Johann-Heinrich-Voß-Preis

The »Johann-Heinrich-Voß-Preis für Übersetzung« (Prize for Translation) has been awarded by the German Academy for Language and Literature since 1958 for the »outstanding achievements in translation,« with a particular emphasis on the translation of literature into German.
The prize is awarded annually at the spring conference of the German Academy.
The Johann Heinrich Voß Prize has been endowed with €15,000 since 2002.

Awardees

Heinz von Sauter

Heinz von Sauter

Writer, Translator and
Born 2/3/1910
Deceased 30/3/1988

Johann-Heinrich-Voß-Preis 1982
Laudatory Address by Peter de Mendelssohn
Acceptance Speech by Heinz von Sauter
Diploma

... für seine Übertragung der Werke und Briefe Giacomo Casanovas, in der Sprachsinn und Geschichtssinn glücklich zusammenwirken...

Jury members
Kommission: Jan Aler, Roger Bauer, Hermann Lenz, Horst Rüdiger, Elmar Tophoven

Mitglieder des Erweiterten Präsidiums

Mit der Sprache einig

LAUDATOR
Peter de Mendelssohn
Born 1/6/1908
Deceased 10/8/1982
Writer

Vor drei Jahren, auf der Frühjahrstagung 1979 der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, die in der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel stattfand, erlaubte ich mir einen kleinen literarisch-philosophischen Scherz. Im prunkvoll hochgewölbten Büchersaal las ich der Mitgliederversammlung einen deutschen Text vor, der auf Wolfenbüttel und die berühmte Bibliothek Bezug hatte, und bat die Kollegen, sie möchten seinen Verfasser oder die Zeit der Niederschrift erraten. Der Text lautete:

»Nach dieser aus Klugheit geborenen und vom Ehrgefühl spitzfindig unterbauten Überlegung, die eines besseren Kopfes als des meinen würdig war, bestellte ich Pferde, packte meinen Koffer, aß zu Mittag, bezahlte den Wirt und fuhr unbekümmert und ohne mich von jemandem zu verabschieden, nach Wolfenbüttel; dort wollte ich acht Tage bleiben und war sicher, mich nicht zu langweilen, denn dort befand sich die drittgrößte Bibliothek von Europa. Ich hatte schon lange den lebhaften Wunsch, sie in Muße zu besichtigen.
Ein höchst gelehrter Bibliothekar, dessen Höflichkeit mich um so mehr beeindruckte, als sie nicht übertrieben, noch im geringsten gekünstelt war, sagte mir bei meinem ersten Besuch, er werde mir einen Mann geben, der mir nicht nur in der Bibliothek alle verlangten Bücher heraussuchen, sondern sie mir auch in mein Zimmer bringen werde, einschließlich der Manuskripte, die den größten Schatz dieser berühmten Bibliothek bilden. In den acht Tagen, die ich dort verbrachte, verließ ich sie nur, um in mein Zimmer zu gehen, und verließ dieses nur, um in die Bibliothek zurückzukehren. Erst am achten Tag, eine Stunde vor meiner Abreise, sah ich den Bibliothekar wieder, um ihm zu danken. Ich lebte dort in vollkommenem Frieden, dachte weder an Vergangenheit noch an Zukunft und vergaß über der Arbeit die Gegenwart. Heute weiß ich, daß nur das Zusammentreffen ganz unbedeutender Umstände nötig gewesen wäre, um mich in dieser Welt zu einem wahrhaft Weisen zu machen; denn die Tugend hat mich stets mehr angezogen als die Laster. Wenn ich mich einmal schlecht aufführte, tat ich es nur aus Übermut. Aus Wolfenbüttel brachte ich viel Material über die Ilias und die Odyssee mit, das man bei keinem Scholiasten findet und selbst dem großen Pope unbekannt war. Einen Teil davon findet man in meiner Übersetzung der Ilias, den Rest habe ich hier, und so wird er verloren bleiben. Ich werde nichts verbrennen, nicht einmal diese Memoiren, obgleich ich häufig daran denke. Ich sehe voraus, daß ich den richtigen Augenblick verpassen werde.«

Wer und was konnte das sein? Die Kollegen waren samt und sonders ratlos. Sie vermuteten zwar richtig, daß der Text aus dem Ende des 18. Jahrhunderts stammen müsse − die geschilderte Episode trug sich 1764 zu, die Niederschrift erfolgte um das Jahr 1790 aber den Verfasser konnte keiner nennen. Dabei hatte er selbst in seinem Text einige kleine Schlüssel hingelegt: er war offenbar ein Mann, der viel herumreiste; er hatte die Ilias übersetzt und war dabei, seine Memoiren zu schreiben. Einige meinten, ob es wohl Johann Heinrich Voß sein könne, nach dem unser Übersetzerpreis genannt ist, aber der hatte zwar Homer übersetzt, aber keine Lebenserinnerungen geschrieben. Und so ging es fort. Alle meinten jedoch mit Sicherheit, es müsse sich um einen deutschen Autor handeln − daran zweifelte niemand einen Augenblick lang −, und groß war das Erstaunen, als ich schließlich mitteilte, diese Vermutung sei ganz falsch: es handle sich nicht um einen deutschen Originaltext, sondern um eine Übersetzung eines von einem Italiener geschriebenen französischen Textes. Der Verfasser sei Giacomo Casanova, und die staunenswerte Übersetzung habe einer in unseren Tagen, in den sechziger Jahren, geschaffen, und er heiße Heinz von Sauter.
Wer das sei? wollte man sogleich wissen, denn nicht nur mir war der Gedanke gekommen, daß dieser Mann und seine Arbeit von der Akademie ausgezeichnet werden müsse. Aber ich wußte es nicht und brauchte lange, um es herauszukriegen. Das wird Sie, lieber Herr von Sauter, nicht verwundern. Sie und ich und noch einige Kollegen aus der Übersetzer-Branche wissen, wie wenig der Name eines Übersetzers im Geschäft der »Buchmacherey« gilt. Man druckt ihn, wenn überhaupt, zumeist auf der Rückseite des Titelblattes zusammen mit den Namen von Drucker, Papierlieferant, Buchbinder und was noch, und keinesfalls größer, zumeist kleiner als diese, während in weit größeren Lettern dort neuerdings eine Instanz namentlich aufgeführt wird, die sich schlichtweg »Redaktion« nennt. Das gab es früher nicht. »Redaktion: Tobias Mindernickel« oder wie immer dieser Jemand heißt, der das Manuskript satzfertig zu machen hat, aber es für seine Aufgabe hält, in unerschöpflicher Besserwisserei eine Unzahl von Fehlern in das Manuskript hineinzuverbessem, das der Übersetzer danach nicht mehr zu sehen bekommt. Ich fragte einmal einen solchen, warum er mir in einer Übersetzung das Wort »Pfade« in »Pferde« geändert habe, da doch im Original »paths« und nicht »horses« stünde, und der Wackre antwortete, das Original habe er nicht zur Hand gehabt, und »Pferde« sei ihm sinnvoller erschienen.
Das wird Ihnen nur allzu bekannt vorkommen, lieber Herr von Sauter, und dabei hatten Sie bei Ihrer großen Casanova-Übersetzung − 18 Bände sind es ja, wenn wir zu den Lebenserinnerungen noch die gesammelten Briefe, die vermischten Schriften und den Roman »Eduard und Elisabeth« hinzurechnen −, dabei hatten Sie, sage ich, noch Glück, denn man druckte Ihren Namen tatsächlich dort, wo er hingehört, auf dem Titelblatt! Aber leichter zu finden waren Sie darum nicht. Kein Kürschner, kein Literaturhandbuch kannte Ihren Namen. Wir schrieben mehrmals an den Propyläen-Verlag in Berlin, ich schrieb an den Verlagsleiter und bekam überhaupt keine Antwort. Schließlich erwähnte ich das Rätsel gegenüber dem Konzernherrn persönlich, und Herr Springer versprach immerhin, er werde nachforschen lassen. Aber es kam nichts. Ja, ich hätte mich nicht gewundert, wenn der Computer im Ullstein-Haus in Berlin geantwortet hätte: Axel Springer? Kennen wir nicht. Ist bei uns nicht gespeichert.
Schließlich half uns aus der elektronischen Null-Welt ein ganz gewöhnlicher kleiner Menschenverstand weiter. Ich bat einen Verlagsangestellten des Springer-Hauses, der mich in einer ganz anderen Sache aufsuchte: Herr Meyer − er heißt wirklich so −, sagte ich, schnuppern Sie doch mal in den Leitz-Ordnern des Propyläen-Verlags nach, da muß doch irgendwelche Korrespondenz mit diesem Übersetzer Heinz von Sauter sein, aus der wenigstens die Adresse hervorgeht. Übersetzer sind zwar Niemande, aber total verschwinden können sie doch nicht, wenn ihre 18 Bände ihr Dasein bezeugen! Jochen Meyer rief am nächsten Tag an, er habe ihn, es gebe ihn, er wohne in Garmisch, hier die Adresse, Telephonnummer stehe leider nicht dabei, und außerdem sei die Korrespondenz über zehn Jahre alt, ob der Mann noch lebe, wisse er nicht.
Was nun geschah, können Sie sich denken. Ich schickte ein Briefchen auf gut Glück ins Blaue, nur um zu sehen, ob die Adresse noch stimmte und ob der Mann sich überhaupt noch hienieden aufhielt. Postwendend kam ein Brieflein aus Garmisch zurück, es hatte alles seine Richtigkeit, wir trafen uns in München, fanden uns in einer Menge Gemeinsamkeiten zusammen, und nun, heute, sind wir aus festlichem Anlaß beide hier. So einfach oder vielmehr, so kompliziert ist das. Niemand, lieber Heinz von Sauter, kann sich darüber mehr freuen als ich.
Aus der Wolfenbütteler Anekdote, die ich eingangs erzählte, ist bereits zu ersehen, was uns damals und gleich darauf, im Preisrichterkollegium, so besonders an Ihrer Leistung fesselte und mit Bewunderung erfüllte: daß ein Ende des zwanzigsten Jahrhunderts geschriebener deutscher Text ohne den Schatten eines Zweifels an seiner Authentizität für einen solchen des achtzehnten genommen werden konnte; daß hier Sprachsinn und Geschichtssinn auf wunderbar glückliche Weise zusammenwirkten und das Italienische und Französische des achtzehnten Jahrhunderts in ein zeitlos gültiges Deutsch verwandelten, darin dennoch Wortsatz und Tonfall einer vergangenen Zeit gegenwärtig bleiben. Will sagen: kein mühsam-beflissenes kunstfertig-kunstgewerbliches Zusammensetzspiel, kein Pastiche, sondern etwas ganz Anderes − ja, was ? Das gilt es doch einen Augenblick lang zu überlegen, das ist ja nichts Alltägliches, das bringt ja nun wirklich nicht jeder zuwege. Ist es etwa so, daß man meinen möchte: wenn Casanova nicht Italienisch − genauer Venezianisch! − und Französisch, sondern Deutsch geschrieben hätte, so müßte es sich unbedingt so lesen, wie es bei Ihnen steht! Ich glaube, es ist etwas daran, an dieser Formel, aber es ist nichts das ganze Geheimnis. In Casanovas Wortschatz wie auch in seinem Satzgefüge − das werden Sie mir, glaube ich, bestätigen − kommt ja vieles vor, was aus dem heutigen Italienisch und Französisch mittlerweile verschwunden ist; aber Ihr deutscher Casanova enthält, soweit ich sehe, kein einziges veraltetes, außer Gebrauch geratenes, nicht mehr ohne weiteres verständliches deutsches Wort, bedient sich keiner deutschen Wendung, die nicht durchaus von heute wäre, und doch lebt Ihr Text ganz und gar in seiner, nicht in unserer Zeit, und spricht mit ihrer Sprache. Wie geht das zu?
Ich will mit ein paar Beispielen versuchen, dieses Phänomen deutlich zu machen. Denken Sie an einige berühmte Übersetzungen. Der englische Dichter Samuel Taylor Coleridge, der von 1772 bis 1834 lebte, war ein um weniges jüngerer Zeitgenosse Schillers, den er über alles liebte und bewunderte, und als er 1800 den erst im Jahr zuvor beendeten »Wallenstein« in englische Verse übersetzte, gereimte noch dazu − eine geradezu verrückt geniale Leistung −, lebte seine Sprache, seine Metaphorik durchaus in der des deutschen Originals. Es war, stelle ich mir vor, als gehe man im großen Haus der Weltliteratur von einem Zimmer ins anstoßende nächste. Es herrschte dasselbe Licht, es umgab einen dieselbe Temperatur. Nichts war vergangen und mußte herauf beschworen werden; alles war gegenwärtig. Es war alles ein Ganzes, eine Welt. Wer zu Byrons Lebzeiten Byron übersetzte, hatte es nicht sehr schwer.
Wenn wir indessen bedenken, daß Heinz von Sauter nahezu zweihundert Jahre von seinem Original trennen, so erkennen wir seine Leistung. Als ich ein Schulbub war, gab uns unser Französisch-Lehrer, ein hochorigineller junger Mann, als Klassenlektüre Florians französische Übersetzung des »Don Quixote«. Jean Pierre Claris de Florian lebte von 1755 bis 1794, also nahezu zweihundert Jahre nach Cervantes, dessen »Don Quixote« 1605 erschien. Ob das nicht eine Verrücktheit sei, fragte ich meinen Vater. Durchaus nicht, meinte der, auf diese Weise lernten wir auf einen Sitz nicht nur ein berühmtes Meisterwerk der Weltliteratur kennen, sondern lernten gleichzeitig − denn Spanisch könnten wir ja nicht − auch ein klassisches Französisch! Nun aber zu denken, daß der deutsche Meisterübersetzer des achtzehnten Jahrhunderts, Ludwig Tieck, seine Don Quixote-Übersetzung fünf Jahre nach Florians Tod, 1799 veröffentlichte. Und daß Goethe gar seine Cellini-Übersetzung 1796, genau um dieselbe Zeit, begann, und dies in einem Abstand von über zweihundert Jahren von der Entstehungszeit seines Originals! Da konnte keine Rede mehr davon sein, daß Original und Übersetzer in jedem Sinn nahe beieinander hausten, geographisch und künstlerisch, unter demselben kulturellen Dach, wie Schiller und Coleridge es taten. Tiecks Cervantes-Übersetzung war noch 1926 so taufrisch, daß der Verlag Reclam sie in diesem Jahr in vier kleinen Bändchen neu herausbrachte und Thomas Mann diese vier Bändchen 1934 auf seine Amerikareise mitnahm, ohne einen Augenblick zu überlegen, ob eine modernere Übersetzung, deren es ja zuhauf gab, nicht seinem Vorhaben, nämlich der »Meerfahrt mit Don Quijote« dienlicher gewesen wäre. Die Stellen, die er aus Tiecks Übersetzung zitiert, fügen sich ohne die geringste Sperrigkeit in seinen eigenen Text ein, sie sind sich, wie Thomas Mann in anderem Zusammenhang einmal sagte, »mit der Sprache einig«. Nichts Treffenderes, lieber Herr von Sauter, könnte man über Ihre eigene Leistung sagen.
Tieck hatte, wie wir wissen, eine sehr bestimmte Auffassung von dieser »Einigkeit mit der Sprache«. Er konnte August Wilhelm von Schlegel, dessen Shakespeare-Übersetzung er fortführte, in diesem Bezug nicht hoch genug rühmen, und ich führe einige seiner Worte an, weil ich meine, Heinz von Sauter wird vielleicht bestätigend dazu nicken. Tieck schreibt:

»Der wahre Übersetzer muß ebenso wie der Dichter ein angeborenes Talent zu seiner Arbeit bringen, wenn sie gelingen soll. Dieses Talent lässt sich durch Studium ausbilden, durch keine Anstrengung aber erzeugen. Wenn wir Deutschen unter allen Nationen am meisten und mit dem grössten Fleiß übersetzt haben, wenn wir Vers, Ton, Sinn, Wortspiel und Zufälligkeit, ja einen gewissen geistigen Hauch, der sich kaum noch bezeichnen lässt, haben wiedergeben und nachahmen wollen, so steht als echter Künstler Wilhelm von Schlegel nach meiner Einsicht unter allen deutschen Virtuosen oder gründlichen Arbeitern obenan; denn ihm wurde von der Natur jenes geistige feine Ohr verliehen, welches auch das leiseste vernimmt, sowie jener zarte Geschmack (der in unseren Tagen abzusterben droht), um nie der Sprache, der Grazie oder dem Wohllaut Gewalt anzutun. Alles was Schlegel, sei es aus den Alten oder den Neuem überlieferte, hat ein Gepräge, dass es wie Original und eigentümlich lautet, und seine Meisterschaft ist so gross, daß jede neue Wendung oder Form, die er versuchte, dreist nachgeahmt werden darf, denn alle diese Neuerungen sind ebenso musterhafte Vorbilder, durch welche unsere Sprache ausserordentlich ist bereichert worden. Und kann auch der Deutsche nicht ganz die Fülle jener Töne wiederholen, ihr alle Formen nachspielen, die sich im Original mannigfaltiger, willkürlicher und seltsamer gestalten, so geschieht unsrer edlen Sprache wenigstens auch in den kecksten Nachbildungen keine Gewalt, und der feinste Geschmack zügelt und regiert die Lust der genialen Neuerung.«

Diese Sätze der Altvaters Tieck, lieber Herr von Sauter, scheinen mir, ob wir in seine Laudatio auf Schlegel einstimmen oder nicht, Ihnen wie auf den Leib geschrieben. Aber ich möchte es dabei nicht belassen. Denn da sehe ich bei Tieck das Wort »Studium« und sodann den Begriff der »musterhaften Vorbilder«. Sie werden sich erinnern, wie sprachen einmal darüber: ob es nicht dienlich sei, solche musterhaften Vorbilder zu studieren, wenn es darum geht, einem historischen Text seinen historischen Tonfall zu belassen, ohne daß er archaisch oder antiquiert klingt, mit anderen Worten, wie sich die trennende Spanne der Jahrhunderte, von der ich anfangs sprach, verringern läßt, wie der Übersetzer das Jahrhundert seines Originals zumindest so nahe an sein eigenes heranrücken könne − oder umgekehrt −, daß immerhin eine Verisimilitude (ich weiß kein deutsches Wort dafür) entsteht, die uns das bestimmte Gefühl vermittelt: das ist echt, richtig und wahr, so hätte es gelautet, wenn es im Original deutsch geschrieben wäre. Das hat mit Illusion, mit Vorspiegelung nichts zu tun − es täuscht nichts vor, was nicht ist, sondern ist vielmehr in sich echt − wenn freilich auch nur eine Annäherung: mehr bringen wir nicht zuwege. Aber dabei hilft uns das Studium der musterhaften Vorbilder. Erlauben Sie, daß ich eine kleine Geschichte aus meiner eigenen Erfahrung erzähle.
Vor zwanzig Jahren übersetzte ich für einen Münchner Verlag ein großes Meisterwerk, die vielbändige Geschichte der Kreuzzüge des bedeutenden englischen Byzantinisten Steven Runciman. Dieses faszinierend geschriebene Werk hatte einen ganz bestimmten, unverwechselbaren, in der englischen Geschichtsschreibung zeitlich genau fixierten Ton; mehr noch, ein ganz bestimmtes Wortgefälle, eine Kadenz des Sprachgefüges und damit der leise ironischen, dabei lächelnd überlegenen Selbstsicherheit, deren Herkunft jeder mit der englischen Literatur Vertraute sofort erkennt. Sie ist unverwechselbar: die Schule des großen Edward Gibbon. Mein Autor Runciman lebte in der Welt Gibbons, bewegte sich in ihr mit angeborener Selbstverständlichkeit, und er ist denn auch bei weitem der bedeutendste und originellste Nachfahr dieses Meisters, dessen Name eine neue Weltepoche der Geschichtsschreibung bedeutet.
Was war da zu tun? Wie konnte ein armseliges kleines deutsches Übersetzerlein mit einem solchen Sprachproblem zurande kommen? Es war mir klar, daß ich mich irgendwo, an irgendein musterhaftes Vorbild, anlehnen mußte, so wie mein Autor sich an Gibbon angelehnt hatte; ja es galt sogar zu versuchen, sich so gefühlssicher in Sprache und schriftstellerischen Habitus eines Vorbildes einzuleben, wie mein Autor in Sprache und Allüre in seinem großen Lehrer lebte. Ich überlegte, welcher bedeutende deutsche Historiker mir da helfen könne, und verfiel alsbald auf Ranke − Ranke the Great, wie Winston Churchill ihn einmal genannt hat − und fand zu meiner Freude, daß ich in seiner Geschichte des Dreißigjährigen Krieges eine sehr stimmige Entsprechung zu Gibbon hatte. Schiller wäre zu früh gewesen. Ranke rückte die beiden so weit voneinander entfernt liegenden Welten gerade so nah aneinander heran, daß Verisimilitude möglich war. Dabei passierten natürlich viele komische und lustige Dinge. Eins davon war dieses:
Im Englischen gibt es zwei Worte, nämlich »truce« und »armistice«, für die wir im Deutschen gemeinhin nur eines haben, nämlich »Waffenstillstand«. Mein Autor verwendete sie aber in ganz bestimmten, sehr verschiedenen militärischen oder auch politischen Zusammenhängen, die keinen Zweifel ließen, daß sie bei ihm ganz verschiedene Dinge bedeuteten, und diese Unterscheidung wurde durch das einzige Wort »Waffenstillstand« weggewischt. Ich überlegte, was da zu machen sei. Ein neues Wort zu erfinden, kam wohl nicht in Betracht. Ich suchte in meinem »musterhaften Vorbild« Ranke und entdeckte, daß er wechselweise die Begriffe »Waffenstillstand« und »Stillstand« verwendete, und zwar in Zusammenhängen, die denen meines Engländers genau entsprachen. Das war die Lösung: ich setzte also für »armistice« das Wort »Waffenstillstand«, denn die »arms«, die Waffen sind ja in beiden enthalten, und für den Begriff »truce« den Rankeschen »Stillstand«. Der Münchner Verlag verwies mir das sofort; der Verlagsinhaber schrieb mir persönlich, wie ich denn darauf komme: den Begriff »Stillstand« gebe es im Deutschen nicht, es müsse »Waffenstillstand« heißen. Ich antwortete geduldig, von einem Wort, das man auf Schritt und Tritt bei Leopold von Ranke antreffe, der uns ja noch nicht so sehr fern gerückt sei, dürfe man doch wohl annehmen, daß es existiere. Und zweitens bedeuteten die beiden Worte zwei ganz verschiedene Dinge: Ein Waffenstillstand erfolgt, wenn zwei oder mehrere, in eine bewaffnete, das ist kriegerische Auseinandersetzung verwickelte Gegner beschließen, diese im Gang befindlichen Feindseligkeiten zeitweise oder überhaupt einzustellen. Ein Stillstand hingegen besteht, wenn gegnerische Mächte beschließen, die herrschende Situation zwischen ihnen sozusagen einzufrieren und während einer bestimmten, festgesetzten Zeitspanne nicht gegeneinander zu den Waffen zu greifen, zumeist um sich die Hände und den Rücken für andere Unternehmungen freizumachen. Mit anderen Worten etwa das, was wir heute einen Nichtangriffspakt nennen würden. Der Waffenstillstand soll bereits ausgebrochene Feindseligkeiten beenden, der Stillstand hingegen ihren Ausbruch verhindern. Solche Abkommen wurden in den Kreuzzugskriegen, wo die Gegner häufig kaum mehr wußten, wo zuerst zuschlagen, unablässig getroffen. Das eine ist eine militärische, das andere eine diplomatische Vereinbarung. Mein Verlagsdirektor gab sich geschlagen: darauf sei er nicht gekommen, und wenn es bei Ranke stehe, so genüge ihm das. Ich sollte denken, lieber Herr von Sauter, daß Sie solche Probleme am laufenden Band zu lösen hatten. Der Kampf mit den Verlagsdirektoren währet ewig und immerdar. Davon wissen Sie, als Casanova-Übersetzer ein Lied zu singen, und das Wunderbare ist, daß Sie noch immer so fröhlich bei der Sache sind. Es gilt bei Arbeiten wie den Ihren, den Wortschatz und das Satzgefüge nicht etwa nach vom zu modernisieren − das kann heutzutage beinahe jeder −, sondern nach rückwärts zu öffnen, so daß gute, nutzbringende sprachliche Differenzierungen aus noch nicht allzu lang vergangener, aber doch vergangener Zeit einströmen, das Ganze bereichern und die beiden Welten näher aneinander rücken können. Wie nahe - dafür gibt es keine Regel, von der ich wüßte; das ist der hochempfindlichen Antenne des »Sprachgefühls« überlassen − was immer das ist, die Akademie hat sich jüngsthin sehr gründlich den Kopf darüber zergrübelt. Was immer es ist − Sie, lieber Freund, sind in hohem Maß damit begabt: mit dem Gespür für den kleinen, ja oft winzigen Unterschied, der die »Verisimilitude« vom Anachronismus unterscheidet.
Natürlich gibt es die bekannten Faustregeln für Übersetzer, bei deren Befolgung man angeblich nicht fehlgehen kann. Lassen Sie mich abschließend ein Wort darüber sagen. Die eine lautet, wie wir alle wissen: »So getreu wie möglich, so frei wie nötig.« Erlauben Sie mir, hier unter Fachkollegen, die Bemerkung, daß ein echter Übersetzer damit gar nichts anfangen kann. Denn wo verlaufen die feinen Grenzlinien zwischen »Getreulichkeit« und »Freiheit«, zwischen »nötig« und »möglich«? Sie verlaufen in jedem einzelnen Übersetzer und seinem Sprachgefühl anders. Das weiß ich, seit ich mit meinem großen österreichischen Freund Alexander Lernet-Holenia, der ein genialisch begabter Übersetzer aus dem Italienischen war, einen Disput darüber hatte. Gleichzeitig mit seiner bezaubernden Übertragung von Manzonis »Promessi Sposi«, vor etwa fünfundzwanzig Jahren, erschien eine neue englische Übersetzung dieses Werkes von einem jungen Mann namens Archibald Colquhoun, die ein Wunderwerk an sprachlicher und atmosphärischer Osmose, wechselseitiger Durchdringung war. Ich verglich die beiden miteinander und sprach dann wie folgt: »Alexander Alexandrowitsch«, sagte ich, denn wir pflegten uns mit Gogolschen und Turgenjewschen Wendungen anzureden, »urteilen Sie selbst: Ihre deutsche Ausgabe ist das schönere Buch, aber die des Engländers ist ganz einfach die bessere.« Darauf versetzte er: »Piotr Petrowitsch, haben Sie Erbarmen, es wird wohl so sein, wie Sie sagen. Ich glaube, ich habe die Regel umgekehrt und so frei wie möglich und so getreu wie nötig übersetzt. Aber das ist nun mal meine Art.« Genau so verhielt es sich. Man könnte sagen, es sei unerlaubt; aber wer wollte behaupten, es sei verboten? Da besteht doch wohl ein feiner Unterschied, und in dieser Spalte haust der schöpferische Geist.
Die zweite Übersetzer-Faustregel, die es zu einer merkwürdigen Popularität gebracht hat, ist Ihnen ebenfalls sattsam bekannt. Sie wird zumeist auf französisch zitiert: »Les traductions sont comme les femmes; quand elles sont belles, elles ne sont pas fidèles, et quand elles sont fidèles, elles ne sont pas belles.« Die Volkstümlichkeit dieses Diktums ist merkwürdig, weil die Regel doch, kurz und knapp gesagt, kompletter Unsinn ist. Als wüßte man nicht von der Treue schöner Frauen, von der Schönheit ihrer Treue! War Penelope, die Herrliche, etwa nicht treu? Hat man sich Peer Gynts Solveig als eine schiefmäulige, triefäugige Urschel vorzustellen? Zum Lob der Frauen wie der Übersetzer sei gesagt: so ist das nun doch nicht. Es hat zu allen Zeiten schöne Übersetzungen gegeben, die zugleich treu waren, und treue, deren Schönheit niemand bestreiten konnte − Sie sind da in guter Gesellschaft −, aber natürlich noch viel mehr ungetreue, die außerdem häßlich waren und sind. Nein, so nicht. Niemand wußte das besser als der Chevalier de Seingalt, der sich selten oder nie in ein häßliches Mädchen verliebte, aber von der Treue der Geliebten zuweilen − wenn auch nicht ohne eigene Schuld − über alle Gebühr verfolgt wurde. Das ist nicht zuletzt der Zauber und Reiz des ersten Bandes der »Gesammelten Briefe«, die Heinz von Sauter seiner Ausgabe angefügt hat und der Casanovas Korrespondenz mit seinen Geliebten enthält. Wer vermöchte ohne Rührung die Briefe der treuen Maria Maddalena Balletti zu lesen, die der verführerischste Teil dieses exquisiten Buches sind. Da heißt es unter dem 16. Dezember 1759:

»Mein lieber Casanova, mein lieber Giacomo, Geliebter, Gatte, Freund − was Ihnen davon gefällt − glauben Sie doch endlich, daß ich Sie von ganzem Herzen liebe, daß Sie mein ganzes Glück sind, daß ich nur für Sie leben will, daß Verleumdung, üble Nachrede und Neid meinen Gefühlen für Sie nicht das Mindeste anhaben kann... oh, mein lieber Freund, glauben Sie das doch alles! Wenn ich meinem Herzen freien Lauf lassen würde, käme ich nie zu einem Ende, ich würde Sie vielleicht langweilen, und das will ich nicht. Aber Ihre Erfahrung, meiner Heber Freund, muß Sie doch auch von meiner Beständigkeit überzeugen...«

Es klingt so simpel, so einfach, als könne es jeder, und ist doch ein Beispiel der hohen Meisterschaft unseres Preisträgers, dem sich tausend andere anfügen ließen. Lassen Sie mich jedoch zum Beschluß noch einen Absatz aus Ludwig Tiecks Nachwort zum letzten Band seiner Shakespeare-Übersetzung anfügen. Er enthält eine Warnung, die Sie aufs getreulichste beherzigt haben:

»Nach der gründlichen Schule, die wir Deutschen in der Kunst des Übersetzens durchgemacht haben, nach allen diesen Anstrengungen, Mustern, Übertreibungen und Kritiken, wissen wir, so scheint es, weniger als je, wie man denn übersetzen müsse. Manche Arbeiten grösser Autoritäten haben es mit tiefsinnigem Fleiß dahin gebracht, daß vor genauer Wörtlichkeit Original und Kopie sich nicht mehr ähnlich sehen. Vieles muss in jeder Übersetzung verloren gehen, denn der echte Schriftsteller lebt und dichtet ganz in seiner Sprache und wird eins mit ihr. Die Sprache selbst ist ein Individuum, das seinen Charakter, Geist, Laune, Gemüt und eigentümlichen Humor ausgebildet hat. Es kann also nur Sache des feinsten Taktes und des gebildeten Geschmacks sein, was der echte Übersetzer mit Bewusstsein aufgibt, um das, was er als das Wahre, Notwendigste anerkennt, zu retten...«

So geschrieben vor rund hundertfünfzig Jahren. Es rückt auch für uns die Perspektiven zurecht. Ich bin sicher, Ludwig Tieck hätte Sie, lieber Heinz von Sauter, einen echten Übersetzer genannt. Ich wollte, er hätte diese Lobrede statt meiner gehalten. Wie gern hätten Sie und ich und wir alle sie gehört!