Friedrich-Gundolf-Preis

Der Friedrich-Gundolf-Preis wird seit 1964 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen. Als »Preis für Germanistik im Ausland« wurde er 25 Jahre lang ausschließlich an Sprach- und Literaturwissenschaftler ausländischer Hochschulen vergeben. Mit der seit 1990 gültigen Bezeichnung »Friedrich-Gundolf-Preis für die Vermittlung deutscher Kultur im Ausland« wird der Preis auch an außeruniversitäre Persönlichkeiten verliehen, die sich für die Förderung deutscher Kultur und den Kulturdialog einsetzen. Der Preis wird jährlich während der Frühjahrstagung der Deutschen Akademie verliehen. Seit 2013 beträgt die Dotation 15.000 Euro.

Preisträger

Feliu Formosa

Feliu Formosa

Übersetzer und Lyriker
Geboren 10.9.1934

Friedrich-Gundolf-Preis 2011
Laudatio von Àxel Sanjosé
Dankrede von Feliu Formosa
Urkundentext

... dem herausragenden Vermittler und Übersetzer deutscher Literatur ins Spanische und Katalanische...

Jurymitglieder
Kommission: Michael Krüger, Norbert Miller, Per Øhrgaard, Ilma Rakusa, Miguel Saenz, Joachim Sartorius, Jean-Marie Valentin

Mitglieder des Erweiterten Präsidiums

 
LAUDATOR
Àxel Sanjosé
Geboren 17.6.1960
Germanist

Auf den ersten Blick scheint die Aufführung eines Stücks von Bertolt Brecht in den späten 50er oder frühen 60er Jahren des 20. Jahrhunderts eine äußerst »normale« Angelegenheit zu sein. Diese Einschätzung ändert sich jedoch schnell, wenn sich herausstellt, dass der Aufführungsort Barcelona war und die Aufführungssprache Katalanisch – dass sich dies also während der Franco-Herrschaft abspielte, in der weder Brecht noch die katalanische Sprache gern gesehen oder gehört waren. Selbst die Übersetzung politisch unverdächtiger Werke war unerwünscht, bedeutete sie doch eine implizite Anerkennung der von der Franco-Propaganda zum Dialekt abgestempelten katalanischen Sprache. Insofern ist eine Brecht-Aufführung damals als etwas ganz und gar nicht Normales zu sehen, sondern durchaus als Akt des Widerstands – und so wurde sie seinerzeit auch aufgefasst. Einer, der an zahlreichen solcher Theater-Aktionen maßgeblich beteiligt war, ist Feliu Formosa, damals noch Student der romanischen Philologie, der heute für ein Lebenswerk des Übersetzens, Vermittelns und Verbreitens mit dem Friedrich-Gundolf-Preis geehrt wird.
Das Übersetzen an sich – erlauben Sie mir diese Tautologie – ist ja bereits ein Akt der Vermittlung, aber bei Feliu Formosa ist das eben nur der erste Schritt. Als Mann des Theaters hat er nicht nur den sprachlichen Transfer geleistet, sondern die Werke oft selber als Darsteller oder Regisseur auf die Bühne gebracht und sie später auch als Lehrender am Theater-Institut den nächsten Generationen vermittelt. Die Frage, ob am Anfang das Wort oder die Tat sei, stellt sich nicht. Was zählt, ist das Ganze: letztlich das Gedankengut, das mit der sprachlichen Ausdrucksform übertragen wird. Insofern ist Feliu Formosa von Beginn an mehr als ein Übersetzer, er ist ein Importeur: ein Importeur geistigen Guts.
Das ist bei jenen ersten übersetzten und auf die Bühne gebrachten Stücken in der erdrückenden Dumpfheit der Diktatur besonders offenkundig. Mit den Texten aus Deutschland schmuggelte Formosa auch Ideen und Denkweisen in ein Land, das von seinen rückschrittlich-faschistischen Machthabern von der europäischen Entwicklung abgekoppelt worden war. Aber auch wenn bei den erwähnten Aufführungen die politische Absicht zunächst im Vordergrund stand, ging es Formosa schon damals mehr um die Idee als um die Ideologie. Er betätigte sich zu jener Zeit aktiv im Untergrund, war jedoch bald nicht mehr bereit, den Dogmatismus der dort dominierenden kommunistischen Partei mitzutragen. Das änderte nichts an seiner Gegnerschaft zum Regime, nur sah er, dass der Kampf für Werte wie Freiheit, Menschlichkeit oder die Autonomie des Individuums nicht mit den Mitteln der Unfreiheit, der Menschenverachtung und der Verleugnung des Individuums erfolgreich zu führen war.
Im Vortrag von Helmut Müssener war im Kontext der deutschen Exilanten in Schweden von einer (letztlich nur gedachten) »humanistischen Front« die Rede. Dieser Begriff lässt sich als gedankliches Konstrukt über die spezifischen zeitlichen und geographischen Grenzen hinaus verwenden: Feliu Formosa ist – als bedingungsloser Verfechter humanistischer Werte – ein hervorragender Vertreter dieser Front. Übersetzen heißt für ihn immer Horizonte erweitern, ist unermüdliche und gezielte Arbeit an einer größeren menschlichen Gemeinschaft, in der die kulturellen und sprachlichen Unterschiede zwar als wichtige Identitätsträger weiterhin bestehen, jedoch nicht als Trennendes, sondern als Bereicherung. Übersetzen ist für Formosa immer ein Beitrag zur Überwindung von Dogmatismus und Vorurteilen, von Unwissenheit und Engstirnigkeit, von Unterdrückung und geistiger Trägheit unter welchen politischen Umständen auch immer. So nimmt es nicht wunder, dass in seiner Bibliographie Autoren wie Lessing, Schiller, Büchner, Heine, Horváth, Peter Weiss, Dürrenmatt, Böll oder Heiner Müller – und allen voran selbstverständlich Brecht – deutlich mehr Gewicht haben als andere.
Gerade indem er den Schwerpunkt auf die emanzipatorisch-gesellschaftskritische Linie der deutschsprachigen Literatur legte, hat Formosa für das Ansehen der deutschen Kultur einen besonders wertvollen Beitrag geleistet. Denn er hat nicht nur wichtige Autoren und Werke jenseits der Pyrenäen überhaupt erst zugänglich oder bekannter gemacht. Er hat in einer Zeit, in der Deutschland und das Deutsche aufgrund der noch sehr nahen nationalsozialistischen Vergangenheit für viele Menschen nicht eben für Freiheit und Emanzipation standen, gewissermaßen gegen den Trend die freiheitsliebende und freiheitsuchende, aufrechte, widerständige und solidarische Seite des deutschen Erbes in den Mittelpunkt gestellt. Ein besonders sprechendes Beispiel hierfür ist die Herausgabe des Bandes A la paret escrit amb guix [Auf der Mauer steht mit Kreide] von 1966, das den Untertitel ›Poesia alemanya de combat‹ trägt, also ›deutsche Kampf-Lyrik‹, und damit sind wohlgemerkt Protest-, Widerstands- und gesellschaftskritische Gedichte gemeint.
Auch nach dem Tod des Diktators (1975) und dem Übergang Spaniens Demokratie setzte Formosa seine Tätigkeit als Übersetzer fort, ja er intensivierte sie sogar noch merklich. Natürlich hat Formosa nicht alle Werke, die bis zum heutigen Tag übersetzt hat, auch auf die Bühne gebracht. Das wäre schon logistisch gar nicht möglich, denn im Laufe der Jahre hat er die beeindruckende Zahl von über hundert Theaterstücken, Romanen, Gedicht- und Essaybänden übertragen. Neben den bereits genannten Autoren finden wir um nur eine Vorstellung der Bandbreite zu geben, selbstverständlich Goethe aber ebenso Kleist, Rilke, Wedekind, Musil, Kafka, Karl Valentin, Joseph Roth, Thomas Mann, Klaus Mann, Achternbusch, Botho Strauß: eine ganze Bibliothek der deutschen Literatur, die Formosa seinen katalanischen Landsleuten nahegebracht hat. Und: Seinen spanischen Mitbürgern, denn gut zwei Fünftel der Werke hat Feliu Formosa ins Spanische übertragen (wie Sie wahrscheinlich wissen, ist ein Großteil der Menschen in Katalonien zweisprachig) – hat deutsche Literatur letztlich für Hunderte Millionen Menschen in ganz Spanien und Lateinamerika zugänglich gemacht.
Auch in dieser Selbstverständlichkeit des Umgangs mit beiden Sprachen bleibt Formosa seiner weltoffenen Haltung treu. So entschieden er für die Sache der katalanischen Nation eintritt in einem Staatsgebilde, das immer noch von zentralistischen Kräften dominiert wird, und in einem Europa, das solche unbequemen Ethnien gerne mit Lippenbekenntnissen abspeist, so wenig würde er deswegen in eine engstirnige Verweigerungshaltung gegenüber der spanischen Sprache verfallen (was bei manch anderem mitunter zu beobachten ist). Formosas Anliegen ist das Übermitteln, nicht das Vorenthalten, und seine kulturelle und nationale Identität steht in keinerlei Widerspruch zu seiner kosmopolitischen Einstellung.
Aus ebendieser Einstellung heraus bleibt der Akt des »Importierens« selbst stets wichtiger als der politische Effekt, der damit einhergehen oder erwünscht sein mag. Es ist ein schönes Paradoxon, dass man am meisten für sich selber erreicht, wenn man sich ohne Hintergedanken für andere einsetzt. Ohne Zweifel war es indirekt Persönlichkeiten wie Formosa zu verdanken, dass die katalanische Kultur vor vier Jahren Ehrengast der Frankfurter Buchmesse war. Die vergleichsweise große Vertrautheit der katalanischen Intellektuellen mit der deutschen Kultur war sicherlich ein wichtiger Faktor, um ins Gespräch zu kommen – und eine solche Vertrautheit kommt nicht von ungefähr, sondern wächst durch konstante und, ich erlaube mir zu sagen: liebevolle Beschäftigung. Feliu Formosa hat der katalanisch- und der spanischsprachigen Leserschaft: die deutsche Kultur in Gestalt ihrer literarischen Werke unermüdlich und zuverlässig nahegebracht durch Übersetzungen, durch Aufführungen, durch die Herausgabe von Anthologien und durch das Aufmerksam machen auf deutsche Autoren und Werke in Vorträgen, Seminaren und Gespräche. Einige kurz umrissene Beispiele mögen für unzählige andere stehen:
Hatte Joan Maragall Goethe für die Katalanen entdeckt und Carles Riba Hölderlin, so ist unzweifelhaft, dass Feliu Formosa Brecht nach Katalonien gebracht hat. Feliu wird sicherlich gleich selber einiges darüber berichten. Aber er hat auch neben anderen wichtigen Beiträgen das bis dahin in Katalonien kaum rezipierte Werk Georg Trakls in den Kanon europäischer Lyrik gehoben; die Rezeption des großen Expressionisten lässt sich seit Formosas Übertragungen bei zahlreichen katalanischsprachigen Lyrikerinnen und Lyrikern der nachfolgenden Generationen verfolgen.
Er hat auch dazu beigetragen, dass Thomas Bernhard heute in seiner eminenten Bedeutung als Dramatiker wahrgenommen wird, indem er 1989 als Erster eines seiner Stücke übersetzte und später Heldenplatz folgen ließ. Vor einigen Wochen hat Feliu übrigens einen eben erschienenen Band mit Lyrik von Bernhard in der katalanischen Übersetzung von Ramon Farrés in Barcelona vorgestellt – auch dies ein typischer Beitrag zur Vermittlung, ebenso wie der stete Austausch mit anderen »germanophilen« Autoren, Übersetzern und Philologen.
Eine in meinen Augen bislang nicht ausreichend gewürdigte Arbeit Feliu Formosas stellen die beiden Anthologien deutscher Lyrik dar – ein Band für das 16. bis 19. Jahrhundert, ein weiterer für das 20. –, die 1984 und 1990 erschienen. Hier hat er als Herausgeber eine fundamentale Grundlage für die Rezeption deutschsprachiger Lyrik geschaffen, die Fachleute ebenso anspricht wie den allgemein literarisch interessierten Leser. Natürlich ist Formosa an diesen Bänden auch als Übersetzer mitbeteiligt, etwa mit der Übertragung von Andreas Gryphius’ Sonett ›Es ist alles eitel‹ Und auch hier zeigt sich sein Wille zur Vermittlung: in einer Übersetzung, der es gelingt, Klang und Rhythmus des Originals zu übermitteln und sich in der Zielsprache trotzdem ganz natürlich anzuhören, völlig frei von überfrachteten Übersetzer-Konstruktionen. Erlauben Sie mir, das erste Quartett einfach auf Katalanisch vorzuragen, und ich bin sicher, dass Sie auch in dieser für die meisten von Ihnen wohl wenig vertrauten Sprache Gryphius’ Struktur und Melodie mühelos heraushören werden:

»Miris on miris, tot és vanitat al món.
Allò que avui un dreça, l’altre ho abat demà;
on ara hi ha ciutats, hi haurà una praderia
on amb el seu ramat jugarà el rabadà.«

Damit bin ich beim Lyriker Feliu Formosa angelangt. Von seinem (verhältnismäßig späten) Debüt an hat er in der sehr lebendigen und vielfältigen Welt der katalanischsprachigen Lyrik eine eigenständige Stimme vernehmen lassen mit Gedichten, deren lakonisch-deskriptiver Grundton im Gegensatz manchem poetischen Kraftakt oder traditionalistischem Rückfall steht. In seinen unprätentiösen Notaten ist jedoch eine Dimension persönlichen Erlebens spürbar, die den Leser dieser Texte, die zwischen Brecht‘schem Realismus und Trakl’schem Tagtraum pendeln, unmittelbar berührt. Bislang war Feliu Formosa hierzulande als Lyriker kaum bekannt. Umso erfreulicher ist daher das Erscheinen einer Auswahl seiner Gedichte im Heft 4/2010 der Zeitschrift Akzente – die auf diese Weise einen sehr weit gefassten Kreis geschlossen hat; 1974 widmete sie unter dem Titel »Ich will deutlich sprechen« einen Schwerpunkt ihres Hefts Nr. 4 der katalanischen Lyrik, und dort waren – neben Espriu, Ferrater, Brossa und anderen – erstmals Gedichte von Feliu Formosa auf Deutsch zu lesen.
So will ich zum Abschluss Feliu Formosa zu Wort kommen lassen, und zwar mit einem Gedicht aus dem Band Darrere el vidre [Hinter dem Fensterglas], Es ist dies ein Buch, das eine vom Autor selbst besorgte Auswahl der eigenen Gedichte enthält, und so kann man dem Text, den ich nun zitieren werde, da er als vorletzter abgedruckt ist, mit aller gebotenen Vorsicht einen gewissen Fazit-Charakter zumessen. Bezeichnenderweise trägt das Gedicht den Titel ›Tübingen 97‹, und in noch bezeichnenderer Weise sind ihm drei Zeilen vorangestellt, die ein Gedicht von Rose Ausländer abwandeln: »Hölderlin / auswendig / Trakls Traurigkeit«. Hölderlin, Trakl, Rose Ausländer: stellvertretende Namen für sehr unterschiedliche Epochen deutschsprachiger Literatur und eine Art poetischer Chiffre für Feliu Formosas lebenslange Auseinandersetzung mit ihr. Oder sagen wir einfach: eine lyrisch verknappte Liebeserklärung. Und nichts anderes ist das Gedicht(1) selbst, mit dem ich diese kurze Einführung abschließe:

»Tübingen 97

Die astronomische Uhr am Marktplatz
Die kleinen rötlichen Pflastersteine
Der Gassen zwischen den freundlichen Farben
Der Fassaden und die Vorahnung
Des breiten Flusses, der ruhig hinabfließt

Die Biegung mit dem Turm am Wasser
Und das Rätsel einer langen Zeit des Wahnsinns
Blätter um Blätter vollschreibend
In der obersten Kammer

Bleibt die Zeit stehen? Wem verdanken wir es?
Welchem Geist, der Worte ausspricht
Die selten und nah geworden sind?

Schönes Adoptiv-Vaterland.«


(1) El rellotge astrònomic a la plaça / Les petites llambordes vermelloses / Dels carrerons entre els colors amables / De les façanes i el presentiment / De l’ample riu que baixa amb calma // La corba de la torre arran de l’aigua/ I l’enigmad’un llarg temps de follia / Omplint fulls i més fulls / A la cambra més alta // ¿Satura el temps? A qui ho devem? / ¿A quin fantasma que articula / Paraules que s’han fet rares i pròximes? // Bella pàtria adoptiva [Dt. Übertragung v. À.S.]