Johann-Heinrich-Voß-Preis

The »Johann-Heinrich-Voß-Preis für Übersetzung« (Prize for Translation) has been awarded by the German Academy for Language and Literature since 1958 for the »outstanding achievements in translation,« with a particular emphasis on the translation of literature into German.
The prize is awarded annually at the spring conference of the German Academy.
The Johann Heinrich Voß Prize has been endowed with €15,000 since 2002.

Awardees

Rainer G. Schmidt

Rainer G. SchmidtRainer G. Schmidt

Translator
Born 6/4/1950

Johann-Heinrich-Voß-Preis 2022
Laudatory Address by Tobias Lehmkuhl
Acceptance Speech by Rainer G. Schmidt
Diploma

»In jahrzehntelanger Arbeit hat Rainer G. Schmidt eine Vielfalt von Werken, die hohe Anforderungen an eine Übersetzung stellen, auf Deutsch zugänglich gemacht...«

Jury members
Daniel Göske, Susanne Lange, Gabriele Leupold (Vorsitz), Terézia Mora, Ernst Osterkamp, Ulf Stolterfoht und Anne Weber

SINN UND NEIGUNG Paillettes

Der Sextaner blickt vom Schulgebäude auf der HOHEN WACHT in Richtung der ein paar Kilometer entfernten Spicherer Höhen. Dort tobte 1870/71 der Deutsch-Französische Krieg und tränkte den Boden mit dem Blut Tausender.

„hinter unseren ohren stehn geschrieben / die jahreszahlen berühmter schlachten“.

Näher am Schulgebäude, nur ein paar hundert Meter davon entfernt, erstrecken sich die Panzersperren des 2. Weltkriegs. Verschieden hohe Stahlbetonblöcke bilden eine „Höckerlinie“, die wie das riesige Rückgrat einer Urzeitechse die Landschaft durchzieht. Hier, an dieser Verwerfungszone historischer Seismik, brach immer wieder Krieg aus. Liegt es am Zusammenprall verschiedener Sprachen, dass die Völker einander nicht „verstehen“? Der Feind: das Unübersetzbare?

Die Grenze französischen Vorrückens auf Saarbrücker Bann wird durch den sogenannten „Lulustein“ markiert. Hier soll der vierzehnjährige Sohn Napoleons III. seine erste Kanone abgefeuert haben. Früh übt sich... Knapp ein Jahrhundert später verübte der Gymnasiast an gleicher Stelle auf dem Sportfeld Bellevue seine linkischen Leibesübungen.

Dann, in den 1950er Jahren, war Deutschland für den Saarländer Ausland. Es gab Zollkontrollen, Schlagbäume, fremdes Geld. Nach Frankreich hingegen war die Grenze offen. Wir machten öfter Besuche dort. Ein Großonkel betrieb eine Arbeiterkneipe in einem von einer grauen Staubschicht bedeckten lothringischen Industrieort. In dem Lokal regierte Babylon. Allein schon das winzige Saarland hatte 50 verschiedene Regionalmundarten zu bieten. Lothringen dito. Französisch gab es in allen Schattierungen, auch als Schmuggelware. Dem „Bubeller“ (für Schmetterling) hört und sieht man die Herkunft von französisch „papillon“ kaum an.

Meine Großmutter, Bergmannswitwe, sprach noch alten Dialekt. Wenn sie mich nachdenklich antraf, fragte sie neugierig/besorgt: „Was simeliersch‘de, Buub?“ War dies Privatsprache oder schon amalgamierter Wortschatz? Nicht bloße Verwechslung von „sinnieren“ und „simulieren“ (aber dieser Fehler allein wäre schon produktiv), sondern Ineinanderschieben von Sinn-Schichten mit dem Ergebnis einer neuen Qualität. Das Fremde sich anähneln, durch Nach-Sinnen. Aus dem Klima solcher Sprachwirrnisse gehen neue Wort- und Denkformen hervor, wie etwa bei dem Elsässer Johann Fischart, der das köstliche Wort „Naupen“ auffischte.

Mit 15,16 mache ich meine erste Übersetzung: eines Gedichts von Victor Hugo. Eine verschneite Landschaft wird darin mit einem großen Leichentuch verglichen. Ein halbes Jahrhundert später übersetze ich einen Roman von Hugo: „L’Homme qui Rit“ (Der Mann mit dem Lachen). Hier birgt die trostlose Schneedecke eine erfrorene Mutter mitsamt dem durch ihre Restwärme am Leben gehaltenen Kind. Es wird gerettet und bestimmt die Romanhandlung.

Im Alter von 18 eine unmittelbare Kriegserfahrung. August 1968. Wir, vier Klassenkameraden, werden in der damaligen Tschechoslowakei, in der Hohen Tatra, vom Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts überrascht. Im Auto zwischen Panzern fahren, die von jungen Leuten, wie wir es waren, gelenkt wurden, nicht wissend, wohin. Steht die Geschichte unter Wiederholungszwang?

Mit 18 bewunderte ich Ezra Pound für seinen Versuch, sein Leben in ein Gedicht zu verwandeln. Die Übersetzung hingegen enttäuschte mich: zu überladen, verschnörkelt. Das müsste „anders“ zu machen sein.

In den 1970er Jahren in Berlin entschied ich mich, nicht ins Lehramt zu gehen. Begann ein Aufbaustudium. In dieser Zeit las ich unendlich viel und entdeckte dabei, dass längst nicht alle Werke bekannter Schriftsteller übersetzt waren. So hatte Herman Melville vor seinem weltberühmten „Moby-Dick“ einen tausendseitigen, fast surrealistischen Roman geschrieben: „Mardi - and a Vovage Thither“, der unbeachtet und (im Deutschen) unübersetzt geblieben war. Desgleichen aus Melvilles späterer Zeit ein Versroman von 18.000 Versen: „Clarel – A Poem and Pilgrimage in the Holy Land.“ Diese beiden Projekte abseits des Kanons sollten ein Dutzend Jahre später von mutigen Verlegern realisiert werden (Mirko Schädel und Jochen Jung). Ein eigener Gedichtband („entfesselt/verstrickt“) war von einem Verlag zunächst angenommen, dann abgelehnt worden. Erst 2000 erschien ein eigener Gedichtband. („Der Fall Schnee“). Parallel dazu hegte ich die Idee einer Dissertation unter dem Titel: „Horror vacui – und die Arbeit der Leere.“

Dann die Lektüre von Arthur Rimbaud in der Übersetzung von Walther Küchler. Der Widerspruch zwischen den waghalsigen und wilden Gedichten des Junggenies und den betulichen Eindeutschungen war so eklatant, dass der Wunsch weiter wuchs, es „anders“ zu machen. Zu zweit (Hans Therre war mit dabei) begannen wir, und wir fanden auch gleich einen Verlag (Matthes & Seitz, damals noch München). Den Anspruch und die Methode von Rimbaud auf ihn selbst anzuwenden – den Umsturz noch einmal umzustürzen, das war der Plan. Durch die zahlreichen Abbildungen (darunter auch die ganz modern wirkenden Zeichnungen Victor Hugos) erhielt unsere 1979/1980 erschienene Rimbaud-Ausgabe (Die poetischen Werke 1 & 2) den Charakter eines „Gesamtkunstwerks“, das Reaktionen auslöste, die zwischen Entzücken und Entsetzen schwankten. Die Buchstaben- und Wortspaltungen dieser ÜBER-setzung und ihre gezielten „Fehler“ schockierten manche. (Inzwischen sind sie normale Praktik – und waren es auch schon teilweise in der Barock-Lyrik.)

Novalis sagt in Blüthenstaub (68) zu den „verändernden Übersetzungen“ (die er von den „grammatischen“, den formal richtigen, absetzt) sie seien von poetischem und philosophischem Geist durchdrungen. „Der wahre Übersetzer dieser Art muß in der Tat der Künstler selbst seyn. (...) Er muß der Dichter des Dichters seyn und ihn also nach seiner und des Dichters eigener Idee zugleich reden lassen können.“

Zum „eigentlichen“ Übersetzer wurde ich 1990 durch die Teilnahme an der 1. Übersetzerwerkstatt, die vom Literarischen Colloquium Berlin unter der Leitung von Karin Graf veranstaltet wurde. Ich hatte mich mit den späten Gedichten von Henri Michaux beworben, dessen Arbeit sich ebenfalls zwischen Wort und Zeichnung bewegte. Auf diesen beiden Seiten neigte er sich dem zu, was ich als „Arbeit der Leere“ verstand. Ein Anspruch, den die extrem reduzierten Texte von Michaux („Schweigetage" – „Rhythmen, zerstreut angeschlagen“) mit poetischen Mitteln derart konsequent einlösten, dass mir eine akademische Anstrengung überflüssig schien.

Auch ein weiterer, von mir übersetzter Roman von Victor Hugo hatte die Bewältigung von Leere zum Thema: „Die Arbeiter des Meeres“ (2003). Hierin unterstreicht die endlose Weite des Ozeans die Verlorenheit des Menschen, der jenen befährt und „beackert“. Als Sisyphos der Ebene. In den letzten Jahren wurde ich durch die Übersetzung der Bücher des australischen Autors Gerald Murnane nochmals mit dem Thema „Leere“ konfrontiert: Murnane vermag es, die Grasmeere unendlicher Prärien in eine ganz eigene Perspektive und Rhythmik zu bringen und sie so zu geistigen Landschaften zu machen. Um diese zu übersetzen, bietet die Vertiefung in die freischwingende Metrik der Homer-Übertragungen eines Johann Heinrich Voß eine gute Grundlage. Und möglicherweise wären die Verse in den von mir übersetzten Gedichten von Wallace Stevens nicht so klangvoll geraten, hätte ich nicht noch aus früheren Zeiten den Voß‘schen Rhapsodenton im Ohr gehabt, als ich mir seine Odyssee laut vorlas.

In den Tagebuchaufzeichnungen von Henry David Thoreau, die ich seit 2015 kontinuierlich übersetze (diesmal bei Matthes & Seitz Berlin), öffnen sich ebenfalls solche leeren Räume, nicht nur bei Winterlandschaften. Er befasst sich gleichermaßen intensiv mit der akustischen Leere. Ähnlich wie Michaux in seinen „Jours de Silence“ beschwört Thoreau die Stille herauf, die für ihn das „Gespräch mit sich selbst“ ist. Zugleich ist sie der Raum, aus dem die Klänge in ihren feinsten Abstufungen erwachsen. „Jeglicher Klang ist mit der Stille nah verwandt.“ Solche Meditationen haben John Cage zu seinen minimalistischen Kompositionen angeregt.

„Der Redner legt seine Individualität ab und ist dann am beredsamsten, wenn er am stillsten ist. Er hört zu, während er spricht und ist, zusammen mit seinen Zuhörern, selbst ein Hörender.“ (THOREAU, TAGEBUCH I)

Im Rahmen jener Übersetzerwerkstatt von 1990 formulierte ich 11 „Notizen zur Dynamik des Übersetzens“, die noch heute für mich maßgeblich sind. Ich verstand den literarischen Übersetzer dabei weniger als „Hand-Werker“, denn als „Sinn-Werker“. Das Wort „Sinn“ ist auf das althochdeutsche „sinnan“ zurückzuführern, das „reisen, gehen, sich fortbewegen“ bedeutet. „Sinn“ ist also nichts Statisches, das man Schwarz-auf-Weiß nach Hause tragen kann. Und der Sinn-Werker ist jemand, „der es mit (ent-)fahrenden, flüchtigen, vom Fremden ins Bekannte (und umgekehrt) reisenden Elementen, stofflich und nicht stofflich zugleich, zu tun hat, und der auf eigentümliche Weise mit seiner Person in diesen Prozess der Reisens und ‚Gereistwerdens‘ mit einbezogen ist.“

Diese Sinndynamik kann dem Übersetzen Anschub geben; kann das Weiß zwischen dem Schwarz der Zeichen als spezifische Leere der Schrift zum Fluktuieren bringen. Wie diese konstitutive Leere übersetzen, dieses Weiß – weiß nicht? Während es die Ur-Situation des Autors ist, vor einem weißen Blatt zu sitzen, sitze der Übersetzer, so meint Anne Weber, vor einer grauen Fläche (was mich an mein lothringisches Dorf erinnert). Ich hingegen möchte das Tun des Übersetzers eher als „Durchbrochene Arbeit“ bezeichnen, sowohl in dem, was er vorfindet als auch in dem von ihm Geschaffenen. Durch die Maschen eines ständig sich verschiebenden Gewirks blicken. Und der Leib der Sprache schimmert wiederum aus diesem Netz der Zeichen hervor, windet sich und erlaubt bald diesen, bald jenen Einblick: l’ondine niaise à la robe bruyante, au bas de la rivière.

Das französische Wort „paillettes“ bedeutet (u.a) Goldkörnchen in einem Bach als auch fehlerhafte Stellen in einem edlen Stein. Ich verwende es hier als Gattungsbezeichnung.

Schönheit ist Abweichung. Sinn ebenso.

Mit Roger Caillois die Steine übersetzen. Mineralische Struktur, die spricht. „Die Zeichen treten bunt gemischt an der Oberfläche des Steins zutage. Sie sind wild zerstreut: keine Zeile, keine Spalte ist hier wahrzunehmen; keine Gliederung, die bevorzugt würde. Ein Tumult von Gedankenstrichen, Zacken, Schlegeln, dünnen Spänen in Form eckiger Klammern legt zunächst den Eindruck nahe, dass sie das Ergebnis von Zufallswürfen sind. Dann erinnert irgendetwas in dem Tohuwabohu daran, dass es sich vielleicht um ein System inventarisierter Zeichen handelt, die nicht notwendigerweise Buchstaben sind, die aber dennoch zusammenhängende und einander zugesellte Symbole darstellen. Würde man sie richtig anordnen und wieder an ihre Stelle rücken, dann könnten sie die hypothetische Botschaft übermitteln, die ihnen aufgetragen war. (...) Ich frage mich, worauf der doppelte Eindruck beruht, der dazu verleitet, in solcher Anarchie die Wahrscheinlichkeit eines phantastischen Alphabetes anzunehmen.“ (Die Schrift der Steine.)

Übersetzen als Sprachreflexion: Die Elemente eines Textes oszillieren lassen zwischen vollendetem Glanz und Trübung; keine formelhaften Bedeutungen mechanisch abrufen, sondern die Sinn-Felder der Wörter befragen. Die Wortmassen untergraben. Keine narzisstische Zurschaustellung von Übersetzungshochleistungen. Absage an Turbo-Übersetzungen. Wortschätze heben.

Entspricht z.B. „mackerel sky“ wirklich einem deutschen „Himmel mit Schäfchenwolken“ (wie das Wörterbuch angibt), wo doch die englische Wendung den Himmel von den dunklen Streifen durchzogen sieht, die auch die Haut der Makrele zieren?

Müßige Suche nach dem „mot juste“. Allenfalls fällt es ein.

Das englische Wort „mind“ hat (als Substantiv und Verb) einen ungeheuren Bedeutungsumfang. Der Große Muret-Sanders von 1900 verzeichnet eine etymologische Nähe zu dem deutschen Wort „Minne“. Darin liegt eine liebevolle Zu-Neigung, die dem deutschen „Geist“ als möglicher „Entsprechung“ abgeht. Solcher „mind“ im Sinn von Minne sei auch dem Übersetzer, der Übersetzerin bei ihrer Arbeit empfohlen. Minnt die Sprache und lasst euch minnen! Huldigt der „Lust am Text“!

Der 72jährige sinnt über dem von ihm mit 18 geschriebenen Gedicht:

hinter die Ohren geschrieben

hinter unseren ohren stehn geschrieben
die jahreszahlen berühmter schlachten
mit roter tinte aufgepinselt
auch die hausordnung
die formeln für eine bessere zukunft
die ewigen werte des lebens
in kurzfassung
das köchelverzeichnis und cosinus
alpha beta gamma
die restauration, die alte leier
von krieg und frieden
kanonen oder butter
vor si ne nisi num
fällt der kleine ali um
die leier sollen wir
weiterspielen
die dompteure halten das rad
der geschichte in schwung

Zunächst sei vier Personen besonders gedankt, die meine Arbeit als Übersetzer aufmerksam begleitet haben:
1.Brigitte Kronauer, deren Begeisterung für meine Übersetzungen wenig bekannter Werke von Herman Melville und Victor Hugo auch andere mitgerissen hat.
2.Renate von Mangoldt, die mit scharfem Blick Verbesserungswürdiges in vielen meiner Übersetzungen aufgespürt hat.
3.Ralph Schock, der als Leiter der Literaturabteilung des Saarländischen Rundfunks in Live-Gesprächen mit mir etliche meiner Übersetzungen vorgestellt hat.
4.Norbert Wehr, der mir in seiner literarischen Zeitschrift SCHREIBHEFT Raum für noch unentdeckte oder schwer zugängliche Texte in meiner Übersetzung geboten hat.

Mein großer Dank aber gilt den Mitgliedern der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und den Mitgliedern der Jury selbiger für ihre Entscheidung, mir den diesjährigen Johann-Heinrich-Voß-Übersetzerpreis zuzusprechen. Ich sehe damit eine Übersetzungsarbeit gewürdigt, die kontinuierlich in „Grenzbezirken“ operiert und die Welt der Zeichen gleichsam „aus den Augenwinkeln“ beobachtet. Diese Entscheidung kam völlig überraschend für mich und doch „wie gerufen“. Umso mehr freut mich die Ehrung. Die mit ihr verbundene „Morgengabe“ schenkt mir Raum, noch eine Weile weiter zu sinnieren/simulieren und im Hain des Akademos zu spazieren.