Johann-Heinrich-Voß-Preis

The »Johann-Heinrich-Voß-Preis für Übersetzung« (Prize for Translation) has been awarded by the German Academy for Language and Literature since 1958 for the »outstanding achievements in translation,« with a particular emphasis on the translation of literature into German.
The prize is awarded annually at the spring conference of the German Academy.
The Johann Heinrich Voß Prize has been endowed with €15,000 since 2002.

Awardees

Wolfgang Kubin

Wolfgang Kubin

Writer, Sinologist and Translator
Born 17/12/1945

Johann-Heinrich-Voß-Preis 2013
Laudatory Address by Ilma Rakusa
Acceptance Speech by Wolfgang Kubin
Diploma

Wolfgang Kubin, dessen kunstvolle, klangreiche Übersetzungen aus dem Chinesischen dem Verständnis der deutschen Leser einen neuen Horizont eröffnen...

Jury members
Kommission: Ralph Dutli, Elisabeth Edl, Joachim Kalka, Per Øhrgaard, Ilma Rakusa und Hennig Ritter

Mitglieder des Erweiterten Präsidiums

Vom Glück und Unglück des Übersetzers

Der große amerikanische Übersetzer Howard Goldblatt (geb. 1939), dem wir den chinesischen Nobelpreisträger des letzten Jahres, Mo Yan (geb. 1955), verdanken, hat einmal einen wunderlichen Satz gesagt: Er übersetze, um zu überleben. Hat Übertragen wirklich etwas mit dem Leben, mit dem Überleben gar zu tun? Ist das Über-Setzen etwa die Planke, mit der wir im platonischen Sinne den Ozean überqueren, um Erkenntnis zu gewinnen? So oder so scheint das Hinüber-Setzen einer Seereise gleichzukommen. Wir setzen von dem einen Ufer der einen Sprache zu dem anderen Ufer einer anderen Sprache über. Zu Beginn schauen wir vielleicht mit Unmut auf unser Gefährt, am Ende blicken wir möglicherweise mit Zuneigung auf unser Werk zurück und schicken uns an zu leben.
Ilma Rakusa (geb. 1946) hat einmal vom Hass des Übersetzers auf den zu übertragenden Text gesprochen. Dieser Hass hat mich dann Jahre lang in Theorie und Praxis begleitet. Aber er hat sich zu guter Letzt dennoch in Liebe verwandelt. Denn mit dem Abstand, den ich zum getanen Werk nach einer bestimmten Zeit gewann, wurde mir alles fremd. Das Original ebenso wie meine Übertragung. Aus zwei »Feinden« wurden zwei Fremde. Sie mögen mir dann ab und zu begegnen. Wir grüßen einander höflich, und ich finde in solchen Momenten den Chinesen wie den Deutschen gar nicht mehr so übel. Warum mag ich ihnen nur einmal so gram gewesen sein?, frage ich mich mitunter so gelassen wie schelmisch.
Wer übersetzt, wird sich fremd in zwei Sprachen. In der Muttersprache und in der Fremdsprache. Nichts scheint er mehr zu beherrschen, er zweifelt an allem. Dies hat sein Gutes, denn so bleibt der Dolmetsch bescheiden. Er weiß in meinem Fall, weder das Chinesische noch das Deutsche sind wirklich zu meistern. Beide sind Sprachen, entweder von Göttern verhängt oder in der Hölle geboren. Die eine beginnt in den Ahnentempeln gut 1000 v. Chr., die andere mit den Merseburger Zaubersprüchen im 9. Jahrhundert n. Chr. Die eine endete 1933 im »Dritten Reich« und die andere 1966 in der Kulturrevolution. Doch beide hatten Glück, das Rettende wuchs in beider Gefahr. Es war die Übersetzung, welche die Deutschen ab 1945 und die Chinesen ab 1979 von ihrem Wahn erlöste. So lernte Heinrich Böll (1917–1985) seine Muttersprache wieder neu durch die Übertragung amerikanischer Kurzgeschichten, und China befreite sich, wenn auch nicht völlig, von der maoistischen Schreibe, indem es das lange vernachlässigte Weltkulturerbe heimisch machte. In beiden Fällen bewahrheitete sich, was Fachgelehrte längst mutmaßten: Nur wo übersetzt wird, gibt es Fortschritt, nur wo das Andere zum Eigenen wird, gibt es Moderne. Deutschland und China wären in dieser Hinsicht vielleicht die besten Beispiele, da beide Länder, als sie nichts übertrugen, moralisch das Schlusslicht der Zivilisation bildeten. Nun, da sie auf der Welt am meisten übersetzen, fahren sie seit Jahren nicht nur wirtschaftlich die größten Erfolge ein.
Und so übersetze ich im Bewusstsein von einstigem Untergang und künftiger Rettung. Dabei fluche ich allerdings manches Mal. Der Gründe hierfür sind viele. Nehmen wir das jüngste Beispiel. Im Februar dieses Jahres erschien bei Hanser in Buchform der Zyklus Konzentrische Kreise. Drei Jahre hat mich dieser für den Autor Yang Lian (geb. 1955) wichtigste und für den Verleger Michael Krüger (geb. 1943) eminente Gedichtband gekostet. Normalerweise bin ich mit gut einhundert Seiten gerade einmal ein halbes Jahr beschäftigt. Diesmal aber wollte mir das nicht gelingen, was mir der Dichter seit langem abverlangt: ein deutsches Gedicht, das bitte in die deutsche Literaturgeschichte einzugehen habe. Ich will hier nicht auf die Schwierigkeiten verweisen, welche nicht so sehr das Chinesische an sich, aber das Deutsche mitunter eher bietet. Denn das moderne Chinesisch lässt sich als Fremdsprache einigermaßen passabel erlernen, das Deutsche als Muttersprache dagegen weniger. Es bleibt im Moment der vollendeten Übertragung stets das Gefühl eines Ungenügens zurück. Die innere Stimme wütet dann: Dein Werk ist vollendet, aber nicht vollendet genug.
Wie dem auch sei, anscheinend hat mir besagtes Buch, das nicht mein liebstes ist, tatsächlich den Weg in die Historie eröffnet. Eine Berliner Kritikerin behauptete nämlich in ihrer Rezension, dass mein Nachwort »aufgrund seiner schlecht gelaunten Lästereien in die Literaturgeschichte eingehen wird« (Berliner Zeitung, 5. April 2013, S. 24). Ja, Gott sei Dank, ich bekomme heute nicht nur einen hübschen Preis, ich werde bald gar historisch!
Was war geschehen? Ich hatte dem werten Lesepublikum meine Schwierigkeiten mit Yang Lians möglichem opus magnum nicht vorenthalten mögen. Dabei wollte ich weder den Dichter noch seinen englischen Übersetzer in Schutz nehmen. Schien der eine – Yang Lian – sich mir zu sehr zu wiederholen, schien der andere – Brian Holton (geb. 1949) – mir nur ein Vokabelverzeichnis erstellt zu haben. Gleichwohl höre ich seit dem Erscheinen meiner Version nur Lob von allen Seiten, welches mir äußerst verdächtig vorkommt, denn irgendjemand muss sich ja irren.
Der Dichter wird sagen, er sei es nicht. Der Verleger wird sagen, er sei es noch viel weniger, der Leser wird sagen, er sei es erst recht nicht. Also bleibt ja nur einer übrig: der Übersetzer. Doch warum sollte er sich als Einziger irren? So hadere ich mit mir bis heute. Vielleicht habe ich ja doch nur einen schönen Fehler gemacht, aber weiß es nur nicht. Habe ich mir nicht auch von den kritischen Begleitern Joachim Sartorius (geb. 1946) und Karin Hempel-Soos (1939–2009) Ende der 1990er Jahre sagen lassen müssen, dass ich tatsächlich auch ein Übersetzer bin? Ich, der ich mich nie als Dragoman verstand und mich eher als Wissenschaftler bzw. als Verfasser von Lyrik, Essays und später auch Erzählungen sah. Ich wollte mir von niemandem nachsagen lassen, ich sei beim Übertragen chinesischer Literatur nur ein Papagei oder bestenfalls der Schatten des Autors. Also mochte ich keinesfalls als Übersetzer durchgehen.
Gleichwohl hätte ich schon beizeiten wissen können, dass Übertragungen nicht nur ganze Gesellschaften verändern, sondern auch einzelne Personen. Was Karl Marx (1818–1883) für China war, bedeutete Ezra Pound (1885–1972) für mich. Der eine half, das chinesische Kaiserreich (1911) und die chinesische Republik (1949) zu stürzen, der andere brachte mich 1968 von der Theologie zum Studium der Sinologie. In meinem Fall hatte ein Doppelvers von Li Bai (701–762) auf Englisch genügt, um mich von der protestantischen Kanzel zu holen und später hinter ein Bonner Katheder zu stellen. Da nahm ich dann Form an. Zunächst in der Theorie, denn an der Universität Bonn hatte ich zehn Jahre lang das Fach Übersetzen (modernes Chinesisch) und Übersetzungswissenschaft zu unterrichten. Später in der Praxis, denn die Verlage und Literaturhäuser in deutschen Landen suchten seit 1979 verstärkt Übersetzer und Dolmetscher. Da verdingte ich mich gern.
Ich habe Übersetzen immer für möglich gehalten und mich selten an Diskussionen beteiligt, die von einer zu großen Kulturdifferenz zwischen Deutschland und China ihren Ausgang nahmen. Der Grund mag darin liegen, dass ich seit meinem 16. Lebensjahr selber schreibe und seitdem viele große Übersetzungen gelesen habe, um die Möglichkeiten der Schriftstellerei auszuloten. Ob Schreiben oder Übersetzen, beides dient mir zur Verbesserung meiner muttersprachlichen Fähigkeiten. Doch dies ist kein Zweck in sich selbst, denn es ist bekanntlich die Sprache, welche die Größe unserer Welt und damit unser Leben bestimmt. Insofern hat Howard Goldblatt recht, wenn er Übersetzen und (Über-)Leben als Einheit begreift.
Ich selbst bin mit dem Altgriechischen groß geworden. Ob Latein- oder Griechischlehrer, sie alle waren der Auffassung, dass nur die alten Sprachen uns zum Menschsein befähigen, die modernen dagegen nicht. So ist es kein Wunder, dass ich 1967 mit dem Klassischen Chinesisch begann und das moderne sehr viel später fast unwillig erlernte. Haben mich denn nun Konfuzius (551–479) und Laotse (fl. 6. Jh. v. Chr.?) zu einem anderen Menschen gemacht? Ich denke schon. Der eine lehrte mich Pietät und der andere Gelassenheit, Tugenden also, derer ein Übersetzer bedarf, will er nicht ewig hassen und fluchen. Die Welt ist heute klein genug. Selbst Sprachen können einander nicht mehr ausweichen. Und so finden wir seit langem auch im modernen Chinesisch Worte verändert wieder, die auf das Griechische oder Lateinische zurückgehen. Dishi für Taxi (gr. tachys, schnell), bashi für Bus (lat. cum omnibus). Wenn ich also, geschult an Johann Heinrich Voß' (1751–1826) Übersetzung der Odyssee, einen griechischen Rhythmus nicht nur in mein Schreiben, sondern ebenfalls in mein Übersetzen einfließen lasse, so hellenisiere ich das Deutsche wie das Chinesische. Ich leide in der Gegenwartsliteratur keine Formlosigkeit, wie sie seit 1968 in deutschen Landen üblich geworden ist. Für mich hat Form Inhalt, denn sie verweist unser Sprechen, Schreiben und Leben in Grenzen, die notwendig sind, um für alle spürbar zu werden.
Diese Spürbarkeit jedoch ist es, die mich manchmal in unfreiwillig komische Situationen führt. Als im Frühling 2011 Die Zeit ein Gedicht des Pekinger Dichters Wang Jiaxin (geb. 1957) in meiner Übertragung veröffentlichte, wurde ich zumindest zweimal von Lesern bei öffentlichen Veranstaltungen bestürmt, wo man mich des Betruges zieh. Der Text sei niemals eine Übersetzung. Die Verse hätte ich selber geschrieben, aber weil ich sie nicht hätte veröffentlichen können, hätte ich mich des Namens eines anderen bedient. Alle Beschwichtigungsversuche halfen nichts. Leser und Übersetzer gingen so missmutig wie frohlockend auseinander.
Als halber Wiener neige ich zum Raunzen. So schloss ich im April 2009 an der University of Texas (Dallas) meinen Vortrag zur Praxis der Übertragung in der modernen Gesellschaft mit der Prophezeiung ab, niemals würde ein Vermittler der chinesischen Sprache einen nennenswerten Preis erhalten. Vorgesehen für üppige Auszeichnungen seien immer nur die Übersetzer von nichtasiatischen Sprachen. Darum solle Amerika mit einem guten Beispiel vorangehen und Howard Goldblatt entsprechend würdigen. Nun stehe ich heute unerwarteterweise hier vor Ihnen, und aller Voraussicht nach wird mein geschätzter amerikanischer Kollege leider nicht so bald an vergleichbarer Stelle in den USA eine ähnliche Huldigung entgegennehmen dürfen. Er wird darüber sicherlich nicht unglücklich sein, wenn ich jetzt mit dem Johann-Heinrich-Voß-Preis beglückt werde und damit meinen Irrtum gern offenkundig mache. Wir Übersetzer machen ja bekanntlich nur schöne Fehler. Und der Fehler von Dallas wird vielleicht einmal mein schönster gewesen sein.