Johann-Heinrich-Voß-Preis

The »Johann-Heinrich-Voß-Preis für Übersetzung« (Prize for Translation) has been awarded by the German Academy for Language and Literature since 1958 for the »outstanding achievements in translation,« with a particular emphasis on the translation of literature into German.
The prize is awarded annually at the spring conference of the German Academy.
The Johann Heinrich Voß Prize has been endowed with €15,000 since 2002.

Awardees

Heinz von Sauter

Heinz von Sauter

Writer, Translator and
Born 2/3/1910
Deceased 30/3/1988

Johann-Heinrich-Voß-Preis 1982
Laudatory Address by Peter de Mendelssohn
Acceptance Speech by Heinz von Sauter
Diploma

... für seine Übertragung der Werke und Briefe Giacomo Casanovas, in der Sprachsinn und Geschichtssinn glücklich zusammenwirken...

Jury members
Kommission: Jan Aler, Roger Bauer, Hermann Lenz, Horst Rüdiger, Elmar Tophoven

Mitglieder des Erweiterten Präsidiums

In Casanovas Haut geschlüpft

Sie kennen alle die Leiden der Übersetzer, die Zeitnot, den Ärger mit manchen Lektoren, die sich profilieren möchten, und gelegentlich auch mit Verlagsleitern, denen es neben ihren Absatzsorgen anscheinend furchtbar schwerfällt, sich auch einmal anerkennend über eine gute Leistung zu äußern. Und darum brauche ich wohl nicht zu erklären, wie groß meine Freude und Dankbarkeit für die mir von so kompetenter Seite zuteil gewordene Anerkennung war.
Vor einiger Zeit wurde ich gefragt, nach welcher Methode ich beim Übersetzen vorgehe. Darauf wußte ich im Augenblick keine Antwort. In meiner langen Praxis als Übersetzer wurden mir so verschieden geartete Aufgaben gestellt, daß ich immer wieder von neuem überlegen mußte, wie ich sie am besten löse. Aber die vielen Möglichkeiten, die es dafür gibt, lassen sich meines Erachtens in zwei Tendenzen einordnen, die dann im Ergebnis spürbar werden. Die eine entspricht der Definition im Oxford Dictionary: Den Sinn eines Wortes, Satzes, Buches in einer ändern Sprache ausdrücken. Im allgemeinen genügen hierfür gute sprachliche Kenntnisse, vor allem in der Muttersprache, und ein gewisses Stilgefühl. Es gibt Beispiele, wo auf diese Weise durchaus anerkennenswerte Übersetzungen zustande kamen. Allerdings auch andere, wo gegen beides gesündigt wurde. Doch hat das anscheinend, wie mir ein Verlagsleiter einmal erklärte, auf den Absatz eines Buches keinen Einfluß.
Aber selbst wenn kein Grund zur Kritik an einem deutschen Text bestand, hat mich diese Art des Übersetzens nie recht befriedigt. Es ist nahezu unvermeidlich, daß dabei Stil und Ausdrucksweise des Übersetzers in der Arbeit spürbar werden, die sich zwangsläufig von der des Autors unterscheiden. Das mag bei Unterhaltungsromanen nicht so wichtig sein, und ich gebe gerne zu, daß diese manchmal durch eine spritzige Übersetzung gewinnen. Will man jedoch dem deutschen Leser ein Werk der Weltliteratur nahebringen, sollte eine zweite, eine andere Tendenz vorherrschen, nämlich die Übersetzung so klingen lassen, als hätte sie der
Autor selbst in deutscher Sprache geschrieben. Und ich finde es sehr richtig, daß der mir verliehene Preis nach Johann Heinrich Voß benannt ist. Denn bei seiner Übersetzung der Ilias hat man wirklich den Eindruck, Homer zu hören und nicht Herrn Professor Voß.
Ähnliches bei Casanova zu versuchen, war also mein Bestreben. Zwei Umstände halfen mir dabei. Zunächst hatte ich das Glück, für den ersten Band fast ein Jahr Zeit zu haben. So konnte ich ihn immer wieder überlegen und überarbeiten, bis mir nicht nur die Gedankengänge, sondern auch die Ausdruckformen vertraut waren. Und zweitens hatte ich über Casanova kein vorgefaßtes Urteil. Ich hatte die Memoiren natürlich schon viele Jahre zuvor in einer der alten verfälschten Übersetzungen gelesen und mich trotzdem nicht mit seiner üblichen Abstempelung als Scharlatan, Hochstapler und Schürzenjäger befreunden können. Schon damals erschien er mir als wesentlich bedeutenderer Mann, der von seinen Erlebnissen nur deshalb vor allem die Liebesabenteuer erzählt, weil er sich beim Schreiben dabei selbst unterhält, während er alles sonst Erlebte eben nur so weit streift, als es zur Erklärung geänderter Lebensverhältnisse nötig war. Und damit schildert er, wie ja auch allgemein anerkannt wird, die gesellschaftliche Welt des Rokoko, in der eine andere, uns fremde Einstellung zum Leben herrschte. Einerseits steht es uns wohl nicht zu, diese Einstellung von unserm auch nicht immer ganz einwandfreien moralischen Standpunkt aus zu verurteilen, andererseits kann man sicher die Ich-Person der Memoiren nicht uneingeschränkt mit dem Autor gleichsetzen. Er ist nicht nur der tolle Verführer, mit dem sich der männliche Leser allenfalls identifiziert, oder der große Liebende, von dem eine Frau träumen kann, und ich hoffe, eines Tages Gelegenheit zu finden, das in überzeugender Form darzutun.
Wenn man sich nämlich beim Übersetzen zwangsläufig in jeden einzelnen Satz vertieft und ihn nicht nur flüchtig überliest, gewinnt man den Eindruck, daß sich das meiste, was bisher über Casanova geschrieben wurde, auf die in den Memoiren geschilderte Gestalt bezieht, also gewissermaßen auf eine Romanfigur. Man hat zwar mit vieler Mühe und Sorgfalt festgestellt, daß bis auf kleine Verschiebungen in Ort und Zeit die geschilderten Ereignisse tatsächlich stattgefunden haben dürften. Und der von Casanova selbst gewählte Titel »Histoire de ma vie« scheint nahezulegen, daß es sich um eine Art Lebensbeichte handelt. Aber die zahlreichen ändern Veröffentlichungen Casanovas sollten doch eigentlich als Hinweis genügen, daß hinter alledem ein Autor steht, der durchaus die Fähigkeit besaß, das, was er schrieb, auch in seinem Sinne zu gestalten. Und so wurde aus den Memoiren ein Rokoko-Roman, bei dem man nur aus gelegentlichen Andeutungen auf die Person des Autors, auf den Menschen Casanova schließen kann.
Es ist nun schon eine Weile her, daß die Casanova-Memoiren in der Prachtausgabe bei Propyläen erschienen sind. Es gab damals über 300 Besprechungen. Und wissen Sie, worüber ich mich am meisten gefreut habe? Da schrieb doch ein Kritiker den Satz: Es habe sich herausgestellt, was für ein glänzender Stilist Casanova gewesen sei. Da er das offensichtlich aus der Übersetzung ersehen hatte, kann man es mir wohl nicht verdenken, wenn ich mich an diesen Satz noch heute mit Vergnügen erinnere. Anscheinend war es mir wirklich gelungen, Casanovas Stil einigermaßen zu treffen. Was alles dazu nötig war, darüber habe ich seither nachgedacht und will versuchen, es aus meiner Sicht darzulegen.
Sie wissen, daß man eine fremde Sprache erst wirklich beherrscht, wenn man nicht mehr übersetzt, sondern in ihr auch denkt. Und genauso sollte man beim Übertragen eines Werkes ins Deutsche den Text nicht so gestalten, wie man sich selbst im konkreten Fall ausdrücken würde, sondern so, wie ihn der Autor bei Verwendung der deutschen Sprache gestaltet hätte. Damit kann man natürlich auch fürchterlich anecken, wenn man etwa den journalistischen Stil eines modernen Autors übernimmt und der Verlag, d. h. der Lektor, sich einen ganz ändern Stil einbildet. Das ist mir in meiner langen Praxis zweimal passiert. Aber bei Casanova war dieses Einfühlen in seine Ausdrucksweise sicher berechtigt, und auch von Seiten des Verlags gab es erfreulicherweise wenig Einwände. Dazu mußte ich mich natürlich mit Casanovas Gedanken und Gefühlen vertraut machen, gewissermaßen in seine Haut schlüpfen. Wolfgang Hildesheimer sagt zwar in seiner hervorragenden Mozartbiographie, daß wir »das Vermögen, uns in eine Gestalt der Vergangenheit zu versetzen, nicht beherrschen«. Das mag bei Mozart zutreffen, aber zwischen Casanova und mir scheint eine gewisse Seelenverwandtschaft bestanden zu haben. Ich hoffe, mit dieser Feststellung meinen moralischen Ruf nicht allzusehr zu schädigen, und bitte, mich nicht für einen Casanova in der Bedeutung, wie dieser Name heute verwendet wird, zu halten. Auch er selbst war das nicht, er war genau wie ich und die meisten Menschen − Anwesende auf Wunsch natürlich ausgenommen − weder ein Engel, noch ganz verrucht. Sicher habe ich nicht alle seine Anschauungen geteilt, das ist auch nicht nötig, sie dürfen einem nur nicht ganz fremd und unverständlich sein. Man muß sich hineinversetzen können. Und noch eines möchte ich hinzufügen. Meine Einschätzung Casanovas ist im Grunde nicht neu. Schon sein Zeitgenosse Fürst Karl de Ligne hat seine Vorzüge gerühmt und hinzugefügt: »Dies alles macht aus ihm einen seltenen Mann, dessen Bekanntschaft ein köstliches Gut ist.« Das war es auch für mich, und ich betrachte das wohl nicht ganz zu Unrecht als eine der wesentlichen Voraussetzungen für das gute Gelingen der Übersetzung. Wenn ein Vergleich mit einem Pianisten gestattet ist: Nicht die gute technische Beherrschung, obwohl sie natürlich auch dazu gehört, gewährleistet allein schon eine vollendete Wiedergabe, sondern es ist auch Einfühlungsvermögen dazu nötig.
Die selbstverständlichen Voraussetzungen habe ich anscheinend durch Vererbung oder Erziehung mitbekommen. Es gibt immerhin in der Familie einen literarischen Renommieronkel, den Wiener Vormärzdichter Ferdinand Sauter. Und irgendwie haben mir meine Eltern oder das viele Lesen nicht nur das Verstehen, sondern auch den aktiven Gebrauch einer so großen Anzahl von Wörtern vermittelt, daß ich den mir anfänglich zum Gebrauch empfohlenen Wehrle-Sprachschatz bald als unzulänglich beiseite legte. Denn eines schien mir von Anfang an wichtig und ist vielleicht das einzige, was man − nur bei dieser Arbeit − als beobachtete Methode bezeichnen könnte. Ich habe bei der Übersetzung der Casanova-Memoiren nach Möglichkeit Wörter gewählt, die eine Übernahme des Satzbaus und der Stellung der Wörter im Satz erlaubten. Darauf beruht vielleicht der Eindruck, daß der deutsche Text aus der Zeit um 1800 stamme. Denn damals war das Französische noch weitgehend die Sprache der Gebildeten und beeinflußte dadurch zwangsläufig auch die Nationalsprachen in ihrer Form und Ausdrucksweise.
Die französische Sprache, deren sich Casanova bei der Niederschrift seiner Erinnerungen bediente, beherrschte er wirklich gut − nur war es manchmal zweckmäßiger, ein italienisches statt des französischen Wörterbuches zu benutzen. Das lag wohl daran, daß er in jenem Venedig geboren war, das sich damals noch von früheren Glanzzeiten her als Mittelpunkt der Welt fühlte, obwohl seine große Zeit längst vorbei war, und das immer noch als Zentrum aller Freuden und Genüsse und einer nahezu schrankenlosen Freiheit galt. Und so blieb Casanova sein ganzes Leben hindurch Venezianer in seinem Auftreten und seiner ganzen Denkweise, wo immer er war, in London und in Petersburg, genau wie seine Mutter bei ihren Bühnenauftritten in diesen Städten und schließlich als Hofschauspielerin in Dresden Venezianerin geblieben war. Da hätte mir eine noch so gründliche Vertiefung in die Feinheiten der französischen Sprache wenig genützt, wenn ich nicht zufällig meine ersten Lebensjahre in Triest verbracht hätte. So war mir vieles nicht fremd, was vielleicht manchem Urlauber im Süden unangenehm auffällt.
Nun habe ich einige zusätzliche Voraussetzungen aufgezählt, von denen ich glaube, daß sie für das gute Gelingen einer deutschen Fassung der Casanova-Memoiren nötig waren und dazu beigetragen haben können: Meine Kindheit in Triest, Sympathie für den Autor und schließlich − als seltenen Glücksfall − wenigstens für die Einarbeitung ausreichend Zeit. Doch trotz dieser guten Voraussetzungen und trotz aller Freude an dieser Arbeit: Zwölf Bände, mehr als 6000 Seiten, ein Manuskript, das bis zu einem Meter Dicke anwuchs, das hieß jahrelang auf jegliche Freiheit zu verzichten und vor allem nicht nachzulassen in dem steten Bemühen, bis zum Schluß die kritische Einstellung der eigenen Leistung gegenüber zu bewahren − das war nicht leicht, da kam ich manchmal ganz schön ins Schwitzen. Aber eines Tages war es geschafft, und so darf ich wohl auf das Ergebnis ein wenig stolz sein.