimat der Verschiedenheit sein, es muß einen Reichtum an Verschiedenheit in Europa geben. Und Europa wird ein einziger Kontinent auf dem Planeten Erde sein können, aber nur, wenn er es versteht, ein »anderer«, von anderen Entwicklungsmodellen unterschiedener zu werden. Ein Kontinent, dessen Identität sich gerade durch die Mobilität seiner Landschaften und seiner kulturellen Besonderheiten auszeichnet.
Als Theatermann und italienischer Intellektueller habe ich mich in eben diesem Geiste in den letzten Jahrzehnten der deutschen, französischen, englischen und russischen Literatur genähert und habe sie als Ergebnis einer tiefen Liebe und Achtung dem europäischen Publikum nähergebracht. Ich bin stolz auf diese Mühen und stolz darauf, italienische und nicht-italienische Stücke (auch Shakespeare zum Beispiel) in Europa vor nicht-italienischem Publikum gespielt zu haben. Ich bin stolz darauf, die Stücke des großen europäischen Theaters gespielt und sie zuvor auch übersetzt zu haben.
Ich glaube, daß ich einen wirklichen Beitrag zu dieser europäischen Idee geleistet habe, jedenfalls mehr als zu der Zeit, als ich Abgeordneter des Europa-Parlaments in Straßburg war. Ich bin auch moralisch gesehen befriedigt darüber, daß ich mehrmals ein Vermittler und eine Brücke dafür war, daß Europa sich als Europa erkennt.
In diesem Sinne ist meine Beziehung zur mitteleuropäischen, und insbesondere zur deutschen Kultur immer eine besondere gewesen. Heute sage ich mir, daß ich mehr hätte tun sollen. Aber man kann immer mehr tun. Ich habe Kaiser, Toller, Bruckner, Büchner, Dürrenmatt, Brecht, Kipphardt, Weiss, Lessing und Goethe auf die Bühne gebracht; und viele andere deutschsprachige Autoren sind auf der Bühne des Piccolo gespielt worden, von Jung bis Botho Strauß.
Der Name Brecht ist soeben gefallen, und daher finde ich es angemessen, einiges über ihn zu sagen: Brecht war einer meiner Lehrer; ihm und seinem Theater habe ich einen Großteil meines Werkes »für« die deutsche Kultur gewidmet. Ich denke, daß das eine richtige − wenn auch von vielen nicht geteilte − Wahl war. Und vielleicht habe ich dazu beigetragen, ein wahreres und komplexeres Gesicht dieses Dichters und Dramaturgen zu zeigen, eines Dichters, der sicher als einer der bedeutendsten unseres Zeitalters in die Geschichte eingehen wird.
Ich möchte an dieser Stelle erinnern, daß es gerade Brecht war, der mir und uns − damit meine ich uns damals junge und vielleicht oft zu dogmatische Schüler −, der uns beigebracht hat, daß es auf den Zweifel, die Dialektik, den Respekt vor der poetischen Totalität eines poetischen Werkes ankommt, in Abgrenzung gegen die Primitivität des bloßen Gehaltes oder der Propaganda.
Aus diesem Grunde mußte er gegen den Vorwurf ankämpfen, ein »gefährlicher bürgerlicher Formalist« zu sein, und dieser Vorwurf kam ihm von den Lobpredigern des sogenannten realen Sozialismus, die gar nichts, aber auch gar nichts mit Sozialismus zu tun hatten, außer gefährliche und blinde Propagandisten des Stalinismus zu sein.
Heute vielleicht wird es den Besten unter uns − und das wünsche ich mir von ganzem Herzen − möglich sein, diesem großen Dichter der deutschen Sprache mit mehr Objektivität zu begegnen. Das wäre nützlich und richtig, und ich hoffe, daß mein Beitrag zu einem besseren und richtigeren Verständnis dieses Autors deutscher Literatur, der gleichzeitig auch zur Weltliteratur zu zählen ist, geführt hat.
Dennoch muß ich mit Bedauern feststellen, daß es eine Menge deutschsprachiger Theaterliteratur gibt, die ich nicht habe aufführen können. Die Bibliothek der europäischen Literatur ist so immens, daß die ausgelassenen Texte immer und in jedem Fall zu viele sind. Wir sind immer in der Schuld, der eine mit den anderen.
Deshalb sollten alle Kulturschaffenden, Künstlerinnen und Künstler Europas nicht müde werden, sich immer mehr kennenzulernen. Es wird nie genug sein. Wir sollten uns gegenseitig mit immer mehr Einsatz unsere verschiedenen Wahrheiten, Erfahrungen, Größen und Träume austauschen. Damit tun wir uns und der Welt Gutes.
In diesem Augenblick, seit nunmehr vier Jahren − mir scheint es viel, dabei ist es so wenig spiele ich die »Fragmente« des Faust von Goethe; Faust erster und zweiter Teil − zum erstenmal versucht es jemand, das gesamte Werk − oder beinahe das gesamte Werk − auf der italienischen Bühne darzustellen. Viele haben mich gefragt, ob es opportun oder von Nutzen sei, ein so deutsches Werk, ganz und gar deutsch, wie sie meinten, dem italienischen Publikum vorzusetzen, das vielleicht Schwierigkeiten mit dem Verständnis haben würde. Meine Antwort ist: vielleicht ist es nicht möglich, aber auf jeden Fall von Nutzen. Schon deshalb von Nutzen, weil die poetischen und künstlerischen Botschaften des Faust heute mehr denn je eine durchschlagende Bedeutung haben und weil sie sich außerdem einer zeitlichen Klassifikation entziehen. Der Faust ist auf den verschiedenen Ebenen dem Publikum verständlich, weil seine Botschaften menschliche Botschaften sind, die eben nicht nur deutsche sind.
Eben gerade mit dem Faust berührt man eine Wahrheit: in der Dichtung und Kunst kommt es eben nicht darauf an, nur deutsch, französisch, italienisch oder englisch zu sein. Zuerst und vor allem muß man poetisch und menschlich sein. Und erst dann wird das Deutsche oder Italienische zur selben Zeit, und ohne Verzicht auf die eigene Identität, wirklich eine universale Qualität.
So war es für Goethe, wie für Dante und Shakespeare.
In meiner langen mühevollen Arbeit über Goethe und seinen Faust helfe ich zu einer größeren Kenntnis eines tragischen Poems von einem deutschen Genie, und insofern trage ich zur kulturellen Verbreitung dieses Werkes bei; aber ich helfe auch einer größeren Kenntnis eines tragischen Poems der ganzen Menschheit, das die Menschheit bereichert und ihr hilft, sich als menschlich zu erkennen. Das scheint mir wichtig zu sein. Es ist wichtig, den Theaterstücken echtes Leben zu geben, und außer ihrem linguistischen und kulturellen Beitrag berühren sie das Universelle in uns, indem sie die großen Themen unseres Zusammenlebens stellen, als einzelne, einmalige, wie auch soziale Wesen im Verhältnis zur Geschichte.
In diesem Sinne möchte ich meine Arbeit verstanden wissen, und über Ihre Auszeichnung meiner Person für die Verbreitung der deutschen Literatur möchte ich hinzufügen, daß es mir um eine Bekräftigung und Verbreitung der poetischen Stimme der deutschen Kultur im Gesamtchor der Poesie der Menschheit geht.
Liebe Freunde, nochmals danke für Ihre Anerkennung meiner Arbeit, die ich unserem europäischen Schicksal widme, und der Freundschaft und besonders der Brüderlichkeit der Völker, die durch die Kunst den Sinn ihrer Wahrheit und ihres Geschickes erhalten.