Friedrich-Gundolf-Preis

Der Friedrich-Gundolf-Preis wird seit 1964 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen. Als »Preis für Germanistik im Ausland« wurde er 25 Jahre lang ausschließlich an Sprach- und Literaturwissenschaftler ausländischer Hochschulen vergeben. Mit der seit 1990 gültigen Bezeichnung »Friedrich-Gundolf-Preis für die Vermittlung deutscher Kultur im Ausland« wird der Preis auch an außeruniversitäre Persönlichkeiten verliehen, die sich für die Förderung deutscher Kultur und den Kulturdialog einsetzen. Der Preis wird jährlich während der Frühjahrstagung der Deutschen Akademie verliehen. Seit 2013 beträgt die Dotation 15.000 Euro.

Preisträger

Feliu Formosa

Feliu Formosa

Übersetzer und Lyriker
Geboren 10.9.1934

Friedrich-Gundolf-Preis 2011
Laudatio von Àxel Sanjosé
Dankrede von Feliu Formosa
Urkundentext

... dem herausragenden Vermittler und Übersetzer deutscher Literatur ins Spanische und Katalanische...

Jurymitglieder
Kommission: Michael Krüger, Norbert Miller, Per Øhrgaard, Ilma Rakusa, Miguel Saenz, Joachim Sartorius, Jean-Marie Valentin

Mitglieder des Erweiterten Präsidiums

 

Verehrter Herr Präsident, verehrte Mitglieder der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, verehrte Mitglieder der Jury, liebe Freunde:
Zuallererst ist es mir ein Bedürfnis, meinen aufrichtigen Dank für diese Auszeichnung zum Ausdruck zu bringen – eine Auszeichnung, die mich sehr ehrt und die hoffentlich dazu beiträgt, die Bande zwischen der deutschen und der katalanischen Kultur enger zu knüpfen und die Kommunikation zwischen beiden zu verstärken. Ich danke an dieser Stelle auch Àxel Sanjosé für seine Laudatio. An dieser Stelle will ich daran erinnern, dass die katalanische Kultur im Jahr 2007 Ehrengast der Frankfurter Buchmesse war und dass aus diesem Anlass jeweils zwei umfangreiche Bände auf Katalanisch und auf Deutsch herausgegeben worden sind, welche die Beziehungen nachzeichnen, die seit dem 19. Jahrhundert zwischen unseren Kulturen bestehen. Der Titel lautet Carrers de frontera / Grenzen sind Straßen, und zu lesen sind dort zahlreiche Beiträge, die den Einfluss der deutschen Kultur auf alle möglichen Ausdrucksformen der katalanischen Kultur untersuchen. Einer dieser Aspekte, mit dem ich mich eng verbunden fühle und der meine Arbeit immer begleitet hat, ist die Übersetzung literarischer Texte. Die Welt der deutschen Kultur ist für viele katalanische Künstler und Intellektuelle, Schriftsteller und Dichter eine Herzensangelegenheit gewesen – von Joan Maragall, der Goethe übersetzte, über Carles Riba, der sich Hölderlin und Rilke widmete, bis hin zu Joan Vinyoli, der ebenfalls Rilke und außerdem Nietzsche ins Katalanische übertrug. Ich habe drei für unsere Literatur besonders wichtige Persönlichkeiten genannt. Ich könnte aus späteren Generationen und aus der Gegenwart noch viele weitere Namen hinzufügen. Wir haben es hier mit einer bemerkenswerten Tradition des Übersetzens zu tun – einer Tradition, zu deren Weiterführung ich hoffentlich ein wenig beigetragen habe.
Meine erste Begegnung mit der deutschen Kultur kam durch einen Menschen zustande, an den ich hier in Dankbarkeit erinnern will. Es war dies der Dozent Felix Theodor Schnitzler, der erste Deutsch-Lektor an der Universität Barcelona während der 50er Jahre und auch der erste Leiter des damaligen Deutschen Kulturinstituts, des heutigen Goethe-Instituts Barcelona. Wir waren eng befreundet, und ich bewahre heute noch eine im Insel-Verlag erschienene Auswahl der Gedichte Georg Trakls auf, die ich von ihm als Geschenk erhielt. Es war das erste Buch in deutscher Sprache, das ich besaß. Ihm verdanke ich auch einen fünfzehnmonatigen Aufenthalt in Heidelberg, wo ich 1959/60 am Dolmetscher-Institut als Vertretung tätig war.
Ich spreche von einer Zeit, die von der Zensur und der Unterdrückung durch das Franco-Regime geprägt war, das jegliche Form katalanischen Schrifttums zu verhindern suchte. Nichtsdestotrotz hatte in unserer Literatur damals ein langsamer Prozess des Aufschwungs eingesetzt, nachdem mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs das absolute Verbot der Verwendung des Katalanischen etwas gelockert worden war. Ich kann aus Zeitgründen hier nicht näher auf jene Jahre eingehen, in denen sich, vor allem ab 1956, an den Universitäten zunehmend Widerstand regte, der in heftigen Studentenprotesten gipfelte. Anmerken will ich nur, dass mich die Lektüre deutschsprachiger Literatur – meist in spanischer Übersetzung – damals schon seit einigen Jahren beschäftigte. Unter den vielen kulturellen Aktivitäten, die in den Hörsälen organisiert wurden, scheint mir die szenische Lesung von Brechts Lehrstück Die Ausnahme und die Regel, das ich 1958 übersetzte und inszenierte, von besonderer Aussagekraft, denn es handelte sich um die erste Brecht-Aufführung in Katalonien überhaupt. Ich hatte mich schon länger für das deutsche Theater von Lessing bis Büchner interessiert, und so war ich durch spanische Übersetzungen, die in argentinischen Verlagen erschienen, auch mit dem Werk Brechts in Berührung gekommen.
Durch meinen bereits erwähnten Aufenthalt in Heidelberg nahm mein Interesse für Brecht noch zu. Mit Freunden und Kollegen gründete ich eine Theatergruppe, die vor allem in Schulen und in Arbeitervierteln auftrat – und unsere Arbeit begann wiederum mit Brechts Ausnahme. Man schrieb das Jahr 1962, und das Stück wurde, unter Umgehung der franquistischen Zensur und nicht ganz ohne Gefahr, über sechzigmal gegeben. Unter den weiteren Inszenierungen jener Jahre will ich noch ein Bühnenprogramm hervorheben, das wir unter dem Titel Poesia-document, poetes alemanys contra la guerra aus deutschen Gedichten und Zeugnissen über die schweren Jahre des Nationalsozialismus und des Kriegs zusammengestellt hatten. In diese Zeit fiel auch die Erstaufführung der Dreigroschenoper durch die Agrupació Dramàtica de Barcelona, eine Laiengruppe, die von Intellektuellen und Persönlichkeiten des katalanischen Bürgertums unterstützt wurde mit dem Ziel, ein nationales Theater für spätere, demokratische Zeiten vorzubereiten. Die Inszenierung, die zunächst verboten wurde, weil Franco Barcelona einen offiziellen Besuch abstattete, konnte schließlich, ein paar Monate später, insgesamt dreimal auf die Bühne gebracht werden. Für die Übersetzung des Brecht‘schen Textes sorgte der große Dichter und Schriftsteller Joan Oliver, ich selber durfte die Übersetzung der »Songs« beitragen.
Später habe ich für weitere Anlässe verschiedene Brecht-Stücke übersetzt ebenso einige Auswahlbände mit seiner Lyrik sowie theoretische Texte. Schließlich habe ich von 1998 bis 2005 die katalanische Gesamtausgabe von Brechts Theater als Herausgeber geleitet: vier Bände, an denen elf Übersetzer beteiligt waren.
Zusammen mit Artur Quintana, der viele Jahre in Speyer gelebt hat und der einen ungeheuer wichtigen Beitrag als Übersetzer deutscher Texte geleistet hat, gab ich unter dem Titel Auf der Mauer steht mit Kreide eine Anthologie heraus, in der 26 Dichter zu Wort kommen, von Hermann Hesse bis Hans Magnus Enzensberger über Trakl, Brecht, Becher, Huchel, Celan, Bachmann, Hermlin, Eich und weitere. Erwähnenswert scheint mir, dass eine Reihe von Lyrikern hier erstmals in unserer Sprache vorgestellt wurden und dass es die erste Veröffentlichung nach dem Bürgerkrieg war, in der Original und Übersetzung nebeneinander abgedruckt wurden.
Parallel dazu habe ich vor allem in den Jahren 1965 bis etwa 1980 für verschiedene Verlage aus Barcelona deutsche literarische Texte auch ins Spanische übertragen. Um meine Ausführungen nicht übermäßig in die Länge zu ziehen, zähle ich hier nur wenige Namen auf: Peter Weiss, Böll, Roth, Musil, Kleist, Hölderlin, Havemann, Kafka, Rilke, Martin Walser, Handke. Bis heute habe ich nicht aufgehört ins Katalanische und auch ins Spanische zu übersetzen.
1967 hatte ich meinen Wohnsitz von Barcelona nach Terrassa verlegt, eine ca. 30 km von Barcelona entfernte Industriestadt. Dort betrieben einige gute Freunde von mir ein unabhängiges Theater-Ensemble, für das ich ein Stück mit dem Titel Cel-la 44, Cinc anys en la vida i l’obra d’Ernst Toller schrieb: ›Zelle 44, fünf Jahre im Leben Ernst Tollers‹. Es ist der Versuch einer zweifachen Reflexion über die sozialistische Revolution und über die expressionistische Bewegung; als Ausgangsmaterial dienten mir drei Stücke, die Toller in der Zeit nach der Münchner Räterepublik im Gefängnis verfasste, außerdem Ausschnitte aus seiner Autobiographie und Briefe an seine Lebensgefährtin. Das Stück wurde 1969 uraufgeführt und erschien auch als Buch, das im Jahr 2006 neu aufgelegt worden ist – ich schließe daraus, dass die Thematik immer noch dasselbe Interesse weckt, wie es bei mir vor vierzig Jahren der Fall war. Zu jener Zeit spielte das sogenannte Dokumentartheater übrigens auch in Deutschland eine wichtige Rolle. Ebenfalls 1969 erarbeitete ich eine freie Fassung der Weber von Gerhart Hauptmann, die in Manlleu aufgeführt wurde, einer Stadt mit großem Anteil an Textilindustrie.
Etwa ab 1972 konzentrierte ich mich zunehmend auf die Übersetzung von Bühnentexten ins Katalanische, vor allem im Auftrag verschiedener Ensembles Noch im selben Jahr kamen Frank V von Dürrenmatt und Der grüne Kakadu von Schnitzler auf die Bühne sowie eine Auswahl an Gedichten und Liedern Bertolt Brechts, die ich unter dem Titel Sermons domèstics [Häusliche Predigten] herausgab. Eine der anregendsten Arbeiten in dieser Zeit war für mich die Übersetzung verschiedener Texte von Karl Valentin, denn ich musste für die Besonderheiten der Sprache des Münchner Komikers mit ihren zahlreichen Wortspielen und Rückgriffen auf Redewendungen einleuchtende katalanische Entsprechungen finden. Gute Erinnerungen habe ich auch an die Aufführungen von Bühnenstücken zeitgenössischer deutschsprachiger Autoren, die ich bis zum heutigen Tag übersetzt habe, darunter Tankred Dorst, Peter Hacks, Botho Strauß, Franz Xaver Kroetz, Heiner Müller und Thomas Bernhard. Letzteren habe ich 1989 mit Die Macht der Gewohnheit in die katalanische Theaterwelt eingeführt, und auch sein letztes Stück Heldenplatz habe ich im Jahr 2000 für das Katalanische Nationaltheater übersetzt.
Ich habe freilich auch die Erstaufführungen von Werken klassischer Autoren begleitet, so etwa Die Räuber und Maria Stuart von Schiller, Kleists Der Zerbrochene Krug und Penthesilea, sowie Büchners Woyzeck, der 2002 erstmals auf Katalanisch gespielt wurde. Wo es mir notwendig schien, habe ich die metrische Struktur des Originals beibehalten, und das hat auch den Schülern an unseren Schauspiel- und Theaterschulen genutzt, die mit metrisch gebundenen Bühnentexten (in diesem Fall dem Blankvers) arbeiten mussten. So habe ich auch meine letzte Werkstatt am Institut del Teatre de Barcelona mit Ausschnitten aus Maria Stuart bestritten. Die erwähnten Dramen von Schiller, Kleist und Büchner werden demnächst in einem Sammelband zum deutschen Theater neu aufgelegt werden, außerdem steuere ich noch Lessings Minna von Barnhelm und Goethes Clavigo bei. Der Band ist als Festschrift anlässlich meines Ruhestands geplant.
Am Institut del Teatre de Barcelona lehrte ich von 1975 bis 2000; ich habe also die Tätigkeit als Dozent stets mit derjenigen als Übersetzer und als Schauspieler abgewechselt. Besonders gerne erinnere ich mich an ein Soloprogramm, das von 1977 bis 1984 durch ganz Katalonien tourte und sogar zweimal im Fernsehen übertragen wurde. Es trug den Titel Aula Brecht und bestand aus zwölf Texten, sowohl Prosa als auch Lyrik, die ich unter der Regie von Carles Grau vortrug, einem der engagiertesten Mitglieder der schon erwähnten Gruppe aus Terrassa. Vierzehn Jahre später, im Brecht-Jahr 1998, stellte ich zusammen mit zwei Schauspielerkollegen und einem Pianisten ein Programm mit Gedichten und Liedern zusammen, das wir Hola Brecht! (also: Hallo Brecht!) nannten und das ebenfalls Aufführungen in vielen katalanischen Theatern erlebte. Meine letzte Erfahrung mit dem Brecht‘schen Theater war die Übersetzung ins Spanische der Oper Mahagonny für das Teatro Español in Madrid.
Am Anfang meiner Rede habe ich bereits den Dichter Georg Trakl erwähnt. Mein Verhältnis zu seiner Lyrik hat mehrere Stufen durchlaufen. 1974 brachte ich eine schmale Auswahl seiner Gedichte heraus, 1999 dann einen Band mit dem vollständigen Hauptwerk: die Gedichte, Sebastian im Traum und die in der Zeitschrift Der Brenner erschienenen Einzelgedichte.
In Bezug auf meine eigenen Gedichte und Tagebücher sei hier nur kurz erwähnt, dass Verweise auf die deutsche Literatur sehr häufig sind. In den letzten Jahren habe ich mich sehr intensiv mit dem Werk Klaus Manns auseinandergesetzt, dessen Mephisto ich bereits 1982 übersetzt hatte. Ein weiterer Text, der vor allem unter den Studenten der Theater-Akademien Verbreitung fand, war Lessings Hamburgische Dramaturgie, die ich sowohl ins Katalanische als auch ins Spanische übertragen habe.
Ich habe bislang über einige Momente aus meiner Beziehung zur deutschsprachigen Literatur und Kultur gesprochen, die mir von besonderer Relevanz scheinen. Es ging mir dabei nicht um Selbstgefälligkeit, sondern um einen schlichten Bericht über die Arbeit, die in unserem Land von mir und von anderen Kollegen geleistet wird – in einem Augenblick, da die katalanische Kultur eine widersprüchliche und nicht ganz einfache Situation erlebt. Heutzutage erscheinen ca. 12.000 katalanische Buchtitel im Jahr. Die Zahl der Romanciers, Lyriker und Dramatiker ist ansehnlich, und die Verbreitung außerhalb Kataloniens, besonders in Deutschland, ist durchaus befriedigend und gibt Anlass zur Hoffnung. Diese unstrittigen Tatsachen stehen im Gegensatz zur prekären Lage der katalanischen Sprache im gesellschaftlichen Gebrauch. Katalonien, die katalanische Sprache und Kultur müssen zurzeit ums Überleben kämpfen – und stoßen dabei oft auf Unverständnis, Ignoranz und konkrete Gegenmaßnahmen seitens der anderen Regionen und Institutionen im spanischen Staat. Während der Franco-Zeit gab es einen allgemeinen Kampf gegen ein diktatorisches Regime. Das war eine ganz andere Situation als heute, denn es gab keine Feindseligkeit (oder man spürte sie nicht) gegenüber Katalonien und seinem Wunsch und Bedürfnis, als Nation anerkannt zu werden. So hat das Institut d’Estudis Catalans, unsere Akademie für Wissenschaft und Kunst, eine Erklärung abgegeben, aus der ich einen kurzen Abschnitt zitiere: »Die Gemeinschaft der katalanischen Sprache und Kultur stellt unzweifelhaft eine Nation dar, die eine gleichberechtigte Anerkennung verdient, sowohl im Rahmen der einzelnen Staaten, in denen sie vertreten ist, als auch im Rahmen der Europäischen Gemeinschaft und der Vereinten Nationen.«
Unterdessen bin ich im Auftrag des Teatre Lliure in die Übersetzung von Peter Handkes Stück Die Unvernünftigen sterben aus vertieft. Möge der Titel sich als gutes Omen erweisen.