Friedrich-Gundolf-Preis

Der Friedrich-Gundolf-Preis wird seit 1964 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen. Als »Preis für Germanistik im Ausland« wurde er 25 Jahre lang ausschließlich an Sprach- und Literaturwissenschaftler ausländischer Hochschulen vergeben. Mit der seit 1990 gültigen Bezeichnung »Friedrich-Gundolf-Preis für die Vermittlung deutscher Kultur im Ausland« wird der Preis auch an außeruniversitäre Persönlichkeiten verliehen, die sich für die Förderung deutscher Kultur und den Kulturdialog einsetzen. Der Preis wird jährlich während der Frühjahrstagung der Deutschen Akademie verliehen. Seit 2013 beträgt die Dotation 15.000 Euro.

Preisträger

Emil Skála

Emil Skála

Germanist
Geboren 20.11.1928
Gestorben 17.8.2005
Mitglied seit 1992

Friedrich-Gundolf-Preis 1992
Laudatio von Eduard Goldstücker
Dankrede von Emil Skála
Urkundentext

Als Lehrer ist er seit nahezu vierzig Jahren bemüht, die Kenntnis des Deutschen seinen Studenten auf höchstem Niveau zu vermitteln.

Jurymitglieder
Kommission: François Bondy, Norbert Miller, Lea Ritter-Santini, Jean-Marie Valentin, Peter Wapnewski

Mitglieder des Erweiterten Präsidiums

Die Zukunft Europas ist mehrsprachig

Hochverehrte festliche Versammlung!
Es ist eine ganz besondere Ehre für mich, der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt und ihrem Präsidenten Professor Dr. Herbert Heckmann für die Verleihung des Friedrich-Gundolf-Preises meinen tiefsten Dank auszusprechen. Mein besonderer Dank gilt auch Prof. Dr. Eduard Goldstücker für die Laudatio. In ihm schätze ich nicht nur einen hervorragenden tschechoslowakischen Germanisten und Literaturwissenschaftler, sondern auch einen Demokraten, der weiß, was Freiheit und Freiheit des Denkens ist.
Wir sind hier versammelt auf dem Boden der ersten Universität nördlich der Alpen und und östlich vom Rhein. Das gebildete Böhmen, der Přemyslidischen und der Luxemburgischen Zeit war ein dreisprachiges Land, das am geistigen und wirtschaftlichen Geschehen Europas teilnahm, das Tschechische ist die einzige slawische Sprache, die bereits in dieser Zeit an der europäischen Kultur und westeuropäischen Literatur beteiligt war. Der Gedanke der kulturellen Eigenständigkeit und Unabhängigkeit von Rom wurde hier erprobt und praktiziert, ja gegen mächtigere und zahlreichere europäische Völker verteidigt, weil es so weit gekommen ist. Bis in die jüngste Zeit mußte dieses Land und seine Bewohner, Tschechen, Juden, Deutsche aus vielen Wunden bluten, um immer wieder wie ein Phönix aus der Asche aufzustehen.
Vor zweieinhalb Jahren sagte Václav Havel: »Srdce Evropy začalo opět tlouci.« − Das Herz Europas fing wieder an zu schlagen.
In Prag kreuzen sich seit alters nicht nur Handelswege, sondern auch Völker und Kulturen. Prag ist auch die Stadt der ersten technischen Hochschule Mitteleuropas. Die Tschechoslowakei ist ein mehrsprachiges Land. Zwei- und mehrsprachig wird auch die Zukunft Europas sein, obwohl es noch Völker gibt, die im Zustand der rigorosen Einsprachigkeit verharren und von der Glorie der vergangenen Jahrhunderte leben möchten. Es ist beglückend zu wissen, daß Deutschland nicht zu solchen Ländern gehört.
Die große Leistung Friedrich Gundolfs als Literarhistoriker beruht in der Verbindung von künstlerischer und wissenschaftlicher Darstellung. Künstler und Werk galten ihm als Einheit, die großen Künstler als Symbolgestalten seiner Epoche: Shakespeare, Goethe, George, Heinrich von Kleist, Martin Opitz, Cäsar, Paracelsus, Romantiker, um in der Chronologie der Entstehung der großen Werke Gundolfs zu bleiben. Von diesen großen Denkern der europäischen und Deutschen Geistesgeschichte ist Johann Gottfried von Herder bis in die Gegenwart von zukunftweisender Bedeutung und weitreichender Wirkung gewesen, besonders auf den Gebieten der Sprachphilosophie, der Geschichtsphilosophie, der Literatur- und Kulturgeschichte und der Anthropologie. Seine ostpreußische Heimat, wo sich drei Sprachen, das Deutsche, das Polnische und das Litauische begegneten und friedlich zusammenlebten, die Universität Königsberg in Preußen, wo er Medizin, Theologie und Philosophie studierte, in Riga, wo er Lehrer und Prediger an der Domschule war, sind nicht weniger Europa als der Norden, Westen oder Süden unseres Kontinents, auf dem mehr als 3 5 Völker auf der Basis ihrer natürlichen und sozialen Gegebenheiten ihre Sprache und Kulturen entwickeln. Aus dieser Region kommen auch Johannes Bobrowski, Siegfried Lenz und Günter Grass, um in der europäsichen Dimension zu bleiben. In Herders Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit erscheinen als die zentralen Kategorien der Geschichtsphilosophie Individualität, Entwicklung und Tradition als Überlieferung des Beständigen in der Geschichte.
In der fünften Sammlung der Briefe zur Beförderung der Humanität, Riga 1795, Brief 57, charakterisiert Herder die Böhmische Kirche:

»Keine Gemeinde Deutschlands ist mir bekannt, die mit so reinem Eifer für ihre Sprache, für Zucht und Ordnung bei ihren Gebräuchen sowohl, als in ihrem häuslichen Leben, ja für Unterweisung und Aufklärung im Kreise ihres Nothwendigen und Nützlichen gesorgt, gestritten, gelitten hätte als diese. Von ihr aus entsprang jener Funke, der in den dunkelsten Zeiten des härtesten geistlichen Despotismus Italien, Frankreich, England, die Niederlande, Deutschland wie Feuer durchlief, und jene vielnamigen Albigenser, Waldenser, Lollarden u. f. weckte. In ihr ward durch Huß und andere der Grund zu einer Reformation gelegt, die für ihre Sprache und Gegenden eine Nationalreform hätte werden können, wie keine es in Deutschland ward; bis auf Comenius strebte dahin der Geist dieser Slavischen Völker. In ihr ist einst Wirksamkeit, eine Eintracht und Tapferkeit gezeigt worden, wie außer der Schweiz diesseits der Alpen nirgend anders.«

In diesem hohen Haus sei gesagt, daß Jan Amos Comenius nicht nur die größte Persönlichkeit des tschechischen Humanismus war, er ist auch der bedeutendste tschechische mehrsprachige Schriftsteller. Als letzter Bischof der Brüdergemeinde predigte er die Gleichheit aller, auch aller Völker, vor Gott. Auf dieser Grundlage baute er seine pädagogischen, sittlichen und politischen Reformvorschläge auf. Im Jahre 1656 verbrannte in Leszno (Lissa) wo er in Emigration leben mußte, sein Thesaurus linguae bohemicae, das bis dahin größte Wörterbuch einer Nationalsprache, an dem er über 40 Jahre gearbeitet hat. Zum Vergleich: Le grand dictionnaire des arts et des sciences, par membres de l’Académie Française, Amsterdam 1694, zwei Bände, ist erst fast vier Jahrzehnte später erschienen, und der fünfbändige Versuch eines vollständigen grammatisch-kritischen Wörterbuches der hochdeutschen Mundart von Johann Christoph Adelung, Leipzig 1774-86.
Die Vereinten Nationen haben durch die UNESCO das Jahr 1992 zum Comenius-Jahr proklamiert. Die Einheit von Künstler und Werk im Sinne Friedrich Gundolfs, ja mehr als das: von Mensch und Werk sowie von einzig Notwendigem: dem Adel der Gesinnung durchzieht sein ganzes Werk. Kurz vor seinem Tode schrieb Comenius seine großartige Rechenschaft über sein Leben, die damals, 1668, wie heute, in einer Welt voller Leidenschaften aktuell ist: Unum necessarium. Im Kapitel X, Abschnitt 6, lesen wir:

»Quia I. omnes in magno mundi theatro considemus: quidquid hic agitur, om- nes tangit, sole omnibus lumen, Deo oculos ministrante. II. Totum humanum genus una progenies sumus, unus sanguis, una familia, una domus: quo ergo jure pars succurit suo toti et membrum quodvis aliis omnibus in eodem corpore membris unusque familiaris alteri ejusdem familiae aut etiam toti si potest familiae, eodem iure nos naturae humane consortes consortibus.«
(»Denn I. Wir alle sind Zuschauer auf dem Theater dieser Welt: was immer auch geschehen mag, es geht uns alle an, denn die Sonne bietet allen das Licht und der Gott die Augen. II. Wir, die ganze Menschheit, sind von einem und dem gleichen Geschlecht, von einem Geblüt, Zugehörige einer Familie, ein Hauswesen: darum gebührt es, daß wir mit demselben Recht nach dem Teil dem Ganzen hilfreich ist, wie das Glied den übrigen Gliedern zu Hilfe eilt und als Zugehöriger einer Familie der ganzen Familie hilft, so sollen auch wir unseren Mitgenossen hilfreich entgegenkommen.«)

Neben den Herrschenden dieser Welt nehmen sich diejenigen, die neben ihrer Muttersprache noch weitere Sprachen beherrschen, recht klein und unansehnlich aus. Es wäre jedoch für das künftige Europa hilfreich, wenn es sich das böhmische Sprichwort zu eigen machen wollte: »Jsi tolikrát člověkem, kolika řečmi mluvíš.« − Du bist so viele Male Mensch, wieviel Sprachen du sprichst. In meiner westböhmischen Heimat war es vor dem Kriege üblich, den Ansprechpartner jeweils in seiner Muttersprache anzusprechen. Es gab nicht eine »größere« und eine »kleinere« Sprache. Jeder mußte jedoch, jeder konnte seine Sprechfertigkeit, seine Bereitschaft zur Diglossie, zur Polyglossie unter Beweis stellen. Die Beherrschung der beiden Schriftsprachen war weitgehend verbreitet, die Kenntnis der bodenständigen Mundart der jeweiligen Region schlug jedoch noch festere Brücken im täglichen Umgang, die auch der schreckliche Krieg nicht zu zerstören vermochte.
Seit Jahrtausenden gehen Mehrsprachigkeit und Kultur Hand in Hand. Sprachen- und Völkerkontakte waren schon immer bedeutende Gebiete vollendeter Synthese der materiellen und geistigen Werte.
Europa steht jetzt vor dem Problem, verschiedene Nationalismen zu überwinden und zueinander zu finden. Sprachkenntnisse sowie Vertrautheit mit Kulturen der unmittelbaren und mittelbaren Nachbarn sind probate Mittel, die zum Verständnis und zur Verständigung führen.
Für uns Wissenschaftler und Kulturschaffende ist die höchste Pflicht, das Vertrauen und die Eintracht zwischen Völkern zu festigen. Wir werden uns die Mühe geben, der hohen Auszeichnung des Friedrich-Gundolf-Preises würdig zu sein. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.