Johann-Heinrich-Voß-Preis

The »Johann-Heinrich-Voß-Preis für Übersetzung« (Prize for Translation) has been awarded by the German Academy for Language and Literature since 1958 for the »outstanding achievements in translation,« with a particular emphasis on the translation of literature into German.
The prize is awarded annually at the spring conference of the German Academy.
The Johann Heinrich Voß Prize has been endowed with €15,000 since 2002.

Awardees

Rainer G. Schmidt

Rainer G. SchmidtRainer G. Schmidt

Translator
Born 6/4/1950

Johann-Heinrich-Voß-Preis 2022
Laudatory Address by Tobias Lehmkuhl
Acceptance Speech by Rainer G. Schmidt
Diploma

»In jahrzehntelanger Arbeit hat Rainer G. Schmidt eine Vielfalt von Werken, die hohe Anforderungen an eine Übersetzung stellen, auf Deutsch zugänglich gemacht...«

Jury members
Daniel Göske, Susanne Lange, Gabriele Leupold (Vorsitz), Terézia Mora, Ernst Osterkamp, Ulf Stolterfoht und Anne Weber

 
LAUDATOR
Tobias Lehmkuhl
Born 1976

Lieber Rainer G. Schmidt,
wie wäre es am 27.4. um 15 Uhr am LCB? Über Material würde ich mich sehr freuen; beim Gang durch meine Bibliothek habe ich festgestellt, dass ich von Ihnen übersetzt Arthur Rimbaud, Gerald Murnane, Herman Melville, Ambrose Pratt und William Henry Hudson besitze.
Herzliche Grüße
Tobias Lehmkuhl

Lieber Tobias Lehmkuhl,
also dann 15 Uhr LCB. Ich habe gesehen, dass Sie am ganz anderen Ende der Stadt wohnen. Wir können uns auch an einem anderen Ort treffen, der für Sie günstiger zu erreichen ist. Ich habe Ihnen jetzt erst einmal meine „Notizen zur Dynamik des Übersetzens“ von 1990 geschickt (für mich immer noch gültig). Dann kommt in den nächsten Tagen: Victor Hugo: "Die Arbeiter des Meeres“ und Thoreau: „Tagebuch V“. Von den anderen Büchern habe ich keine Doubletten mehr. Wichtig wäre noch Wallace Stevens: „Teile einer Welt“. Herr Jung hat noch ein paar Exemplare, vielleicht überlässt er Ihnen eins. Dann bei Matthes & Seitz: Paul Claudel: „Was der Osten ist“; Bertrand: „Gaspard de la Nuit“, Mandiargues: „Der Rand“. Bücher von Victor Segalen, Roger Caillois, Henri Michaux gibt es noch in Restbeständen bei verschiedenen Verlagen. Den neuen Murnane („Inland“) haben Sie? Für Fragen stehe ich gern zur Verfügung,
herzlich, Rainer G. Schmidt

Lieber Rainer G. Schmidt − und sehr geehrte Damen und Herren,
Sie müssen verzeihen, wenn ich mit dieser etwas unkonventionellen Bibliographie beginne, aber warum sollte nicht auch für Lobreden gelten, was Rainer G. Schmidt in seinen erwähnten „Notizen zur Dynamik des Übersetzens“ festhält: „Eine zu konventionalisierte Kenntnis von der Sprache kann sogar hinderlich sein. Es ist hilfreich, wenn die Wörter und Sätze noch nicht voll eingegrenzt sind, daß sie, durch ihre Art, sich im Raum bewegen, durch ihre Art, zu lauten, eine Schwingung hervorrufen.“

Tauchen wir also irgendwo ein in dieses umfangreiche Werk, schlagen wir, um uns in Schwingung versetzen zu lassen, eher willkürlich den Band mit Rimbaud-Gedichten auf, Rainer G. Schmidts erster großer, noch zusammen mit Hans Therre verfasster Übersetzungsarbeit, und lesen das Sonett „Zur grünen Schenke − 5 Uhr nachmittags“:

8 Tage schon hatt ich meine Stiefel verwetzt
auf dem Kies der Straßen. Ich enterte Charleroi!
Zur Grünen Schenke: orderte ich
Butterstullen und angekühlten Schinken.

Quietschfidel lungerten meine Gliedmaßen
unterm grünen Tisch: ich kontemPLIERTE
die Motive der Tapeten: einfaltspinslig. − Und
ergötzlich wars als das Girl mit den
enormen Dutteln, dem quicken Blick
−kein KUSS, der DIE ängstigt! −

mir gickelnd die Butterstullen beibrachte:
lauwarmer Schinken auf einer Platte,
rot=weiß koloriert vom Schinken,
parfümiert mit einer Zehe Knoblauch −

und mir den maßlosen Schoppen vollschenkte mit
ihrem Schaum, den die zurückgebliebene Sonne
mit Lichtpollen vergoldete

16 Jahre alt war Rimbaud, als er 1870 von zu Hause ausriss und dieses Sonett schrieb. Von der Sonett-Form ist in der deutschen Fassung freilich nichts geblieben, keine Reime, keine 14 Verse, sondern deren 17, und doch kann man sich gut vorstellen, dass diese deutschen Zeilen ein Jugendlicher Ausreisser in Deutschland geschrieben haben könnte, gut hundert Jahre später, Mitte der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts, als das Gedicht übersetzt wurde. Mehr als das: ein sehr talentierter deutscher Ausreisser hätte es geschrieben haben können, einer der Arno Schmidt gelesen hat, und der vielleicht sogar Thomas Kling kennt, jenen Dichter, der in dieser Zeit sein bahnbrechendes Werk „geschmacksverstärker“ verfasst. Darin findet sich das Gedicht „ratinger hof, zettbeh (3)“.

unser sprachfraß echt junkfood, echt
verderbliche ware; „süße öhrchen“, wir
stülpen unsere mäuler um JETZT mit der
(kühlschrank)nase flügeln (yachtinstinkt,
„paar lines gezogen“); nebenbei erklärter
maßen blitzkrieg/blickfick (JETZT LÄC
HELN!); havarierte augenpaare (schwer
geädert), „man sieht sich“

Ratinger Hof und Grüne Schenke, angekühlter Schinken und coole Koksnase, quicker Blick und Blickfick − über die Jahrhunderte hinweg schauen sich Arthur Rimbaud und Thomas Kling an, eine Nahverwandtschaft, die einem Rainer G. Schmidt vor Augen führt, die er sie einem erstmals überhaupt sichtbar macht, weil er das Französische − in Vermeidung einer allzu konventionalisierten Verwendung der Sprache - durch seinen Wahrnehmungsfilter ins Deutsche zieht. Weil er hier drüben, auf der deutschen Seite, die Ohren offen hält, offen für den Sound der Zeit. Wenn man sich fragt, apropos „sound“, ob „girl“ und „quick“ nicht zuviel des Englischen in einer Übersetzung aus dem Französischen sind, dem verrät die Etymologie, dass „quick“ von „keck“ kommt. Und wie könnte man Rimbauds „vif“ besser übersetzen als mit einem kecken „quick“?!

So kommt hier beides zusammen: Die semantische Genauigkeit und der rechte Klang. Klanglich ist auch die Verbindung von Rimbauds „Zur Grünen Schenke“ zu einem Gedicht von Wallace Stevens, „Herbst-Kehrreim“ heißt es. Das „keck“ hören Sie im folgenden Starengekecker:

Das kreatürliche Kreischen des Abends ist fort
Und fort sind Starengekecker und Sorgen der Sonne,
Die Sorgen der Sonne sind ebenfalls fort ...der Mond und der Mond,
Der
gelbe Mond von Worten über die Nachtigall
In maßlosen Maßen, kein Vogel für mich,
Sondern der Name eines Vogels und der Name einer namenlosen Luft,
Die ich nie haben, nie hören werde. Und doch unterhalb
Der Stille alles Fortgegangenen sitzt etwas,
Das still ist und still sitzt,
Ein kreatürlich kreischendes Residuum,
Und kratzt an diesen Ausflüchten der Nachtigall,
Obwohl ich diesen Vogel nie gehört habe – nie hören werde.
Und die Stille ist in der Tonart, ganz ist sie es,
Die Stille ist ganz in der Tonart dieses trostlosen Lauts.

Noch die Stille klingen zu lassen, ist das Verdienst des Übersetzers, seines Ohrs für Klangverwandtschaften, für gebrochene Harmonien und für fein austarierte Dynamikwechsel. Es führt zu weit, hier im einzelnen darzulegen, wie subtil Rainer G. Schmidt in diesem Gedicht das Klangvokabular des Originals neu verteilt, um im Deutschen eine ganz eigne, stimmige, in sich geschlossene Version zu erzeugen. Eine Version, keine Variation, der Übersetzer bleibt Übersetzer und widersteht der Versuchung, selbst Autor sein zu wollen.

Das Starengekecker führt uns zu anderen Vögeln und in die auf klanglich-rhythmischer Ebene nicht weniger anspruchsvolle Prosa, und ja, warum nicht gleich in die Ebenen Patagoniens und zu William Henry Hudson, der Ende des 19. Jahrhunderts sich mit genau dieser Frage beschäftigt: Wie übersetzt man die eine Sprache in die andere, die Vogelsprache in Menschensprache: (Zitat) „Ein Grund für die extreme Schwierigkeit, Vogellaute so zu beschreiben, dass sie irgendeine Annäherung an eine genaue Vorstellung von ihnen geben, stellt die Tatsache dar, dass es bei den meisten von ihnen von den lautesten - dem schallenden Schrei oder Ruf - bis zu dem zartesten klingelnden oder lispelnden Ton, der von einem Geschöpft ausgesandt werden könnte, das nicht größer als eine Fliege ist, eine gewisse ätherische Eigenschaft gibt, die sie von allen anderen Klängen unterscheidet.“ (Zitat Ende)

Ein Satz, der sich über zehn Zeilen erstreckt, und trotzdem exakt bleibt und sogar einen gewissen drive bewahrt, das ist keine Kleinigkeit. Aber lassen sie mich noch kurz bei den Vögeln verweilen und speziell beim Vogel Menura, dem Leierschwanz. Ambrose G.H. Pratt hat ihm ein ganzes Büchlein gewidmet, aus dem Englischen übertragen und herausgegeben von Rainer G. Schmidt im Jahr 2011 in der Friedenauer Presse. Und wie schon bei William Henry Hudson, wie auch bei Paul Claudel, Aloysius Bertrand, Victor Segalen oder Henry David Thoreau, stellt sich die Frage, ob diese wunderbaren, wunderschönen und völlig abseitigen Bücher überhaupt je einen Weg ins Deutsche gefunden hätten, hätte sich Rainer G. Schmidt ihrer nicht angenommen. An der Übersetzung von Thoreaus Tagebüchern sitzt er noch immer, am siebten von zwölf Bänden inzwischen, und wo immer man sie aufschlägt, zwitschert einem die Vogelsprachen-Frage entgegen:

(Zitat) „Die Hauptgeräusche sind jetzt die der Ochsenfrösche und Ziegenmelker. Das er-er-roonk des Ziegenmelkers erschallt jetzt pausenlos von einem Ende dieses Flusses zum anderen und kann auf jedem Ufer mehr als eine Meile weit gehört werden. Ich höre auch das Flügelburren eines Rebhuhns.“ (Zitat Ende)

Die Vogelkunde kennt nicht nur den Gesang der Stimme, sondern auch den Instrumentallaut, das Flügelburren. Sich ein solches Fachvokabular anzueignen gehört freilich zum Einmaleins des Übersetzens. Was den guten Übersetzer auszeichnet, und den hier ausgezeichneten Übersetzer so gut macht, ist nicht, dass er einzelne Laute, einzelne Wörter oder einzelne Sätze, so kompliziert sie auch sein mögen, ins Deutsche bringt, sondern dass er ganze Satzperioden, ganze Absätze, Seiten, und am Ende, ja, ein ganzes Buch, in Schwingung versetzen kann. Lassen Sie mich, um diese These zu veranschaulichen, zum Schluss die ersten und die letzten Sätze des Romans „Der Rand“ von André Pieyre de Mandiargues miteinander verbinden:

„Fünf Uhr. Ein Kirchturm, zum Glück in der Ferne, tat dies soeben kund. Hat Sigismond während seiner Siesta geschlafen? Er könnte es nicht mit Gewissheit sagen, und wenn er, wie gewöhnlich, den Eindruck hat, dass er in seinem reglosen Körper bei Bewusstsein geblieben ist und seinen Geist wie einen unter Aufsicht stehenden Spaziergänger hat umherschweifen lassen, erinnert er sich indes, wie seine Frau einmal über ihn gespottet hat, er habe sich gerühmt und beklagt, sich während der Nachmittagsruhe niemals dem Schlaf hingeben zu können. (...) Er lacht schallend über sich selbst und sein Unglück, er setzt sich den kurzen Lauf der Waffe an der richtigen Stelle auf die Brust, er drückt ab, und schon hat er sich eine Kugel durchs Herz gejagt.“

Gestus, Tonfall, Rhythmus − hier ist über fast 300 Seiten hinweg kein Bruch zu erkennen. Wie mit einem Atem, mit einer großen Bewegung gelingt es Rainer G. Schmidt in seinem gesamten Werk, eine Sprache in die andere zu überführen. Deswegen gratuliere ich ihm aus ganzem Herzen zum Johann-Heinrich-Voß-Preis!